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„Explosive Grundstimmung“

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Gespräch mit Stephan Gummert von der ver.di-Betriebsgruppe* zum Arbeitskampf an der Charité – ab heute streikt die Charité in Berlin


 

Was fordert ihr im Tarifkonfikt?

Die Hauptforderung ist ein Festbetrag von 300 Euro für alle, denn dies ist die Differenz zu anderen vergleichbaren Kliniken. Die Charité ist zu einer Billiglohninsel verkommen. Wir fordern dies auch vor dem Hintergrund von Entgeltsteigerungen beim ärztlichen Dienst von 14,9 Prozent in den letzten zwei Jahren. Die Charité möchte diesen Anpassungsprozess mit Mikrogehaltssteigerungen von jährlich zwei Prozent bis 2017 hinauszögern. Es gibt dann auch noch die eine oder andere Baustelle des Haustarifvertrags zu richten. Wir haben Forderungen zur besseren Vergütung von Nachtarbeit, zur tariflichen Besserstellung von Teilzeitkräften und die Honorierung von zusätzlichen Diensten auf dem Schirm. Allerdings sind das die Forderungen vor dem Scheitern gewesen. Nach einem Streik wird das Paket sicher neu geschnürt, denn während der Mobilisation kommen immer mehr Tarifforderungen aus der Belegschaft, die dann ensprechend berücksichtigt werden müssten.

92,9 Prozent votierten für Streik. Wie ist die Lage nach der Urabstimmung?

Der sogenannte Leuchtturm Charité ist für die Beschäftigten zu einer Ruine geworden. Schlechte Arbeitsbedingungen, keine Perspektiven, schlechte Vergütung, immer mehr Konflikte im Arbeitsalltag mit Patienten und Angehörigen haben eine explosive Grundstimmung erzeugt. Als wir im März mit der Warnstreikmobilisierung begonnen haben, fühlte ich mich wie ein Fackelträger, der nur noch zur bereits gelegten Zündschnur gehen musste. Viele Bereiche nutzen mittlerweile aktiv die Möglichkeiten zur Selbstinformation. Eine Facebook-Gruppe, die wir anlässlich der drohenden Auseinandersetzung etablierten, explodierte im Warnstreikverlauf von acht auf über 300 Mitglieder. Wir stellen fest, dass gerade junges Fachpersonal die Scheu vor Gewerkschaften und Auseinandersetzungen verliert, aber eben dieses Personal orientiert sich auch in andere Richtungen.

Wie reagieren Patienten?

Ich erlebe nur Zuspruch und Solidarität. Angehörige kamen zum Warnstreik, um ihre Familienmitglieder zu versorgen, damit möglichst viele Kolleginnen und Kollegen die Station verlassen konnten. Auf der Warnstreikkundgebung im Wedding griff ein Patient der umkämpften Kardiologie demonstrativ zum Mikrofon und versicherte den Streikenden kurz nach seiner Schrittmacheranlage seine unbedingte Solidarität. Ich denke, wir werden sicherlich in den kommenden Streikdemonstrationen den einen oder anderen gehfähigen Patienten mit auf die Märsche nehmen. Zur Not schieben wir ihn auch im Bett.

In der ver.di-Betriebsgruppe habt ihr ja diskutiert, ab 2. Mai einen großen Streikauftakt zu organisieren. Was sind eure Überlegungen?

Es wollen alle mitmachen und da viele Prozesse klinikintern abteilungsübergreifend verzahnt sind, macht es keinen Sinn, nur einzelne Bereiche oder Campi zum Streik aufzurufen. Vorstand und Politik haben die Charité als Ganzes brüskiert. Aus diesem Grund sollte sich auch die ganze Charité sofort bei Kampfmaßnahmen beteiligen können. Streik findet drinnen und draußen statt. Das Konzept beinhaltet Komplettschließungen von Bereichen, Teilbettenschließungen, von systematischer Personalreduzierung auf Nachtdienstniveau und das Bestreiken einzelner – meist übernommener ärztlicher – Tätigkeiten. Wichtig ist, dass die Tochterfirma, die alle Aspekte des Facility-Managements vereint, ebenfalls demnächst die Urabstimmung einleitet, um dann Schulter an Schulter mit uns zu kämpfen. Hier geht es um einen Erzwingungsstreik für einen Tarifvertrag und hier wird es im Arbeitskampf zu wunderbaren Synergieeffekten kommen.

Ihr steht ja auch im Konflikt mit einem SPD/LINKE-Senat. Welche Erfahrungen habt ihr mit „Rot-Rot“?

Der Senat hat uns die Suppe eingebrockt. Analog zur Geschichte vom Zauberlehrling muss er nun mit den Geistern umgehen, die er mit der Tarifflucht seinerzeit rief. Die Haltung von Senat und Parteien, dass sie mit einem Tarifkonflikt eigentlich wegen der Tarifautonomie nichts zu tun hätten, ist beschämend, denn das Land ist der Eigentümer der Charité. Eigentlich gehört die Charité allen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt und würden diese gefragt, dann hätten wir auch eine auskömmliche Finanzierung.