Für einen Neustart im Neuformierungsprozess
[Druckversion] Thema: WASG - Die Wahlalternative, veröffentlicht: 04.04.2006
Nach der bundesweiten Urabstimmung der WASG sind mehr als 10.000 Euro weg
– und nichts geklärt. Ein „weiter so“ des Bundesvorstands vergrößert die
Spannungen in der WASG und verkompliziert den Neuformierungsprozess der
Linken. Jetzt muss umgesteuert werden.
von Sascha Stanicic und
Stephan Kimmerle
57 Prozent der Mitglieder beteiligten sich an der bundesweiten
Urabstimmung. Mehr als drei Viertel von ihnen sagten:"Ich bin
dafür den Parteibildungsprozess zwischen WASG und Linkspartei unter
Einbeziehung der sozialen Bewegungen fortzusetzen. Am Ende dieses
Prozesses soll eine neue linke gesamtdeutsche Partei stehen. Ich fordere
den Bundesvorstand auf, bis Herbst 2006 den Mitgliedern Vorschläge für
ein Programm, eine Satzung und den zeitlichen und organisatorischen
Ablauf der Neubildung einer linken Partei zur Diskussion vorzulegen."
So zumindest die Formulierung.
Eine Frage, der sicherlich mehr als die knapp 5.300 der 12.000
WASG-Mitglieder zustimmen könnten, die auf ihrem Stimmzettel ihre
Zustimmung äußerten. Wäre da nicht das Kleingedruckte auf dem Wahlzettel
und die „Interpretationshilfen“ gewesen, die bis zur Äußerung Bodo
Ramelows, des L.PDS-Fusionsbeauftragten, reichten, „nach der
Mitgliederbefragung habe der WASG- Vorstand jede Handhabe, "um die
Berliner zum Rückzug von einer eigenständigen Landtagskandidatur zu
zwingen, sie in die Schranken zu weisen oder einen neuen Landesverband
zu gründen"“ (Saarbrücker Zeitung, 2. März).
Trotz Mobilisierung zur Urabstimmung via erstmaligem Versand einer
Mitgliederzeitung und einem Brief von Lafontaine und Gysi blieb
umstritten, was mit der Urabstimmung bezweckt werden sollte – und die
Wahlbeteiligung mau. Nicht umsonst hatten im Vorfeld acht
Landesvorstände ihre KollegInnen in Hessen, Bayern und Rheinland-Pfalz
aufgefordert, auf das Plebiszit zu verzichten.
Auch mit dem jetzigen Ergebnis isf klar: Ja, die WASG versteht sich nach
wie vor als Sammlungsbewegung und tritt für die Neuformierung der Linken
– auch unter Einschluss der Linkspartei.PDS – ein. Doch jenseits davon
spaltet der Kurs des Bundesvorstands die Mitgliedschaft, bringt diesen
Prozess in eine Krise und hilft nicht, die politischen Fragen der
Neuformierung zu klären.
Inhaltliche Fragen von Sozialabbau und Privatisierungen
Thomas Händel, Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand, wertete
das Abstimmungsergebnis als „einen eindeutigen Auftrag an den
kommenden Parteitag der WASG, den begonnenen Weg fortzusetzen, zu
gestalten und zu konkretisieren.“ Fakt ist, dass im
Neuformierungsprozess endlich politische Fragen in den Mittelpunkt
rücken: Fast einhellig wird der Ausverkauf der 48.000 Wohnungen in
Dresden kritisiert. Gleiches muss dann auch für Tarifflucht und
Absenkungstarifverträge in Berlin gelten. Eine klare Position der
künftigen Partei gegen die Politik des vermeintlich „kleineren Übels“
muss erstritten werden.
Und dieser Prozess wurde durch die Debatten um einen eigenständigen
Wahlantritt der WASG in Berlin forciert. Auch der Bundesvorstand äußert
sich mittlerweile zu diesen Fragen. Lafontaine spricht von „Haltelinien“
linker Politik. Konsequent ist dann, nicht nur abstrakt, programmatisch
darüber zu reden, sondern in Berlin eine klare Positionierung
vorzunehmen: Die Politik, die die L.PDS im Berliner Senat mitträgt ist
eine massive Belastung für den Neuformierungsprozess. Eine Fortsetzung
von Absenkungstarifverträgen sowie der Privatisierungen von Wohnungen,
Kitas, Teilen der Kliniken und zum Beispiel der für die nächsten Jahre
geplante Abbau von 5.000 Stellen allein im Gesundheitswesen (bei Charite
und Vivantes) bedroht die Glaubwürdigkeit der neuen Linken –
existenziell.
Nötig ist eine Positionierung des Bundesvorstands: Ohne Streit um die
elementaren Positionen linker Politik kann es den Zusammenschluss nicht
geben. Die WASG ist gefordert unter Einbeziehung von AktivistInnen aus
Betrieben, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gegenüber der L.PDS,
dem Partner im Neuformierungsprozess, klar zu machen:
-
Mit der neuen Linken darf es keine Privatisierungen, keinen
Lohnraub, keine Arbeitszeitverlängerung, keinen Sozialabbau, keine
Absenkungstarifverträge geben.
Wir stehen nicht zur Verfügung für die Politik eines Übels, ob
kleiner oder größer.
-
Für uns gilt nach wie vor die Position unseres Gründungsprogramms: „Wir
sind die Opposition gegen die herrschende, neoliberal bestimmte
Politik. An einer Regierung in Land oder Bund werden wir uns nur
dann beteiligen, wenn dies zu einem grundlegenden Politikwechsel in
Richtung unserer Forderungen führt.“
-
Das bedeutet in Berlin: Entweder es gelingt eine grundlegende
Kurskorrektur, der rot-rote Senat verabschiedet sich in Worten und
Taten von Stellenabbau, Privatisierungen und
Absenkungstarifverträgen – oder die Koalition mit der SPD findet
mangels Gemeinsamkeiten ihr Ende.
Eine linke Partei, die sich den Sachzwängen des Kapitalismus entziehen
will benötigt Alternativen zum Profit-System. Die Neuformierung ist auch
eine Chance, die Diskussion über sozialistische Ideen und eine
Gesellschaft jenseit von Konkurrenz und Ausbeutung zu führen.
Spaltung der WASG?
Die Urabstimmung wurde in den Kontext gestellt, den widerspenstigen
Landesverbänden in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zu zeigen, wo der
Hammer hängt. So wird Björn Radke, Mitglied im Bundesvorstand, bei der
Bekanntgabe der Urabstimmungsergebnisse widergegeben: „Radke
kündigte neue Gespräche mit den beiden Landesverbänden an. Deren
Verhalten sei angesichts der Mehrheitsmeinung in der WASG "inakzeptabel"“
(Mittelbayrische, Donau.de, 2. April). Die niedrige Wahlbeteiligung
macht eher deutlich, dass die Fragestellung alles andere als klärend war
und die damit verbundenen Ziele zwischen den Zeilen nicht einfach
Mehrheitsmeinung sind. Eine Grundlage für administrative Maßnahmen gibt
dieses Ergebnis nicht her.
Der Berliner Landesverband hat mehrfach seine Unterstützung für das
bundesweite Projekt einer neuen Linken formuliert. Auch der Berliner
Landesverband ist „dafür den Parteibildungsprozess zwischen
WASG und Linkspartei unter Einbeziehung der sozialen Bewegungen
fortzusetzen“ (Text der Urabstimmung).
Das Problem in Berlin: Die L.PDS hält nach wie vor an ihrem Kurs der
Regierungsbeteiligung im Sinne der Umsetzung der neoliberalen Vorgaben
der Bundesregierung mit den Folgen von Tarifflucht, Sozialabbau und
Privatisierungen fest. Aus ihrer Sicht soll der „große Erfolg“
(Blossiner Erklärung der L.PDS-Landesvorstände Berlin, Brandenburg,
Sachsen-Anhalt) fortgesetzt werden.
Eine gemeinsame Kandidatur für den Ausverkauf von Wohnungen (aktuell:
1.700), Stellenabbau im öffentlichen Dienst (geplant unter SPD-PDS-Regie
neben den Krankenhäusern auch im öffentlichen Nahverkehr) wird es mit
der WASG Berlin nicht geben.
Die Option, jetzt an der Seite von Charite-Beschäftigten zu stehen, die
sich gegen den Senat wehren, und bei der Wahl am 17. September den Mund
zu halten und zuzuschauen, wie Vertreter der Minderheit der Berliner
WASG auf den Listen der L.PDS Wahlkampf für eine Fortsetzung der
SPD-PDS-Koalition machen – das ist Unglaubwürdig und zerstört die
Unterstützung, die sich die WASG aufgebaut hat.
Damit bewegt sich die WASG Berlin auf dem Gründungskonsens der
Wahlalternative bundesweit. Das ist kein Spalter- oder Sektiererkurs.
Berlin rückt nur deshalb in den Mittelpunkt der Debatte, weil der
Bundesvorstand der WASG die grundlegenden Positionen der WASG nicht
selbst gegenüber der L.PDS lautstark vertritt.
Radkes Haltung, die Berliner Position sei „inakzeptabel“
schürt die innerparteiliche Zerrissenheit, statt die gemeinsame
Diskussion zu suchen. Auch hier: Ein Kurswechsel ist nötig.
Ausweg aus der Krise der Neuformierung
Die WASG und der Neuformierungsprozess stecken in einer Krise: Drei
Landesvorstände drücken eine Urabstimmung gegen acht andere durch; die
Mitgliedschaft wird bei komplexen Fragen zu einer „Ja oder Nein“-Frage
genötigt, statt die Inhalte zu diskutieren; der Bundesvorstand sucht
sich seine Gegner in den eigenen Reihen, in Berlin und
Mecklenburg-Vorpommern; die L.PDS-Spitze setzt auf bürokratische,
administrative Maßnahmen innerhalb der WASG („Neugründung“ des Berliner
Landesverbands), statt sich der inhaltlichen Diskussion zu stellen; Bodo
Ramelow gefällt sich in der Rolle des Kommandeurs („Es
wird keine konkurrierenden Antritte geben“).
Im Interesse einer neuen Linken: Ein Ausweg muss gefunden werden.
Schritte dazu wären:
-
Die Diskussion über die Inhalte der Neuformierung werden breit in
den beiden Parteien auf allen Ebenen und endlich „unter Einbeziehung
der sozialen Bewegungen“ (Urabstimmungstext) geführt. Dazu finden
auf allen Ebenen offene Konferenzen und Diskussionen statt. Die
Landesverbände werden zum Beispiel mit mehreren von ihnen gewählten
VertreterInnen in die Steuerungsgruppen einbezogen. Zu den
Kernpunkten der Debatte müssten folgende Punkte gehören: Zu den
„Haltelinien“, das heißt Mindeststandards, linker Politik gehören
die Absage an Privatisierungen und Sozialabbau, gleich welcher Art.
Das gilt in Bund, Ländern und Kommunen. Kürzungen und Ausverkauf in
sozial verträglichen Dosen gibt es nicht. Die Beteiligung an
Regierungen oder kommunalen Entscheidungen ist diesem Grundsatz
unterzuordnen.
-
Die Konflikte bezüglich Regierungsbeteiligungen werden diskutiert
statt, wie von Ramelow gefordert, wegkommandiert. Diktate
funktionieren nicht. Daher: Definitiver Verzicht auf administrative
Maßnahmen gegen den Berliner oder Mecklenburg-Vorpommerschen Verband
aufgrund deren Wahlbeteiligung am 17. September. Administrative
Maßnahmen schaden der Sammlungsbewegung. Sind keine inhaltlichen
Einigungen möglich, so gehört dazu auch, konkurrierende Wahlantritte
auszuhalten.
Der WASG-Bundesparteitag Ende April wird sich dieser Fragen annehmen
müssen.
|