Militarismus und patriarchale Gewalt Hand in Hand

Neben Zwang setzt der Kapitalismus auch darauf, Zustimmung zu militaristischen und patriarchalischen Normen zu erzeugen. Durch Medien, Bildung, politische Rhetorik und kulturelle Botschaften normalisiert er die Vorstellung, dass die Verteidigung der Nation eine Pflicht sei. Gehorsam, Opferbereitschaft und Konformität werden nicht als von oben erzwungen dargestellt, sondern als gemeinsame Werte zum Schutz der Gesellschaft vor äußeren und inneren Feinden, damit der Militarismus von der Bevölkerung akzeptiert oder zumindest toleriert wird.

Von Alex Vasallo, Bremen

Der Kulturkampf gegen Frauen, Queers und Transpersonen ist kein simples Ablenkungsmanöver. Auf diese Weise sichert sich der Staat sowohl perspektivisch die Arbeitskräfte für den Krieg als auch die ideologische Zustimmung, die zur Herausbildung einer militarisierten Gesellschaft notwendig ist. Dort, wo die extreme Rechte bereits regiert, werden auch traditionelle Geschlechterrollen propagandistisch und mit staatlicher Gewalt durchgesetzt, wenn zum Beispiel Trump trans-Sein mit „Extremismus” gleichsetzt und alle Transpersonen zu Feind*innen der Nation erklärt.

Häusliche Gewalt und Femizide

Krisen und Militarisierung gehen einher mit steigender häuslicher Gewalt und Femiziden. Es ist die Konsequenz der imperialistischen Notwendigkeit von patriarchaler Ordnung, Kontrolle und Herrschaft.

In Deutschland wurden 2024 über 126 Frauen von Partnern oder Ex-Partnern getötet, 2023 wurden mehr als 180.000 Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen und Mädchen gemeldet (laut Bundeskriminalamt). Die tatsächlichen Zahlen sind vermutlich deutlich höher, da viele Frauen nicht in der Lage sind, Hilfe zu suchen oder Vorfälle zu melden.

Während Milliarden in die Bundeswehr fließen und Unternehmen wie Rheinmetall Rekordgewinne erzielen, bleiben Frauenhäuser unterfinanziert, der soziale Wohnungsbau schrumpft und Pflegekräfte, überwiegend Frauen, sind bis zur Erschöpfung ausgelastet.

Bereits jetzt muss die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG e.V.) 400 Schutzsuchenden pro Monat die Hilfe verweigern – diese Situation wird sich nicht nur in Berlin, sondern deutschlandweit verschärfen. Der Staat findet immer Geld für das Militär, aber nicht für soziale Schutzstrukturen.

Der politische und mediale Diskurs glorifiziert zunehmend die Militarisierung – den Ruf nach „nationaler Verteidigung”, die Idealisierung von Soldaten, das Lob von „Disziplin” und „Opferbereitschaft”. Diese Ideologie sickert in den Alltag ein, verstärkt traditionelle Geschlechterrollen. Indem der Staat militärische Gewalt normalisiert und den Krieg vorbereitet,  erhöht er das Risiko patriarchaler Gewalt im Haushalt.

Die wachsende Präsenz der rechtsextremen AfD und anderer reaktionärer Kräfte verstärkt diesen Trend. Sie nutzen Ängste vor sozialem Abstieg und demografischem Wandel als Waffe, um eine Ideologie der traditionellen Familie zu propagieren, die Frauen auf ihre Rolle als Mütter und Betreuerinnen reduziert, während Feminismus als Bedrohung für die Nation angeprangert wird. In diesem Klima wird „eine harte Hand” gegen Frauen normalisiert.

Im kapitalistischen Krisenmodus wird patriarchale Gewalt zu einer ideologischen Waffe. Sie reproduziert die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und lenkt Angst und Wut von der herrschenden Klasse weg und hin zu Frauen, Migrant*innen und queeren Menschen.

Globale Militarisierung, globales Patriarchat

In den letzten drei Jahren gab es sowohl weltweite Rekordausgaben für Rüstung als auch zunehmenden Autoritarismus und Rückschläge für die Rechte von Frauen und queeren Menschen.

Nirgendwo ist der Zusammenhang zwischen Krieg und patriarchaler Gewalt deutlicher geworden als in den letzten zwei Jahren des Genozids gegen das palästinensische Volk. In Gaza sind Frauen katastrophalen Vertreibungen und gezielter, auch sexueller Gewalt ausgesetzt, während Israel – trotz Waffenstillstand – die Angriffe fortsetzt. Laut UN Women sind über 70% der Vertriebenen aus Gaza Frauen und Kinder, und die Zahl der Todesfälle von Müttern ist aufgrund des Zusammenbruchs der medizinischen Infrastruktur sprunghaft angestiegen.

In der Ukraine zeigen Berichte der Organisation der Vereinten Nationen für sexuelle und reproduktive Gesundheit (UNFPA) einen starken Anstieg von häuslicher Gewalt seit 2022. Zurückkehrende Soldaten, die mit Traumata und psychischen Krisen zu kämpfen haben, Ausgangssperren und Luftalarme, die Frauen in potenziell gewalttätigen Haushalten einsperren, sowie steigende Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Unsicherheit verstärken die patriarchale Gewalt. Vertriebene Frauen sind in überfüllten Unterkünften ohne Privatsphäre weiteren Risiken ausgesetzt, während Stromausfälle und Angriffe auf die Energieinfrastruktur öffentliche Räume und Verkehrsmittel gefährlicher machen.

In Russland und China fördern die Regime aktiv „traditionelle Familienwerte” als Teil ihres ideologischen Arsenals und unterdrücken feministische und LGBTQ+-Bewegungen als „westliche Degeneration”.

In Kongo dokumentieren UN-Berichte weit verbreitete sexualisierte Gewalt. Im Sudan sind Frauen von Massenentführungen und sexueller Sklaverei betroffen und in Afghanistan schließt die theokratische Diktatur der Taliban Frauen mit Gewalt aus Bildung, Arbeit und öffentlichem Leben aus.

Sozialistische Feminist*innen gegen Krieg

Während sich die herrschende Klasse für den Krieg rüstet, müssen wir mit internationalem Klassenkampf reagieren.

Der Kampf gegen patriarchale Gewalt ist untrennbar mit dem Kampf gegen Militarismus verbunden. Beide dienen demselben System, das von Ausbeutung, Hierarchie und Angst profitiert. Sozialistische Feminist*innen fordern ein Ende von Imperialismus, Autoritarismus und wirtschaftlicher Unterdrückung und setzen sich gleichzeitig für Frauen- und LGBTQ+-Befreiung, Arbeiter*innenrechte, Wohnraum und öffentliche Dienstleistungen ein.

Die Geschichte zeigt, was kollektiver Kampf bewirken kann: In den ersten Jahren der Russischen Revolution nach 1917 erkämpften Frauen Wahlrecht, Abtreibungsrechte, Kinderbetreuung und gleiche Bezahlung. Von Gaza über Berlin bis Teheran und Kiew leisten Frauen Widerstand gegen Militarismus und patriarchale Kontrolle. Sozialistischer Feminismus bedeutet, an der Seite all jener zu stehen, die sich weigern, Kanonenfutter zu sein oder die Last der Ausbeutung zu tragen – zu kämpfen für eine Gesellschaft, die auf kollektivem Eigentum und demokratischer Planung basiert und sowohl imperialistischen Krieg als auch patriarchale Gewalt beendet. Nur durch den vereinten Kampf der Arbeiter*innenklasse können wir die materiellen und sozialen Grundlagen für eine befreite Welt schaffen.

 

Manosphere und Soldatentum
Die neue Front patriarchaler Gewalt ist digital. Auf Youtube, TikTok und X verbreitet die „Manosphere” („männlicher Lebensraum”), ein Netzwerk misogyner Influencer und Rechtsextremer, hasserfüllte Ideologien an Millionen junger Männer. Persönlichkeiten wie Andrew Tate und Myron Gaines predigen Dominanz, Anspruchshaltung und Verachtung gegenüber Frauen – eng verknüpft mit den militaristischen Zielen der herrschenden Klasse. Tech-Milliardäre lassen die Frauenfeinde gewähren.
Manosphere-Inhalte erreichen Milliarden von Views und dienen als Rekrutierungsportal für rechtsextreme Bewegungen. Sie verbinden Frauenfeindlichkeit mit militarisiertem Nationalismus und vermitteln die Botschaft, dass „echte Männer“ Frauen kontrollieren und ihre Nation mit Gewalt verteidigen.
Die Manosphere ist nicht nur Gerede. Sie ist ein kultureller Arm des patriarchalen Kapitalismus. Sie profitiert von Wut und Frustration, verkauft toxische Männlichkeit als Identität und legitimiert autoritäre Politik. Das Ergebnis ist eine Generation, die sowohl in Bezug auf geschlechtsspezifische Gewalt als auch Militarismus radikalisiert wird – die „perfekten” Soldaten.

 

 

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