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„Jeder soll völlig flexibel sein“

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Gespräch zum Arbeitsstress bei der Telekom


 

sozialismus.info: Du hast Dir vor einigen Monaten eine Abfindung auszahlen lassen und hast die Deutsche Telekom verlassen. Wie geht es Dir jetzt?

Katrin: Viel besser, Danke. Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Anfangs hatte ich meine Bedenken, inzwischen fühle ich mich wieder wie ein normaler Mensch. Ich habe sehr lange gebraucht mich von den vielen Stress-Symptomen zu erholen und inzwischen kann ich wieder ruhig schlafen. Für kein Geld der Welt würde ich dort wieder anfangen.

sozialismus.info: Du hast den Aufhebungsvertrag unterschrieben, obwohl Du noch sehr jung bist und nicht mit so hohen Zahlungen wie älter KollegInnen rechnen konntest. Wie kam es dazu?

Katrin: Es war für mich nicht mehr möglich dort zu arbeiten. Durch die Verlagerung meines Standortes wäre ich täglich fünf Stunden unterwegs gewesen. So könnte ich meinen kleinen Sohn nicht mehr betreuen. Ich hatte schon lange daran gedacht aufzuhören. In Call Centern geht es nur ums Verkaufen, selbst wenn man Beschwerden von Kunden bearbeitet. Es herrscht ein enormer Druck, auch psychisch durch die wachsende Konkurrenz der KollegInnen untereinander. Arbeit unter permanenter Kontrolle und vollkommen fremdbestimmt macht krank und funktioniert schon gar nicht, wenn man motiviert beraten soll.

sozialismus.info: Auf die verbliebenen KollegInnen und andere Geschäftsteile kommt nun eine neue Umorganisation zu. Was hält Du davon?

Katrin: Nichts. Um wirklich etwas für Kunden und Beschäftigte zu tun müsste die Telekom zurück zur Deutschen Bundespost. Ständig wechselnde Zuständigkeiten machen es unmöglich zu arbeiten. Jeder soll völlig flexibel sein und am besten alles können. Notwendiges Spezialwissen fällt so hinten runter oder verschwindet mit den Älteren durch den Personalabbau. Die, die nicht mitziehen können, werden unter Druck gesetzt.

sozialismus.info: Welche Rolle sollte ver.di spielen?

Katrin: Ver.di sollte offensiv vorgehen. Schluss mit der Kuscheltaktik. Für die KollegInnen knickt ver.di immer mehr ein. Sie fühlen sich nicht vertreten und nehmen die Gewerkschaft nicht als kämpferisch war. Sie werden über den Tisch gezogen.

sozialismus.info: Einige KollegInnen sind bereit Verschlechterungen zu akzeptieren aus Angst Ihren Arbeitsplatz zu verlieren und z.B. an Walter Telemedien verkauft zu werden, wo sie dann für 5,11 Euro Stundenlohn rund um die Uhr arbeiten müssten. Denkst Du, dass Verzicht Arbeitsplätze sichert?

Katrin: Bestimmt nicht. Bei den letzten Abschlüssen wurden Lohnverluste durch sogenannte "Rucksackzahlungen" abgefedert, im Gegenzug sind die Arbeitsbedingungen wie Schichtpläne aber massiv verschlechtert worden. Der Betriebsrat kann nur noch Flickschusterei betreiben. Unsere KollegInnen, die in die VCS (Vivento Costumer Service) ausgelagert wurden haben auf ihr letztes

Hemd verzichtet und trotzdem wurden ihre Standorte dicht gemacht. Das die KollegInnen sich mit dem Verzicht abfinden ist die reine Verzweiflung, weil keine Alternativen da sind. Am Ende werden aber alle auf der Strasse sitzen. Diesen Call Center Wahnsinn hält keiner durch.

sozialismus.info: Trotzdem will die Telekom jetzt 3500 Leute neu einstellen, unter anderem "Profis für Kundenservice".

Katrin: Die müssen erst einmal gefunden werden. Die Call Center haben einen so schlechten Ruf. Selbst die meisten Auszubildenden sind nicht bereit unter solchen Bedingungen zu arbeiten.