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Nordirland: Zwischen sektiererischer Gewalt und gemeinsamen Kämpfen

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Eckard Geitz interviewte Peter Haddon, Mitglied der Socialist Party (SP), der nord-irischen Schwesterpartei der SAV
 

In den letzten Wochen gab es in den deutschen Medien immer wieder Berichte über Unruhen in Nord-Irland. Hat sich in der letzten Zeit etwas verändert?

Es gibt keinen Friedensprozess in Nord-Irland. Es gibt vielleicht vage Absprachen zwischen abgehobenen PolitikerInnen.
Allerdings betreiben diese PolitikerInnen selbst sektiererische Politik und trennen zwischen KatholikInnen und ProtestantInnen. Natürlich ist Gewalt in Nord-Irland nichts Neues. Benzinbombenattacken. Messerstechereien, Schusswechsel ? solche Dinge passieren quasi täglich.
Die veränderte Qualität besteht darin, dass die Gewalt nicht mehr in erster Linie bei irgendwelchen Aufmärschen zum Höhepunkt kommt und dann total eskaliert, sondern dass es eben diese Permanenz von Attacken gibt. So ist zum Beispiel Ende August ein junger Katholik erschossen worden, weil er ein T-Shirt des Fussballvereins Celtics trug.

Von wem geht die Gewalt aus? Sind es tatsächlich religiöse Probleme, wie dies in bürgerlichen Medien immer wieder dargestellt wird, also ProtestantInnen gegen KatholikInnen?

Kaum bezahlbare Wohnungen, hohe Arbeitslosigkeit, marodes Gesundheitssystem. Diese Probleme ? verschlimmert durch Privatisierungen ? bedeuten, dass die Lebensbedingungen einfach schlecht sind. Wir haben es mit enormer Perspektivlosigkeit zu tun. Diese Frustration lässt Situationen von Gewalt entstehen. Beteiligt an der Gewalt sind natürlich sowohl ProtestantInnen als auch KatholikInnen.

Die IRA entschuldigte sich nun öffentlich zum ersten Mal für zivile Opfer. Was hat es damit auf sich?

Diese Erklärung ist leider nicht von großer Bedeutung. Die bewaffneten Kräfte der Loyalisten in Nord-Irland gaben eine ähnliche Erklärung schon vor sechs Jahren ab. Leider ist daraufhin die Gewalt nicht weniger geworden.
Während die IRA solche Konzessionen an die Unionisten macht, während der Kampf gegen den Staat für sie vorbei ist, während also für die politische Führung ?der Krieg? vorbei ist, spielt sich die Gewalt nun direkt in den Wohngebieten zwischen KatholikInnen und ProtestantInnen ab.
Neulich schoss ein Katholik auf eine Gruppe fussballspielender ProtestantInnen. Einige wurden verletzt. Die IRA distanzierte sich. Ob es nun eine IRA-Attacke war oder nicht ? die Gewalt geht momentan weiter.

Gibt es Ansätze zu gemeinsamer Gegenwehr von ProtestantInnen und KatholikInnen?

Trotz der Alptraum-Situation in Nord-Irland und trotz sektiererischer Politik und rechter Gewerkschaftsführungen gibt es positive Tendenzen. Am 18. Januar diesen Jahres protestierten 100.000 ArbeiterInnen und Jugendliche, KatholikInnen und ProtestantInnen Seite an Seite gegen die Ermordung eines Postangestellten. Die Menschen haben die Gewalt einfach satt.
Anfang August protestierten hunderte Menschen gegen die Morddrohung an einen Gewerkschafter. Er hatte eine Kugel in einem Briefumschlag zugeschickt bekommen.
Die jüngsten Streiks im öffentlichen Dienst hatten eine höhere Beteiligung als in England.
Aber wo ist denn die Partei, die diesen Hunderttausenden eine politische Alternative bietet?
Das Klassenbewußtsein und die Kämpfe sind in dieser Form eine neue Erscheinung. Aller-dings gibt es sie parallel zu sektiererischer Gewalt.
Diese beiden Dinge stehen zueinander im Widerspruch. Wie dieser Konflikt entschieden wird, hängt davon ab, ob sich die Gewalt oder das Klassenbewußtsein durchsetzt. Ob es gelingt Kämpfe gegen Armut und schlechte Lebensbedingungen gemeinsam zu führen.
Was wir von der SP dazu beitragen, ist eine politische Organisation aufzubauen, die der Arbeiterklasse als Instrument dient, sich vom sektiererischen Establischment, ob IRA, Unionisten oder korrupten GewerkschaftsführerInnen, zu befreien.