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Indien: Gewalt gegen Frauen

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Jagadish Chandra bei Protest gegen Gewalt gegen Frauen

Jagadish Chandra bei Protest gegen Gewalt gegen Frauen

Symptom einer zutiefst ungerechten Klassengesellschaft

Im Dezember wurde in Delhi eine Studentin in einem Bus von mehreren Männern vergewaltigt, sie starb bald darauf an ihren Verletzungen. Maren Albert sprach mit Jagadish Chandra vom CWI Indien über die dortige Bewegung gegen Gewalt gegen Frauen

Gewalt gegen Frauen ist in Indien ein besonders wichtiges Thema. Frauen fürchten Vergewaltigungen auch in der Familie und besonders durch die Polizei. Wieso haben Frauen in Indien so einen schlechten Stand?

Indien nennt sich die größte Demokratie der Welt. Wirtschaftlich gehört es zu den Global Playern. Und doch beherrschen noch feudale Sitten und Bräuche das Leben, vor allem im ländlichen Bereich. Erwarten zum Beispiel Familien ein Mädchen, kann es noch sehr spät abgetrieben werden, denn die Mitgift treibt viele Familien in den Ruin. In jeder Beziehung werden die Menschen systematisch darauf konditioniert, Frauen und Mädchen als minderwertig, als Güter oder als Objekt anzusehen. Das Kastenwesen festigt die soziale Ungerechtigkeit, die Klassengesellschaft. Sie macht die Ausbeutung der gesamten Arbeiterklasse und die Entwertung der Frau zum leichten Spiel.

So eine große Bewegung gegen Gewalt gegen Frauen – es ist kaum vorstellbar, dass dies von einem Tag auf den anderen passiert. Gab es im Vorfeld öffentliche Diskussionen und Proteste zu dem Thema?

Besonders junge Frauen engagieren sich in Indien zunehmend in Frauenfragen und gegen soziale Ungerechtigkeit. Doch insgesamt blieb das Thema Gewalt gegen Frauen vereinzelt.

Die beispiellose Wut der Jugend von Delhi und anderen Städten des Landes, die sich in dieser Bewegung zeigt, ist viel mehr der Ausdruck der brodelnden Unzufriedenheit gegenüber dem System, die sich über eine längere Zeit angestaut hat.

Hier hört man höchstens noch Nachrichten über den Prozess, über die Bewegung finden sich kaum noch Meldungen. Was ist nach den Protesten Anfang Januar passiert?

Die Bewegung geht weiter. Die grausame Art, mit der die Polizei den Protestierenden in Delhi begegnet ist, hat die Bewegung noch gestärkt. Sie drängen weiter nach vorne und verlangen Gerechtigkeit auf der ganzen Linie. Die Bewegung für eine Gerechtigkeit der Geschlechter ist nicht mehr reduziert auf Vergewaltigung und den Ort Delhi. Sie breitet sich im ganzen Land aus. Dies ist ein neues Phänomen, was die Behörden erschüttert. Die Jugend Indiens hat sich unmissverständlich zu diesem wichtigen Thema zu Wort gemeldet.

Es scheint, dass viele Inderinnen und Inder nun die Einführung der Todesstrafe und Kastration fordern. Wie steht ihr von der „New Socialist Alternative“ zu diesen Forderungen?

Zum Glück lehnt ein Großteil der Menschen, die sich in dieser Bewegung spontan erhoben haben, die Forderungen nach Todesstrafe und Kastration ab – genau wie wir. Es ist sehr gefährlich, den Behörden noch mehr Befugnisse zu geben, denn diese Befugnisse können sie dann auch leicht gegen unliebsame Proteste und die Arbeiterbewegung anwenden. Beim Schutz von Frauen und bei der Verurteilung von Straftätern brauchen wir unabhängige Kommissionen, die Gewerkschaften, Frauen, Studierende und andere fortschrittliche Organisationen umfassen. Sie müssen das Recht haben, auch die Verantwortung von Polizei und Staatsapparat zu untersuchen.

Doch eine Kampagne gegen Vergewaltigung isoliert von allen anderen Aspekten der Frauenunterdrückung wird ihren Zweck nicht erfüllen. Gewalt gegen Frauen ist ein Symptom einer zutiefst ungerechten Klassengesellschaft, in der Frauen vielfach ausgebeutet werden. Daher muss die Kampagne unserer Ansicht nach mit der Bewegung gegen soziale Ungerechtigkeit verbunden werden und das Kasten- und Klassensystem – kurz den Kapitalismus – grundlegend in Frage stellen.

In Indien gibt es schon größere soziale Proteste. Am 21. und 22. Februar findet in Indien ein 48-stündiger Generalstreik statt, der erste dieser Art.

Ja, und wir werden aktiv daran teilnehmen. Der Generalstreik wurde in erster Linie gegen die Wirtschaftspolitik der aktuellen Regierung ausgerufen. Leider werden die Organisatoren weder die Verbindung von Patriarchat und Kapitalismus noch den Zusammenhang von Vergewaltigung und dem kapitalistischen System deutlich machen. Natürlich ist das politische Bewusstsein sehr gemischt, es ist nicht leicht diesen Bogen zu schlagen. Doch Teile der Jugend und der Arbeiterklasse sind offen für neue, radikale Ideen. Mit geduldigen Erklärungen können wir ihre Aufmerksamkeit gewinnen und diese Verbindung herstellen.