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Pro & Contra: Konsumverhalten ändern, um die Probleme zu lösen?

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„Große Autos werden gebaut, weil sie gekauft werden.“ „Kinderarbeit gibt es, weil die Leute billige Textilien kaufen.“ „Mit Gammelfleisch haben wir zu tun, weil nur auf den Preis, nicht auf die Qualität geachtet wird.“ „Wir hätten längst Ökostrom, wenn es den KonsumentInnen nicht zu teuer wäre.“ Stimmt das?


 

Ist das Verbraucherverhalten schuld an Umweltzerstörung, Krankheiten und der Plünderung der „Dritten Welt“?

Pro

Karl Bär, wohnt heute in Istanbul, Mitglied der Grünen, von 2006-2007 im Bundesvorstand der Grünen Jugend

Auch du, GenossIn!

Wer die Zerstörung der Natur und die Ungerechtigkeit in dieser Welt sieht, darf die Augen nicht davor verschließen, dass der Wohlstand, in dem wir leben, mit diesen Problemen eng verwoben ist. Daraus kann man nun entweder schließen, dass es einen ewigen Kampf ums Überleben gibt, den nur die Besten überstehen. Man kann versuchen, die Tiefen und Höhen der Kurve gleichermaßen zu kappen und alle auf ein akzeptables, aber niedriges Niveau zwingen, oder man kann mit einem alten Lied hochhalten, dass genug für alle da ist. Als Linke tun wir Letzteres: Nicht die Abschaffung des Wohlstandes, sondern ein gutes Leben für alle ohne Nebenwirkungen ist das Ziel.

Wir kämpfen jedoch nicht nur gegen diese Nebenwirkungen, sondern vor allem für das gute Leben. Eine Stadt ohne Autos ist nicht nur eine Stadt ohne die Umweltzerstörung und Gesundheitsgefährdung, die von Autos ausgeht, sondern auch eine Stadt mit mehr Lebensqualität und mehr Demokratie. Saisonales Gemüse vom Biohof aus der Region schont nicht nur die Umwelt von Chemikalien und Transport, es ist auch vielfältiger und gesünder als das Zeug, das in spanischen Gewächshäusern von arabischen SklavInnen geerntet wird.

So technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum tatsächlich dazu geeignet wären, die Welt von Armut und Umweltzerstörung zu erlösen, wäre eine progressive Politik und eine Veränderung der Lebensstile noch lange nicht obsolet.

Vor diesem Hintergrund kann die Forderung, dass sich die Lebensstile verändern müssen, zwei Dinge bedeuten. Sie kann erstens eine Ausflucht neoliberaler oder einfach feiger PolitikerInnen sein, die den Schwarzen Peter den VerbraucherInnen zuschieben, anstatt ordnungspolitisch einzugreifen. Anders zu leben, essen, arbeiten und lieben kann zweitens tatsächlich eine Methode sein, die Welt zu verändern. Wir müssen also zweigleisig fahren. Die Politik muss sich verändern und das Verhalten der Menschen. Auf eines dieser Mittel zu verzichten, können wir uns nicht leisten, geht es doch darum, die Welt zu retten.

Die Energie-, Verkehrs- und Agrarwende werden wir nur schaffen, wenn es politische Entscheidungen in die richtige Richtung gibt. Es darf nicht sein, dass Sachen, die eigentlich niemand haben will, wie zum Beispiel Atomkraftwerke und Massentierhaltung, mit vielen Milliarden Euro subventioniert werden. Es ist grotesk, dass der deutsche Staat Millionen Euro extra ausgibt, um eine Autobahn leicht angeschrägt zu bauen, so dass man selbst in Kurfen 200 km/h fahren kann. Wenn sich die Interessen der agrochemischen Industrie, der großen Energiekonzerne und der Automobil- und Rüstungsindustrie durchsetzen, führt das nicht gerade zu Verbesserungen. Für eine soziale, ökologische, freie und friedliche Welt müssen wir politisch kämpfen, auf der Straße und im Parlament.

Politik allein reicht jedoch nicht: Es wird keine Agrarwende geben, solange der deutsche Durchschnittsmensch sich von elf Prozent seines monatlichen Budgets ernähren und dabei auch noch über 60 kg Fleisch im Jahr verzehren will. Aber dürfen wir den Leuten vorschreiben, was sie essen sollen? Und fühlt es sich nicht komisch an, die Zerschlagung von Energiekonzernen zu fordern, bei denen man selbst ein treuer Kunde oder eine treue Kundin ist? Die andere Welt muss lebbar sein.

Einmal antwortete mir ein Aktivist, der Plakate gegen Studiengebühren verteilte, als ich ihn darauf hinwies, dass die Bäume an der Uni unter den vielen Nägeln, die rostend in ihnen stecken, leiden: „Solange es den Kapitalismus gibt, haben die Bäume wahrlich andere Probleme.“ (Wahrlich), die Bäume haben viele Probleme: Saurer Regen, Abgase, Abholzung… Und manches Baumproblem hängt mit dem Kapitalismus zusammen. Plakate gegen Studiengebühren bräuchte es im Sozialismus ohnehin nicht. Aber wird nicht, was immer auch nach dem Kapitalismus kommen mag, einen Menschen, der auch schon jetzt sorgsamer mit den Bäumen umgehen könnte, zu mehr Achtsamkeit bringen?

Wir müssen naiv sein. Wenn niemand mehr Luxusgeländewagen kauft, werden keine Luxusgeländewagen mehr produziert werden. Und wir müssen anerkennen, dass auch graduelle Verbesserungen etwas Gutes sind – jeder eingesparte Liter Wasser und jedes Kilo CO2. Wer das nicht anerkennt, wird entweder dogmatischer Moralist, dogmatische Moralistin werden oder gar nichts tun. Doch den Einfluss des Verhaltens der Menschen hochzuhalten, bedeutet gerade, jedem und jeder zu sagen: Du kannst die Welt ein bisschen verbessern. Jetzt und hier. Die Kraft dieses Ansatzes kommt aus seiner Naivität und daraus, dass man wirklich etwas tut.

Contra

Doreen Ullrich, Mitglied im SAV-Bundesvorstand und im Kreisvorstand der LINKEN Aachen

Die These, dass die Verbraucher nur ihr Konsumverhalten ändern müssten, um die Welt zu verändern, klingt einfach. Fang doch zu Hause an, trenn den Müll, kauf Fair-Trade-Produkte und gehe in den Bioladen, strick deine Pullis selber. Diese These verlagert die Widersprüche der Gesellschaft in das ganz Private zu Hause. Jeder einzelne soll sich um die Rettung der Welt kümmern, aber bitte sehr allein beim Einkaufen. Dabei ist es nötig, die heutigen Eigentums- und Machtverhältnisse grundlegend zu verändern.

Die Behauptung „Konsumverhalten ändert die Gesellschaft“ geht von dem kapitalistischen Märchen aus, dass nur produziert wird, was gewünscht wird. Dem ist jedoch nicht so.

Jeder siebte Mensch auf dieser Welt geht hungrig zu Bett. Der Bedarf nach Lebensmitteln ist also da. Es wird sogar genug Nahrung produziert. Diese wird aber lieber vernichtet, als es denen, die hungrig sind, zu geben. Der Grund ist einfach: Im Kapitalismus geht es darum, aus Geld mehr Geld zu machen. Die 854 Millionen Hungernden können sich ihre Nahrung nicht kaufen, deshalb müssen sie hungern.

Produktion muss profitabel sein. Für die Konzerne dieser Welt heißt das, so billig wie möglich zu produzieren. Deshalb entscheiden sich adidas und Nike für T-Shirts und Turnschuhe aus den unmenschlichen Sweatshops und müssen 171 Millionen Kinder in der Welt jeden Tag unter unerträglichen Bedingungen schuften.

Als KonsumentInnen können wir natürlich entscheiden, statt von Nike Turnschuhe von Kappa zu kaufen. Wir haben die Wahl zwischen Ware A, B oder C. Aber als Käufer kann ich niemals sicher sein, dass diese Schuhe nicht von Kinderhänden genäht wurden. Die Konzerne verschleiern über Scheinfirmen, Zwischenhändler oder neue Namen die wahre Herkunft der Produkte. Es gibt keinen Konzern, bei dem man sich darauf verlassen könnte, dass sowohl er selber als auch sämtliche Zulieferer in allen Ländern, in allen Fabrikationsstätten dauerhaft soziale und ökologische Standards einhalten. Eine effektive Kontrolle darüber ist auch für Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen nicht möglich, weil ihnen diese Konzerne, Zwischenhändler und Subunternehmen nicht gehören.

Natürlich haben wir beim Einkaufen scheinbar eine Wahl zwischen Bioprodukten und Genfood. Doch mal ehrlich, wer würde sich denn freiwillig fürs Genfood entscheiden, hätte man tatsächlich eine Wahl. Liebend gern würden sicher viele Mütter und Väter ihren Kindern eine gesunde Ernährung ermöglichen, am Liebsten alles frisch vom Biobauernhof. Doch ist man Hartz-IV-Empfänger, ist fürs Essen eines Kindes pro Tag nur 1,15 Euro vorgesehen. Da ist der Bioapfel einfach zu teuer.

Sicher würden auch viele Pendler morgens das Auto lieber stehen lassen und damit dem Staustress entgehen, doch ohne einen vernünftig ausgebauten Nahverkehr kann man einfach nicht pünktlich zur Arbeit kommen. Die Frage der Wahl stellt sich also in vielen Fällen nicht. Im Kapitalismus haben wir nur die Qual!

Müssen wir zum Wohle der Menschheit und Natur eigentlich auf Wohlstand und Konsum verzichten? Ist unser Bedürfnis nach einem Handy mit Farbdisplay oder einem Urlaub in der Türkei übertrieben? Auch das ist eine vielgepriesene These. Menschen in den Industriestaaten sollen verzichten – zum Wohl der armen Massen auf der Südhalbkugel. Doch diese These übersieht eine entscheidende Komponente und zwar die Klassenunterschiede. Die Welt ist geteilt in Besitzende, millionenschwere Konzernbosse, und Nichtbesitzende, Fabrik- und Büroarbeiter und die verarmte Masse. Tatsächliche Verschwendungssucht kann sich nur die Klasse der Besitzenden leisten. Sie jetten in ihrem privaten Flieger von Paris nach New York zum Einkaufen oder besitzen 15 und mehr Autos, dazu ein paar Jachten und übergroße Villen gleich in größerer Stückzahl.

Dieser Welt mangelt es nicht an Geld, um allen Menschen ein vernünftiges Leben zu finanzieren (im Gegenteil, nie war der Reichtum so groß). Der Reichtum ist einfach nur ungerecht verteilt. Etwa 500 Familien kontrollieren den Großteil der Weltwirtschaft. Sie besitzen Milliarden. Dieser Reichtum umverteilt könnte jedem Menschen ein Dach über den Kopf, vernünftige Nahrung und sauberes Trinkwasser, adäquate Kleidung, ausreichende Bildung und alles das finanzieren, was zu einem genussvollen Leben dazu gehört.

Dass Menschen wachsende Bedürfnisse haben, das ist nicht das Hauptproblem dieser Gesellschaft. Das Problem ist, wie die Waren produziert werden und wie sie verteilt werden.

Ändern wir das, beenden wir diese Profitwirtschaft und ersetzen sie durch eine nach Bedarf demokratisch geplante Wirtschaft. Dann kann sich auch das Verbraucherverhalten tatsächlich ändern. Dann können Mensch nicht nur in Wohlstand, sondern auch im Einklang mit der Umwelt leben.