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Thessaloniki: Der Nationalfeiertag am 28. Oktober …mit Überraschungen!

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Weitere Prosteste in Griechenland


 

Gerade eine Woche war es her, dass die griechische Bevölkerung mit dem massenhaftesten 48-stündigen Generalstreik und mit Massendemonstrationen mit nach Gewerkschaftsangaben 500.000 Menschen in ganz Griechenland und 200.000 allein in Athen, mit dem massenhaftesten Protest zumindest seit der Schuldenkrise oder gar seit 30 Jahren gegen die Politik der sozialdemokratischen Regierung unter Jorgos Papandreou demonstriert hat. (Griechenland hat 11 Mio. Einwohner.) Trotz gewisser Differenzierungen richtet sich die Volksbewegung gegen die Parteien des Establishments, gegen dessen drei, im Parlament vertretene Parteien: Die sozialdemokratische PASOK, die konservative „Neue Demokratie“ (ND) und die rechtspopulistische ausländerfeindliche Partei LAOS.

von Ilektra Kleitsa, von der Webseite von „Xekinima“, der Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in Griechenland, vom 28. Oktober 2011

Gerade eine Woche danach wollten die etablierten Parteien den Nationalfeiertag vom 28. Oktober feierlich begehen. Dieser Nationalfeiertag erinnert an den 28. Oktober 1940, als das faschistische Italien unter Mussolini dem von dem faschistischen General und Putschisten von 1936 Jannis Metaxas regierten Griechenland das Ultimatum stellte, Grenzgebiete zu dem von Italien beherrschten Albanien mit militärischen Befestigungen abzutreten. Ansonsten würde Italien in Griechenland einmarschieren. Der genannte griechische Diktator antwortet mit „Nein“, auf Griechisch „Ochi“, und es begann ein regelrechter Volkskrieg der Griechen gegen die italienischen Eindringlinge, die weit nach Albanien hinein zurückgerieben wurden. Dieser Krieg hatte von der griechischen Bevölkerung her trotz des faschistischen Regierungschefs einen antifaschistischen Charakter und auch viele Antifaschisten, sogar aus Gefangenenlagern des Regimes heraus, meldeten sich freiwillig an die Front. Nach der italienischen Niederlage marschierte 1941 Hitlerdeutschland in Griechenland ein und das Land wurde in Besatzungszonen der Deutschen, Italiener und Bulgaren aufgeteilt. Auch die politische Linke begeht diesen Tag, natürlich in antifaschistischem Sinne, wogegen er von etablierten Kräften und vom Staat als Tag der nationalen Einheit mit dem üblichen Pomp von Militär- und uniformierten Schülerparaden zelebriert wird. (Vorbemerkung des Übers.)

Die diesjährigen Feierlichkeiten anlässlich des Nationalfeiertages am 28. Oktober bargen für die Regierung eine Menge Überraschungen: Absage der Militärparade in Thessaloniki, ein Hagel von Eiern auf die Tribüne der Offiziellen in Patras, eine ungeordnete Flucht von Ministern, Staatssekretären, Bürgermeistern, doch auch des Präsidenten der Republik (des Sozialdemokraten Papoulias, Anm. d. Übers.), massenhafte Versammlungen von Arbeitnehmern, gewerkschaftlichen Basisgliederungen und Organisationen der Linken, die die Repräsentanten des Systems dazu brachten, nach Verstecken zu suchen anstatt patriotische Reden über die Notwendigkeit der „Einigkeit“ des griechischen Volkes in dieser „für das Vaterland kritischen Zeit“ zu halten.

All das Obige beweist auf lauteste Weise das, was sowieso in der letzten Zeit immer offensichtlicher Wird: Die griechische Gesellschaft ist ein Kessel, der nicht einfach kocht, sondern begonnen hat, vor Zorn und Wut überzulaufen. Es beweist auch die Angst der (PASOK-)Regierung, der ND, von LAOS und der Massenmedien, die sich beeilten, ohne Umschweife die „Beschädigung“ des Nationalfeiertages zu verurteilen und uns gleichzeitig auch noch … Geschichtsunterricht zu erteilen!

Boutaris und Venizelos

Dem Bürgermeister von Thessaloniki Boutaris nach waren die Proteste während der Parade ein „nicht zu akzeptierendes und unerhörtes Ereignis“ von „einer kleinen Handvoll“ von Demonstranten – als ob nicht ganz Griechenland die Aufnahmen mit den äußerst massenhaften Versammlungen in Thessaloniki gesehen hätte. Über die Demonstranten sagte er sogar, sie versuchten, die „Diktatur der Minderheit“ aufzuzwingen.

Was Herrn Venizelos (den Finanzminister, Anm. d. Übers.) angeht, so waren die „Zwischenfälle“ das Werk dunkler Partei- und gewerkschaftlicher Zentren, die isoliert seien von der wirklichen Stimmung der Gesellschaft, mit der natürlich er selbst und seine Regierung nicht die geringste Beziehung haben:

„Diejenigen, die heute, am Nationalfeiertag, ihre kleinen Partei- und Gewerkschaftsfahnen gehisst, eine Spitzenveranstaltung zur Ehrerweisung gegenüber der Geschichte des Landes beschädigt, und den Präsidenten der Republik beleidigt haben, drücken nicht – denn weder können, noch wollen sie dies – die wirkliche Gesinnung und Würde des griechischen Volkes aus.“

Die wirkliche Gesinnung und Würde des Volkes drückt so also wer aus? … Venizelos!

Ein Konzert von ND und LAOS

Das tatsächliche Konzert jedoch gaben Funktionäre von ND und LAOS.

Der Frau Pipili von der ND nach – dies äußerte sie in dem außerordentlichen Nachrichtenbulletin des Senders Mega – verwechseln die Schüler (die keine Bücher und keine Lehrer … haben), den 28. Oktober mit dem 25. März. (Letzterer ist der andere, ältere griechische Nationalfeiertag. Er erinnert an den Beginn des Freiheitskrieges gegen die türkische Herrschaft im Jahre 1821, aus dem 1830 der unabhängige griechische Nationalstaat der Neuzeit entstand, Anm. d. Übers.) Und all das bei den jüngsten nationalen Erfolgen bei Sportveranstaltungen.

Glücklicherweise weiß sie selbst sehr gut, welche die Botschaft des nationalen Jahrestages ist, denn direkt bevor sie dies sagte, ermunterte sie uns, „das NEIN des griechischen Volkes und des damaligen Ministerpräsidenten Metaxas“ zu ehren!!! Offensichtlich „verwechselt“ die „gebildete“ Pipili den Diktator und Putschisten mit einem gewählten Ministerpräsidenten.

In einem entsprechenden Klima informierte uns A. Plevris von LAOS, nachdem er ebenfalls die heroische Haltung des damaligen „Regierenden“ erwähnte, dass es unvorstellbar sei, dass die griechische Regierung nicht den Erfolg der Militärparade sicherstellen kann, während A. Georgiadis etwas später ergänzte, dass die Regierung „die Kontrolle des Staates verloren hat“ und dass „sie die Gesetze nicht umsetzen kann.“

Es ist offensichtlich, dass es LAOS vorzieht, in ihrer eigenen Zauberwelt zu leben, die aus Militärparaden, Dankgottesdiensten, nationalen Feiern und Ehrenbezeigungen für das Phantom Metaxas besteht. Wir haben sogar von dem Vorsitzenden der Partei (Karatzaferis, Anm. d. Übers.) erfahren, dass die Demonstrationen im Verlauf der Feierlichkeiten des nationalen Jahrestages ein organisierter Versuch war von „Gruppen, die die Abschaffung der Paraden anstreben.“ Was die offizielle Erklärung der Partei angeht, so erwähnt sie eine Erschütterung von Gesetz und Ordnung und erklärt, dass die Polizei hätte einschreiten müssen, um die „Gesetzmäßigkeit“ sicherzustellen: „Offensichtlich hat Herr Papoutsis im Ministerium zum Schutzes des Bürgers nichts zu suchen seit dem Moment, wo er die harmonische Durchführung der Paraden nicht beschützen konnte.“

Und Manolis Glezos

Wenn alle oben erwähnten Herren glauben, dass die zornigen Demonstranten, die Arbeitnehmer mit einem Einkommen von 300, 400 und 500 €, die Entlassenen, die Zeitarbeiter, die Schüler, die Arbeitslosen, die die Straßen von Thessaloniki, Patras und anderer großer Städte überflutet haben, nationale Verräter sind, deren Ziel es ist, die patriotische Gesinnung der Griechen zu zerstören, dann haben sie wirklich keinen Kontakt mit der Wirklichkeit, die die griechische Gesellschaft erlebt.

Die Wirklichkeit der vollständigen Vernichtung ihres Lebensstandards, die Auslöschung ihrer Rechte und Errungenschaften, die Hoffnungslosigkeit und die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft, doch auch den gewaltigen Zorn auf Alle, die für den heutigen Zustand verantwortlich sind.

Deshalb meinen wir auch, dass die nützlichsten Kommentare, die man vom heutigen Tag festhalten kann, die von Manolis Glezos sind (Manolis Glezos ist der – inzwischen hochbetagte – bekannteste Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung Griechenlands (1941-1944), der die von den Deutschen auf der Akropolis gehisste Hakenkreuzfahne nachts gemeinsam mit einem Gefährten herunterriss und damit ein Fanal zum Widerstandskampf setzte. Er hat immer unerschütterlich seine linke politische Überzeugung bewahrt. Anm. d. Übers.):

„Heute wurde der wirkliche Sinn des 28. Oktober wiederhergestellt! Vor 71 Jahren hat unser Volk NEIN gesagt, wie es das auch heute getan hat.“

Manolis Glezos weiß doch wohl etwas mehr von „Gesinnung“ als Venizelos und als Adoni…

Übersetzung aus dem Neugriechischen von Hubert Schönthaler