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Arbeitsmarkt steht vor hartem Winter

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Strahlend präsentierte vor einigen Tagen Arbeitsminister Franz-Josef Jung (CDU) gemeinsam mit dem Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise die neuesten Arbeitslosenzahlen für Oktober 2009. Besonders wegen der Kurzarbeiterregelung wäre die Zahl der Arbeitslosen um 118.000 auf 3,229 Millionen zurückgegangen. Das solle den Arbeitslosen Mut für die Zukunft machen, so der Arbeitsminister. Aber besteht wirklich Grund für Optimismus?


 

von Ronald Luther, Berlin

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Bereits für den kommenden Winter wird eine große Entlassungswelle besonders in der Industrie erwartet. Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten bisher einen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland von derzeit 3,35 Millionen auf durchschnittlich 4,1 Millionen im nächsten Jahr.

Immer mehr Unternehmen gehen wegen der Wirtschaftskrise insolvent. Allein im August diesen Jahres stieg dem Statistischen Bundesamt zur Folge die Zahl der Insolvenzen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 12,3 Prozent. Insgesamt gingen von Januar bis August diesen Jahres 21.807 Unternehmen pleite.

Beunruhigend nannte es der Präsident des Bundes der deutschen Inkassounternehmen, Wolfgang Spitz, dass „neben traditionsreichen Unternehmen wie Arcandor, Märklin und Schiesser auch immer mehr mittelgroße, am Markt etablierte Unternehmen von Insolvenzen betroffen“ seien. Welche brutalen Folgen eine Insolvenz für die Beschäftigten hat zeigt der Fall Quelle. Hier gehen nicht nur 6.000 Arbeitsplätze beim Versandhaus selber, sondern auch 10.500 Stellen bei der Versandhandelsgruppe Primondo und 560 Jobs bei dem für den Quelle-Versand zuständigen Tochterunternehmen der Deutschen Post, DHL, verloren.

Und ein Ende ist nicht abzusehen. So wies der Vorsitzende des Verbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), Siegfried Beck, darauf hin, dass sich die Insolvenzwelle fortsetzen wird und er warnte: „Es könnte im Mittelstand eine Katastrophe drohen“. Dabei hatte es seit Beginn der Krise bereits einen massiven Arbeitsplatzverlust gegeben, trotz Kurzarbeiterregelung. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zur Folge haben 3,258 Millionen Menschen zwischen Oktober 2008 und September 2009 ihren Arbeitsplatz verloren, das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Besonders Leiharbeiter im verarbeitenden Gewerbe seien betroffen. Es wurden so viele Stellen wie seit 15 Jahren nicht mehr abgebaut. Laut einem in der Publikation der Deutschen Bank "Märkte am Morgen" veröffentlichten Ergebnis von Cognitrend waren Ende August 2009 in der Industrie 4,4 Prozent weniger Menschen beschäftigt gewesen als noch ein Jahr zuvor.

Weitere Stellenstreichungen sind für die nächsten Monate bereits angekündigt worden: 400 bei Ebay, 1.000 bei Daimler, 640 Jobs bei SAP, 10.000 bei Thyssen-Krupp, 880 beim Autozulieferer Mahle, 1.500 beim Druckmaschinenhersteller Heidelberger Druck, 120 bei der Reederei Hapag Lloyd, eine noch unbekannte Zahl beim Telefonnetzausrüster Nokia Siemens und das ist noch lange nicht alles. Bei Siemens befürchten die Betriebsräte, dass das Unternehmen im nächsten Jahr bis zu 10.000 weitere Stellen abbauen könnte. Unklar ist auch noch, wie viele der 10.000 Arbeitsplätze bei den deutschen Opel-Werken gestrichen werden. Auch das Klima zwischen Kapital und Arbeit wird rauher, nicht nur bei GM/Opel. So standen kürzlich die etwa 150 Angestellten des Autozulieferers Kolbenschmidt in Hamburg-Ottensen vor verschlossenen Werkstoren, während die Unternehmensleitung kurzerhand den Betrieb stilllegte und die Maschinen abbauen ließ.