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Zum Tod Robert Enkes

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Millionen trauern weil sie sich mit Enkes Leiden identifizieren können.


 

Der Tod von Fußballprofi Robert Enke hat jenseits des Kreises der Fußballfans Betroffenheit und Trauer ausgelöst. Der 32-Jährige Enke litt an Depressionen, war bei einem Psychiater in Behandlung, lehnte aber eine stationäre Behandlung ab, da er seine Erkrankung auf jeden Fall aus der Öffentlichkeit fernhalten wollte. Er fürchtete um seine sportliche Karriere sowie um das Sorgerecht für seine Adoptivtochter.

von Seán McGinley

Diese Hintergründe, die in den Tagen seit Enkes Tod bekannt geworden sind, werfen wichtige Fragen zum Thema psychische Erkrankungen und dem Umgang damit in der Gesellschaft auf. Die Zahl der Depressionserkrankungen ist in den letzten Jahren in der Bundesrepublik sprunghaft gestiegen. Die millionenfache Anteilnahme drückt nicht nur aus, dass Enke ein beliebter und erfolgreicher Spitzensportler war. Sie spiegelt auch wider, dass viele Menschen selber unter Stresssysmptomen, Überlastung, Zukunftsangst und psychischen Problemen leiden und ihnen in dieser Gesellschaft kein Weg aufgezeigt wird, wie sie damit umgehen können. Dass Politiker und die Führung des Deutschen Fußball-Bundes massiv an der medialen Inszenierung der Trauerfeierlichkeiten teilgenommen haben, drückt auch die Sorge aus, eine möglicherweise entstehende gesellschaftliche Debatte zum diesem Thema nicht unter Kontrolle halten zu können. Sicher schauen Politiker und Arbeitgeber sorgenvoll nach Frankreich, wo nach einer Serie von Selbstmorden bei der französischen Telekom und anderen Firmen, diese als arbeitsbedingte Suizide anerkannt wurden, Manager gehen mussten und die Regierung sogar gezwungen war ein Anti-Stress-Gesetzt zu beschließen – weil Gewerkschaften eine Kampagne zu diesem Problem organisiert hatten.

Es ist deshalb wichtig, dass Enkes Tod zum Anlass genommen wird, um den Umgang mit Depressionen und psychischen Krankheiten im Allgemeinen, sowie den Druck und die Erwartungen an Prominente und Leistungssportler im Besonderen breit zur Diskussion zu stellen .

An SportlerInnen werden Erwartungen gestellt, die man nur als unmenschlich und unrealistisch bezeichnen kann – der/die SportlerIn hat stark, selbstbewusst und erfolgreich zu sein und darf keine Schwächen zeigen. Das gilt insbesondere im Profifußball der Männer, in dem klassisch-patriarchale Wertvorstellungen dominieren.

Hier wird es bereits als „Schwäche“ verstanden, wenn man sich dazu bekennt, an einer Depressionserkrankung oder einer anderen psychischen Erkrankung zu leiden. Das ist letztlich aber nur Ausdruck des in der Gesellschaft insgesamt existierenden Umgangs mit diesem Thema: wer sich dazu bekennt, dass er/sie mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen zu kämpfen hat, wird schnell in eine bestimmte Schublade gesteckt, gilt als "verrückt", "instabil", "unzuverlässig". Was für "normale" Menschen im Alltag schon ein Riesenproblem ist und viele Menschen von notwendigen Behandlungen Abstand nehmen lässt, ist für SpitzensportlerInnen, die von Fans und Medien als "Könige", "Riesen", "Titane" gefeiert und zu übermenschlichen Superhelden hochstilisiert werden, noch viel dramatischer.

Der gleiche Leistungsdruck und die Erwartungen in Sachen mentaler und physischer Stärke verleiten SportlerInnen dazu, auch physische Verletzungen zu verdrängen und zu verleugnen, sich "fit spritzen" zu lassen oder einfach "auf die Zähne zu beißen". Wer das tut, wird von Medien und Fans meist gefeiert und als Vorbild dargestellt. Dies kann dazu führen, dass gerade ehemalige Fußballprofis nach Ende ihrer Karriere – meist im relativ jungen Alter um die 40 – schwerwiegende Beschwerden davon tragen, mit denen sie für den Rest ihres Lebens zu kämpfen haben.

Im Gespräch mit dem Fußballmagazin „11 Freunde“ berichtet Hans Dorfner, ehemaliger Nationalspieler und Bundesligaprofi von Bayern München: „Ich habe mir vor jedem Spiel zwei, drei Aspirin reingehauen und dann lief es. Zum Schluss hat mein Körper gegen jedes Medikament rebelliert. Ich hatte richtige Allergieschocks, habe auf alle Lebensmittel und Medikamente allergisch reagiert. Mein Immunsystem war einfach fertig. Ich hatte meinem Körper zu viel zugemutet.“

Gerade im Fußball herrschen reaktionäre Vorstellungen von „männlichen Tugenden“, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale gelten als nicht mit der Person des Fußballers vereinbar. Hierzu gehört neben der (vermeintlichen!) Schwäche auch die Homosexualität. Das sieht man zum Beispiel an dem Schicksal von Justin Fashanu, dem bisher einzige Englischen Fußballprofi, der sich als schwul geoutet hat, und danach von Trainern, Mannschaftskollegen und gegnerischen Fans diskriminierendes Verhalten ertragen musste und dessen Leben ebenfalls in einem Selbstmord endete. Es ist bezeichnend, dass sich in der Bundesliga kein aktueller Profi als homosexuell outet – angesichts der vorherrschenden Stimmung, wo "schwul" als allgemeingültiges Schimpfwort zur Herabwürdigung von gegnerischen Spielern, Fans oder des Schiedsrichters benutzt wird, ist das aber leider kaum verwunderlich.

Der Fall Deisler

Bezeichnend waren auch die Reaktionen, als sich Nationalspieler Sebastian Deisler 2003 öffentlich zu seiner Depressionserkrankung bekannte. Der bayerische Ministerpräsident und damalige Verwaltungsratschef des FC Bayern München, Edmund Stoiber, äußerte die Meinung, Deisler sei „dem Druck nicht gewachsen“ und bezeichnete ihn als „größtes Verlustgeschäft des FC Bayern“. Franz Beckenbauer bezeichnete Deisler als einen, „der sich mit seinen Wehwehchen verkriecht.“ Auch von gegnerischen Fans musste sich Deisler Schmähungen gefallen lassen, die sich auf seine mentale Verfassung bezogen. 2007 beendete er im Alter von nur 27 Jahren seine Profikarriere und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Erst kürzlich hat er in einer Autobiografie von seinen Erfahrungen berichtet und scharfe Kritik an der herrschenden Verhältnissen im Profifußball geübt, vor allem in Bezug auf die Art und Weise, wie junge Talente über alle Maße gelobt und zu Helden erklärt werden, um sie dann ebenso schnell abstürzen zu lassen, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt.

Doch der Fall Deisler führte nicht zu einem Umdenken oder auch nur zu einer Grundsatzdiskussion bezüglich der psychischen Belastungen von Fußballern oder des gesellschaftlichen Umgangs mit psychisch erkrankten Menschen. Der „Focus“ bezeichnete die Autobiografie Deislers zynisch als „Nabelschau“ eines „Gescheiterten“, verbunden mit dem wenig hilfreichen Hinweis, dass ja Millionen von Menschen an Depressionen leiden, ohne dass sich die Öffentlichkeit dafür interessiere und ohne dass sie Bücher darüber schreiben würden.

Die mediale Inszenierung und entsprechende Vermarktung von Prominenten aus der Welt des Sports, der Musik oder des „Show-Geschäfts“ dient nicht zuletzt dazu, der Bevölkerung eine attraktive „Gegenwelt“ zu zeigen um sie so von den Problemen des eigenen Alltages abzulenken. Die Flut von „Casting-Shows“ zieht weltweit Millionen junge Menschen an, die die Hoffnung haben, selbst in diesen Kreis aufzusteigen. Dass die Welt der „Promis“ auch nur von Menschen bevölkert wird, die ebenfalls Probleme privater oder gesundheitlicher Art haben und dass die überzogenen Erwartungen – „Schönheit“, Erfolg, Stärke – sich negativ auf die „Idole“ auswirken können und auch zu tiefen Abstürzen führen können, wird meist nicht erwähnt. Auch ein Robert Enke, der sicherlich keinen Wert darauf legte, sich in der Öffentlichkeit als „Star“ zu inszenieren und bei Fernsehauftritten und Interviews im Gegensatz zu einigen anderen Profisportlern wie ein intelligenter und sensibler Mensch wirkte, konnte sich den Erwartungen an seinen „Berufsstand“ nicht entziehen.

Bei Menschen, die im öffentlichen Auge stehen, zeigen sich gesamtgesellschaftliche Phänomene oft in zugespitzter Form. Auch wenn es SportlerInnen, MusikerInnen oder SchauspielerInnen sind, deren Depressionen oder psychische Probleme Gegenstand öffentlicher Diskussion sind, so sind es doch überwiegend „normale“ Menschen die sich in der Arbeitswelt, in der Familie, in Schule oder Universität von psychischen Krankheiten betroffen sind. Vier Millionen Menschen haben in Deutschland aktuell Depressionserkrankungen, Tendenz steigend. Entscheidend für diese Entwicklung ist vor allem der wachsende Druck am Arbeitsplatz, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Arbeitsverdichtung und Individualisierungsprozesse.

Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Depressionen und psychischen Erkrankungen ist vielfältig. Sprüche wie „Jeder hat mal eine Depri-Phase, das geht schon wieder von alleine“ oder „Dir geht’s doch zu gut, denk an die vielen Menschen auf der Welt die viel weniger haben und trotzdem glücklich sind“ zeugen davon, dass psychischen Krankheiten vielfach nicht als „richtige“ Krankheiten gesehen werden, die ernst genommen und behandelt werden müssen. Doch selbst wenn der / die Betroffene sich in der Lage fühlt, sich zu der Krankheit zu bekennen und sich behandeln zu lassen, können sich herrschende Vorurteile als unüberwindbare Hürden erweisen. Die Möglichkeit, das jemand eine Krankheit hat, sich behandeln lässt und danach wieder gesund ist, wird bei psychischen Erkrankungen kaum akzeptiert. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Menschen – auch keinen Spitzensportler – dauerhaft abzustempeln, weil er sich mal ein Bein gebrochen oder sich eine ansteckende Krankheit eingefangen hat.

Depression und Pharmaindustrie

Es ist allerdings von entscheidender Bedeutung, von welchem Standpunkt aus gegen diese Vorurteile gekämpft wird. Auch wenn in der Welt des Sports im Allgemeinen sowie im Männerfußball im Besonderen wenig Akzeptanz für Depressionen und psychische Erkrankungen herrscht, stellen Experten fest, dass in der Gesellschaft als Ganzes Vorurteile zwar noch existieren und ein Problem darstellen, dass sie aber abnehmen. Diese vordergründig positive Entwicklung hat einen hässlichen Haken, denn die zunehmende Akzeptanz von Depressionserkrankungen geht oftmals einher mit einer Ausklammerung der gesellschaftlichen Ursachen für psychische Erkrankungen. Die "Pathologisierung" des Phänomens Depression bedeutet zum einen, dass die Ursachen zu sehr im Individuum und seiner Veranlagung gesucht werden und gleichzeitig der Eindruck erweckt wird, dass die Krankheit medikamentös behandelt werden kann, wie andere Krankheiten auch. Darüber wiederum freut sich die Pharmaindustrie, die einen neuen riesigen Markt für Antidepressiva erschließt.

Das drückt auch Tom Bschor, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie am Jüdischen Krankenhaus in Berlin, am 12. November im Gespräch mit der „Welt“ aus. Er warnte vor einer „Trivialisierung“ der Depression und davor, dass Menschen, die lediglich vorübergehend niedergeschlagen sind, zu Antidepressiva greifen beziehungsweise diese verschrieben bekommen. "In den letzten zehn Jahren gab es eine Verdreifachung der Tagesdosen von Antidepressiva“, so Bschor, der mit zunehmender Sorge die steigende Anzahl von Suchtkranken verfolgt, die von Antidepressiva abhängig geworden sind.

Die Interessen der PatientInnen, die Notwendigkeit eines ernsthaften Umgangs mit dem Thema Depression und psychische Erkrankung jenseits von Klischees, Vorurteilen und Hysterie sowie der verantwortungsvolle Umgang mit Medikamenten, die vielen PatientInnen helfen können aber eben nicht allen, werden hier durch die Profitinteressen der Pharmaindustrie blockiert. Traurig, aber dennoch aufschlussreich sind hier die Worte von Bruno Müller-Oerlinghausen, Pharmakologe und Experte für Antidepressiva, im gleichen Artikel in der „Welt“ von 12. November: „Wirksame Stoffe wie Lithium, deren Wirksamkeit vor Suiziden eindeutig belegt ist, werden – da mit ihnen kein Gewinn zu machen ist – nicht weiterentwickelt“. Da die medizinische Wirkungen von Lithium schon lange bekannt sind, sind die entsprechenden Patente bereits abgelaufen. Obwohl es Hinweise gibt, dass Lithium auch bei der Alzheimer-Behandlung von Nutzen sein kann, verlegt die Pharmaindustrie lieber ihre Forschungsschwerpunkte auf lukrativere Bereiche, in denen größere Profite winken.