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Ein Schlag gegen die Besatzung

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Manifest-Verlag veröffentlicht erstes Buch über Ahed Tamimi

Im März veröffentlicht der Manifest-Verlag die deutsche Übersetzung eines Buches, welches eine der bekanntesten jungen Freiheitskämpfer*innen unserer Zeit in den Mittelpunkt stellt: Ahed Tamimi.

von Tom Hoffmann, Berlin

Ahed Tamimi wurde 2017 weltweit berühmt. Ein Video der damals 16-jährigen palästinensischen Schülerin erreichte über das Internet Millionen von Menschen. Es zeigt, wie sie einem voll bewaffneten israelischen Soldaten einige Ohrfeigen und Tritte verpasst, woraufhin dieser und sein Begleiter aus der Einfahrt der Tamimi-Familie abziehen. Zuvor war es in Nabi Saleh, Aheds Heimatdorf, zu einem Ereignis gekommen. Ein israelischer Soldat schoss Aheds 15-jährigem Cousin, Mohammad Tamimi, aus nächster Nähe eine gummierte Stahlkugel in den Schädel. Er wurde in ein induziertes Koma versetzt. Eine Notoperation rettete gerade so sein Leben.

Ins Gefängnis

Die Herrschenden und ihre Medien in Israel waren außer sich. Ihre Wut richtete sich natürlich nicht gegen den Soldaten, der einen 15-jährigen Jugendlichen ins Gesicht schoss, sondern gegen seine 16-jährige Cousine, die es gewagt hatte, den Vertreter der israelischen Besatzung aus ihrer Einfahrt zu vertreiben. Ahed ging ins Gefängnis für ihren Widerstand. Während dieser Zeit wurde das vorliegende Buch geschrieben.

Ein schwedischer Verleger bot den Tamimis seine Ressourcen und Hilfe an, Öffentlichkeit über die Kämpfe der Tamimis und ihres Dorfes herzustellen. Letztendlich liefert das fertige Buch mehr als das. Die Texte geben einen Einblick in die Lebensrealität und den Widerstand eines unterdrückten palästinensischen Dorfes. Die nationale Unterdrückung heißt zum Beispiel konkret für Bewohner*innen Nabi Salehs, dass sie ihre Fenster vergittern müssen, um sich vor der Praxis der IDF, Tränengas in die Häuser zu schießen, zu schützen. Die Geschichte des nationalen Konflikts wird beleuchtet. Es wird aufgezeigt, dass das Misstrauen der ethnischen und nationalen Gruppen untereinander nicht immer existierte. Die Konflikte sind das Ergebnis der Geschichte des Imperialismus, für dessen Vertreter*innen die Region zum Spielball ihrer Interessen geworden war.

Militärgesetze gelten

Ein Text beschäftigt sich intensiv mit der (Militär-)Gesetzgebung der israelischen Besatzung. Denn für Palästinenser*innen gelten im Gegensatz zu Menschen mit einem israelischen Pass in den palästinensischen Gebieten die Gesetze der Militärgesetzgebung. Und durch das Lesen dieses Buches wird glasklar, was selbst einige selbsternannte Linke bisher noch nicht erkannt haben: Es gibt eindeutig in diesem Konflikt eine unterdrückende und eine unterdrückte Seite. Man kann den legitimen Widerstand der Palästinenser*innen gegen ein Besatzungsregime nicht mit dem Besatzungsregime und seiner hochgerüsteten Armee gleich setzen.

Die Frage der Strategie im Kampf um Befreiung wird in der englischsprachigen Originalausgabe nur angeschnitten. Manal Tamimi, Aheds Tante, und eine der Autor*innen, weisen zum Beispiel zu Recht daraufhin, dass der Widerstand gegen die Besatzung mit sozialer Befreiung einhergehen muss. Doch welche gesellschaftliche Kraft das durchsetzen soll und kann, inwieweit die Verbindung des palästinensischen Widerstands mit sozialen Kämpfen in Israel eine Rolle spielen sollte, ob das kapitalistische System als solches überwunden werden muss und wenn ja, durch was es ersetzt werden muss – all das findet erst im Anhang eine vollständige Antwort, um welchen die deutsche Ausgabe ergänzt wurde. Der dort enthaltene Text der Schwesterorganisation der SAV in Israel/Palästina, Maavak Sozialisti / Nidal Eshtaraki (Sozialistischer Kampf), soll einen Diskussionsbeitrag für einen Klassenstandpunkt und eine sozialistische Zwei-Staaten-Lösung des nationalen Konflikts darstellen. Denn eine Lösung des Konflikts und all der sozialen Probleme kann nur darin liegen, für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der die Arbeiter*innen und Unterdrückten beider Seiten die Wirtschaft und ihre Geschicke selbst und demokratisch in die Hand nehmen und die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben liefern.