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Metall-Warnstreik DC Marienfelde: "Es geht ums Prinzip"

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In den Metallbetrieben hat sich viel Wut angestaut. Lohnerhöhung nicht das einzige Thema. Warnstreik in Berlin-Marienfelde bei DaimlerChrysler.
 

von Daniel Behruzi; dieser Artikel erschien zunächst in der jungen Welt, 3.5.07

Es ist Mittwoch früh, neun Uhr, vor dem DaimlerChrysler-Werk in Berlin-Marienfelde. Wie überall in der Republik hat die IG Metall auch hier zum Warnstreik aufgerufen, um für die Tarifforderung von 6,5 Prozent Druck zu machen. Grüppchenweise verlassen die Arbeiter das Werk und versammeln sich vor dem Tor. Kerstin Tomis ist eine von ihnen. »Jung-Facharbeiterin« nennt sich die 20jährige selbst. Mit roter IG-Metall-Mütze und Trillerpfeife im Mund steht sie neben ihrem Vater. Der arbeitet schon mehr als 25 Jahre hier. Doch daß sich in dieser Zeit einiges geändert hat, bekommt vor allem Kerstin zu spüren. Nach Abschluß ihrer Lehre kam sie zur konzerninternen Personaldrehscheibe »DC Move«. »Obwohl ich die gleiche Arbeit mache wie die älteren Kollegen, verdiene ich 20 Prozent weniger – das ist ungerecht«, sagt Kerstin und schaut trotzig. »Wir müssen uns gemeinsam wehren, nicht allein«, begründet die junge Frau ihre Teilnahme am Gewerkschaftsprotest. Ihre Kollegen sehen das offenbar genauso – fast die gesamte Schicht hat die Arbeit niedergelegt und ist rausgekommen, so daß Betriebsratschefin Ute Hass später verkünden kann: »Der Betrieb steht.«

»Eigentlich sind die 6,5 Prozent noch zu wenig.« Diesen Satz hört man immer wieder. »Regierung und Arbeitgeber prahlen mit dem großen Wachstum – jetzt wollen wir auch unseren Teil davon abbekommen«, erklärt Michael Kutz. Er ist Vertrauensmann der IG Metall bei Gillette. Seine Belegschaft ist diese Woche bereits zum zweiten Mal im Warnstreik und hat sich dem Demonstrationszug der Daimler-Kollegen angeschlossen. Vom bislang vorliegenden Angebot der Unternehmer hält Kutz überhaupt nichts. Vor allem deren Vorschlag, einen Teil der Lohnerhöhung als Einmalzahlung zu vereinbaren, ärgert ihn. »Von so einem Konjunkturbonus hätten wir gar nichts, den Unternehmen wird es dann angeblich immer ganz schlecht gehen, damit sie ihn nicht zahlen müssen«, ist sich der 49jährige sicher. Zudem gehe es in dieser Auseinandersetzung nicht nur um die großen Betriebe der Metall- und Elektroindustrie. »Wir müssen einen guten Abschluß machen, damit die anderen auch etwas bekommen«, sagt Kutz.

Aber es geht nicht nur ums Geld. »Es geht ums Prinzip«, meint eine Frau mit kurzen blonden Haaren und roter IG-Metall-Fahne in der Hand. In den elf Jahren, die sie im Daimler-Werk arbeitet, sei vieles schlechter geworden. »Jetzt wollen wir uns ein bißchen was zurückholen«, sagt sie. Besonders wütend ist sie über die Umsetzung des Entgeltrahmen-Abkommens (ERA), der Neugestaltung der Entgeltgruppen in der Metallindustrie. »Viele Facharbeiter werden dadurch zu Hilfsarbeitern degradiert – mit Verlusten von bis zu 600 Euro«, berichtet die 27jährige. Auch für andere ist ERA offenbar das Hauptthema. »ERA ohne Lohnraub« und »Entgelt Richtig Aushandeln« steht auf selbstgemalten Schildern. »Wir brauchen kräftigte Lohnerhöhungen«, so DaimlerChrysler-Betriebsrat Mustafa Efe, »aber wenn diese später durch ERA wieder kassiert werden, dann haben wir nicht viel davon.«