Die Zeit drängt
[Druckversion] Thema: Bosch-Siemens: Hausgeräte-Werk Berlin-Spandau, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 28.08.2006
Kampf um die Arbeitsplätze bei Bosch-Siemens in Berlin
Die Beschäftigten des Bosch-Siemens-Hausgerätewerkes in Berlin kämpfen
gegen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze. Die Produktion soll bis zum
nächsten Jahr stillgelegt werden. Am 24. August demonstrierten rund 800
Kolleginnen und Kollegen vor der Berliner Siemens-Verwaltung. Die
Vertrauensleute des Siemens-Schaltwerkes nahmen auch an der
Demonstration teil.
Im Frühjahr 2005 konnte die geplante Schließung des
Bosch-Siemens-Hausgerätewerkes in Berlin-Spandau durch den Widerstand
der Beschäftigten verhindert werden. Die Unternehmensleitung hatte sich
jedoch auf die zweite Runde dieses Kampfes gründlich vorbereitet. Das
ganze Jahr 2006 über wurde Mehrarbeit geleistet und Samstag-Schichten
gefahren. Die Beschäftigten in der Produktion haben 22 Freischichten
angehäuft, so dass BSH Spielraum hat, um Proteste und einen Arbeitskampf
leichter auszuhalten.
Anfang August 2006 hat die Firmenleitung erneut verkündet, die
Produktion am Standort Spandau stilllegen zu wollen. Angeblich war sie
bereit zu verhandeln, eine teilweise Fortführung des Betriebes zu
ermöglichen, wenn die Mehrkosten im Vergleich zur Schließung 10
Millionen Euro jährlich nicht überschreiten würden. Wohlgemerkt, hierbei
geht es nicht um Verlust, sondern um 10 Millionen weniger Profit. BSH
insgesamt hat 2004 über 500 Millionen Euro Profit erzielt.
Nie ernsthaft verhandelt
Betriebsrat und IG Metall haben sich auf Verhandlungen eingelassen und
Lohnverzicht in Höhe von 26,5% der Lohnkosten (Angabe der IGM) bei
gleichzeitiger Reduzierung der Belegschaft angeboten. Nach ihren
Berechnungen wäre dadurch die 10-Millionen-Marke erreicht worden. Sie
rechneten dem Unternehmen sogar vor, dass eine Schließung wegen der
Einmalkosten (Abfindungen, Abriss der Hallen) teurer wäre. Die
Vorstellung, betriebswirtschaftlich schlauer sein zu können als die
Kapitalisten ist allerdings illusorisch. Nicht die Summe der Kosten
zählt für die Aktionäre, sondern die Rendite-Erwartungen. Das
Unternehmen setzt auf die Schließung des gewerkschaftlich gut
organisierten und kampferfahrenen Betriebes in Berlin und auf den Erhalt
der modernen Werke in Türkei, Polen und Spanien. Das ist im Sinne der
Aktionäre richtig – und steht im Gegensatz zu den Interessen der
Beschäftigten.
Die Firmenleitung will das Werk schließen, am liebsten kurzfristig und
brutal. Aber die Schließung per Zwischenschritt mit einer halbierten
Belegschaft, die auf große Teile ihres Lohns verzichtet ist eine weitere
Option, die gewählt werden könnte, um per Mitnahmeeffekt öffentliche
Subventionen zu kassieren oder politischen Druck aus der
Auseinandersetzung zu nehmen. Ernsthaft verhandeln wollte die
Firmenleitung nie. Sie nutzte die Verhandlungen nur, um den Eindruck zu
vermitteln, Betriebsrat und IG Metall wären am Scheitern Schuld.
BR-Vorsitzender Güngör Demirci sagte auf der Betriebsversammlung am
22.8., man hätte bewusst darauf gesetzt, der Firmenleitung entgegen zu
kommen und auf Protestaktionen verzichtet. Der BR hätte Zugeständnisse
angeboten, die vor Jahren undenkbar gewesen wären. Er beschrieb dies als
notwendig, damit der BR nicht als kompromisslos dargestellt werden
könne. IGM-Bezirksleiter Höbel meinte „... am Ende darf sich hier keine
Seite vorwerfen lassen, nicht alles für den Erhalt der Arbeitsplätze
getan zu haben ...“.
Dieses Vorgehen hat die Position der Beschäftigten geschwächt. Die
bürgerlichen Medien haben ohnehin die Version der Firmenleitung
übernommen. Das kann nur durch die eigene Öffentlichkeitsarbeit von BR
und IGM konterkariert werden, die allerdings bisher nicht stattgefunden
hat, weil man um des lieben Friedens willen der Geschäftsleitung
entgegen gekommen ist. Die Zustimmung des BR zu Überstunden und
Sonderschichten hat der Firmenleitung ermöglicht, sich auf einen
Arbeitskampf vorzubereiten. Der Lohnverzicht schafft Unklarheit bei den
Beschäftigen und schwächt den Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze.
Kollegen fragen sich: Lohnt es sich unter solchen Umständen weiter dort
zu arbeiten? Soll man nicht lieber die Abfindung nehmen?
Die Zeit drängt
Schon ist Zeit verloren worden. Am 31.8. wird entschieden, ob dem Antrag
der Firmenleitung, ein Einigungsstellenverfahren mit dem Inhalt
„Betriebsschließung und Sozialplan“ zu eröffnen, stattgebeben wird.
Innerhalb weniger Wochen würde dann die Einigungsstelle die Zulässigkeit
der Schließung abnicken und die Höhe der Abfindungen festsetzen. Das
würde die Bedingungen für den Kampf um die Arbeitsplätze verschlechtern,
vor allem, wenn bis dahin weiter produziert würde.
Es muss jetzt entschlossen gehandelt werden. Es ist notwendig, sofort
wirtschaftlichen Druck durch Arbeitskampf-Maßnahmen aufzubauen und
gleichzeitig politischen Druck durch öffentliche Aktionen und die
Verbindung zu anderen Betrieben erzeugen.
Bei der Betriebversammlung am 22.8. sagte der BR-Vorsitzende Demirci man
wäre verhandlungsbereit aber wenn der Arbeitgeber bis zum 24.8. nicht
verhandeln und stattdessen gegen den Willen des BR einen Antrag auf
Einrichtung der Einigungsstelle abgeben würde, „... dann werden wir die
Republik bewegen, so eine Auseinandersetzung hat das Land noch nicht
gesehen.“
Am 24.8. gab es eine Demonstration. In seiner Rede drohte Demirci
erneut: „Wenn die Geschäftsleitung nicht bis Montag an den
Verhandlungstisch zurückkehrt, dann werden wir Aktionen in Gang setzen.“
Nach der Demonstration wurden Kollegen im Werk allerdings auch von
BR-Mitgliedern angehalten, die Produktion schnell wieder aufzunehmen. Es
sieht nicht danach aus, als wäre allen klar, dass entschlossener
Widerstand und eine öffentliche Kampagne sofort notwendig sind.
Fehlende Investitionen
Demirci schlug auf der Kundgebung auch vor, das Land Berlin möge eine
Summe von zwei Millionen jährlich bereitstellen, um die entgangenen
Profite von BSH auszugleichen. Somit werden öffentliche Gelder zur
Subventionierung von Arbeitsplatzabbau und als Garantie für die Profite
eines Konzerns verwendet – eine hilf- und sinnlose Forderung.
Die Arbeiterinnen und Arbeiter des BSH-Werkes in Spandau produzieren
seit 50 Jahren Waschmaschinen. Sie haben BSH und den Mutterfirmen
reichhaltige Profite beschert. Mit diesen Profiten wurden hochmoderne
Werke in Polen und der Türkei aufgebaut. In Berlin-Spandau wurden in den
letzten Jahren keine nennenswerten Investitionen vorgenommen.
Stattdessen wurde Berlin unprofitabel gerechnet, indem die
Personalkosten von in Wirklichkeit weltweit tätigen Kollegen aus der
Entwicklung dem Standort zugerechnet werden.
Anstatt die öffentliche Hand aufzufordern, die Profite von BSH zu
subventionieren müssten BR und Gewerkschaft deutlich machen, dass nicht
die Arbeiter verzichten sollten sondern dass BSH im Kampf Geld
abgerungen werden müsste, um die Arbeitsplätze und den Standard der
Löhne und Arbeitsbedingungen zu erhalten.
Wie kann es weiter gehen?
Angesichts der Entschlossenheit der Firmenleitung braucht es dieselbe
Entschlossenheit auf Seiten der Beschäftigten und der Gewerkschaft. Wenn
es gelingt, die wirtschaftlichen und politischen Kosten der Schließung
in die Höhe zu treiben, kann das Werk verteidigt werden.
Auf der Kundgebung am 24.8. erklärte die Berliner WASG-Spitzenkandidatin
Lucy Redler, die WASG wird den Kolleginnen und Kollegen in ihrem Kampf
helfen, auch wenn es zu Streik oder einer Betriebsbesetzung kommt.
Ein Streik alleine wird BSH zur Zeit wohl aussitzen können. Wenn
allerdings der Betrieb besetzt würde und die Beschäftigten die Kontrolle
über sämtliche Anlagen und Gebäude übernähmen, wäre der wirtschaftliche
Schaden für BSH größer. Ein besetzter Betrieb wäre die beste Grundlage,
um eine große öffentliche Wirkung zu entfalten, die Beschäftigten der
anderen Betriebe vor allem in Berlin-Spandau zu erreichen und so die
notwendige politische Bewegung zu schaffen, um Druck auf BSH auszuüben.
Berlin hat in den letzten zwei Jahren viele betriebliche
Auseinandersetzungen erlebt. Trotz großer Anstrengungen wurden die Jobs
bei CNH, JVC und Samsung nicht gerettet. In keinem dieser Fälle war es
zu einer vollständigen Betriebsbesetzung gekommen. Für die Kolleginnen
und Kollegen bei BSH gibt es nicht mehr viele Alternativen. Der Kampf
für den Erhalt der Arbeitsplätze erfordert entschlossenes Handeln –
jetzt.
|