BSH muss bleiben
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 15.08.2006
Kampf um jeden Arbeitsplatz führen
Die Kolleginnen und Kollegen des Bosch-Siemens-Hausgerätewerks in
Berlin-Gartenfelde erhielten am 25. Juli, wieder einmal, eine
Hiobsbotschaft. Wie schon vor etwas über einem Jahr kündigte die
Unternehmensleitung die Schließung der Produktion an. Anfang 2007 soll
die letzte Waschmaschine vom Band laufen. 570 der 1.050 Beschäftigten
sollen ihren Arbeitsplatz verlieren.
[Foto vom Protest gegen die Werksschließung von CNH / Orenstein &
Koppel]
von Sascha Stanicic, Berlin
Übrig bleiben soll nur die Entwicklungsabteilung. Doch viele der in
dieser beschäftigten Ingenieure arbeiten in Wirklichkeit in anderen
Teilen der Welt und sind in Berlin nur gemeldet. So wird es nur eine
Frage der Zeit sein, dass auch diese aus Berlin abgezogen werden.
Als es dieselbe Ankündigung im letzten Jahr gab, wurden sofort Demos und
Proteste während der Arbeitszeit organisiert. Diese waren erfolgreich
und die Unternehmensleitung verzichtete auf die für 2006 geplante
Schließung des Werkes. Doch es zeigt sich, dass Erfolge von
Belegschaften und Gewerkschaften im Rahmen des Kapitalismus niemals von
Dauer sind. Die BSH-Bosse warteten nicht lange, um den nächsten Vorstoß
zur Schließung des Werks einzuleiten.
Damit würde sich die Deindustrialisierung Berlins fortsetzen. Hier gab
es im Jahr 1991 noch 283.000 Industriearbeitsplätze. Im April 1993 waren
es noch 152.900. Heute sind es rund 90.000. Erst im letzten Jahr mussten
die Werke von JVC, CNH (ehemals Orenstein & Koppel), Samsung dran
glauben. Für diese Arbeitsplätze gibt es keinen Ersatz. Sie sind
vernichtet. Für die dort beschäftigten KollegInnen und für die
zukünftigen Generationen.
Die logische Folge: Berlin ist die Hauptstadt der Armen und der
Arbeitslosigkeit. Letztere liegt bei über 18 Prozent – über 300.000
Menschen! Und nun sollen 570 dazu kommen, plus Arbeitsplätze in den
Zulieferfirmen.
Arbeitsplatzvernichtung – wozu?
Warum? BSH-Chef Günther Meier begründet die Schließung mit einem zu
erwartenden Verlust von sechs Millionen Euro. Es sei mal dahin gestellt,
ob diese Zahlen stimmen. Überprüfbar wäre das nur, wenn die
Geschäftsbücher offen gelegt würden und Belegschaft und IG Metall
nachrechnen könnten, wie BSH Gewinne und Verluste hin- und herschiebt.
Klar ist auch, dass am Berliner Standort mehr Entwicklungskosten
anfallen, als anderswo und alleine deshalb (selbst aus
betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten) einzelne Standorte nicht
isoliert betrachtet werden können. Klar ist auch, dass 2004 ein
Rekordgewinn von einer halbe Milliarde – 520.000.000 – Euro gemacht
wurde und auch 2005 schwarze Zahlen geschrieben wurden. Wo sind also die
Profite der Vergangenheit hin?
In Wirklichkeit geht es den BSH-Kapitalisten darum, die Profite weiter
zu steigern. Deshalb gab es auch letztes Jahr schon den Versuch, das
Werk dicht zu machen. In anderen Standorten sind die Löhne niedriger und
die Arbeitszeiten länger. Der Konzern kann dort mehr aus den
Beschäftigten herauspressen. Die Berliner Belegschaft ist bekannt für
ihre kämpferische Tradition. Sie war in der Vergangenheit immer wieder
in der Lage, für ihre Interessen zu kämpfen und die Angriffe der
Unternehmensleitung wenigstens teilweise zurück zu schlagen. Das gilt,
obwohl auch in Berlin-Gartenfelde in den letzten Jahren tausende
Arbeitsplätze vernichtet wurden. Eine unbequeme Belegschaft soll
beseitigt werden.
Außer Profitgier gibt es keinen rationalen Grund, das Werk zu schließen.
Waschmaschinen werden gebraucht. Und selbst, wenn dies nicht der Fall
wäre, könnten in der Fabrik andere, sinnvolle Produkte hergestellt
werden. Aber im Kapitalismus zählt nicht, was gebraucht wird, sondern
was maximalen Profit erzielt – für die kleine, radikale Minderheit der
Kapitalbesitzer und Großaktionäre.
Tod auf Raten oder entschlossene Gegenwehr?
1995 arbeiteten noch 3.500 Beschäftigte bei BSH in Berlin. Heute sind
1.050 übrig. Das ist ein Tod auf Raten. Statt die
Produktivitätssteigerung für Arbeitszeitverkürzung bei vollem
Lohnausgleich zu nutzen, wurden fast 2.500 Arbeitsplätze abgebaut und
damit 2.500 Jugendlichen eine Zukunft.
In der IG Metall scheint es unterschiedliche Vorstellungen über den
Umgang mit den Forderungen der Geschäftsleitung zu geben. Der IG
Metall-Bevollmächtigte Arno Hager ist offensichtlich bereit, weiteren
Arbeitsplatzabbau hinzunehmen. Er vertritt einen Vorschlag, der den
Abbau eines Drittels der Belegschaft vorsieht. Dies war den Bossen zu
wenig und sie kündigten die komplette Schließung an. Ein Abbau eines
Drittels der Belegschaft wäre der nächste Schritt hin zur kompletten
Schließung des Werks. Die so geschwächte Belegschaft wäre in Zukunft
noch weniger in der Lage sich gegen weitere Arbeitsplatzvernichtung zur
Wehr zu setzen.
Lohnverzicht und freiwillige Stellenvernichtung sichert nicht den
Bestand von Werken, sondern verschlechtert die Ausgangsbedingungen für
den notwendigen Widerstand gegen die Angriffe der Kapitalisten. Diese
Erfahrung haben in den letzten Jahren abertausende ArbeiterInnen in
dutzenden Betrieben gemacht – ob bei DaimlerChrysler oder Continental.
Freiwilliger Verzicht ist der erste Schritt zur Niederlage.
Deshalb darf sich die Gewerkschaft nicht auf die Profitlogik der Bosse
einlassen. Wenn man die Billiglohnkonkurrenz aus anderen Standorten als
solche akzeptiert, begibt man sich in eine Spirale nach unten, die kein
Ende kennt. Dann haben wir die Wahl zwischen Stundenlöhnen von ein paar
Euro oder Werksschließungen. Deshalb darf die Gewerkschaft nicht ihre
Aufgabe darin sehen kapitalistische Konkurrenzfähigkeit mitzugestalten,
sondern muss entschlossen den Kampf um Arbeitsplätze und hohe Löhne zu
führen – in Deutschland, Polen, der Türkei und überall. Statt einer
Angleichung nach unten, muss der internationale Kampf für eine
Angleichung von Löhnen und Arbeitsbedingungen nach oben geführt werden.
Betriebsrat und IG Metall drohen mit einem Arbeitskampf, sollte die
Unternehmensleitung an den Schließungsplänen festhalten. Gleichzeitig
hat der Betriebsratsvorsitzende Güngör Demirci in einem Interview mit
der Tageszeitung junge Welt betont, dass es keine Aktionen der
Belegschaft geben wird, solange Verhandlungen über die Fortführung der
Produktion stattfinden.
Es ist aber Zeit, diese Zurückhaltung abzulegen. Die BSH-Konzernspitze
wird sich auch in den Verhandlungen nicht durch gute Argumente bewegen
lassen, sondern nur durch massiven Druck der Belegschaft und der IG
Metall. Dazu sind Aktionen nötig, sobald die zweite Schicht am 21.
August aus den Ferien zurück kommt. Es sollte unmittelbar eine
Betriebsversammlung der Gesamtbelegschaft durchgeführt und dort über die
nächsten Schritte beraten werden.
Sozialtarifvertrag?
Dabei muss auch geklärt werden, wofür der Kampf geführt wird. Die
Formulierung „Fortführung der Produktion“ allein beinhaltet die
Akzeptanz von Stellenabbau. Der Kampf muss um den Erhalt aller
Arbeitsplätze geführt werden. Im letzten Jahr gelang es die Schließung
zu verhindern. Damals stellte die IG Metall die Forderung nach einem
Sozialtarifvertrag auf. Dies trieb die Kosten für eine Schließung so
weit nach oben, dass die Konzernspitze letztlich nachgab.
Es ist aber alles andere als sicher, dass dies Taktik wieder aufgehen
wird. Sie ermöglicht zwar die legale Führung eines Streiks, beinhaltet
aber auch die Gefahr, dass das Ziel des Erhalts des Werks mit allen
Arbeitsplätzen aus den Augen verloren wird. Entscheidend wird sein, dass
ein Kampf geführt wird und die IG Metall andere Belegschaften von
BSH-Werken in anderen Städten und anderer Betriebe in Berlin zu
Solidaritätsaktionen mobilisiert.
Der Kampf für den Erhalt aller Arbeitsplätze ist zwangsläufig auch ein
politischer Kampf, denn er kann nur geführt werden, wenn die
betriebswirtschaftlichen Argumente zurückgewiesen werden. Profit darf
nicht das Maß aller Dinge sein. Deshalb sollte die IG Metall deutlich
machen, dass sie die Profitlogik ablehnt, weil diese zur Vernichtung von
hunderten und tausenden Arbeitsplätzen führt. Ablehnung der Profitlogik
bedeutet Infragestellen des Privateigentums an Betrieben wie BSH. Wenn
die Bosse ein Werk schließen wollen, um an einem anderen Standort mehr
zu verdienen, sollte die Gewerkschaft fordern, dass dieses Werk den
Bossen aus der Hand genommen wird. Die Forderung nach Überführung von
BSH in öffentliches Eigentum sollte von der Gewerkschaft aufgestellt
werden. Dies würde auch den politischen Druck auf die politischen
Parteien erhöhen. Denn selbst nach der Berliner Landesverfassung sind
Überführungen in Gemeineigentum möglich. Gerade im Wahljahr würde eine
solche Forderung, wenn sie von der Gewerkschaft überzeugend vorgetragen
wird, einen hohen Druck ausüben und zu interessanten Debatten führen.
Zur Zeit gibt es nur eine Partei, die diese Forderung aufstellt und
damit konsequent auf der Seite der Kolleginnen und Kollegen steht: der
Berliner Landesverband der WASG.
Streik und Besetzung
Aber Forderungen werden nicht dadurch durchgesetzt, dass man sie in
einem Flugblatt aufstellt oder in einer Rede verliest. Konkrete
Kampfmaßnahmen sind nötig und müssen ab sofort vorbereitet werden. Es
ist davon auszugehen, dass kein Weg an einem Streik vorbei führen wird.
Nur massiver politischer und wirtschaftlicher Druck werden die BSH-Bosse
in die Knie zwingen können. Diese wollen das Werk zwar schließen, aber
zur Zeit brauchen sie die Produktion noch. Vor allem die Stanzerei ist
nicht nur für die Produktion in Berlin, sondern auch in anderen Werken
von Bedeutung. Auch wenn hier in den letzten Wochen auf Vorrat
produziert wurde, würde ein Streik früher oder später auch in Nauen und
im polnischen Lodz Wirkung zeigen.
Um eine Schließung tatsächlich verhindern zu können wird aber
wahrscheinlich eine Betriebsbesetzung nötig sein. Denn nur, wenn die
Belegschaft die Kontrolle über das Werk übernimmt, sind zum Beispiel der
Abtransport von Produkten und Maschinen zu verhindern und kann der
Einsatz von Streikbrechern effektiv und dauerhaft verhindert werden.
Schritte in Richtung Streik und Betriebsbesetzung sollten ab sofort von
der Gewerkschaft vorbereitet werden. Doch angesichts der offen
dokumentierten Bereitschaft zu einem faulen Kompromiss von Teilen der IG
Metall, sollten Maßnahmen ergriffen werden, dass die Kolleginnen und
Kollegen selber die Kontrolle über einen Arbeitskampf ausüben können.
Dazu gehört als erstes die Beschlussfassung, dass es keine Zustimmung
von Betriebsrat und IG Metall zu einem Verhandlungsergebnis ohne
Abstimung in der Belegschaft geben darf. Es muss regelmäßige Betriebs-
und Abteilungsversammlungen geben, in denen die KollegInnen informiert
werden. Durch eine Belegschaftsversammlung sollte ein Streik-Komitee
gewählt werden, dass das Vertrauen der Beschäftigten genießt.
Die IG Metall sollte parallel zur Vorbereitung des Arbeitskampfes eine
Informations- und Solidaritätskampagne in allen Berliner Betrieben und
in der Öffentlichkeit führen. Ein erster Schritt könnte eine große
Protestdemonstration sein, die sich nicht nur gegen die Schließung von
BSH wendet, sondern gegen die Arbeitsplatzvernichtung in allen Bereichen.
Gleichzeitig muss der Kontakt zu den anderen BSH-Werken in Gingen,
Nauen, Polen, Spanien und der Türkei intensiviert werden. Delegationen
aus Berlin sollten diese Werke besuchen und dort
Informationsveranstaltungen durchführen und die Kollegen zur Solidarität
auffordern. Dies könnte durch eine Aktionskonferenz zusammengefasst
werden, an der Vertrauensleute und Betriebsräte aus allen Standorten und
anderen Metallbetrieben teilnehmen.
Sicher gibt es noch viele andere sinnvolle Vorschläge, um den Kampf für
den Erhalt des Werks in Spandau und die Verteidigung aller Arbeitsplätze
zu führen. Entscheidend ist, dass die Belegschaft diese Vorschläge
kollektiv diskutieren kann und selbständig entscheidet, welchen Weg sie
einschlagen will.
15. August 2006
|