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Erste Betriebsbesetzungen in Europa

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Visteon-Beschäftigte in Enfield, Basildon und Belfast im Ausstand

Die Folgen der Rezession sind schon jetzt erschreckend: In Spanien verloren allein im ersten Quartal dieses Jahres 800.000 ArbeiterInnen ihren Job. Vier Millionen, offiziell 17,4 Prozent, sind bereits heute erwerbslos. Geschätzt wird, dass die Zahl der Arbeitslosen in Großbritannien bis nächstes Jahr von zwei auf drei Millionen, in Deutschland von drei auf fünf Millionen ansteigt. Im Süden Irlands wird erwartet, dass 2010 ein Viertel aller Erwerbsfähigen ohne Job sein wird – so viele wie in den USA in der Großen Depression. Und das ist erst der Anfang. Eine Welle von Entlassungen und Werksschließungen ist zu befürchten. Aber der „kleine Mann“ schlägt zurück.

von David, Heidelberg

Mit dem einsetzenden Arbeitsplatzabbau und Angriffen auf die Löhne geraten die Betriebe jetzt mehr und mehr in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.

Schottland

Es gibt nun die ersten Fälle, bei denen Besetzungsaktionen als Antwort auf Sozial- und Stellenabbau gesehen werden. Bei diesen Handlungen wächst das Bewusstsein, dass die ArbeiterInnen auch selber etwas bewegen können.

Kürzlich wurden zwei Schulen in Glasgow von Eltern und sogar Großeltern besetzt, als sie hörten, dass 13 Grundschulen und zwölf Kindergärten in der schottischen Stadt dichtgemacht werden sollen. Von den Schließungen wären 2.000 Kinder betroffen.

Darüber hinaus ist im schottischen Dundee zur Zeit die Verpackungsfirma Prisme besetzt. Dazu kam es, als zwölf Arbeiter ohne jede Kündigungsfrist gefeuert wurden. Am 4. März war ihnen mitgeteilt worden, dass sie – trotz Anspruch auf Abfindung, Urlaubsgeld und ausstehende Gehälter – nichts bekommen würden. Die ArbeitnehmerInnen bekamen bisher viel Unterstützung aus der Nachbarschaft, unter anderem von einem arbeitslosen Koch, der für die Streikenden Essen zubereitete. Die Rede ist jetzt davon, dass die Fabrik weiter produzieren und von den Beschäftigten demokratisch geführt werden soll.

Visteon in England und Nordirland

Bedeutend ist, was gerade bei den Visteon-Werken in Belfast in Nordirland und Enfield sowie Basildon im Süden Englands passiert. Im Jahr 2000 hatte Ford die Werke an Visteon übergeben. Visteon war eine Tochtergesellschaft von Ford, ist inzwischen jedoch unabhängig. Wobei die Gewerkschaft Unite darauf hinweist, dass Visteon von Ford genutzt wird, um mehr Gewinne einsacken zu können. Ende März erklärte Visteon, dass Knall auf Fall 560 Stellen gestrichen werden. Die betroffenen KollegInnen sollten unmittelbar die Werke verlassen – was im Widerspruch steht zu der offiziellen Kündigungsfrist von 90 Tagen. Visteon hat Insolvenz angemeldet, daher sollen die ArbeiterInnen eine Abfindungszahlung von nicht mehr als 9.000 Pfund – bezahlt von der Regierung – erhalten.

Anfang April haben zunächst 140 Beschäftigte das Belfaster Werk besetzt, Besetzungen von den Fabriken in Enfield und Basildon folgten. Zu Redaktionsschluss der Solidarität war das Belfaster Werk noch immer besetzt. In Basildon änderten die KollegInnen ihre Taktik, nachdem gerichtlich angedroht wurde, dass Streikführer inhaftiert und ihnen ihre Eigenheime weggenommen werden würden. In Enfield dauerte die Besetzung neun Tage. Seitdem stehen aber vor den Werken von Enfield und Basildon 24 Stunden am Tag Streikposten, um sicherzustellen, dass keine Geräte oder Produktionsmittel die Gebäude verlassen. Es gibt Veranstaltungen für die Visteon-ArbeiterInnen, die auch Streikposten bei Ford in anderen Städten aufgestellt haben.

Die Socialist Party, die Schwesterorganisation der SAV, unterstützt die Besetzungen aktiv, tritt für die Öffnung der Geschäftsbücher ein und fordert, dass die Betriebe verstaatlicht werden, um die Arbeitsplätze zu schützen. Auf dieser Basis könnte eine Umgestaltung der Produktion stattfinden, um zum Beispiel Züge, Busse oder umweltfreundliche Fahrzeuge herzustellen.