Das Duell im Eis ist verschoben, die USA und die NATO haben sich nach Angaben von Trump und NATO-Generalsekretär Rutte geeinigt, gemeinsam die „Sicherheit in der Arktis“ zu organisieren. Details sind noch nicht bekannt, doch die Richtung ist klar: Grönland soll militarisiert und seine Bodenschätze geplündert werden. Die herrschende Klasse Dänemarks und die mit ihr verbündeten europäischen Staaten atmen auf, dass sie im Spiel bleiben. Für die Menschen in Grönland und das Klima ist es eine schlechte Nachricht.
Von Claus Ludwig, Köln
Sie reden von „Sicherheit“, doch außer von den USA wurde Grönland nicht bedroht. Die chinesischen und russischen Schiffsbewegungen haben in den letzten Jahren nicht zugenommen. Das Streben des US-Imperialismus nach Kontrolle über Grönland ist keine Reaktion auf eine Gefahr, sondern eine offensive geostrategische Aktion, um sich gegenüber den konkurrierenden Mächten wirtschaftliche und militärische Vorteile zu verschaffen. Das weitere Abschmelzen des arktischen Eises schafft neue Handelsrouten mit kürzeren Zeiten und niedrigeren Kosten, z.B. die nördliche Route und die Nordwest-Passage.
Gefährliche Militarisierung
Die eindeutige Mehrheit der Grönländer*innen ist für die vollständige Unabhängigkeit ihres Landes. Sie wollen weder US-Militär noch dänische oder sonstige Soldat*innen auf ihrer Insel. Jetzt bekommen sie alle. Die europäischen NATO-Staaten haben Trumps „Sicherheits“-Propaganda übernommen und senden mehr Truppen und Schiffe in die Region.
Die dänische Regierung unter Führung der Sozialdemokratin Mette Frederiksen hat angekündigt, Grönland in eine militärische Festung zu verwandeln. Bereits im Oktober 2025 wurde beschlossen, 4,2 Milliarden Dollar in die Stärkung der „Sicherheit in der Arktis“ zu investieren und weitere 16 F-35 Kampfflugzeuge im Wert von 4,5 Milliarden Dollar in den USA zu bestellen.
Nach ersten Berichten soll die US-Army über die bisherige Pituffik Space Base im Nordwesten weitere Stützpunkte bekommen, möglicherweise als offizielles US-Territorium definiert wie die britischen Basen auf Zypern. Die USA hatten früher bis zu 10.000 Soldat*innen in Pituffik stationiert, heute sind es nur einige Hundert, der Stützpunkt kann schnell ausgebaut werden.
Trump hat angekündigt, auf Grönland ein Raketen-Abwehrsystem zu installieren. Auch wenn seine Pläne von einem „Golden Dome“ (angelehnt an Israels „Iron Dome“) weitgehend Fantasien sind, wäre Grönland im Fall internationaler Spannungen gefährdet, wenn dort Raketensysteme stationiert wären.
Plünderung der Ressourcen
Die grönländischen Öl- und Gasvorkommen werden auf rund 28 Milliarden Barrel geschätzt, ein Viertel der bisher nicht entdeckten Vorkommen weltweit. Das bisher geltende Förderungsverbot könnte bei den „Deals“ zwischen den USA und der EU/NATO unter Beschuss geraten. Nach Medienberichten hat Trump die Zusage erhalten, dass die USA mitentscheiden können, wer investieren oder Bodenschätze abbauen darf.
Ob sich die Förderung all der „Schätze“ finanziell lohnt ist angesichts der komplexen geologischen und logistischen Situation offen. Grönland verfügt über bisher nicht erschlossene minerale Ressourcen, die für moderne Technologien – E-Fahrzeuge, erneuerbare Energien und Waffen – wichtig sind. Eine geologische Studie ergab 2023, dass Grönland über 25 von 34 Mineralien verfügt, die von der EU-Kommission als kritische Rohstoffe eingeschätzt werden. Es gibt bedeutende Vorkommen von Lithium, Uran und Gold.
Trump formuliert seine Forderungen in einer Weise, die ihn als verrückt oder dement erscheinen lassen. Doch getrieben ist er von der Strategie, den US-Imperialismus auf Kosten von Gegner und bisherigen Verbündeten zu stärken und immer die Initiative zu behalten. Seine These, die USA könne nur dann sicher sein, wenn Grönland Teil der USA wäre, hat insofern einen wahren Kern, als dass eine Annektion eine staatliche Garantie für die US-Konzerne wäre, dass ihre Investitionen in Grönland abgesichert wären und jedes Investment unter dieser Schwelle das Restrisiko beinhalten würde, im Zuge von Handelskriegen oder sich verändernden Bündniskonstellationen Investitionen abschreiben zu müssen.
Eine Annektion durch die USA hätte die nackte Herrschaft der US-Konzerne bedeutet und die Ausbeutung der Insel auf eine neue Stufe gehoben. Der sich jetzt abzeichnende „Kompromiss“ mit der EU macht es nicht viel besser. Neben der Militarisierung durch mehrere Player werden sich auch mehrere Länder und Konzerne beim Wettlauf um die intensive Ausbeutung von Grönlands Ressourcen beteiligen. Die Rechte der indigenen Bevölkerung und der Umweltschutz werden weggebaggert.
Die Tech-Milliardäre haben sich bereits in Stellung gebracht:„Die Insel wird längst von reichen Amerikanern unter sich aufgeteilt.“, schreibt n-tv. Amazon-Chef Bezos, Finanzinvestor Bloomberg, Altmann von OpenAI und Meta-Chef Zuckerberg haben in die Bergbaufirma Kobold Metals investiert. Diese war bisher wenig erfolgreich bei ihren Erkundungen, aber die Absichten werden deutlich. Kosmetik-Kapitalist Lauder will das Schmelzwasser der Gletscher als „Luxuswasser“ exportieren.
Der rechtsextreme Milliardär Peter Thiel, Gründer von PayPal und der Überwachungs-Software Palantir, will eine „Freedom City“ auf Grönland bauen, ein Ausbeutungs-Paradies ohne staatliche Regulierung und störende Sozialgesetze, angelehnt ans Musks Phantastereien, eine solche Station auf dem Mars zu bauen.
Dänemark: Decolonize!
Grönland gehört weder geografisch noch kulturell zur EU. Die Insel ist von Dänemark kolonialisiert worden. Der dänische Staat hat weder das Recht, die Insel oder Teile davon zu „verkaufen“ noch Kompromisse über die Nutzung auszuhandeln.
Der Linke-Vorsitzende Jan van Aken hat Recht, wenn er sagt, es sei Sache der Grönländer*innen, über ihre Zukunft zu entscheiden. Aber er liegt falsch mit seinem Vorschlag, als Antwort auf Trumps Annektionsdrohungen einen „EU-Gipfel“ auf Grönland zu veranstalten. Die USA und die EU sind imperialistische Räuber, die mehr und mehr miteinander streiten und konkurrieren, aber sie sind ebenso bereit, sich über die Beute zu einigen.
Von 1721 an war Grönland eine dänische Kolonie und wurde 1953 eine Provinz Dänemarks. Eine begrenzte Selbstverwaltung wurde 1979 eingeführt. Erst 2008 nach einer einer Volksabstimmung mit 75% Zustimmung wurde die Selbstverwaltung erweitert. Die Außenpolitik wird jedoch weiter durch den dänischen Staat bestimmt.
In den 1960er- und 70er-Jahren versuchte Dänemark, das Wachstum der indigenen Inuit-Bevölkerung zu begrenzen, unter anderen, indem Tausenden jungen Frauen ohne ihr Wissen eine Spirale eingesetzt wurde, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Inuit-Kinder wurden nach Dänemark gebracht, einige kamen aus Waisenheimen, aber andere wurden ihren Familien entrissen. Die Zerstörung ihrer Identität als Inuit führte zu einem weit verbreiteten Gefühl von Entwurzelung, psychischen Erkrankungen und Drogensucht. Alkoholmissbrauch ist ein großes Problem und Grönland hat eine der höchsten Suizid-Raten weltweit.
Dänische Politiker*innen erkennen die Verbrechen des Kolonialismus an, aber argumentieren gegen die völlige Unabhängigkeit Grönlands. Im Prinzip wäre das zwar richtig, aber der Zeitpunkt wäre unpassend. 2022 hieß es, Russland wäre eine große Bedrohung, jetzt ist noch Trump dazugekommen, allein wäre es zu gefährlich für Grönland. Doch die wahre Gefahr für die Menschen auf Grönland ist der Imperialismus sowohl der USA als auch der EU, der die Insel militarisiert und die Bodenschätze plündern will.
Die dänische Arbeiter*innenbewegung, z.B. die Partei Enhedslisten und die Gewerkschaften, sollte klar für die Unabhängigkeit Grönlands eintreten, für ein demokratisches, sozialistisches Kalaalit Nunaat („Land der dort lebenden Menschen“, Inuit-Sprache), in dem die Bodenschätze gesellschaftliches Eigentum sind und nicht für die Profite von dänischen und US-amerikanischen Konzernen genutzt werden, sondern zum Wohl der Bevölkerung.
Eine sozialistische Gesellschaft lässt sich nicht in einem einzelnen Land aufbauen, schon gar nicht allein auf einer arktischen Insel mit extremen Wetterbedingungen. Die grönländische Ökonomie basiert auf Fischfang und Tourismus. Die Bodenschätze sind ein riesiges Potenzial, aber ihre Förderung erfordert umfassende Investitionen, den Einsatz moderner Technologien und viele qualifizierte Arbeitskräfte. All das ist in Grönland nicht ausreichend vorhanden. Zudem muss die Nutzung der natürlichen Ressourcen nachhaltig erfolgen, um Natur und Fischwirtschaft nicht zu beschädigen und die Klimakatastrophe nicht weiter zu befördern. Uran, Öl und Gas müssen in der Erde bleiben.
Die Menschen dort wissen das: 84% wollen die Unabhängigkeit von Dänemark, aber 45% wären nach Umfragen dagegen, wenn es ihren Lebensstandard negativ beeinflussen würde. Ein unabhängiges Grönland mit einer demokratischen, vergesellschafteten Wirtschaft braucht daher die Unterstützung und die Kooperation anderer Länder – für die Versorgung mit Konsumgütern, den Technologietransfer und die wissenschaftliche Planung der Nutzung der Bodenschätze. Die Befreiung Grönlands ist daher verbunden mit der Befreiung insbesondere der dänischen arbeitenden Klasse vom Kapitalismus.
Wir sagen:
- USA und EU: Hände weg von Grönland
- Auflösung aller Militärstützpunkte, De-Militarisierung Grönlands
- Für das Ende der dänischen Kolonialherrschaft, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung für die Bevölkerung
- Für ein demokratisches, sozialistisches Kalaalit Nunaat
- Vergesellschaftung der Bodenschätze
- Für einen Plan der nachhaltigen Nutzung der Ressourcen entwickelt von der lokalen Bevölkerung in Kooperation mit der Arktis-Forschung und Klimawissenschaftler*innen
- Technologietransfer und Versorgung Grönlands mit Konsumgütern zu fairen Bedingungen
Wo steht Inuit Ataqatigiit?
Bis 2025 regierte in Grönland die als links bezeichnete Partei Inuit Ataqatigiit (IA). Sie hatte die Wahlen 2021 klar gewonnen, weil sie sich gegen den Uran-Abbau und für die Unabhängigkeit positioniert. Bei der Parlamentswahl 2025 rutschte sie jedoch auf Platz 3 ab, hinter die beiden bürgerlichen Parteien Naleraq und Demokratiit. Im Wahlprogramm von IA sind kaum linke Positionen zu finden. Die Partei betont die Wichtigkeit der privaten Wirtschaft und dass der öffentliche Sektor diese nicht behindern darf. Den Rückstand bei der Instandhaltung bei Sozialwohnungen will IA mit mehr Eigentumswohnungen fördern.
Die Partei vertritt weiterhin die Position, den Bergbau zu intensivieren, aber lehnt den Uran-Abbau, die Öl- und Gasförderung und den Bau von sogenannten Tiefseebergwerken ab. IA betont zwar die Notwendigkeit der Unabhängigkeit, hat aber weder eine Analyse noch Forderungen zur Anwesenheit von Militär und zur vom Imperialismus geprägten Situation in der Arktis. Die Unterschiede zu den anderen Parteien wirken gering. Es ist daher wenig verwunderlich, dass IA als Regierungspartei bei den Wahlen abgestraft wurde.

