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Buchtipp: „Arbeiter und Soldat“

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Über ein außergewöhnliches Leben im Widerstand

An Martin Monath hat bisher nur ein Stolperstein in Berlin erinnert. Nun hat Wladek Fakin die aufzufindenden Puzzleteile eines widerständigen Lebens während der Nazi-Diktatur so weit zusammengefügt, wie das möglich war, und eine kurze Biographie dieses außergewöhnlichen Revolutionärs vorgelegt.

Von Sascha Staničić

Monath war ein Berliner Jude, der den Weg von der zionistischen Jugendbewegung zum Trotzkismus zurück gelegt hat und während der Besetzung Europas durch die Nazis zu einem führenden Mitglied der trotzkistischen Untergrundorganisation wurde und die gefährliche und faszinierende Aufgabe übernahm, deutsche Wehrmachtssoldaten im besetzten Frankreich in revolutionären Zellen zu organisieren.

Schon den wirklichen Namen dieses schillernden Widerstandskämpfers herauszufinden, war eine schwierige Aufgabe. Bisher war er denjenigen, die sich mit der Geschichte des Trotzkismus während Nazi-Diktatur und Zweitem Weltkrieg auseinandergesetzt hatten, als „Viktor“ bekannt.

Monaths Wirken steht für das, was den Trotzkismus als authentischem revolutionären Marxismus, auszeichnet und von der stalinistischen Perversion des Marxismus unterscheidet: Klassenstandpunkt und Internationalismus. Er und seine GenossInnen sahen in den deutschen Wehrmachtssoldaten in Frankreich nicht Nazis und Besatzer, sondern Arbeiter in Uniform, die in einen Krieg gezwungen wurden, der nicht ihren Interessen entsprach. Statt auf Anschläge auf solche Soldaten setzten sie auf die Kraft der revolutionären Propaganda und Verbrüderung mit französischen ArbeiterInnen.

Fakin beschreibt den Unterschied in der Herangehensweise so: „Die stalinistischen und bürgerlichen Kräfte mit ihrer ‚Travail allemand‘ (Zersetzungsarbeit) haben ebenfalls deutschsprachige Propaganda gemacht – aber ihr Ziel war lediglich, dass sich Wehrmachtssoldaten freiwillig in Kriegsgefangenschaft begeben sollten. Die Trotzkisten dagegen wollten die Soldaten zu politischen Subjekten, zu Kämpfern für die sozialistische Revolution machen – genauso wie die Soldaten am Ende des Ersten Weltkriegs in einer Reihe von Ländern an der Spitze der revolutionären Bewegung standen.“ (Seite 74)

Einen besonderen Wert hat diese Veröffentlichung im Schmetterling-Verlag auch, weil sie die (wenigen) Ausgaben der von Monath und seinen GenossInnen der trotzkistischen Vierten Internationale herausgegebenen Zeitung „Arbeiter und Soldat“ abdruckt.

Zwangsläufig wird in dem Buch stellenweise spekuliert, weil es schlicht und einfach zu wenige Dokumente und zu wenige Zeitzeugen gibt bzw. gab. So zum Beispiel in der Frage, ob Martin Monath sich in der letzten Phase seines Lebens vom Trotzkismus entfernte, wie es sein Weggefährte Paul Thalmann behauptete. Der Autor weist daraufhin, dass es außer dieser Aussage keine Anzeichen für diese These gibt, nicht zuletzt weil „Arbeiter und Soldat“ bis zuletzt als Organ der Vierten Internationale erschien. Aber einen wirklichen Nachweis kann er nicht erbringen.

Was dem Buch fehlt ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Zeitung „Arbeiter und Soldat“. Liest man die in der Zeitung veröffentlichten Texte, so fällt auf, dass sie vor allem Revolutionspropaganda betreiben und die Stalinisten kritisieren. Ebenso malen sie ein Bild von einer herannahenden Revolution in Deutschland und von einer beginnenden proletarischen Widerstandsbewegung, das nicht ganz der Realität entsprach. Es gibt nur wenige Texte, die an der Lebensrealität der Soldaten und ihrer Familien anknüpfen und davon ausgehend die Notwendigkeit einer sozialistische Revolution herleiten. Das, was Trotzkisten ein Übergangsprogramm bzw. eine Übergangsmethode nennen, fehlt weitgehend.

Das wird auch in einer sehr vereinfachten Gleichsetzung des Hitler-Faschismus mit den imperialistischen Mächten, die sich im Krieg mit Nazi-Deutschland und seinen Verbündeten befanden, deutlich. Es ist grundsätzlich richtig, dass der Zweite Weltkrieg ein von beiden Seiten imperialistischer Krieg war und die Arbeiterklasse eine unabhängige Klassenposition einnehmen musste, die zum Ziel hätte haben sollen das Völkergemetzel in eine sozialistische Revolution münden zu lassen, so wie es nach dem Ersten Weltkrieg geschehen war. Doch mussten RevolutionärInnen zur Kenntnis nehmen, dass es im Bewusstsein der Massen (und in ihrer Lebensrealität) einen Unterschied machte, ob sie in einem von Nazi-Deutschland besetzten Gebiet oder unter de Gaulle, Eisenhower oder Churchill lebten. Hier reichte es nicht mit der Losung des revolutionären Defätismus („Der Hauptfeind steht im eigenen Land“) die Niederlage der eigenen Bourgeoisie zu propagieren. Für das an deutsche Soldaten gerichtete Organ „Arbeiter und Soldat“ war das richtig und nachvollziehbar, für die Propaganda in Frankreich und Großbritannien hätte dies den Weg zu sich radikalisierenden ArbeiterInnen und Soldaten erschwert. Das führte in der damaligen trotzkistischen Bewegung zu Debatten und zum Beispiel in der britischen trotzkistischen Organisation zu einer differenzierteren Taktik. Diese Fragestellung ignoriert Fakin und erweckt den Eindruck, dass der „revolutionäre Defätismus“ in derselben Ausformung für die Haltung zu Nazi-Deutschland, wie für die gegen Nazi-Deutschland kämpfenden Mächte galt.

Das Buch leistet aber einen wertvollen Beitrag dazu, dass Martin Monath nicht in Vergessenheit gerät. Das Leben Monaths zeigt LeserInnen, die sich mit dem Trotzkismus auseinandersetzen wollen am Beispiel einer besonders schweren und außergewöhnlichen gesellschaftlichen Lage, wie es möglich ist, seinen Prinzipien treu zu bleiben, Druck nicht nachzugeben und einen internationalistischen Klassenstandpunkt zu bewahren.

Martin Monath hat die Nazi-Diktatur nicht überlebt. Er hatte viele Möglichkeiten, Europa zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen, ausgeschlagen, weil er seinen Platz im Widerstand sah. Das bezahlte er letztlich mit seinem Leben. Zwei Mal geriet er in die Fänge der Gestapo. Bei seiner ersten Verhaftung wurde er „auf der Flucht erschossen“, doch die Kugel in seinem Kopf tötete ihn nicht. Kurz bevor seine GenossInnen dann die geplante Befreiungsaktion aus dem Krankenhaus, in das er eingeliefert worden war, durchführen konnten, schlug die Gestapo ein zweites Mal zu. Was genau dann mit ihm geschah ist nicht bekannt.