Home / Themen / Betrieb & Gewerkschaften / Tarifrunden & Arbeitskämpfe / Neupack: 78 Tage Streik gegen Arbeitgeberwillkür

Neupack: 78 Tage Streik gegen Arbeitgeberwillkür

Print Friendly, PDF & Email

Beschäftigte von Neupack kämpfen weiterhin entschlossen für Tarifvertrag

Sebastian Rave, Mitglied des LINKE-Landesvorstands Bremen reiste am 17. Januar mit einer Delegation von Landtags-, Bürgerschafts- und Bundestagsabgeordneten der LINKEN aus Hamburg, Niedersachsen und Bremen zum bestreikten Neupack-Werk in Rotenburg und fasst hier seine Eindrücke zusammen:

Der Werkszaun im Rotenburger Werk vom Plastikbecherhersteller Neupack ist gesäumt mit Gewerkschaftsfahnen und Transparenten, auf denen Streikparolen in deutsch und polnisch stehen. Letzteres für die Streikbrecher, die mit Versprechen von unbefristeter Beschäftigung und guten Löhnen aus Polen herangekarrt wurden. Die wenigsten von ihnen wussten, dass sie als Streikbrecher eingesetzt werden würden und einige mussten schon erfahren, dass die Aussicht auf unbefristete Anstellung nur ein Köder war: Die ersten Streikbrecher wurden schon durch neue ersetzt.

Die Streikenden sind Maschinenführer und Packer, von den regulär Beschäftigten sind nur etwa ein Dutzend „drinnen geblieben“, etwa 40 aus dem Rotenburger Werk beteiligen sich am Streik, im Hamburger Werk sieht es ähnlich aus. Der Produktionsausfall liegt laut Schätzungen des Betriebsrats bei 80%. Die Stimmung im Werk sei schlecht, es gebe Streit, so die Gerüchte von drinnen. Umso besser ist die Stimmung an den Streikposten: Der Feuerkessel, eine Spende der Belegschaft der Stahlwerke Bremen, spendet den Streikenden genug Wärme, die KollegInnen sind zu Späßen aufgelegt, es gibt Kaffee und Kuchen, es wird viel gelacht. „Besser als Arbeiten!“, meint eine Kollegin.

Schlechte Laune entsteht nur, als der Werksleiter einmal mit seinem dicken BMW durchs Tor fährt, den Streikposten keinen Blick würdigend. „Dem sind wir sowieso egal. Der lässt sich auch nur blicken, um an unserer Arbeit rumzumeckern“, so ein Kollege. Die Löhne werden „nach Nase“ verteilt, Weihnachtsgeld gebe es abhängig von Krankheitstagen und Beliebtheitsfaktor. Ein Kollege habe einmal unglaubliche 43 Cent Weihnachtsgeld bekommen, der Weihnachtsbrief, in dem der Betriebsfeudalherr Krüger „seinen“ Beschäftigten eine Frohe Weihnacht wünschte, war da natürlich ein Hohn. Aber nicht nur bei den Löhnen wird gespart: Auch bei der Arbeitssicherheit gebe es große Mängel, die den Arbeitgeber aber nicht interessieren. Kabel hängen unisoliert an den Maschinen, oft kommt es zu Stromschlägen. Wenn ein Plastikbecher mal in der Maschine hängen bleibt, müssen die Beschäftigten bei laufendem Betrieb in die Maschinen greifen, um Produktionsverlust vermeiden. Ein Kollege hätte dabei einmal fast einen Finger verloren. Als ein Staplerfahrer krank ausfiel, musste ein anderer Kollege ohne Staplerschein der Gabelstapler bedienen: Er fuhr einem anderen Kollegen aus Versehen auf den Fuss – beide wurden entlassen!

Dem Kapitalisten Krüger ist das alles egal. Er wohnt in bester und teuerster Lage in der Hamburger Elbchaussee, fährt Ferrari und hat zu beginn des Streiks erstmal Urlaub in Abu Dhabi gemacht. Er will keine Gewerkschaft in seiner Firma, die ihm reinredet. Geschützt wird er dabei vom deutschen Staat: Das Arbeitsgericht erlaubte ihm, Streikbrecher befristet einzustellen, die Polizei sorgt dafür, dass diese auch durch die Streikposten kommen. Im Werk in Hamburg gab es am Donnerstag früh sogar Festnahmen, weil KollegInnen den Flugblätter auf polnisch in dem Streikbrecherbus verteilen wollten. Drei Kollegen wurde in Handschellen abgeführt und eine Stunde auf der Polizeiwache in Stellingen festgehalten, ein anderer Kollege, der seinen Ausweis nicht zeigen wollte, wurde auf den Boden geworfen und ihm wurden Handschellen angelegt. Auf das Rotenburger Werksgelände fährt später noch ein Auto, das schlechte Laune macht. Es ist ein Bewerber auf eine Stelle, die vom Arbeitsamt angeboten wurde. Als Streikbrecher. „Das sind deutsche Gesetze!“, meint eine Kollegin.

Es gibt hunderte Arbeitgeber wie Krüger in diesem Land, „mittelständische“ Unternehmer, die für höhere Profite an Löhnen und Arbeitssicherheit sparen, und die Beschäftigten unter Druck setzen wo es nur geht. Der Streik bei Neupack ist da wie ein Leuchtturm für die Beschäftigten anderer Betriebe. Tausende können sich ein Beispiel an den mutigen und kämpferischen KollegInnen von Neupack nehmen. Umso wichtiger, dass der Streik gewonnen wird, und es nicht zu einem faulen Kompromiss kommt. Dafür hilft den KollegInnen jede Solidaritätsbekundung!

 Links:

www.soli-kreis.tk/

www.igbce-blogs.de/neupack/