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Steven Spielbergs „Lincoln“ – eine Filmkritik

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Foto: http://www.flickr.com/photos/lwr/ CC BY-NC-SA 2.0

Steven Spielbergs „Lincoln“ – eine Filmkritik

Dieser Artikel erschien am 13. Januar zunächst in englischer Sprache auf socialistworld.net. Der Film Lincoln erscheint am 24. Januar in den deutschen Kinos.

Die heftigen sozialen Auseinandersetzungen und gesellschaftlichen Kämpfe, in deren Rahmen auch der amerikanische Bürgerkrieg stattfand, werfen wichtige Fragen auf, die auch für die anhaltenden Konflikte von heute wichtig sind. Schließlich geht es darum, die Ausbeutung aufgrund von rassistischer und sexistischer Diskriminierung sowie des Niederhaltens bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder sexueller Orientierungen zu beenden. Denn all dies ist im US-amerikanischen und weltweit herrschenden Kapitalismus immer noch an der Tagesordnung.

von Patrick Ayers und Eljeer Hawkins, „Socialist Alternative“ (US-amerikanische Unterstützer des „Committee for a Workers´ International“, dessen Sektion in Deutschland die SAV ist)

Steven Spielbergs Film „Lincoln“, der mit dem üblichen Tamtam angelaufen ist, kommt zu einer Zeit in die Kinos, in der bedeutende gesellschaftliche Ereignisse stattfinden bzw. Jahrestage historisch bedeutsamer Ereignisse begangen werden. So wurde am 22. September 2012 vor 150 Jahren die „Emancipation Proclamation“ (zur Abschaffung der Sklaverei; Anm. d. Übers.) eingebracht. Am 6. November kam es zur Wiederwahl von Barack Obama, dem ersten US-amerikanischen Präsidenten mit dunkler Hautfarbe, der damit seine zweite Amtsperiode antreten kann. Und der 1. Januar 2013 ist der 150. Jahrestag des Inkrafttretens der „Emancipation Proclamation“. Lincoln war es, der die endgültige Fassung der „Emancipation Proclamation“ vorlegte, wobei es sich um einen taktischen Schritt während des Bürgerkrieges handelte. Es heißt darin: „Alle Personen, die [in den aufbegehrenden Staaten] als Sklaven gehalten werden, sind frei und werden fortan frei sein.“

Das „Making of“…

Spielbergs Film basiert in Teilen auf der preisgekrönten Lincoln-Biografie „Team of Rivals: The Political Genius of Lincoln“ von Pulitzer-Preisträgerin Doris Kearns Goodwin. Der ebenfalls vielfach ausgezeichnete Drehbuchautor Tony Kushner besorgte die Adaption fürs Kino. Der Regisseur von „Lincoln“ ist Steven Spielberg, und die Oscar-PreisträgerInnen Daniel Day-Lewis und Sally Field spielen in den Hauptrollen. Schon jetzt ist der Film für eine Reihe von „Golden Globe“-Nominierungen vorgesehen und wird sicherlich auch für den Oscar vorgeschlagen.

„Lincoln“ stellt die Bemühungen in den Vordergrund, die nötig waren, um am Ende des Bürgerkriegs den 13. Verfassungszusatz durchzusetzen. Nachdem er 1864 wiedergewählt worden war, nutzte Lincoln am Ende der lahmenden Sitzungsperiode des Kongresses die Chance und brachte diesen Verfassungszusatz durch. Dass diese Vorlage angenommen werden würde, war trotz der breiten Mehrheit der „Republikaner“ alles andere als sicher. Der damalige Präsident musste mit einer Opposition im eigenen Kabinett verhandeln und auch unter den „Demokraten“ (die damals das wichtigste politische Sprachrohr der Sklavenhalter waren) für Zustimmung werben. Der Film will ganz klar die Fähigkeiten Lincolns als politische Führungspersönlichkeit während einer Krisen-Periode hervorheben. Dabei versucht der Streifen auch, Abraham Lincoln mit einer ganz persönlichen Note zu präsentieren, der in Wirklichkeit unter depressiven Schüben litt. Letzteres wird jedoch nicht besonders umfassend dargestellt. Demgegenüber wird der Hang Lincolns, immer dann Geschichten und Gleichnisse zum Besten zu geben, wenn es darum ging, Soldaten oder den Kabinettsmitgliedern gegenüber seinen Standpunkt deutlich zu machen, sehr intensiv beleuchtet.

In einigen der berührendsten und gewaltigsten Szenen des Films kommt seine Ehefrau Mary Todd Lincoln, dargestellt von Sally Field, vor. Das gilt vor allem für die Momente, in denen der Tod ihres Sohnes William, der im Alter von nur elf Jahren starb, thematisiert wird; aber auch, wenn gezeigt wird, wie der Familienvater mit seinem jüngsten Sohn Thomas „Tad“ Lincoln spielt oder sein angespanntes Verhältnis zu seinem Sohn Robert Todd Lincoln aufgegriffen wird, der sich trotz Missbilligung seiner Mutter freiwillig für die Unionsarmee melden wollte. In den letzten Wochen des Bürgerkriegs wird Robert sich dann doch noch den Unionisten anschließen.

Großartige Führungspersönlichkeiten?

Daniel Day-Lewis übt eine absolut hypnotische Wirkung aus und gibt ein Paradebeispiel seiner methodischen Herangehensweise an die Schauspielerei. Was das Körperliche und den Geist des ehemaligen Präsidenten angeht, wird er förmlich zu Lincoln selbst. Durch die einfühlsame und grandiose Bildsprache, die Spielberg inszeniert, bekommt Lincoln gottgleichen Charakter. Dass die MacherInnen dieses Films sich dazu entschieden haben, als Hintergrund für all dies die stark verkürzt dargestellten Auseinandersetzungen um den 13. Verfassungszusatz zu nehmen, verstärkt die Rolle, die Lincoln bei diesen Ereignissen gespielt hat und legt das Hauptaugenmerk auf sein Wesen.

An einer Stelle des Films befindet Lincoln sich im Weißen Haus und fragt einen Soldaten: „Passen wir in die Zeit, in die wir hineingeboren wurden?“. Und die Antwort lautet: „Was mich angeht, so weiß ich das nicht. Sie aber vielleicht schon.“ Das Problem hierbei ist, das sei all jenen ans Herz gelegt, die Lincolns Rolle in der Geschichte wirklich verstehen wollen, dass die MacherInnen dieses Films sich entschieden haben Ereignisse darzustellen, die nicht besonders hilfreich sind, um das ganze Bild von der „Zeit“ zu zeichnen, „in die“ Lincoln da passen sollte.

Indem die Debatten, die an den Schaltstellen der Macht in Washington stattfanden, beinahe in voller Gänze wiedergegeben werden, ist der Film nicht in der Lage, die Rolle der Bevölkerung aufzugreifen, die diese im historischen Prozess spielte. Ohne die SklavInnen, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, ArbeiterInnen und all die anderen, die sich radikalisierten aufgrund der Geschehnisse, die sich bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs – und vor allem danach – abspielten, hätte Lincoln nicht die Plattform gehabt, von der aus er schlussendlich walten konnte. Um die Qualität des Führungsstils von Lincoln wirklich verstehen zu können, ist es nötig, seine Rolle im Zusammenhang mit den allgemeinen historischen Prozessen zu sehen. Das wäre am Anfang des Films in wenigen Minuten problemlos darstellbar gewesen. Doch die Entscheidung der „Lincoln“-ProduzentInnen für einen engen inhaltlichen Rahmen ohne Darstellung des weiteren historischen Kontexts führt dazu, dass die Geschichte dargestellt wird, als sei sie von „großen Männern“ gemacht, die wiederum einer höheren Macht verpflichtet gewesen seien.

Die zweite Amerikanische Revolution

„Der gegenwärtige Kampf zwischen Süd und Nord ist also nichts als ein Kampf zweier sozialer Systeme, des Systems der Sklaverei und des Systems der freien Arbeit. Weil beide Systeme nicht länger friedlich auf dem nordamerikanischen Kontinent nebeneinander hausen können, ist der Kampf ausgebrochen. Er kann nur beendet werden durch den Sieg des einen oder des andern Systems.“ (Karl Marx, London, 20. Oktober 1861)

Der Bürgerkrieg mündete in einen revolutionären Krieg gegen die Plantagenbesitzer und Sklavenhalter, die die Politik der USA vor Kriegsbeginn über Jahrzehnte hinweg dominiert hatten. Durch die Abschaffung der Sklaverei wurde die materielle Basis für deren ökonomische und politische Macht ausgemerzt. Diese Revolution war deswegen nötig, weil die erste Amerikanische Revolution – der Kampf um die Unabhängigkeit von Großbritannien – mit einem Kompromiss zwischen der kapitalistischen herrschenden Klasse des Nordens und der des Südens geendet hatte. Letztere bestand zu großen Teilen aus Plantagenbesitzern, die gleichzeitig auch Sklavenhalter waren.

Damals dachten viele, dass es sich bei der Sklaverei um ein aussterbendes Phänomen handeln würde. Die Erfindung der Entkörnungsmaschine für Baumwolle und das Aufkommen der industriellen Revolution aber führten dazu, dass der Rohstoff Baumwolle zu einem rapiden Wiederanstieg der Sklaverei beitrug. Diese fand in einem wesentlich brutaleren Ausmaß statt, als man das zuvor im Kapitalismus gekannt hatte. Gestärkt wurde dadurch die Position der Plantagenbesitzer und Sklavenhalter. Bis 1860 dominierten sie mit ihrem Zwei-Parteien-System bestehend aus „Democrats“ und „Whigs“ das politische Geschehen in den USA.

Wegen der verheerenden Folgen, die der Baumwollanbau auf den großen Plantagen für die Böden hatte, waren die Plantagenbesitzer ständig auf der Suche nach neuem Grund und Boden. Dies brachte sie in Konflikt mit der rasch anwachsenden Bevölkerung, die im Norden in erster Linie aus Kleinbäuerinnen und -bauern bestand und die neues Land für ihre kleinen Farmen auf „freiem Boden“ wollten. Große Pflanzungen, die darüber hinaus auch noch durch Sklavenarbeit bestellt wurden, standen diesem Ansatz entgegen. 1854 kam es in Kansas zum Krieg zwischen kleinen FarmerInnen und Sklavenhaltern. Anlass war die Frage, ob der eben erst eingegliederte Bundesstaat ein Sklavenhalter-Staat sein sollte oder nicht.

Mit dem rasanten Wachstum des Kapitalismus im Norden, der dort seine eigenen politischen Ziele entwickelte, gerieten die beiden Systeme – das Besitzsklaven-System und das kapitalistische System der freien Arbeitskräfte – zunehmend miteinander in Konflikt. Dass die Plantagenbesitzer und Sklavenhalter es dann ablehnten ihren Machteinfluss aufzugeben, erforderte zwangsläufig eine Revolution.

Die Industriellen fanden sich in der Position wieder, eine historische Bewegung gegen die Sklavenbesitzer anzuführen. Um diese Rolle erfüllen zu können, waren sie aber gezwungen die Massen zu mobilisieren. Die „Republican Party“ wurde 1854 im Zuge einer wachsenden demokratischen Bewegung gegen die „Sklaven-Mächte“ gegründet. Neben den kleinen FarmerInnen und Industriellen brachte die neue Partei auch AbolitionistInnen (Befürworter der Abschaffung der Sklaverei; Erg. d. Übers.) und Arbeiterorganisationen zusammen, die darin eine Chance erkannt hatten, um eine mächtige Bewegung aufzubauen, mit der man die „Sklaven-Mächte“ bezwingen und den Weg für eine radikale Transformation der Gesellschaft würde ebnen können. Das Programm der „Republicans“ umfasste, was die Sklaverei anging, zwar nur eine sehr begrenzte Zielsetzung (man wollte eigentlich nur eine weitere Ausbreitung verhindern). Das reichte aber, um der Sklavenhaltergesellschaft den Todesstoß zu versetzen.

Neben der Gefahr, die die Opposition aus dem Norden für sie darstellte, lebten die Sklavenhalter des Südens in ständiger Angst vor Sklavenaufständen. Mit dem Anwachsen der Sklaverei auf mehr als vier Millionen Menschen, die in Ketten arbeiten mussten, nahm diese Angst nur noch weiter zu. Die Sklavenbesitzer hingen vollständig von der rassistischen Ideologie und einem Staatsapparat ab, der ihren Interessen ohne Erbarmen zu Nutze war. So wurden Gesetze erlassen, die die Strafen für entflohene SklavInnen regelten oder die Agitation für die Abschaffung der Sklaverei mit Repression belegten. Anti-demokratische Maßnahmen gegen AbolitionistInnen nahmen zu und verbreiteten im Norden die Angst, die „Sklaven-Mächte“ seien eine Bedrohung für die demokratischen Freiheiten.

1859 ließ der Überfall von John Brown auf (die Munitionsfabrik von; Erg. d. Übers.) Harpers Ferry nicht nur deswegen die Alarmglocken klingen, weil damit das Gespenst einer Sklavenrebellion an die Wand geworfen wurde, sondern auch weil John Brown, der in Kansas gegen die Sklavenbesitzer gekämpft hatte, von vielen radikalen „Republicans“ im Norden gefeiert wurde. Als Lincoln dann 1860 zum Präsidenten gewählt wurde, hatten die Sklavenhalter bereits die Entscheidung gefällt, dass ihre einzige Hoffnung nur noch in einer bewaffneten Erhebung gegen den Norden und in der Abtrennung bestehen könne, um die eigenen Interessen zu verteidigen.

Dies war der weitere geschichtliche Rahmen, in dem es zur Wahl von Lincoln kam und in dem dann der Bürgerkrieg ausbrach. Wegen der Koexistenz zweier, sich gegenseitig widersprechender Systeme war ein Konflikt und ein Krieg unvermeidlich.

Man muss der Person Lincoln zugutehalten, dass er im Kampf gegen die gesellschaftliche Klasse der SklavInnen haltenden Plantagenbesitzer eine geschichtlich notwendige Rolle gespielt hat. Es bestand die historische Notwendigkeit, die Sklaverei abzuschaffen und eine Revolution durchzuführen. Lincolns Entschlossenheit, die Abschaffung der Sklaverei noch vor Ende des Bürgerkriegs durchzusetzen, war grundlegend für die folgende Entwicklung des Kapitalismus in den späteren Jahrzehnten. Dies führte auch zur Entwicklung einer mächtigen Arbeiterklasse, der einzigen gesellschaftlichen Klasse in der Geschichte, die in der Lage ist eine Gesellschaft aufzubauen, die wirklich auf Gleichheit basiert. Das waren auch die Gründe, warum Karl Marx und seine MitstreiterInnen in Amerika Lincoln und die Unionsarmee im Krieg unterstützten. Sie bezogen Stellung gegen die Idee, die Abolition würde zu einem noch stärkeren Konkurrenzkampf unter den ArbeiterInnen führen, und wandten demgegenüber ein, wie die Arbeiterklasse durch die Befreiung der SklavInnen gestärkt werden würde. „Die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.“, schrieb Marx im „Kapital“.

Hollywood und die Geschichte eines Volkes

Lincoln war kein Abolitionist und legte es auch nicht darauf an, die Sklaverei abzuschaffen. Ganz im Gegenteil hatte er sogar rassistische Ansichten. Zuvor hatte er noch die Kolonialisierungsprojekte für einen Teil der freien ehemaligen SklavInnen unterstützt, denen damit die Möglichkeit gegeben werden sollte, nach Afrika oder auf die Karibischen Inseln auszuwandern. Lincoln war widersprüchlich und zurückhaltend. Am 18. September 1858 erklärte Lincoln in seinen Debatten mit Stephan Douglas: „Dann werde ich sagen, dass ich nicht dafür bin oder jemals dafür war, dass die weiße und die schwarze Rasse gesellschaftlich und politisch gleichgestellt werden, dass ich nicht dafür bin oder je dafür war, den Negern das Wahlrecht zu geben oder sie zu Gerichtsjuroren zu machen. Es kann auch keine Rede davon sein, dass ich sie für öffentliche Ämter qualifizieren lassen oder ihnen das Recht zugestehen will, sich mit weißen Menschen zu verheiraten […]. Wie jeder andere Mensch gehe auch ich von der höherwertigen Rangstellung aus, die den Weißen beigemessen wird.“ (Lincoln, Abraham: „First Lincoln-Douglas Debate“, Ottawa, Illinois, 18. Sept. 1858, in: „The Collected Works of Abraham Lincoln“, vol.3, pp. 145-146.).

Was Lincoln hingegen unterstützte war die Idee der „freien Lohnarbeit“. Das war entscheidend, um die kleinen FarmerInnen und Farmer aus dem Norden, die Kaufleute und die ArbeiterInnen zu mobilisieren, die sich scharenweise als Freiwillige meldeten. Zudem lenkte das den Zorn auf die „Democratic Party“, die wichtigste politische Stütze der Sklaverei, die auf rassistische Weise den Hass schüren wollte gegen die „Black Republicans“, wie sie von den „Demokraten“ bezeichnet wurden.

Lincoln war ein talentierter Redner, der vor einem Publikum aus armen Bäuerinnen und Bauern auf der einen und Rechtsanwälten auf der anderen Seite eine gemeinsame Gesprächsebene herstellen konnte. Am Anfang von Spielbergs Film bekommt man einen Geschmack davon, als Lincoln mit zwei Soldaten diskutiert, einem dunkel- und einem hellhäutigen. Beide wirken durch Lincoln inspiriert, und sie rezitieren seine Rede von Gettysburg.

Lincolns Denken und Handeln wurde angetrieben vom Druck von unten, der sich aus den sich zuspitzenden sozialen Konflikten ergab und entscheidend dafür war, ihn zur Annahme neuer und gewagterer Ansätze zu bringen. Die SklavInnen übten ihrerseits Druck auf das Führungspersonal der Union aus, die Abschaffung der Sklaverei als Mittel des Krieges einzusetzen, da sie im Zuge des Krieges in immer größerer Zahl in die Nordstaaten flohen. Als „Schmuggelware des Krieges“ bezeichnet, wurden die entflohenen SklavInnen als diejenigen betrachtet, die der wirtschaftlichen Macht der Südstaaten einen wichtigen Schlag versetzten. Hinzu kam, dass nach Kriegsausbruch und dank der Agitation der AbolitionistInnen immer mehr Menschen für die Abschaffung der Sklaverei waren.

Die Armee verkörperte einige der radikalsten Teile der ArbeiterInnen und kleinen FarmerInnen aus den Nordstaaten. Mit der US-Army von heute, der die um sich greifende Armut die RekrutInnen in die Hände treibt, ist sie absolut nicht vergleichbar. Der Bürgerkrieg war ein durch und durch politischer Krieg, und die Unionsarmee war durch und durch politisiert. Es herrschte zwar Wehrpflicht, aber trotzdem meldeten sich tausende Freiwilliger an die Waffen, weil sie der Meinung waren, im Kampf für eine bessere Gesellschaft sei es wichtig, die „Sklaven-Mächte“ zu zerschlagen. Mitglieder der Gewerkschaften, SozialistInnen und andere Radikale spielten eine bedeutende Rolle beim Aufbau und der Zusammenstellung von Milizen, die in die Unionsarmee integriert wurden. Bei den Wahlen von 1864 stimmten die Soldaten der Union mit überwältigender Mehrheit für Lincoln.

Sklavenaufstände im Sinne der Selbst-Befreiung

In der Anfangsszene zu „Lincoln“ wirft ein Soldat mit dunkler Hautfarbe Fragen auf über die rassistische Behandlung dunkelhäutiger Soldaten. Das ist aber nicht mehr als eine Art Pflicht erfüllender Hinweis auf die Spannungen, die zwischen hellhäutigen Befehlshabern der Unionstruppen und ihren dunkelhäutigen Soldaten tatsächlich existierten und dabei eine durchaus rassistische Grundlage hatten. Das Historiendrama „Glory“ von 1989, in dem Matthew Broderick und Denzel Washington die Hauptrollen spielen, geht wesentlich eindringlicher mit diesem Aspekt um und stellt die Spannungen zwischen den höheren Rängen der Unionstruppen, die sich für den Erhalt der Union einsetzten und ihrer eigenen Karriere auf die Sprünge helfen wollten, sowie den dunkelhäutigen Soldaten, die für die soziale Befreiung kämpften, dar. Beim Kampf der SklavInnen für die eigene soziale Befreiung handelte es sich um die treibende Kraft bei den Ereignissen, die wiederum Lincoln dazu trieben, am Ende die Sklaverei abzuschaffen.

Bedauerlicher Weise werden die Dunkelhäutigen im Film „Lincoln“ mehr oder minder als Staffage benutzt, die keine Entwicklungslinien erkennen lassen. Sie beteiligen sich nicht an Dialogen, die Einfluss auf die weitere Entwicklung hätten oder über gar selbst irgendeine Form der Einflussnahme aus. Sehr ärgerlich ist es, dass bedeutende afro-amerikanische Führungspersönlichkeiten weder dargestellt noch überhaupt erwähnt werden. So ist keine Rede etwa vom Abolitionisten und Freiheitskämpfer Frederick Douglass oder der Fluchthelferin der Hilfsorganisation „Underground Railroad“, Harriet Tubman, die sich den Unionstruppen anschloss und aktiv bei der Flucht von SklavInnen aus den Südstaaten mithalf. In seinem letzten Lebensjahr erst befasste sich Lincoln mit den Gedanken von Douglass zur Frage der Sklaverei, des Bürgerkriegs und der Befreiung der Dunkelhäutigen.

Gloria Reuben spielt die Schneiderin und Vertraute von Mary Todd Lincoln, Elizabeth Keckley. Keckley, die selbst einmal Sklavin war, war auch die Gründerin der „Contraband Relief Association“, die aus SklavInnen bestand, denen die Flucht aus den konföderierten Bundesstaaten im Süden gelungen war. Die „Contraband Relief Association“ und dunkelhäutige AbolitionistInnen schärften Lincoln ein, er solle das Kolonialisierungsprojekt aufgeben, die Mitglieder der „Contraband Association“ ins Weiße Haus einladen und Druck auf Vertreter der Unionsarmee ausüben, um diese zu einer kritischen Betrachtung der Sklaverei zu bringen.

Der Film vermittelt auch den falschen Eindruck, Lincoln sei der Urheber des 13. Verfassungszusatzes gewesen. In Wirklichkeit haben die lose Fraktion innerhalb der „Republikaner“, die als „Radical Republicans“ bezeichnet wurde und die abolitionistische Bewegung, die sich der Abschaffung der Sklaverei verschrieb, im Januar 1864 den Verfassungszusatz eingebracht. Die „Radical Republicans“ waren Lincoln Jahre voraus, weil sie für ein Ende der Sklaverei eintraten und dabei die volle universelle Gleichstellung der Rassen sowie politische, ökonomische und soziale Befreiung wollten, wie die Phase der „radical reconstruction period“ von 1868 bis 1877 zeigt.

Allerdings wird zum Beispiel Thaddeus Stevens, der den „Radical Republicans“ angehörte, im aktuellen Film nur als Kompromissler dargestellt, weil seine Fraktion die Betonung ihrer weitergehenden Forderungen nach Gleichstellung der Dunkelhäutigen schließlich abmilderte, um die „Demokraten“ daran zu hindern, vom zentralen Ziel, der Annahme der „Emancipation Proclamation“, ablenken zu können. Doch die Kompromisse, die sie eingingen, waren für die materielle Zerstörung der Grundlagen der Sklaverei von großer Bedeutung. Diese Art von Kompromissen beförderte am Ende den Kampf der Unterdrückten. Das hat nichts mit den Kompromissen zu tun, auf die man sich vor 1860 geeinigt hatte, um die Sklaverei aufrecht zu erhalten.

Der Film „Lincoln“ erlaubt es uns, den 16. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika einer erneuten kritischen Prüfung zu unterziehen. Er liefert den Anlass für eine weitere Beschäftigung mit den abscheulichen Bedingungen, unter denen AmerikanerInnen afrikanischer Herkunft und arbeitende Menschen nach der Periode der „radical reconstruction“ zu leiden hatten. Und auch der rasche Aufstieg der USA zur führenden imperialistisch-kapitalistischen Nation sowie die Umstände, unter denen dies möglich war, mögen dadurch erneut ins Bewusstsein gelangen. Die massiven sozialen Kämpfe, die im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg stattfanden, werfen wichtige Fragen auf, die auch für die anhaltenden Kämpfe von heute einen Wert haben. Schließlich geht es darum, die Ausbeutung aufgrund von rassistischer und sexistischer Diskriminierung sowie des Niederhaltens bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder sexueller Orientierungen zu beenden. Denn all dies ist im US-amerikanischen und weltweit herrschenden Kapitalismus immer noch an der Tagesordnung. Auch 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei sind es immer noch allein die Arbeiterklasse und die Armen, die für revolutionäre Veränderung sorgen können.