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Olympische Winterspiele von Sotschi brechen alle Rekorde

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Korruption, Ausbeutung und Unterdrückung von Protesten sind die andere Seite der Spiele

Marco Fieber/Ostblog.org, CC BY-NC-ND 2.0

Marco Fieber/Ostblog.org, CC BY-NC-ND 2.0

Als das „Internationale Olympische Komitee“ (IOC) den russischen Badeort Sotschi am Schwarzen Meer als Austragungsort für die nächsten Winterspiele bekanntgab, wunderte man sich ob der veranschlagten Kosten in Höhe von 12 Milliarden Dollar. Mittlerweile ist bekannt, dass 50 Milliarden Dollar ausgegeben worden sind. Das ist mehr als die Gesamtkosten aller vorangegangenen Winterspiele zusammen! Der Bau einer knapp 50 Kilometer langen Verbindung aus Eisenbahn und Straßen zwischen Sotschi und den Sport-Anlagen war dermaßen teuer, dass es einem russischen Magazin zufolge billiger gewesen wäre, die Strecke mit Kaviar statt mit Asphalt anzulegen.

von Rob Jones, „KRI“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Russland), Moskau

Diese Winterspiele zeichnen sich durch Korruption aus: So erhielt der Konzern „RosEngineering“ den Zuschlag für den Ausbau der Infrastruktur rund um die Biathlon-Anlage. Das Unternehmen gehört dem Skilehrer von Premier Medwedew, und ein Judopartner von Präsident Putin sitzt im Aufsichtsrat. Das ist nur eines von zahlreichen Beispielen für die Korruption und Vetternwirtschaft.

Die russische Regierung hatte versprochen, dass 40 Prozent der Investitionen privat finanziert werden sollten. Es hat sich aber herausgestellt, dass die Großkonzerne weniger als 1,5 Milliarden Dollar in die Spiele investiert haben. Demgegenüber stammen 96 Prozent der investierten Mittel von der öffentlichen Hand. Das heißt umgekehrt aber nicht, dass die Privatwirtschaft am Ende leer ausgeht, sie wird die Gewinne einfahren.

Der Baukonzern „Monarch Construction“, dessen Teilhaber der Sohn des Vizepräsidenten des staatlichen Olympia-Unternehmens ist, trägt nur 14 Prozent zu den insgesamt 145 Millionen Dollar bei, die die Hauptgeschäftsstelle des IOC in Sotschi gekostet hat. Nach den Spielen wird das Bürogebäude dennoch komplett in seinen Besitz übergehen.

In erster Linie sind die Spiele gedacht für die neue Elite Russlands. So liegt der Preis für die Eintrittskarten zur Eröffnungsfeier bei 420 Euro bis 1100 Euro. Die Hälfte der Russinnen und Russen verdient im Monat weniger als diese 420 Euro.

Was den „Olympischen Gedanken“ angeht, so gilt dieser nicht für die russische Regierung, die jeder/m AthletIn, die/der in Sotschi eine Goldmedaille für Russland holt, 122.500 Dollar verspricht. Die Menschen, die das bezahlen müssen, sind natürlich die „einfachen“ Russinnen und Russen und vor allem diejenigen, die die Anlagen für die Olympischen Spiele gebaut haben sowie die ortansässigen EinwohnerInnen.

Der Großteil der Bauarbeiten wurde von billigen „GastarbeiterInnen“ ausgeführt, wobei der Begriff „GastarbeiterIn“ in Russland auf all jene angewendet wird, die innerhalb des Landes aufgrund des Arbeitsplatzes von einer Region in eine andere fahren müssen.

Während der Bauphase sind die Rechte der Beschäftigten weitgehend ignoriert worden. Die Löhne sind häufig gar nicht oder nur mit großer Verzögerung ausgezahlt worden, es sind massig Überstunden angefallen und auch in den Ferien wurde gearbeitet, ohne dass es dafür Sonderzahlungen gegeben hätte.

Mindestens 25 Menschen sind bei Arbeitsunfällen auf den Olympia-Baustellen ums Leben gekommen. Dabei hat es sich nicht einfach um eine Reihe von Einzelfällen gehandelt. Vielmehr kam es zu den Unglücken, weil die Regierung ein Gesetz verabschiedet hat, mit dem die Arbeitgeber von allen Pflichten befreit wurden. So mussten diese sich weder an den Mindestlohn halten noch gewährleisten, dass der Gesundheitsschutz oder Sicherheitsstandards auf den Olympia-Baustellen eingehalten wird.

Die Umwelt ist schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Hinzu kommt, dass Sotschi mit seinem subtropischen Klima wahrscheinlich der einzige Ort in Russland ohne Schneefall-Garantie ist. Doch auch eine solche Nebensächlichkeit ist natürlich kein Hindernis für die Großkonzerne. So sind Millionen von Kubikmetern Schnee, der im letzten Jahr gefallen ist, gelagert worden, um nötigenfalls bei diesen Winterspielen zum Einsatz zu kommen.

Tausende von Schneekanonen, die mit Wasser aus zwei neuen Wasserspeichern betrieben werden, werden den natürlichen Schneefall verstärken – wenn es denn überhaupt welchen gibt.

Die EinwohnerInnen der Stadt äußern immer mehr Unbehagen darüber, dass es zwar Anlagen zur Schneeerzeugung gibt, das Abwassersystem oder die Stromversorgung für die „einfachen“ Leute aber offenbar keine Priorität genießt.

Das Regime hat panische Angst davor, dass ein terroristischer Anschlag stattfinden könnte. Der Nord-Kaukasus ist ein ethnisches wie auch soziales Pulverfass. In den angrenzenden Regionen liegt die Erwerbslosigkeit auch mal bei 50 Prozent und die Löhne rangieren bei unter 100 Euro im Monat. Im Durchschnitt kommt es dort jeden Monat zu sechs bis acht Terroranschlägen, wovon der letzte von zwei Selbstmordattentätern verübt wurde, die im Dezember in Wolgograd 34 Menschen mit in den Tod rissen.

Sotschi ist in ein Militärlager verwandelt worden. 100.000 Polizisten, Soldaten, Agenten des Inlandsgeheimdienstes FSB und der (nationalistischen; Erg. d. Übers.) Kosaken sind aufgezogen worden, um die Stadt zu schützen. Russische Kriegsschiffe und zwei US-amerikanische Kriegsschiffe fahren vor der Schwarzmeerküste von Sotschi Patrouille.

Die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender

Weltweite Aufmerksamkeit erregte die Art und Weise, wie das autoritäre Regime von Putin auf längst vergessen geglaubte Vorurteile zurückgegriffen hat. Es wurde ein neues repressives Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem nach offizieller Lesart „schwule Propaganda“ unter Minderjährigen verhindert werden soll. In Wirklichkeit geht es jedoch um einen schweren Angriff auf die Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender.

Das hat zu Aufrufen zu Kampagnen für die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender während der Olympischen Spiele und sogar zu Boykott-Aufrufen geführt. Es ist klar, dass es dringend ein entsprechende Kampagne braucht, da Putin weiterhin homophobe Kommentare ablässt, die Rechte der Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender mit Kindesmissbrauch gleichsetzt und die Repression sowie die Gewalt gegenüber den Homosexuellen zunimmt.

Doch während Boykott-Aufrufe sicher gut gemeint sind, so kann die LGBT-Gemeinde in Russland nur mit aktiven ein breit angelegten Kampagnen verteidigt werden, die auch von Protestaktionen begleitet werden. Es muss dabei erklärt werden, weshalb diese Angriffe durchgeführt werden und was hinter der Repression gegen Homosexuelle steckt. Wir müssen dies damit verbinden klar zu machen, dass es einen direkten Zusammenhang zu der Korruption, den Angriffen auf Arbeitnehmerrechte und der Zerstörung der Umwelt gibt. Das sind die zentralen Merkmale dieser Olympischen Winterspiele von Sotschi.

Homepage der CWI-Sektion in Russland

Videomitschnitt der Rede von Paul Murphy im Europaparlament anlässlich der Eröffnung der Olympischen Spiele (in englischer Sprache). Murphy ist Europaabgeordneter der „Socialist Party“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Irland).