Rekord-Blockade im Wendland

Mit 126 Stunden Transportzeit des 13. Castors aus der Plutoniumfabrik La Hague nach Gorleben, markierte die Anti-AKW-Bewegung wiederholt einen Rekord in Sachen Zeitverzögerung, der erst im letzten Jahr mit 92 Stunden geknackt wurde. Im vergangenen Jahr kamen zur Demonstration 50 000 Teilnehmer nach Dannenberg, die dem Aufruf der Veranstalter mit 400 Bussen nachkamen, um den Widerstand gegen Atomkraft und ihren Unmut gegen politische Willkür auf die Straße zu tragen. Dabei waren Aktivisten bereit, sich Blockaden anzuschließen und somit 20 000 Polizisten durch Streckenbesetzung zu beschäftigen.

von Soumya, Kassel

 

Mit der Abfahrt am 23.11. in Valogne wurde erstmals deutlich, dass auch französische Aktivisten gegen Atomkraft protestierten, die Gleise besetzten und schotterten. Dabei gingen die französische Polizei mit Tränengas, Polizeiknüppel und Verhaftungen gegen die Demonstranten vor. Ein Aktivist berichtete über die Medien, dass sie vom Widerstand im Wendland inspiriert wurden. Dies ist eine wichtige Erfahrung dafür, wie sich Widerstand gegen staatliche Strukturen international vernetzen kann.

Atomausstieg sofort

Dass Gorleben willkürlich als Endlager ausgewählt wurde und kein Endlager dieser Welt Atommüll für die nächsten 703 800 000 Jahre (Halbwertszeit für Uran) sicher lagern kann, ist Grund genug für ungebrochenen Protest. Zudem hat Norbert Röttgen nach 10 Jahren Moratorium die Erkundung in Gorleben wieder aufnehmen lassen, mit der Option den Müll flexibel umlagern zu können. Bund und Länder haben zwar beschlossen nach alternativen Endlagern zu suchen, doch vor 2013 wird hierfür kein Geld zur Verfügung gestellt, während für Gorleben das Budget im nächsten Jahr von 47 Mio. auf 73 Mio. Euro aufgestockt wird. Fukushima machte im März nochmals deutlich, dass Atomkraft eine Zeitbombe ist. 10 000 Menschen mussten evakuiert werden und Tepco musste am 1. November einräumen, dass die Lage durch unkontrollierte Kernspaltung in den beschädigten Reaktoren noch immer nicht zu bezwingen ist und Rekordwerte von 4000 mSv/h gemessen wurden. Ist das Grund genug, dass sich Schwarz/Gelb den Atomausstieg auf die Fahnen schreibt, obwohl sie diesen wenige Monate zuvor noch mit der Laufzeitverlängerung gekippt haben und die Kraft des Atoms als umweltfreundlich feierten? Denn auch aufgrund des massiven Widerstandes der Atomkraftgegner wurden sieben der ältesten Meiler und Krümmel abgeschaltet und erneuerbare Energien gefördert.

Hohe Beteiligung bei Demo

Mit Ankunft des Castors in Deutschland, wurde durch den Einsatz von Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray die Linie der Polizei deutlich, was bei den Medien die Teilnehmerzahl des Widerstandes überschattete. Aus sieben Ortsgruppen kamen am Freitag Genossen der SAV u. a. aus Berlin, Hamburg und Dortmund nach Dannenberg. Aus Kassel traten wir die Reise zur Großkundgebung am Samstag mit voll besetztem LINKE-Bus an und entgegen der Erwartungen haben sich 23 000 Menschen der Demo angeschlossen. Ein klares Zeichen, dass die Energiewende selbst in die Hand genommen und dabei nicht auf die Regierung vertraut wird. Viele junge Menschen waren vor Ort zu sehen, die sich Blockaden angeschlossen haben und sich 19 000 Polizisten in den Weg stellten.

 

Gegen Profite auf Kosten der Umwelt

Nach der Demo schlossen wir uns der Gleisblockade in Harlingen an und konnten per Anhalter, durch Solidarität der Autofahrer, schnell zu den Gleisen gelangen. Während der Fahrt sagte uns der Fahrer, dass der Widerstand generell wieder aktiver geworden sei und dass es wohl der Funke der arabischen Revolution gewesen ist, der daran beteiligt war, neue Motivation zu schaffen. Auch hier hat internationale Vernetzung positiv dazu beigetragen, neuen Optimismus zu schaffen.

Im letztem Jahr wurde bei der Schienenbesetzung in Harlingen eine junge Frau durch Pferdeeinsatz der Polizei überritten und dabei schwer verletzt. Dieser Vorfall überschattete, dass die Harlinger Blockade, erstmals mit 5000 Teilnehmern, als größte in die Geschichte Wendlands einging. Auch in diesem Jahr wuchs die Blockade von knapp 800 Gleisbesetzern auf 5000 in der Nacht an und konnte sich etwa 16 Stunden, bis die Polizei die Versammlung für illegal erklärte, halten. Am Sonntagmorgen wurde die Schienenblockade geräumt und Aktivisten, in die auf freiem Feld errichteten Kessel (Freiluft-GESA) getragen und dort festgehalten. Sie sollten so lange in diesen ausharren, bis der Transport an ihnen vorbeigezogen war. Anwälte, Linke und das Amtsgericht in Dannenberg erklärten den Kessel für eine illegale Freiheitsberaubung und gingen dagegen vor bis die Polizei den Kessel wetterbedingt nach 12 Stunden öffnete.

 

Die Kreativität des Wendland-Protestes versetzte in den nachfolgenden Stunden ins Staunen. Neben besetzten Straßen und Gleisen, seilten sich Aktivisten von Bäumen, ketteten sich an das Gleisbett und bauten eine 600 kg schwere Beton-Pyramide, in die sich vier Aktivisten festketteten, die nach 15 Stunden den überforderten Polizisten beim Entschlüsseln unter die Arme greifen mussten.

Widerstand organisieren

Kämpfen lohnt sich, das macht der ungebrochene Widerstand der Anti-AKW-Bewegung deutlich. Doch genauso, wie Revolutionäre der arabischen Welt sich nicht auf ihre Regierungen verlassen können, so dürfen auch wir nicht auf politische Entscheidungen hoffen. Abschalten können wir nur was uns gehört. Deshalb müssen wir Kernkraftwerke enteignen und unter Kontrolle und Verwaltung von Belegschaftskomitees und gewählten Vertretern der Arbeiter stellen, um sie auszuschalten und E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall zu entmachten.