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Das andere Amerika

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„Winter"s Bone“ – endlich in den deutschen Kinos


 

Es hat schon Tradition, dass die Berlinale den Preisträgerfilm des unabhängigen Sundance-Filmfestivals – das immer kurz vor den Berliner Filmfestspielen stattfindet – vorstellt. Letztes Jahr gewann „Winter"s Bone“ in Sundance den großen Preis der Jury. Dieser US-Streifen der Filmemacherin Debra Granik war auch die Entdeckung auf der Berlinale im Februar 2010, also vor 15 Monaten. Jetzt findet diese Low-Budget-Produktion (zwei Millionen Dollar) tatsächlich den Weg in die deutschen Kinos.

von Aron Amm, Berlin

Mehrere Millionen Arbeiterfamilien haben in den USA im Zuge der Rezession bereits ihr Eigenheim verloren. 1,2 Millionen droht gerade die Zwangsräumung. Jeder zehnte Hausbesitzer befindet sich bei der Abzahlung von Bankkrediten im Rückstand. Die Räumung ihres Holzhauses muss auch die 17-jährige Ree Dolly, die Protagonistin von „Winter"s Bone“, fürchten. Zusammen mit ihrer Demenz-kranken Mutter und zwei jüngeren Geschwistern lebt sie in den Ozark-Bergen von Missouri. Der Vater sitzt wegen der Herstellung der Crack-Droge Metamphetamin im Knast.

Ree rennt

In den ersten Filmminuten wird ein ganz gewöhnlicher Morgen im Leben von Ree Dolly gezeigt: Sie kümmert sich ums karge Frühstück, bringt die Geschwister zur Schule und – trifft auf den Sheriff. Dieser unterrichtet sie darüber, dass ihr Vater, der wieder auf freiem Fuß ist, sich nicht bei er Polizei gemeldet hat. Erscheint er nicht binnen Wochenfrist zum Gerichtstermin, verfällt die gestellte Kaution, für die er als Sicherheit Haus und Gründstück verpfändet hatte. „Ich finde ihn.“ Eine Woche hat Ree Zeit, um diese Ankündigung wahr zu machen; eine Woche, um das Haus zu retten. Eine Woche, das ist die Frist des Films.

Und Ree rennt los. Hügelauf- und hügelabwärts, vorbei an zerfallenen Holzhütten, morschen Zäunen, abgewrackten Autos. Zuerst stöbert sie ihren Onkel auf, dann einen mit ihrem Vater verbundenen Drogendealer, dann den örtlichen Clan-Chef. Der Onkel droht mit Schlägen, der Dealer beschimpft sie, der Clan-Chef weist sie ab. „Ich finde ihn.“ Das klingt trotzig, und bald immer verzweifelter. Als ihr Vater verschollen bleibt und sie keinen Ausweg mehr weiß, meldet sie sich bei der Armee. Sie habe gehört, dass es für Freiwillige einen Bonus von 40.000 Dollar geben soll. Da sie erst 17 ist, wird sie abgewiesen. Irgendwann dämmert ihr, dass der Vater nicht mehr am Leben ist. Um das Dach über dem Kopf dennoch zu retten, muss sie nun die Leiche auftreiben, damit sie den Tod beweisen kann.

Ein Leben mit der Rezession

Bei der Filmvorstellung auf der Berlinale 2010 im Babylon-Kino war die Regisseurin Debra Granik anwesend. „Winter"s Bone“ (nach dem Roman von Daniel Woodrell) ist ihr zweiter Spielfilm. 2004 machte sie Down to the Bone“ über ein drogenabhängiges Pärchen in Upstate New York. Davor drehte sie sie mehrere Kurzfilme. Ihre Ziel war es, mit „Winter"s Bone“ einen Blick in den Hinterhof des amerikaninschen Traums zu werfen. Unaufdringlich, fast beiläufig, spiegelt der Film in der Tat den Hintergrund der US-Krise: ob Zwangsräumungen, Fluchtpunkt Militär oder die illegale Herstellung synthetischer Drogen, woran inzwischen Hunderttausende schwer erkrankt sind (übrigens kürzlich auch in der US-Fernsehserie „Breaking Bad“ thematisiert). Die Krise nimmt den Armen die Hoffnung auf eine Schicksalwende, so Granik. Wobei „für Familien wie die Dollys schon lange Rezession herrscht, unabhängig vom Wirtschaftsverlauf“.

Getragen wird der Film von Jennifer Lawrence. Sie musste für den Film lernen, Holz zu hacken und Eichhörnchen auszunehmen. Ihre Anstrengung wirkt nicht gespielt, sondern echt. Im Babylon-Kino berichtete Granik zudem, dass in den Gegenden des Missouri, in denen der Film spielt, viele regelmäßig Hirschfleisch zu sich nehmen, obwohl bekannt ist, wie schlecht ihnen dieses Fleisch bekommt – denn es ist für die Menschen dort der einzige Weg ist, an Proteine ranzukommen.

„Ich suche immer nach Gelegenheiten“, so Granik, „in meinem eigenen Land eine Verbindung herzustellen, zu den spezifischen regionalen Kulturen darin. Meine bevorzugten deutschen Regisseure haben das immer geschafft, Werner Herzog zum Beispiel, ich denke an „Stroszek“ (Granik im Tip-Magazin).

In der Tradition des US-Independentkinos

Andreas Kilb schreibtin der FAZ: „Winter"s Bone“ ist keine Geschichte, die aus dem Nichts kommt. Die Tradition sozialkritischer Bücher und Filme (…) ist so alt wie das Tonkino, sie beginnt mit Walker Evans" Fotoband „Preisen will ich die großen Männer“ über die Opfer der Depression und John Fords Steinbeck-Verfilmung „Früchte des Zorns“.“ Hinzufügen sollte man zu dieser Aufzählung auch Herbert Bibermans „Salt of the Earth“, ein authentischer Film über einen Arbeitskampf in New Mexico nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Höhepunkt des sogenannten sozialkritischen US-Films leitete auch sein vorläufiges Ende ein. So fanden sich die meisten Drahtzieher von „Salt of the Earth“ auf der „schwarzen Liste“ des antikommunistischen Senators Joseph McCarthy wieder. Eine ganze Generation von engagierten Filmleuten wurde damals ins Abseits gedrängt. Nachdem es Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre – in der Zeit von Vietnamkrieg, Watergate-Affäre und Wirtschaftskrise – zu einer Wiederbelebung des US-Independentkinos kam (mit Streifen wie „Harlan County“ von Barbara Kopple oder „A Woman under the Influence“ von John Cassavetes) versiegte auch diese Quelle in den Achtzigern und Neunzigern erneut fast vollständig.

Es bleibt zu hoffen, dass in der kommenden Zeit wieder mehr Filmemacher an die Traditionen des US-Independentkinos anknüpfen. Jedenfalls klingt in „Winter"s Bone“ diese Stimme an. Das ist sogar wörtlich zu nehmen. Denn in Graniks Film wird immer wieder den Menschen und ihrer Musik Raum gegeben, Banjos ertönen, die Fiedel wird gespielt und wunderbar gesungen.