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Malcom X (3 und 4. Teil) – Revolutionär und Internationalist – Black Panther Party

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dritter Teil des Artikels Malcom X. Zurück zum 2. Teil

Malcolms Lage nach dem Verlassen der „Nation des Islam“ war keineswegs einfach. Es waren ihm nur wenige AnhängerInnen gefolgt und er selbst erklärte, keine Konkurrenzorganisation aufbauen zu wollen und riet, in der „Nation des Islam“ zu bleiben. Vielleicht hoffte er, daß die Organisation, für die er sich so lange aufgeopfert hatte, doch reformierbar sei. Vielleicht dachte er, es sei besser, Muhammad nicht zu sehr zu provozieren. Außerdem hatte er als Papagei Muhammads so lange den Gläubigen Dinge erzählt, an die er nicht mehr glaubte, daß er jetzt die Kurve kriegen mußte, um nicht völlig unglaubwürdig zu werden. Zum dritten stimmten seine AnhängerInnen noch im Wesentlichen mit Muhammads Ideologie überein, wenn auch nicht mit seinem Lebenswandel, und es war schwierig, neue Leute zu gewinnen, ohne die alten auch noch zu verlieren.

Auf seiner Pressekonferenz kündigte er an, daß Muhammads Doktrin der Abtrennung langfristig richtig bleibe, aber kurzfristig etwas getan werden müsse für bessere Ernährung, Kleidung, Wohnungen, Ausbildung und Arbeitsplätze. Er bot den anderen Schwarzenorganisationen dabei Zusammenarbeit an. Er bekannte sich zum Schwarzen Nationalismus, interpretierte ihn aber neu: Ziel sei die Kontrolle über die Politik und die Politiker der schwarzen Wohngemeinde durch die Schwarzen selber und nicht durch die Weißen und ihre Marionetten.

Er kündigte die Gründung einer Muslim Mosque, Inc. (Muslimische Moschee e.V.) an, da er Moslem bleiben wollte. Allerdings dürften sich bei den nichtreligiösen Aktivitäten der Moschee auch Nichtmoslems beteiligen. Er erklärte die Offenheit der Organisation für Hilfe und Unterstützung von allen Seiten, auch von Weißen (die aber nicht beitreten durften).

Zum Schluß der Pressekonferenz betonte er die Notwendigkeit der Selbstverteidigung.

Malcolm X über Selbstverteidgung

„Solange der weiße Man Schwarze lyncht, verbrennt, bombardiert und zusammenschlägt, ist alles in Ordnung. Wir bekommen dann zu hören: „Habt Geduld!“ … „Das sind tiefsitzende Gewohnheiten.“ … „Es wird doch allmählich besser.“

Ich halte es für ein Verbrechen, wenn jemand, der brutaler Gewalt ausgesetzt ist, sich diese Gewalt gefallen läßt, ohne irgend etwas für seine eigene Verteidigung zu tun. Und wenn die „christliche“ Lehre so auszulegen ist, wenn Ghandis Philosophie uns das lehrt, dann nenne ich diese Philosophie kriminell.“

aus: Malcolm X – die Autobiographie, herausgegeben von Alex Haley

„Reisen bildet“

Seine Schwierigkeit, von seinen alten Positionen loszukommen, versuchte er mit einer Pilgerfahrt nach Mekka, der heiligen Stadt des Islam, zu lösen. Nach einigen finanziellen und religionsrechtlichen Schwierigkeiten (er mußte behördlich als Moslem anerkannt werden, um nach Mekka einreisen zu können) kam er in Mekka an. Von Saudi-Arabien aus schrieb er einen Brief an seine Anhänger in Harlem, in dem er mitteilte, daß es jede Menge weiße Moslems gab und die überhaupt nicht rassistisch seien. Er habe bei ihnen eine Brüderlichkeit erlebt, die er nicht für möglich gehalten habe. Von nun an verkündete er, daß der Islam die Religion der Brüderlichkeit aller Menschen unabhängig von der Hautfarbe sei, und daß ein Moslem zu allen Menschen brüderlich sein müsse, die es zu ihm auch sind.

Kritiker dieser Position haben Malcolm entgegengehalten, daß ja auch islamische Staaten jahrhundertelang Sklavenjagd in Schwarzafrika praktiziert haben. Tatsächlich haben diese Staaten sowohl Schwarze als auch Weiße versklavt. Aber die Sklaverei erstreckte sich nur auf „Ungläubige“, innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft gab es traditionell keinen Rassismus. In diesem Punkt ist der Islam nie so tief gesunken wie das Christentum.

In Saudi-Arabien wurde Malcolm zum Staatsgast erklärt. Aber die Beziehung war schwierig. Die Regierung hätte Malcolm gern als Gegengewicht gegen die amerikanische Israel-Lobby gestärkt, wollte aber dabei ihre guten Beziehungen zum US-Imperialismus nicht zu sehr belasten. Malcolm wollte seine Bewegung gern von den Saudis (mit)finanzieren lassen, ohne dabei erneut zur Marionette zu werden. Dieser Drahtseilakt bereitete beiden Seiten Schwierigkeiten.

Von Saudi-Arabien reiste Malcolm nach Beirut und dann nach Afrika: Ägypten, Nigeria, Ghana und nach ein paar Zwischenstops Algerien. Bei seinen Besuchen, vor allem in Ghana, wurde er bei einer Menge bedeutender Persönlichkeiten herumgereicht. Aber selbst Ghana, dessen Regierung als eine der am radikalsten antiimperialistischen in Afrika galt, wollten die US-Regierung nicht zu sehr brüskieren: Nach Malcolms Abreise erschien vorsichtshalber ein kritischer Artikel über ihn in der Staatszeitung.

Zwischenstop zuhause

Am 21. Mai war Malcolm wieder in New York – für kurze Zeit. Er versuchte, seine Organisation etwas ins Laufen zu bringen: er hatte viele SympathisantInnen, aber wenig Mitglieder. Dieses Problem ließ sich nicht leicht lösen. Im Gegenteil, viele seiner Getreuen hatten große Schwierigkeiten, sich von der Weiße-Teufel-Lehre zu trennen. Auch seine Beziehungen zu nahöstlichen und afrikanischen Staatsmännern ließen Befürchtungen aufkommen, daß er sich vielleicht korrumpieren ließ.

Er sah jetzt auch die Zeit gekommen, Muhammad offen anzugreifen. Am 7. Juni sprach er in einer öffentlichen Rede über den Lebenswandel des „Heiligen Mannes“ und seine unehelichen Kinder. Angeblich soll die „Nation des Islam“ durch den Konflikt mit Malcolm und seine Enthüllungen die Hälfte ihrer Mitglieder verloren haben. Die „Nation des Islam“ wußte nicht, ob sie Muhammads Exzesse abstreiten oder rechtfertigen solle. Sie wußte nur, daß Malcolm zum Schweigen gebracht werden müsse. Aber so weit, das in die Tat umzusetzen, war Muhammad damals noch nicht.

Stattdessen traf man sich vor Gericht wieder: Malcolm wohnte noch in dem Haus, das ihm die „Nation des Islam“ früher unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatte. Damals hatte er sich geweigert, das Haus auf seinen Namen überschreiben zu lassen, jetzt bekam er die Quittung für seine Uneigennützigkeit: die „Nation des Islam“ versuchte, ihn rauszuklagen. Malcolms Argumente standen auf schwachen Füßen. Er versuchte nur, Zeit zu schinden.

Da Malcolms Moschee nur schleppend Anhänger gewann, beschloß Malcolm zusätzlich eine nicht-religiöse Organisation zu gründen. Am 28. Juni führte die „Organisation für afro-amerikanische Einheit“ (Organisation of Afro-American Unity, OAAU) ihre erste öffentliche Veranstaltung durch. Das Ziel der Organisation sollte Schwarzer Nationalismus in seiner neuen Bedeutung als Kontrolle der Schwarzen über ihr Lebensumfeld sein. Dazu sollten sowohl politische Kampagnen als auch soziale Programme durchgeführt werden.

Aber von den weitreichenden Plänen konnte fast nichts verwirklicht werden. Neben dem Mitgliedermangel war der Geldmangel das größte Problem. Weiße Geldgeber waren für die Moschee noch zugelassen gewesen. Jetzt wurden sie aus Gründen der Unabhängigkeit abgelehnt -es wollte sowieso niemand. Das gleiche galt für wohlhabende Schwarze, die ihre guten Beziehungen zur weißen Oberschicht nicht gefährden wollten. Auch die schwarzen Kirchen, die die Bürgerrechtsbewegung unterstützten, ließen lieber ihre Finger von Malcolm.

Und die eigenen Mitglieder wollte Malcolm nicht so stark finanziell beanspruchen, wie es in der „Nation des Islam“ Brauch war. Der eigentliche Grund war wohl, daß Malcolm seine Position noch nicht gefunden hatte. Er war noch auf der Suche und deshalb nicht in der Lage, mit so viel Leidenschaft und Selbstsicherheit Menschen und Geld heranzukarren, wie er es als Anhänger Muhammads gekonnt hatte.

Beim Aufbau der Organisation und der politischen Entwicklung seiner MitarbeiterInnen waren Malcolms autoritärer Führungsstil und sein Perfektionismus ein Hindernis. Er wollte am liebsten alles selber machen und ließ so den anderen wenig Raum, sich zu entwickeln. Selbst bei seinen ausgedehnten Reisen durften die anderen nichts wichtiges ohne ihn unternehmen, was die Handlungsfähigkeit der Organisation beeinträchtigte.

Erneute Afrika- und Nahostreise

Im Juli traf sich in Kairo die „Organisation für Afrikanische Einheit“ (OAU), der Zusammenschluß der unabhängigen afrikanischen Staaten. Malcolm hatte gehofft, für seine OAAU als offizieller Delegierter teilnehmen zu können. Aber Ägypten und andere afrikanische Staaten wollten dann doch nicht die amerikanische Wirtschaftshilfe gefährden.

Immerhin wurde Malcolm als Beobachter zugelassen und hatte mehr Gesprächsmöglichkeiten als die Vertreter des US-Außenministeriums. Malcolms Hauptanliegen bei diesen Gesprächen war, daß die Frage des Rassismus in den USA in den Vereinten Nationen diskutiert werden sollte.

Neben dem Besuch der OAU-Konferenz sollte die Reise der Propagierung von Malcolms Ideen und dem Auftreiben von Geld dienen. Malcolm blieb bis September in Ägypten und reiste dann nach Saudi-Arabien weiter. Dort bemühte er sich erfolgreich um die Anerkennung seiner Moschee als Teil des orthodoxen Islam. Die nächsten Stationen waren Kuwait, Libanon und eine ganze Latte afrikanischer Länder. Dann reiste er nach Europa, in die Schweiz und nach Frankreich. Anders als in Afrika war er da nicht Gast von Staatsoberhäuptern, sondern hielt nur einen Vortrag in Paris. Nach sechs Tagen in den USA ging es wieder nach Europa. Ein Streitgespräch in der Oxforder Universität wurde sogar vom Fernsehen übertragen.

Die vielen Reisen brachten Malcolm aber nicht nur Bekanntheit ein, sondern auch neue Erkenntnisse. So fing er sogar an, seine feindselige Haltung zu Frauen zu revidieren. In einem Interview beschrieb er, daß in den fortschrittlichen Ländern die Frauen auch fortschrittlich sind und in den unterentwickelten und rückschrittlichen Ländern die Frauen das auch sind. „In den afrikanischen Ländern, wo sie für die Ausbildung der Massen, egal ob männlich oder weiblich, eintreten, dort findet Ihr, daß sie eine festere, eine fortschrittlichere Gesellschaft haben.“ (Interview 27.12.1964). Er trat jetzt auch für Gleichberechtigung ein und gab auch innerhalb der OAAU Frauen mehr Verantwortung. Auch vom Antisemitismus distanzierte er sich deutlicher.

Die Massen, die in vielen Ländern eine Revolution durchgeführt hatten, um die Unabhängigkeit zu erlangen, mußten erleben, daß die neo-kolonialistische Abhängigkeit durch die Hintertür wieder reinkam. Der proklamierte „afrikanische Sozialismus“ (weil der Kapitalismus bei den Massen total diskreditiert war) erwies sich als krampfhafter Versuch, den Kapitalismus zu imitieren. So ist die von Malcolm gefeierte „schwarze Revolution“ heute völlig auf den Hund gekommen. Aber das afrikanische Chaos von Korruption, bürokratischer Inkompetenz und Stammesfehden ist nicht die Folge afrikanischer „Unterentwicklung“, sondern Folge davon, daß der Kapitalismus weltweit seine Entwicklungsmöglichkeiten erschöpft hat und in ein Stadium der Überreife und Fäulnis eingetreten ist.

„Kein Kontinent von Kannibalen“

Der zentrale Bezugspunkt für Malcolm in seinem letzten Jahr war Afrika. Für den Sohn eines Aktivisten von Garveys „Zurück nach Afrika“-Bewegung erscheint das naheliegend. Aber dieser Vater hatte ja gleichzeitig seinen Sohn wegen dessen heller Hautfarbe bevorzugt. In diesem grotesken Widerspruch zwischen Theorie und Praxis bei Earl Little zeigte sich, wie tief die jahrhundertelange Gehirnwäsche durch die Weißen Wurzeln geschlagen hatte. Afrika wurde als Inbegriff der Rückständigkeit ausgemalt: Kannibalen, die sich als Schmuck Knochen in die Nase stecken, Elend, Unwissenheit, Primitivität. Diese Propaganda führte dazu, daß viele Schwarze ihre afrikanische Herkunft zu hassen begannen. Und nicht nur ihre Herkunft, auch sich selbst, ihren Körper, der sie an Afrika erinnerte. Sie versuchten, wie Malcolms Vater und Malcolm in seiner Jugend, sich den Weißen an den Hals zu werfen. Sie wollten um jeden Preis von ihnen akzeptiert werden.

Diese Tradition hat Malcolm mit aller Entschiedenheit bekämpft. In vielen Vorträgen versuchte er, seine Zuhörer mit der reichen Kultur und Geschichte des afrikanischen Kontinents bekanntzumachen. Zugleich überschüttete er die anti-afrikanische Propaganda mit beißendem Spott. Z. B. 1964 war Bürgerkrieg im Kongo (dem heutigen Zaire). Die Söldner der imperialistischen Staaten versuchten, mit Terror gegen die Zivilbevölkerung die revolutionäre Regierung im Ostteil des Landes zu stürzen. Die ließ deshalb Weiße als Geiseln auf die Dörfer verteilen. Malcolm begründete das so:

„Sie hielten nur deshalb eine Geisel im Dorf fest, um die Söldner davon abzuhalten, die Bevölkerung dieses Dorfs in Massen umzubringen. Sie hielten sie nicht als Geiseln, weil sie Kannibalen waren; oder weil sie dachten, ihr Fleisch wäre schmackhaft. Einige dieser Missionare sind über vierzig Jahre dort gewesen und nicht aufgefressen worden. Wenn sie sie hätten essen wollen, hätten sie sie gegessen, als sie jung und zart waren. Denn alte Weiße sind so schwer verdaulich wie ein altes Hähnchen.“ (Rede vom 16. Februar 1965)

Einer der Hauptgründe, daß die Schwarzen in den USA Stolz auf ihre afrikanische Herkunft entwickelten, war die afrikanische Unabhängigkeitsbewegung. Vor allem seit dem Sieg der Revolution in Ghana in Westafrika 1957 mußten die Kolonialmächte ein Land nach dem anderen in Afrika räumen. Die Amerikaner sahen im Fernsehen schwarze Staatsoberhäupter, die in der UNO redeten, offensichtlich keine Kannibalen waren, sondern stattdessen fließend englisch sprachen. Sie hatten jetzt etwas in Afrika, womit sie sich identifizieren konnten.

Ein weiterer Grund für Malcolm, die Verbindung mit Afrika zu betonen, betraf die politische Strategie. Die Schwarzen waren und sind eine Minderheit in den USA. Die Bürgerrechtsbewegung hatte daraus die Folgerung gezogen, daß sie die weißen Liberalen als Verbündete braucht. Um sie nicht vor den Kopf zu stoßen, hüteten sie sich, radikal aufzutreten und legten sich selbst politisch Fesseln an. Malcolm hielt dem entgegen, daß weltweit gesehen die Weißen eine Minderheit sind. Und deshalb sind die farbigen Völker stark genug, daß sie nicht bei den Weißen um Gleichberechtigung zu betteln brauchen, sondern ihre Rechte fordern und erkämpfen können.

Der Haken an der Sache war, daß Malcolm seinen alten Fehler wiederholte: so wie er früher Elijah Muhammad zum Idol machte und seine Zweifel und Kritik für sich behielt, so verherrlichte er jetzt die afrikanische Revolution, um den Schwarzen in den USA Mut und Selbstbewußtsein zu geben. Es war natürlich ein gewaltiger Fortschritt, daß Malcolm jetzt nicht mehr einen Scharlatan und Gangster verherrlichte, sondern wirkliche Revolutionen. Aber da diese Revolutionen halbherzig blieben und bleiben mußten, war der Katzenjammer vorprogrammiert.

„Ein Huhn kann kein Enten-Ei legen“

Daß die Probleme der Schwarzen weder in Afrika noch in Amerika vom Kapitalismus gelöst werden können, hatte aber schon Malcolm gesehen. „…die Leute werden erkennen, daß es unmöglich ist für ein Huhn, ein Enten-Ei zu legen (…) Ein Huhn hat es einfach nicht innerhalb seines Systems, ein Enten-Ei zu erzeugen. Es kann es nicht tun. Es kann nur produzieren gemäß dem, zu welcher Produktion dieses bestimmte System konstruiert worden ist. Das System in diesem Land kann nicht Freiheit für einen Afroamerikaner produzieren. Es ist unmöglich für dieses System, dieses Wirtschaftssystem, dieses politische System, dieses Gesellschaftssystem. (…) Und wenn jemals ein Huhn ein Enten-Ei gelegt hat, ich bin ganz sicher, ihr werdet sagen, daß das gewiß ein revolutionäres Huhn war! (…) Es ist unmöglich für eine weiße Person, an den Kapitalismus zu glauben und nicht an den Rassismus zu glauben. Ihr könnt keinen Kapitalismus haben ohne Rassismus.“ (Rede vom 29. Mai 1964)

Aber sein Gegenkonzept zum Kapitalismus ging nicht viel über moralische Empörung und Illusionen in die Phrasen über „afrikanischen Sozialismus“ hinaus: „Ihr könnt kein kapitalistisches System betreiben, wenn Ihr keine Geier seid; Ihr müßt das Blut von jemand anderem saugen, um Kapitalist zu sein. Zeigt mir einen Kapitalist und ich zeige Euch einen Blutsauger. Er kann nichts anderes als ein Blutsauger sein, wenn er Kapitalist ist. (…) Deshalb, wenn wir zum afrikanischen Kontinent schauen, wenn wir auf die Schwierigkeiten schauen, die es zwischen Ost und West gibt, finden wir, daß die Nationen in Afrika sozialistische Systeme entwickeln, um ihre Probleme zu lösen.“ (Rede am 20. Dezember 1964) Wie eine sozialistische Gesellschaft dann aussehen soll? „Ich weiß es nicht. Aber ich bin flexibel.“ (29. Mai 1964)

So unkritisch Malcolm auch gegenüber dem „afrikanische Sozialismus“ war, gegenüber Sowjetunion war er kritisch. Er erkannte zwar an, daß der Ost-West-Gegensatz den USA ein Stück die Hände band und sie hinderte, ihre gesamte militärische Kraft gegen die revolutionären Bewegungen der „Dritten Welt“ einzusetzen. Malcolm stellte den Imperialismus und die Sowjetunion nicht auf die gleiche Stufe, aber zugleich war er strikt gegen die Unterordnung unter die Interessen der Sowjetunion, die seiner Meinung nach Anfang der Sechziger Jahre sowieso fast zu einem Satelliten der USA geworden sei (da war er sehr voreilig).

Wesentlich größer war seine Sympathie für die Revolutionen in China und noch mehr in Kuba. Er versuchte sogar, Ché Guevara als Referent für seine OAAU nach Harlem zu bekommen. Dabei verstand er aber nicht den gewaltigen Unterschied zwischen der chinesischen und kubanischen und der afrikanischen Revolution: daß in Afrika die „sozialistischen“ Phrasen nur die kapitalistische Realität verdeckten, während in China und Kuba tatsächlich der Kapitalismus gestürzt worden war und auf der Grundlage von Planwirtschaft und staatlichem Außenhandelsmonopol tatsächlich jahrzehntelang gewaltige Fortschritte möglich waren. Genausowenig verstand er, daß diese Fortschritte ebenso wie in der Sowjetunion früher oder später an Grenzen stoßen mußten, die durch die Herrschaft der stalinistischen Bürokratie und das Fortbestehen des kapitalistischen Weltmarkts erzeugt wurden.

„Mit allen notwendigen Mitteln“

Eine positive Seite hatten die Revolutionen in Rußland, China, Kuba und Afrika für Malcolm auf alle Fälle. Sie waren die praktischen Beweise, daß Gewalt unter Umständen notwendig und brauchbar war, um gesellschaftliche Fortschritte zu erreichen. Daß Gewaltlosigkeit schön und gut ist, aber nichts taugt bei einem Gegner, der zu jeder Gewalttat bereit ist, war eines der Hauptthemen Malcolms.

„In Gegenden, wo die Regierung sich als entweder nichts willens oder unfähig erwiesen hat, das Leben und das Eigentum der Neger zu verteidigen, ist es Zeit für die Neger, sich selbst zu verteidigen. Der zweite Zusatz der Verfassung gibt Euch und mir das Recht, ein Gewehr oder eine Schrotflinte zu besitzen. Es ist ein verfassungsmäßiges Recht, ein Gewehr oder eine Schrotflinte zu besitzen. Das bedeutet nicht, daß Ihr Gewehre nehmt, Bataillone bildet und auf die Pirsch nach Weißen geht, obwohl Ihr im Recht wärt -ich meine, es wäre gerechtfertigt; aber das wäre illegal und wir tun nichts Illegales. Wenn der weiße Mann nicht will, daß der schwarze Mann Gewehre und Schrotflinten kauft, dann soll die Regierung ihre Pflicht tun. Das ist alles.“ (Rede in Cleveland am 3. April 1964, „Stimmzettel-oder-Kugel-Rede“)

Dabei wußte er aber, daß man nicht warten kann, bis Faschisten und rassistische Terroristen einen selbst angreifen, um sich dann zu wehren. Deshalb schrieb er einen offenen Brief an Rockwell, den Chef der „Amerikanischen Nazi-Partei“, daß, wenn es noch weitere Übergriffe gegen Schwarze gebe, „Sie und Ihre Ku-Klux-Klan-Freunde maximale physische Vergeltung erfahren werden von denen, denen nicht durch die entwaffnende Philosophie der Gewaltlosigkeit die Hände gebunden sind, und die an die Ausübung unseres Rechts auf Selbstverteidigung glauben -mit allen notwendigen Mitteln.“ (24. Januar 1965) „Wir wollen den Klan zerstören. Zersprengt ihn, zerstört ihn, vertilgt ihn vom Erdboden. Und wir können das tun. Ihr seid in der Armee gewesen. Sie haben Euch alle diese Tricks beigebracht. Nun gut, gebraucht sie.“ (Rede vom 15. Februar 1965)

Er wußte auch, daß die Zerstörung rassistischer Terrororganisationen nicht reicht, daß besonders im Süden der Staatsapparat von brutalen Rassisten durchsetzt ist. „Wenn Ihr zu den Bullen in Alabama hinschaut, dann schaut Ihr zum Klan hin. Die sind der Klan.“ (15. Februar 1965) Aber trotz seiner radikalen Reden und Aufforderungen, die Kunst des Guerillakrieges zu studieren, riet Malcolm von praktischen Schritten in Richtung Guerilla in den USA ab. Stattdessen unternahm er erste Schritte, um sich aktiv an der Bürgerrechtsbewegung zu beteiligen. Es ging darum, möglichst große Massen in diese Kämpfe hineinzuziehen und ihnen beizubringen, sich dabei gegen Überfälle und Terrorakte der weißen Rassisten zu wehren. Der bewaffnete Schutz friedlicher Massenaktionen war gerade in einem Land wie den USA, wo sich oft auch Streikposten mit Waffen schützen mußten, der einzige Weg, revolutionäres Bewußtsein bei den schwarzen ArbeiterInnen zu entwickeln.

„Es kann keine Arbeiter-Solidarität geben, wenn es nicht erst etwas rassische Solidarität gibt“

Aber auch die größte Massenaktion der Schwarzen in den USA wäre noch die Aktion einer kleinen Minderheit. Deshalb versuchte Malcolm ja, die Bewegung in Amerika mit der „Dritten Welt“ zu verbinden: „wir sehen heute die weltweite Rebellion der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, der Ausgebeuteten gegen die Ausbeuter.“ (Malcolms letzte Rede, am 18. Februar 1965) Aber seitdem haben wir erfahren, daß die revolutionären Massen der „Dritten Welt“ zum Scheitern verurteilt sind, wenn die Macht des Imperialismus nicht auch in seinen Zentren gebrochen wird. Aber der Imperialismus hat einen solchen Machtapparat errichtet, daß nur die Masse der Lohnabhängigen organisiert, mit sozialistischem Programm und marxistischer Führung in der Lage ist, ihn aus den Angeln zu heben.

Das Verständnis, daß die westlichen Lohnabhängigen dazu in der Lage sind, ist leider wenig verbreitet. Auch Malcolm hatte es nicht. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen schwarzen und weißen ArbeiterInnen oft genug äußerst gespannt gewesen. Vor dem ersten Weltkrieg hatten Schwarze in der Industrie fast keine Chance. Die Drecksarbeit wurde von den EinwandererInnen aus Europa gemacht. Im ersten Weltkrieg versiegte dieser Einwanderungsstrom fast, danach wurde die Einwanderung stark begrenzt, weil man die EinwandererInnen des Kommunismus verdächtigte. Jetzt mußten die Schwarzen in die Betriebe gelassen werden. Aber die Gewerkschaften organisierten damals fast nur die privilegierten Facharbeiter, die „Arbeiteraristokratie“, viele Gewerkschaften verboten ausdrücklich Schwarzen die Mitgliedschaft. Gelegentlich gab es sogar Streiks gegen die Beschäftigung von Schwarzen. Die Unternehmer benutzten diese reaktionäre Haltung vieler Gewerkschaften nach Kräften, um die Schwarzen gegen die gesamte Gewerkschaftsbewegung aufzubringen und sie nach Kräften zum Streikbruch einzusetzen. Das brachte wiederum viele weiße Lohnabhängige gegen ihre schwarzen KollegInnen statt gegen ihre reaktionäre Gewerkschaftsführung auf.

Im Süden der USA war schon seit der Zeit der Sklaverei ein großer Teil der verarmten Weißen von den Sklavenbaronen gegen die Schwarzen aufgehetzt worden. Dieser „weiße Abschaum“ (Marx) war auch Jahrzehnte später noch ein williges Werkzeugs des Terrors gegen Schwarze, aber auch gegen linke GewerkschafterInnen oder KommunistInnen. Im Süden war das Lynchen eine Art „Volksbelustigung“, so wie man anderswo ins Kino gegangen wäre. Leo Trotzki sagte dazu 1933: „Neunundneunzig Prozent der amerikanischen Arbeiter sind Chauvinisten; in Bezug auf die Neger sind sie Henker, so wie sie es den Chinesen etc. gegenüber sind. (…) Der Neger kann nur zu einem Klassen-Gesichtspunkt entwickelt werden, wenn der weiße Arbeiter erzogen wird.“ Aber die meiste Zeit hat eine von den Kapitalisten korrumpierte Gewerkschaftsfühurng genau dem entgegengewirkt.

Aber eben nur die meiste Zeit. Es hat immer auch in Phasen der gesellschaftlichen Krise Versuche der ArbeiterInnenklasse gegeben, eine radikale Alternative zu den alten korrupten Gewerkschaften aufzubauen (z.B. Anfang des Jahrhunderts die IWW, in den Dreißiger Jahren die CIO). Und vor allem beim Aufbau und den ersten Kämpfen der CIO haben Schwarze einen großen Beitrag geleistet. Die Krisen des Kapitalismus erlauben es den Bossen nicht, die weißen Lohnabhängigen mit Angriffen zu verschonen. Dadurch haben sie immer wieder den von ihnen selbst sorgfältig geschürten Rassismus überwunden und weiße und schwarze KollegInnen zum gemeinsamen Kampf gezwungen.

Die andere Seite ist der bereits geschilderte Selbsthaß vieler Schwarzer aufgrund der jahrhundertelangen Gehirnwäsche. Das Bedürfnis, vor der eigenen Hautfarbe zu fliehen und sich den Weißen an den Hals zu werfen, wäre alles andere als eine tragfähige Grundlage für den Beitritt in eine sozialistische Organisation. Aber das war wohl nicht häufig, weil ein Schwarzer in den Augen der Weißen sich nur zum doppelten Paria gemacht hätte. Trotzdem steckte wohl hinter Malcolms Ansicht, daß es für die Vereinigung mit Weißen noch zu früh sei:

„Es kann keine schwarz-weiße Einheit geben, wenn es nicht erst schwarze Einheit gibt. Es kann keine Arbeiter-Solidarität geben, wenn es nicht erst etwas rassische Solidarität gibt. Wir können nicht daran denken, uns mit anderen zu vereinigen, wenn wir uns nicht erst untereinander geeinigt haben. Wir können nicht daran denken, für andere annehmbar zu sein, wenn wir uns nicht erst als annehmbar für uns selbst erwiesen haben.“ (aus der Presseerklärung vom 12. März 1964)

Eine revolutionäre Schwarzenorganisation kann eine sehr positive Rolle spielen, wenn sie Schwarzen hilft, sich von dem von den Weißen eingebläuten Selbsthaß zu befreien. Eine Organisation, die aber nach Art der Schwarzen Moslems umgedrehten Rassismus predigt, ist reaktionär, auch wenn sie noch so kämpferische Phrasen drischt. Eine sozialistische Gesellschaft und damit die Möglichkeit, jede Form von Unterdrückung und Diskriminierung zu beseitigen, kann nur erreicht werden durch den gemeinsamen Klassenkampf von Arbeitern und Jugendlichen unabhängig von Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht. Jede Organisation, die in Anspruch nimmt, fortschrittlich zu sein, muß sich daran messen lassen, ob sie eine Brücke zu diesem gemeinsamen Kampf darstellt oder neue Barrieren aufbaut.

Malcolms Ermordung

Die vielen Reisen, die Malcolm in seinem letzten Jahr unternahm, dienten auch seinem Schutz vor der „Nation des Islam“. Viele Leute, die die Organisation verlassen hatten, wurden zusammengeschlagen oder ermordet.

Im Februar reiste Malcolm noch einmal nach Europa. Am 8. war er in London, am nächsten Tag reiste er nach Paris, aber er mußte am Flughafen umkehren. Sein letzter Frankreichbesuch im November 1964 hatte schon dazu geführt, daß die Afro-AmerikanerInnen in Paris eine OAAU-Gruppe gründeten. Das versetzte die französische Regierung offensichtlich in Panik. Also reiste er wieder nach Großbritannien. Am 13. Februar kam er wieder in New York an.

Am nächsten Morgen um halb drei wurde sein Haus mit Molotow-Cocktails in Brand gesetzt. Malcolm war überzeugt, daß die Attentäter die Aufteilung der Räume gekannt und bewußt eine Brandbombe in das Schlafzimmer seiner Kinder geworfen hatten, die nur durch Zufall abprallte und vor dem Fenster liegen blieb. Am nächsten Tag (dem 15.) beschuldigte er die Schwarzen Moslems, für das Attentat verantwortlich zu sein. Die beschuldigten ihn, den Brand selber gelegt zu haben.

Am 21. Februar führte die OAAU mal wieder eine Veranstaltung in Harlemer Audubon-Ballsaal durch, bei der Malcolm das Aktionsprogramm der OAAU vorstellen wollte. Bevor die Rede begann, gerieten zwei Männer im Publikum in Streit. Die Ordner liefen hin, um zu schlichten und ließen die Rednertribüne ungeschützt. In einem anderen Teil des Raums wurde eine Rauchbombe gezündet, um die Verwirrung noch zu vergrößern. In dem so entstandenen Chaos zog plötzlich jemand eine Schrotflinte hervor und durchsiebte damit Malcolms Brust.

Einer der Attentäter, Talmadge Hayer, wurde angeschossen, noch am Tatort gefaßt und beinahe gelyncht. Er war ein ehemaliges Mitglied der „Nation des Islam“. Im Prozeß, der im Januar 1966 stattfand, wurde Hayer beschuldigt, einer der beiden Männer gewesen zu sein, die den „Streit“ inszeniert hatten. Der andere „Streiter“ und der Mann mit der Schrotflinte sollten zwei bekannte Mitglieder der „Nation des Islam“ gewesen sein. Mehr seien nicht beteiligt gewesen. Und die Rauchbombe?

Die beiden Mitangeklagten leugneten, überhaupt am Tatort gewesen zu sein, und hatten auch jede Menge Alibizeugen. Außerdem ist es fraglich, ob zwei bekannte Mitglieder der „Nation des Islam“ in den Raum gelassen worden wären. Von zehn Zeugen konnten sich nur drei an alle drei Angeklagten erinnern, von denen widerriefen zwei ihre Aussage und der Dritte erwies sich als psychisch gestört. Hayer sagte aus, er sei nicht von der „Nation des Islam“ mit dem Mord beauftragt worden und es seien vier andere beteiligt gewesen.

Diese und andere Unklarheiten verstärkten den Verdacht, daß nicht die Schwarzen Moslems, sondern die FBI den Mord organisiert habe. Und selbst wenn wirklich die „Nation des Islam“ den Mord durchgeführt hätte -sie war durch und durch von der Polizei infiltriert. Malcolm sagte kurz vor seiner Ermordung über seine Erfahrungen als „Nation des Islam“-Funktionär: „Ich wußte, daß die Moslem-Bewegung voll von Polizei war. Also glaubt nicht, daß irgend etwas stattfindet, von dem sie nichts wissen. Nur das findet statt, von dem sie wollen, daß es stattfindet, das was nicht stattfinden soll, das findet auch nicht statt.“ (Rede am 15. Februar 1965) Wenn die „Nation des Islam“ den Mord begangen hätte, wären die Vorbereitungen der FBI kaum verborgen geblieben. Und daß Malcolms Tod dem FBI in den Kram paßte, daran kann kein Zweifel bestehen.

 

Malcolms Tod löste beim Schwarzen Amerika große Betroffenheit aus. Zehntausende besuchten den aufgebahrten Leichnam. Über die Witwe und die Kinder ergoß sich eine Welle von Hilfsbereitschaft. Seine beiden Organisationen aber, die nie wirklich in Fahrt gekommen waren, brachen nach seinem Tod zusammen.

Trotzdem ist Malcolm nicht gescheitert. Der US-Kapitalismus hat ihn wie Millionen Schwarze vor ihm und nach ihm, wie Millionen Angehörige anderer Minderheiten, wie Millionen verelendete weiße ArbeiterInnen in die Gosse gedrückt. Er hat es geschafft, sich aus dieser Gosse hervorzuarbeiten und anderem bei ihrem Kampf für ein menschenwürdigeres Leben zu helfen. Er hat in diesem Kampf die Welt (mit) verändert und auch sich selbst. Gerade in seinem letzten Lebensjahr hat er viel Ballast abgeworfen. Auch wenn er nicht Marxist wurde, er war auf dem Weg dorthin.

Anders als viele Führer der Schwarzenbewegung (oder der ArbeiterInnenbewegung) hat er sich von niemandem korrumpieren lassen, weder von Elijah Muhammad noch von irgendwelchen Ölscheichs, geschweigedenn von den Herrschenden der USA. All das hat ihn für die Herrschenden der USA so gefährlich gemacht, daß er aus dem Weg geräumt werden mußte. Seine Ermordung ist der beste Beweis, daß er auf dem richtigen Weg war.

Aber der tote Malcolm war für die herrschende Klasse fast so gefährlich wie der lebende, weil er zum Idol wurde für ungezählte schwarze Jugendliche, die seine revolutionären Ideen aufgriffen, weiterentwickelten und in die Tat umzusetzen versuchten. Der bedeutendste dieser Versuche wurde von einer Gruppe junger Schwarzer in Oakland in Kalifornien begonnen.

 

IV. Malcolms Ideen in die Tat umgesetzt – Die Black Panther Party

„Als 1965 Malcolm X getötet worden war, lief ich die Straße hinunter. Ich ging zum Haus meiner Mutter und holte sechs lose rote Ziegelsteine aus dem Garten. Dann lief ich an die Ecke und brach die Dinger mittendurch. Ich wollte so viele Würfe wie möglich haben – an diesem Tag als Malcolm getötet wurde. Jedesmal, wenn ich einen Weißen in seinem Wagen vorbeifahren sah, hob ich einen halben Ziegelstein auf und warf damit nach den Schuften. (…) Ich fand, mehr könnte ich nicht tun. An dem Tag war ich bereit zu sterben. (…) Damals ging eine große Veränderung mit mir vor. Die anderen haben das nie verstanden.“

Bobby Seale: „Ergreife die Zeit. Die Geschichte der Black Panther Party und von Huey P. Newton“

Bruch mit dem Kulturnationalismus

Malcolm hatte verstanden, daß es nicht möglich ist, aus der weißen Gesellschaft einen selbstbestimmten schwarzen Freiraum abzutrennen, gleichgültig, ob man ihn als eigenen Staat denkt oder nur als eigene Schulen, Kultureinrichtungen, Betriebe etc. Deshalb trat er am Schluß seines Lebens für eine weltweite Revolution und den Sozialismus ein. Er hatte erkannt, daß auch die Weiße Gesellschaft gründlich verändert werden muß.

Aber viele Schwarze, die vor dem langen, mühsamen Kampf für den Sozialismus zurückschreckten, zogen den scheinbar einfacheren, in Wirklichkeit aber ungangbaren Weg vor. Diese Leute wurden meist „Kulturnationalisten“ genannt. Später stützten sie sich auch auf einzelne Ideen von Malcolm, aber ohne seinen Antikapitalismus und ohne die Idee der Selbstverteidigung. Besonders an den Colleges waren diese Ideen stark.

Aber es gab immer wieder Leute, die begriffen, daß ein schwarzer Kapitalist genauso ein Ausbeuter ist wie ein weißer. Auch das Ausweichen vor Konflikten konnte viele Ghetto-Jugendliche, die es hatten lernen müssen, sich ihrer Haut zu wehren und sich mit anderen zu prügeln, nicht auf Dauer überzeugen.

Einer dieser jungen Männer war Huey P. Newton. Wie Malcolm viele Jahre früher war er in der Schule von seinem rassistischen Beratungslehrer nach Kräften demotiviert worden. Er sei fürs College nicht geeignet etc. Aber anders als Malcolm studierte er aus Trotz umso intensive, ohne dabei den Kontakt zu den Ghetto-Jugendlichen zu verlieren, mit denen er groß geworden war. Schon bald war er am Meritt College in Oakland berühmt und berüchtigt, weil er bei politischen Diskussionen die anderen in Grund und Boden redete.

Gründung der Black Panther Party

Ein Mitstudent von ihm namens Bobby Seale stammte ebenfalls aus ärmlichen Verhältnissen. gemeinsam beschäftigten sie sich mit der afrikanischen Revolution der vergangenen Jahre und fanden schließlich, daß sie politisch was machen müßten. So gründeten sie im Oktober 1966 die Black Panther Party (Schwarze-Panther-Partei). Sie stellte in mehreren Punkten einen Fortschritt gegenüber den bisher vorherrschenden Schwarzenorganisationen dar. Einmal weil sie nicht als losen, mehr oder weniger unverbindliches Bündnis konzipiert war, sondern als schlagkräftige Organisation. Seale wurde Vorsitzender, Newton „Verteidigungsminister und Anführer“ der Partei.

Außerdem war das Programm von Anfang an sozialistisch ausgerichtet. Die Forderungen knüpften an den unmittelbaren Bedürfnissen der Ghetto-Bevölkerung an (Selbstbestimmung, Vollbeschäftigung, menschenwürdige Wohnungen, Ende der Polizeibrutalität etc.). Es wurde aber dazugesagt, daß, wenn der US-Kapitalismus unfähig ist, sie zu erfüllen, daß dann „die Produktionsmittel den Geschäftsleuten genommen und dem Volk übergeben werden“ sollten. Die Black Panther Party hatte also von Anfang an klarere Vorstellungen als Malcolm, wie eine sozialistische Gesellschaft beschaffen sein muß.

Sie sagten, daß der Gegensatz nicht zwischen Schwarzen und Weißen besteht, sondern zwischen dem Volk und den Machthabern, der herrschenden Klasse. Dabei seien die Schwarzen aber „ein Volk innerhalb des Volkes“. Den schwarzen Rassismus überließen sie der schwarzen Oberschicht. „Wir bekämpfen den ausbeuterischen Kapitalismus nicht mit einem Kapitalismus der Schwarzen, sondern wir bekämpfen den Kapitalismus wesentlich durch Sozialismus. Wir bekämpfen den Imperialismus nicht mit einem noch größeren Imperialismus, sondern wir bekämpfen den Imperialismus durch proletarischen Internationalismus. (…) Die Menschen aller Farben in der Arbeiterklasse müssen sich gegen die ausbeuterische, bedrückende herrschende Klasse zusammentun. Um es noch einmal zu betonen: Wir meinen, daß unser Kampf ein Klassenkampf ist, aber kein Rassenkampf.“ (Seale)

Schwarze mit Gewehren

Die Partei hieß ursprünglich „Schwarze-Panter-Partei zur Selbstverteidigung“ (Black Panther Party for Self-Defense). Damit ist ein zentraler Punkt ihres Programms und ihrer praktischen Arbeit auch angesprochen. Newton, Seale und ihre zunächst wenigen Anhänger begannen zunächst damit, daß sie einfach in der Öffentlichkeit Gewehre trugen. Ihren verwunderten Mitmenschen erklärten sie dann, daß es jetzt eine neue Partei gibt, daß sie die Interessen der Schwarzen vertritt und dafür kämpft, daß diese Forderungen Realität werden. Diese Haltung imponierte vielen Ghetto-Jugendlichen und sie schlossen sich der Partei an.

Die Polizei versuchte natürlich nach Kräften, die Partei zu behindern. Aber das war schwierig, weil die Panther sich die kalifornischen Waffengesetze reingezogen hatten und sich penibel daran hielten. Was tun die Herrschenden, wenn die Massen beginnen, von ihren Rechten in ihrem eigenen Interesse Gebrauch zu machen? Sie schaffen sie ab. Das versuchte auch das kalifornische Parlament in Sacramento.

Also fuhren am 2. Mai 1967 30 Panther nach Sacramento, 20 davon bewaffnet, um sich die Parlamentsdebatte über die Änderung der Waffengesetze anzuschauen. Das führte zu einigen Tumulten im Parlamentsgebäude, vor allem durch die Journalisten, die bei einer solchen Sensation ganz aus dem Häuschen waren. Dieses Ereignis machte die Partei weltweit bekannt. Die Partei wuchs weiter. Es entstanden Gruppen in anderen Orten, eine Parteizeitung wurde ins Leben gerufen.

Staatlicher Terror

Der Erfolg der Partei führte schon bald zu massiven Unterdrückungsversuchen des Staatsapparats. Am 28. Oktober wurde Huey bei einem Schußwechsel schwer verwundet und verhaftet. Am 6. April 1968 kam es zu einem weiterem Überfall der Polizei auf führende Panther-Aktivisten. Sie wurden erst in ein Haus gedrängt, dann wurde Bobby Hutton, der mit erhobenen Händen aus dem Haus herauskam, kaltblütig von den Polizisten abgeknallt. Insgesamt sind 39 Panther von Polizisten ermordet worden.

Trotz des Terrors versuchten die Panther, die Bevölkerung der Ghettos von spontanen Aufständen abzuhalten. Das würde nur den sinnlosen Tod von weiteren Dutzenden Schwarzen zur Folge haben. Sie riefen die Leute auf, sich zu organisieren und sich ihrem Kampf anzuschließen.

Aber nicht nur durch Mord versuchte der Staatsapparat die Panther auszuschalten. Hunderte von AktivistInnen wurden in die Gefängnisse geschmissen. In den Gerichtsverhandlungen mußte dann regelmäßig ein Großteil der Anklagen fallengelassen werden. Aber auch das nützte nicht viel. Die Gefangenen wurden Symbolfiguren der Bewegung, politische Märtyrer. die Kampagnen für ihre Freilassung für die Aufbringung ihrer Gerichtskosten etc. wurden zum Hebel, die Panther weiter aufzubauen.

Als Newton ins Gefängnis kam, gab es 75 Panther in zwei Gruppen. Als er 1971 wieder freigelassen werden mußte gab es 45 Gruppen mit 5000 Panthern. Die Parteizeitung kletterte auf eine Auflage von 125.000, es gab Parteizellen unter den Soldaten, die im Vietnamkrieg für das Wohl des US-Imperialismus morden und krepieren durften, es entstanden Parteigruppen in einzelnen Gewerkschaftsgliederungen.

Lohnabhängige oder Lumpenproletariat?

Obwohl die Black Panther Party einen gewaltigen Fortschritt im Befreiungskampf der Schwarzen Amerikas darstellte, hatte sie doch politische Schwächen. Obwohl in der Propaganda der Partei von „Proletariat“ und „proletarischem Internationalismus“ die Rede war, war sie doch ideologisch stark durch die Bauernrevolutionen in China und Kuba geprägt. In beiden Revolutionen hatten die LohnarbeiterInnen aus bestimmten historischen Gründen eine untergeordnete Rolle gespielt. Der Preis dafür war, daß in beiden Ländern zwar der Kapitalismus beseitigt wurde, aber keine sozialistische Demokratie, sondern eine bürokratische Diktatur nach sowjetischem Vorbild entstand.

Die Panther versuchten gewissermaßen das Prinzip der Bauernguerilla zu imitieren: eine kleine Organisation startet radikale Aktionen und hofft, daß sich die Massen ihnen anschließen. Newton schrieb dazu im Rückblick: „Wir wurden als eine improvisierte militärische Gruppe angesehen, die außerhalb der Struktur der [schwarzen] Wohngemeinde tätig war und zu radikal war, um ein Teil von ihm zu sein. Wir sahen uns als revolutionäre „Avantgarde“ und haben nicht voll verstanden, daß nur das Volk die Revolution schaffen kann.“ Der elitäre Charakter der Organisation zeigte sich auch darin, daß überhaupt nur hauptamtliche ParteimitarbeiterInnen als Mitglieder gezählt wurden.

Folgerichtig orientierten sie sich auf die Schicht, die am ehesten für diese Taktik empfänglich war, das „Lumpenproletariat“: entwurzelte Jugendliche, Kleinkriminelle ohne Verbindung zum gesellschaftlichen Produktionsprozeß. Diese Orientierung wurde gerechtfertigt durch eine falsche Analyse der Klassenverhältnisse in den USA: Die Partei ließ sich durch die in der amerikanischen Geschichte vorherrschende Orientierung der Gewerkschaftsbewegung auf die privilegierten, dauerhaft beschäftigten Facharbeiter dazu verleiten, diese Oberschicht der ArbeiterInnenklasse mit der ganzen Klasse gleichzusetzen. Der Sprachgebrauch der Partei in dieser Frage war nicht eindeutig, aber das war die vorherrschende Tendenz. Deshalb war in der Propaganda auch so oft von „Volk“ statt von „Proletariat“ die Rede.

Ungelernte ArbeiterInnen, unregelmäßig Beschäftigte, Arbeitslose gehören sehr wohl zum Proletariat, so lange sie nicht so weit aus dem Arbeitsprozeß herausgedrängt sind, daß sie gar nicht mehr richtig arbeiten könnten, selbst wenn sie die Gelegenheit erhielten. Die Folgerung aus der Fehlinterpretation der Klassenbeziehungen war, daß der Klassenkampf hauptsächlich auf der Straße, statt in den Betrieben stattfinden müsse. Eine solche Gegenüberstellung ist mechanisch und falsch.

Ein einfaches Beispiel: wenn qualifizierte FacharbeiterInnen streiken, können sie oft nicht durch Streikbrecher ersetzt werden. Die Gefahr wäre groß, daß die nur die teuren Maschinen schrotten. Anders bei ungelernten ArbeiterInnen. Deshalb brauchen die dringend wirksame Streikposten, wenn sie eine Chance haben wollen. Bei einer solchen Streiktaktik sind aber Konfrontationen mit der Polizei vorprogrammiert, in den USA noch mehr als in der BRD. Ein konsequenter gewerkschaftlicher Kampf muß sich deshalb politisieren, der betriebliche Kampf sich auf die Straße ausdehnen.

Die am meisten unterdrückten Schichten des Proletariats sind oft politisch apathisch oder gar konservativ. Wenn sie aber zu politischem Bewußtsein erwachen, sind sie normalerweise der kämpferischste, revolutionäre Teil der Klasse. Deshalb haben revolutionäre MarxistInnen wie Trotzki immer wieder auf die Bedeutung dieser Schichten hingewiesen. Z. B. 1935 schrieb Trotzki: „Eine wirklich revolutionäre Tendenz, die ihre Zukunft sichern will, darf nie Fragen vernachlässigen, die entweder junge Menschen oder Frauen oder unterdrückte Völker betreffen“

Folgen der falschen Orientierung

Die Panther haben das Menschenmögliche geleistet, um dem Lumpenproletariat politisches Bewußtsein und Disziplin beizubringen. Aber das reichte nicht. Viele kamen in die Partei, weil sie gern mit einem Gewehr rumhantierten, weil sie es schick fanden, in der Parteiuniform rumzulaufen, um mit der Mitgliedschaft anzugeben oder um sich an die weiblichen Mitglieder ranzumachen.

Noch schlimmer waren die, die versuchten, unter dem Mantel der Partei sich als Kriminelle zu betätigen. Der Kampf gegen diese Eindringlinge führte dann zu innerparteilichen Spannungen. Ehrliche, aber eben lumpenproletarische Mitglieder verstanden nicht, daß die Partei für Mitglieder, die nachweislich bei ordinärem Raub gefaßt wurden, keine Kaution bezahlen wollte, um sie freizukriegen.

Auch die Aufstellung von Verhaltensrichtlinien Anfang 1969 und die Ausschlüsse von Leuten, die sie nicht befolgten, und von Polizeispitzeln schuf böses Blut. Außerdem führte es zu einem teilweise etwas despotischen Vorgehen der Parteiführung. 1969 wurde insgesamt etwa 1000 Mitglieder ausgeschlossen, darunter ganze Stadtorganisationen. Einige der Ausgeschlossenen rächten sich, indem sie die Partei nach Kräften mit Dreck bewarfen, in Enthüllungsbüchern, in Gerichtsverfahren oder vor Parlamentsausschüssen.

Die Ausschlüsse waren einer der Gründe, daß es zu wachsenden Spannungen kam. Hauptgegner der kalifornischen Parteiführung waren die New Yorker Parteiorganisation und die Exilleitung in Algier. Sie bestand aus Mitglieder, die wegen des wachsenden staatlichen Terrors emigriert waren. Ihr Leiter war Eldridge Cleaver, früher eine Art „Chefideologe“ der Partei, aber durch die Isolation, die das Exil mit sich brachte, geriet er politisch auf Abwege.

Im August 1970 kam Newton aus dem Knast und versuchte, den Laden wieder in Ordnung zu bringen. Das brachte den Konflikt zum Ausbruch. Im Frühjahr kam es zur Spaltung. Der organisatorische Konflikt war begleitet von zunehmenden Meinungsverschiedenheiten über die Strategie. Cleaver bewegte sich Richtung Terrorismus (zumindest in Worten), Newton entdeckte, daß der „schwarze Kapitalismus“ doch nicht so negativ sei.

Die Parteiarbeit hatte nie nur aus Waffentragen und Zeitungsverkauf bestanden. Es hatte immer auch soziale Programme in den schwarzen Wohngemeinden gegeben, z.B. ein Frühstücksprogramm für Kinder; später wurden Gesundheitsstationen, Rechtshilfe oder Bekleidungsprogramme begonnen. Diese Programme wurden verwendet, um die Bevölkerung politisch zu mobilisieren. Es wurden dabei z. B. Schritte zur Vergesellschaftung der Kindererziehung und Hausarbeit unternommen, um Frauen eine wirklich gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und an den Aktivitäten der Partei zu ermöglichen. Auf der anderen Seite war aber in der Partei die Ideologie weit verbreitet, daß weibliche Mitglieder mit den Genossen schlafen müssen, die das wollen. Auch wenn einzelne Führungsmitglieder solchen Vorstellungen energisch entgegentraten, herrschte insgesamt in der Partei ein ziemlich sexistisches Klima.

Die negative Seite war von Anfang an, daß die Partei sich bei diesen Programmen von den Spenden der schwarzen Kleinkapitalisten in der schwarzen Wohngemeinde abhängig machte. Auch wenn der Spendenbereitschaft gelegentlich durch Boykottdrohungen nachgeholfen wurde, entstand doch eine Abhängigkeitsbeziehung. Sie führte dazu, daß entgegen den ideologischen Verlautbarungen die schwarzen Kapitalisten in einem immer rosigeren Licht gesehen wurden.

Auch hier wirkten sich die stalinistischen Vorurteile der Parteiführung negativ aus. Nach stalinistischer Ideologie bestehen zwischen Großkonzernen und kleineren Kapitalisten solche Interessengegensätze, daß es für die ArbeiterInnen möglich ist mit den Kleinkapitalisten, dem angeblich fortschrittlichen Teil des Bürgertums, ein Bündnis, eine „Volksfront“ zu schließen. Solche Bündnisse haben in gesellschaftlichen Krisen dazu geführt, daß der bürgerliche Bündnispartner das Proletariat am effektiven Kampf für eine sozialistische Gesellschaft gehindert hat, die gesellschaftlichen Probleme sich verschärft haben und das verzweifelte Klein- und Mittelbürgertum sich den Faschisten in die Arme geworfen hat.

Da die kapitalistische Krise auch kleine Kapitalisten ruiniert, können einzelne von ihnen für den Sozialismus gewonnen werden (ebenso wie in der französischen Revolution ruinierte Feudalherren für den Kapitalismus kämpften). Aber das ist nur möglich durch den entschlossenen Kampf für eine sozialistische Gesellschaft, nicht durch das Bündnis mit Individuen und Personen, die den Kapitalismus retten wollen.

Jetzt wurden Sozialprogramme zu einem der Schwerpunkte der Arbeit. Der andere Schwerpunkt war die Beteiligung an Wahlen. Im April 1973 kandidierte Bobby Seale für den Posten des Bürgermeisters von Oakland. Im ersten Wahlgang kam er auf Platz zwei hinter dem republikanischen Amtsinhaber, in der Stichwahl unterlag er knapp.

Aber die harten Jahre des Kampfes und Gefängnisaufenthalte hatten bei Bobby und Huey ihre Spuren hinterlassen. Beide waren deutlich müde und ausgebrannt. Bobby verabschiedete sich im Sommer 1974 für Jahre von der Politik, Huey bekam Probleme mit Drogen, war in mehrere gewalttätige Zwischenfälle verwickelt und stand plötzlich unter der Anklage, eine Prostituierte ermordet zu haben. Im November 1974 verschwand er, kam 1977 zurück und wurde nach zwei Jahren freigesprochen. Trotzdem fiel er in den Teufelskreis der Selbstzerstörung zurück, der in den Schwarzen-Ghettos heute schlimmer wütet als zu den Zeiten der Black Panther Party. Am 22. August 1989 wurde er von einem Drogenhändler erschossen.

Nach dem Ausscheiden von Newton und Seale wurde Elaine Brown Vorsitzende. Die Entwicklung zu einer Wohlfahrtseinrichtung, die sich gelegentlich an Wahlen beteiligt, setzte sich fort.

Malcolm X. hat erklärt und die Black Panther Party hat gezeigt, daß Schwarze nicht wehrlos den Terror der weißen Rassisten in Ku-Klux-Klan und Polizei zu ertragen brauchen. Bei all ihren Schwächen und Fehlern hat das Millionen Schwarzen bei der Entwicklung eines neuen Selbstbewußtseins und oft auch eines revolutionären Bewußtseins geholfen. In einer Umfrage 1970 bezeichneten sich 9% der befragten Schwarzen (das entspricht über zwei Millionen) als Revolutionäre. 59% hielten gewaltsamen Widerstand als äußerstes Mittel für legitim. 63% glaubten, daß das amerikanische System durch und durch korrupt sei und völlig neu gestaltet werden müsse.

Auch wenn der großartige Kampf der Black Panther Party letztlich versandet ist, ist es umso wichtiger, daß wir aus ihm lernen, aus den Erfolgen ebenso wie aus den Fehlern der Partei. Die wichtigste Lehre ist, daß der Kampf für eine sozialistische Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist, wenn es nicht gelingt, die organisierte ArbeiterInnenbewegung für ihn zu gewinnen.