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Hikikomori: Die Zurückgezogenen

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Foto: By Francesco Jodice (OTRS 2013022110009441) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Foto: By Francesco Jodice (OTRS 2013022110009441) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Nach zwanzig Jahren wirtschaftlicher Stagnation isoliert sich Japans Jugend immer mehr

Immer mehr junge Menschen in Japan entziehen sich dem gesellschaftlichen Druck, indem sie einfach zuhause bleiben – oft über Jahre. Ein rein kulturelles Phänomen?

von Sebastian Rave, Bremen

Das japanische Gesundheitsministerium definiert Hikikomori (jap.: „sich einschließen“) als ansonsten psychisch gesunde Menschen, die selbstgewählt für mindestens sechs Monate in gesellschaftlicher Isolation verbringen. Schätzungen gehen von bis zu einer Million Hikikomori in Japan aus. Das entspricht etwa einem Prozent der Bevölkerung. Es gibt Hikikomori der „ersten Generation“, die seit zwanzig Jahren in einer solchen Selbstisolation leben. Sie leben bei ihren Eltern, haben keinen Job und verbringen den Tag im Internet.

Kulturelle Ursachen

Es ist nicht zu bestreiten, dass es kulturelle Ursachen für das Phänomen gibt: Das Eingestehen von Schwächen gilt in Japan als Tabu. Konformität und Anpassung ist eine Tugend. Das drückt sich auch in dem japanischen Sprichwort aus: „Wenn ein Nagel raussteht, muss man ihn einschlagen“. Das erklärt, warum es in Japan viel mehr Zurückgezogene gibt als anderswo (das Phänomen Selbstisolation existiert freilich weltweit). Es erklärt aber nicht, warum die Zahl der Hikikomori in den letzten zwanzig Jahren so rasant angestiegen ist.

Oft beginnt der Rückzug schon in der Schule, die von Auswendiglernen und harten Prüfungen geprägt ist. Der Leistungsdruck führt zu sozialem Druck, Mobbing ist an der Tagesordnung. Der entscheidende Moment ist dann oft der Eintritt ins Arbeitsleben. Da Japans Wirtschaft seit zwanzig Jahren nicht gewachsen ist, ist die lange als Normalität begriffene Zeit der Vollbeschäftigung in Japan vorbei. Viele haben Schwierigkeiten nach der Schule einen Job zu finden – und fallen in ein Loch. Die Angst vor Stigmatisierung in einer Gesellschaft, die von Anpassungsdruck und Konkurrenz geprägt ist, führt dann zur Isolation.

Zusammen allein

Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform voller Widersprüche. Einer davon ist, dass er einerseits durch die Konzentration von Produktionsmitteln viele Menschen als Arbeitskräfte auf engem Raum braucht, sichtbar an den Millionenstädten überall. Der Kapitalismus (und der japanische war immer besonders gut darin) produziert millionenfach die abgefahrensten Kommunikationsmittel. Gleichzeitig ist die kapitalistische Gesellschaft von Konkurrenz und Vereinzelung geprägt. Siebzig Prozent der Menschen in Japan finden, dass sie nicht viele Freunde haben.

Wie ein indischer Philosoph sagte, ist es: „kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein“. Ergänzend kann man sagen, dass es kein Zeichen einer gesunden Gesellschaft ist, wenn ihre Mitglieder sich immer mehr isolieren. Die Auflösung des gesellschaftlichen Widerspruchs zwischen dem millionenfachen nebeneinander Leben in verschiedenen Ausprägungen von Isolation ist: Die Solidarität. Der gemeinsame Kampf gegen Leistungsdruck, Mobbing und Arbeitslosigkeit wäre wohl das geeignetste Heilmittel für die einsamen Hikikomori.