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Schäm dich, Mann?

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Droht die „Herrschaft der Frauen“? Eine Antwort auf Jens Jessens ZEIT-Artikel

Der Zeit-Autor Jens Jessen schrieb in einem „Wutausbruch“ unter der Überschrift „Schäm dich, Mann“ den Leitartikel der aktuellen Ausgabe von „DIE ZEIT“ (erschienen am 5. April 2018). Darin wendet er sich gegen einen „totalitären Feminismus“, der die kommende „Herrschaft der Frauen“ vorbereite. In einem Interview vom gleichen Tag bei Radioeins gelang es ihm nicht, eine klare Antwort darauf zu geben, welche Männer in welchem Maße durch aktuelle Debatten wie #MeToo oder andere feministische Diskussionen eingeschränkt werden. Er konstruiert ein Gebilde, in dem „Der Mann“ an sich durch den angeblich vorherrschenden Feminismus in seiner männlichen Wesensäußerung beschränkt würde. Da er dies nicht belegen kann, beschwört er eine schweigende „Mann“schaft herauf, die absichtlich von der Debatte ausgeschlossen würde und rechtfertigt damit, nicht mehr als vage Aussagen treffen zu müssen. Damit wird deutlich, dass es ihm nicht um eine konkrete Debatte geht, sondern um eine vor allem ideologische Auseinandersetzung. Dabei verbindet er einen radikalen Antifeminismus mit antidemokratischen und platt antikommunistischen Vorstellungen und scheut nicht davor zurück, Nazi-Vergleiche anzustellen. Jessens Text könnte dem Programmheft einer der derzeitigen rechten Strömungen entnommen sein und bedarf deshalb einer gesonderten Antwort. Sie soll auch ein Aufruf an alle Männer sein, sich nicht zu einer angeblich von Feministinnen zum Schweigen gebrachten Mehrheit instrumentalisieren zu lassen.

Von René Arnsburg, Berlin

Jessen scheint in einer anderen Welt als die meisten Menschen zu leben. Er konstatiert, dass die „#MeToo Debatte […] in der Film- und Medienbranche angekommen [ist]. Und viel […] dafür [spricht], dass sie auch die restliche Welt verändern wird, in der Übergriffe, Missbräuche und Gewaltakte üblich waren.“

Dass letzteres als Vergangenheit formuliert wird, mag auf den ersten Blick erstaunen, während doch Gewalt gegen Frauen in den allermeisten Teilen der Welt eine Massenerscheinung ist und nicht an den europäischen Grenzen Halt macht. Laut der 2014 veröffentlichten Studie „Gewalt gegen Frauen“ der Agentur für Grundrechte der Europäischen Union haben allein in Deutschland 35 Prozent aller Frauen körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Für Partnerschaften wird psychische Gewalt ausgewiesen, hier sind ist es genau die Hälfte aller Frauen, die angeben, Gewalt erfahren zu haben. Die Zahlen für verschiedene Länder schwanken, da Gewalt gegen Frauen und deren Benennung durch Betroffene in unterschiedlichem Maße vorhanden sind. Deutschland liegt jedoch etwas über EU-Durchschnitt.

Vergewaltigungsopfer werden zu Täterinnen gemacht

Der jüngste Fall, der Aufmerksamkeit erlangte, ist der einer Frau in Nordirland, die eine Vergewaltigung durch mehrere Männer vor Gericht brachte und bei der die zwei Hauptangeklagten inklusive zwei ihrer Freunde, die Falschaussagen machten, freigesprochen wurden. Schlimmer noch: Im Laufe des Verfahrens wurde die eigentlich Geschädigte selbst zur Angeklagten. Die Umstände, dass sie auf einer Party war, dass sie nicht verletzt genug war, dass sie nicht laut genug geschrien hatte, reichten aus, um ihr die Verantwortung für die Vergewaltigung aufzubürden und die Angeklagten laufen zu lassen.

Wir sind noch weit davon entfernt, dass sich eine Welt verändert, in der Gewalt für Frauen zur täglichen Bedrohung wird und weltweit häufigste Todesursache ist. Nicht zuletzt, weil Sexismus als mächtige Spaltung ein Grundbaustein des kapitalistischen Systems ist, damit es bestehen bleibt. Männern wird dabei die Rolle zugedacht, Frauen im Interesse der Herrschenden zu disziplinieren, also das Herrschaftsverhältnis im Privaten zu reproduzieren. Diese Rolle sollten Männer nicht ungefragt hinnehmen, sondern auf auf das Äußerste bekämpfen!

Aber wir sehen, wie sich antisexistische Bewegungen in allen Teilen der Welt Bahn brechen und revolutionäre Züge annehmen, wie im Spanischen Staat. Warum schreibt Jessen dann, dass die Message angekommen ist? Er suggeriert damit, dass die Frauen ihren Hashtag hatten und damit jetzt gut ist, er will nichts weiter davon hören. Dass jetzt alles besser ist, kann nur jemand mit einer solchen Gewissheit behaupten, der nie geschlechtsspezifischer Unterdrückung ausgesetzt war – also ein Mann.

Für ihn ist die Diskriminierung von Frauen durch eine männliche dominierte Gesellschaft eine rein individuelle Angelegenheit und nicht Ausdruck eines patriarchalen Systems. Deshalb muss er keine Ursachenforschung betreiben, sondern kann fragen, „ob die Botschaft des Protests auch bei jenen Männern angekommen [ist], die sich gar nichts vorzuwerfen haben – außer ihrer Zugehörigkeit zum verfluchten Geschlecht?“ Darauf kann nur geantwortet werden: Hütet Euch besonders vor Typen, die in der Öffentlichkeit ihre eigene Unschuld betonen müssen! Jessens Polemik soll von seiner mangelnden Bereitschaft ablenken, typisch männliches Verhalten zu reflektieren.

Nicht jeder Mann ist ein Vergewaltiger. Jedoch könnte der berühmte Ausspruch von Simone de Beauvoir auch auf auf das andere Geschlecht angewendet werden: „Man kommt nicht als Mann zur Welt, man wird dazu gemacht.“ Mit allem was dazu gehört. Fehlende Selbstreflektion gehört dazu, wenn Herrschaftsverhältnisse reproduziert werden sollen. Im Umkehrschluss heißt das nicht, persönlich für frauenfeindliche Übergriffe verantwortlich zu sein. Aber kein Mann ist frei von männlichen Verhaltensweisen und nur der (selbst)kritische Umgang mit allem, was dazu gehört – Dominanz, Unsicherheiten, Rollenbilder allgemein – öffnet den Weg zur Veränderung dieser. Hält man(n) sich selbst für unfehlbar, ist dieser Weg versperrt. Und auch wenn man(n) sich persönlich nichts vorwerfen mag, so kann dennoch ein System in Frage gestellt werden, dass die Ungleichheit von Männern und Frauen (und vielen anderen) zementiert.

Jens Jessen trägt dick auf und erklärt, dass „jedes männliche Entgegenkommen in einer Sackgasse endet.“ Männer würden „absichtsvoll“ von der Debatte ausgeschlossen, zu Unrecht in „Kollektivhaftung genommen“ und die Diskussion habe „ein rhetorisches Hexenlabyrinth erschaffen, in dem selbst der Gutwilligste scheitert.“ Jessen sagt nicht, worin dieses „Entgegenkommen“ besteht, aber eins kann festgehalten werden: Einmal zu sagen „Ich finde das ja auch scheiße“ reicht nicht aus. Und manchmal ist männliches Entgegenkommen sogar deplatziert oder gar patronisierend. Da hilft es wenig, sich beleidigt zurückzuziehen, wenn Kritik kommt oder es eben gerade nicht hilft. Was in solchen Fällen hilft: Zuhören, über Kritik nachdenken, sacken lassen, Sachen ändern. Es mag Fälle geben, in denen Kritik nicht den richtigen Ton trifft oder man sie sachlich nicht teilt. Oft reagieren Männer beleidigt, deren guter Wille nicht sofort gewürdigt wird. Würden Männer dem Maß an zum allergrößten Teil oberflächlicher und ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt sein, das Frauen jeden Tag ertragen müssen, würden viele von ihnen wahrscheinlich nicht mehr das Haus verlassen.

„Hexenlabyrinth“?

Auch seine Wortwahl beim „Hexenlabyrinth“ wirkt bedrohlich. Er bemüht hier das Bild der Frau des Mittelalters, die sich nicht beugen wollte und Männer auf Grund ihrer Hexenkräfte in die Irre führte. In der Realität wurde als Hexe jede Frau bezeichnet, die aus tausend Gründen nicht in das herrschende Bild passte (sie lebte allein, wusste mehr als ein Mann, war selbstbewusst, legte sich mit den falschen Leuten an, war zur falschen Zeit am falschen Ort). Was mit diesen Frauen passierte, wissen wir auch. Was ist die Auflösung dieses „Hexenlabyrinths“? Inquisition 4.0? Feministinnen-Verbrennung?

Der Wutausbruch des ZEIT-Autors passiert auf verschiedenen Ebenen. Er beklagt, dass er sich nicht solidarisieren dürfe, doch statt einen Artikel zu schreiben, in der er die Ungerechtigkeit gegenüber Frauen anprangert, prangert er die vermeintliche Ungerechtigkeit gegenüber Männern an! Es gibt jedes Jahr dutzende von Veranstaltungen, Demonstrationen, Kundgebungen, an denen ein Mann teilnehmen kann, um recht niedrigschwellig seine Solidarität zu äußern. Es passiert selten, dass Männer dafür von der feministischen Bewegung geächtet werden. Tatsächlich werden sie nicht selten von anderer Seite dafür geächtet, „Frauenversteher“ zu sein, sich womöglich um „Weiberkram“ zu kümmern usw.

Spaltung überwinden

Es sollte nicht geleugnet werden, dass Männer in verschiedenen Bereichen besser gestellt sind als Frauen. Sie leisten weniger Hausarbeit und bei der Kindererziehung, sie verdienen mehr, haben höhere Renten, dominieren Führungspositionen in der Gesellschaft inne, sind keiner geschlechtsspezifischen Gewalt ausgesetzt usw. Dennoch hat ein arbeitender Mann immer noch mehr mit einer arbeitenden Frau gemeinsam, als mit seinem Chef, der den Gewinn einstreicht, den der Arbeiter und die Arbeiterin erwirtschaftet. Die Spaltung von Männern und Frauen hilft, dieses Ausbeutungsverhältnis aufrecht zu erhalten. Wollen wir uns davon befreien, müssen wir zusammen kämpfen. Männer und Frauen. Egal, ob es ein Streik um höhere Löhne ist, oder die soziale Revolution. Der Lohn? Ein freies Menschengeschlecht in einer freien Gesellschaft. Das bedeutet auch Freiheit von männlichen Rollenbildern, die die wenigsten Männer immer als angenehm empfinden dürften.

Für Jessen ist es ungerecht, Männern negative Eigenschaften wie Machtbesessenheit, Geldgier, Egomanie, Wichtigtuerei, Sexismus und Gemeinheit zu unterstellen. Tatsächlich wäre das zu kurz gefasst, denn es sind keine männlichen Eigenschaften, sondern jene, die der Kapitalismus insbesondere fördert und die Teil des männlichen Rollenverständnisses sind. Da die Mehrzahl der Männer damit erfolgreicher ist, als Frauen es sind, finden sich diese Eigenschaften in der Mehrzahl bei ihnen. Auch, weil Frauen das Gegenteil gelehrt wird, denn sie sollen ruhig, zart, einfühlsam, schön, inspirierend, liebevoll, verständnisvoll usw. sein, um ihrem Rollenbild zu entsprechen. Temperament ist okay, aber nur im Bett, bzw. dann, wenn der Mann es will.

Er und andere Naive hätten zu Beginn der Debatte um #MeToo geglaubt, es ginge um die Beseitigung wirklicher Missstände, was Gewalt gegen Frauen angeht. Als diese Grenze überschritten wurde, ging es ihnen dann zu weit und „zu spät haben sie die Ausweitung der Kampfzone, die ideologische Totalität des neuen Feminismus erkannt.“ Wieder geht es ihm darum, dass die Auseinandersetzung doch bitte vor seiner eigenen Haustüre halt macht. Aus Unwissenheit oder willentlich, weder das eine, noch das andere ist besser, konstruiert er einen totalitären Feminismus, den es nicht gibt. Und schon gar nicht gibt es eine einzige feministische Strömung. Mit seiner schweigenden Männergemeinschaft, die er in Schutzhaft nimmt, diesen Konstruktionen einer totalen oder totalitären Strömung folgt er den pseudowissenschaftlichen Argumentationsmustern der Rechten, doch dazu später. Bei der Lektüre wird auch klar, für Jessen gibt es nur physische Gewalt gegen Frauen. Jede andere Form struktureller Benachteiligung oder gar Gewalt nimmt er nicht ernst. Auch dabei hilft es ihm, die Problematik individuell und nicht systemisch zu betrachten.

Zensur?

Es darf auch der Verweis auf die Kunst nicht fehlen, was natürlich am üblichen Zensurvorwurf von rechts anknüpft. Er verweist auf die Entfernung nackter Frauenbilder aus Ausstellungen als Protestaktion, um dies zu belegen. Ähnlich wie bei der Diskussion um das Verbot sexistischer Werbung kann nur wiederholt werden: Kein Mann hat ein Recht darauf, nackte Frauen anzugucken. Und was früher als gut empfunden wurde, ist deswegen noch lange nicht vor einer Neubetrachtung viele Jahre später gefeit. Und natürlich, wie könnte es anders sein, das Gomringer-Gedicht, das von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule entfernt wurde, darf nicht fehlen. Hier entpuppt sich Jessen als schnöder Antidemokrat. In seinem Radiointerview führte er aus, dass ein demokratischer Beschluss der Studierenden, dieses Gedicht zu entfernen, noch lange nichts hieße und einfach Mehrheiten organisiert würden. Ja, so läuft Demokratie. Man versucht für seinen Vorschlag eine Mehrheit zu finden, aber er ist nicht willens, das zu akzeptieren, weil der Beschluss nicht seiner Meinung entspricht. Es ist aber gar nicht die Entfernung des Gedichts, die das eigentliche Problem ist. Nach 1989 und dem Sieg des kapitalistischen Westens über den Ostblock wurden tausende Gemälde, die in den Jahrzehnten zuvor entstanden sind, unter Applaus von Wänden entfernt. Straßen, die den Namen anerkannter AntifaschistInnen wie Helene Weigel trugen, verloren ihre Daseinsberechtigung, während es heute immer noch Hindenburgstraßen gibt.

Das Problem ist die Begründung. Es darf einfach nicht sein, dass etwas Männliches weggewischt wird, weil es als sexistisch empfunden wird. Und das ist auch die einzige Einschränkung, die der Autor fürchtet: Kritik für etwas zu ernten, das er sagt und tut. Doch niemand hat ein Recht auf Narrenfreiheit. Das gilt selbst für die „schüchternste männliche Lebensäußerung“. Sofern damit nicht normale Stoffwechseltätigkeiten gemeint sind, bleibt die Frage stehen, was diese männliche Lebensäußerung sein soll und ob sie nicht zurecht kritisiert wird, wenn sie explizit männlich ist. Er befürchtet die Gründung radikaler (terroristischer) Frauengruppen. Terror, egal aus welcher Motivation heraus, ist der falsche Weg. Bei der derzeitigen Rechtsprechung in Europa, die Vergewaltiger lachend aus dem Gericht gehen lässt oder Frauen für Schwangerschaftsabbrüche ins Gefängnis wirft (oder Schlimmeres!), ist allerdings ebenso keine Gerechtigkeit zu erwarten.

Die oben genannten schlechten Eigenschaften, die er zu unrecht den Männern zugeschrieben sieht, überträgt er in Wirklichkeit auf Frauen. Er wärmt den alten Mythos wieder auf, dass Frauen Männer zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigen, um selbst einen Vorteil daraus zu ziehen. Doch welche Frau sollte in der jetzigen Situation einen Vorteil aus einem zutiefst entwürdigendem Verfahren ziehen? In vielen Fällen wurden Täter sogar freigesprochen, wenn das Gericht Gewalteinwirkung feststellt, aber die Beweislage für die Schuld des Täters angeblich nicht ausreicht. Ein Viertel aller Fälle endet in Deutschland mit Freispruch, während es bei Gewalt- und Tötungsdelikten acht bis neun Prozent, im Gesamtdurchschnitt sogar nur drei Prozent sind. Dabei werden gerade mal 16 Prozent aller Vergewaltigungen angezeigt.

Als würden Frauen aus purer Bosheit solche schwerwiegenden Vorwürfe erheben! Selbst wenn es einen Fall geben sollte, wo dieser Vorwurf einmal nicht der Wirklichkeit entspricht, ist die Frage noch lange nicht geklärt, ob das nicht ein Hilferuf war und was vorgefallen sein muss, dass dies der letzte Ausweg einer Frau ist, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Das übersteigt Jessens Vorstellungskraft jedoch.

Darüber hinaus hält er es für tapfer, „darin eine heilsame Lektion [zu erkennen], die es allen Männern erlaubt, die Diskriminierungserfahrung der Muslime zu machen“. Er betritt damit endgültig das Reich der Absurdität. Reale Diskriminierungserfahrung von (vermeintlichen) Muslime*a sind Kopftuch- und Burkaverbot, Aussetzung des Familiennachzugs, schlechtere Chancen bei der Bewerbung um Ausbildung und Arbeitsplatz. Welcher deutsche Mann hat mit diesen Problemen zu kämpfen? Es geht wieder nicht um die Realität, sondern darum, dass seine Hauptangst ist, er könne für etwas verdächtigt werden, was er nicht getan hat. Das mag ungerecht sein, doch kümmert ihn das mehr als die wirklichen schreienden Ungerechtigkeiten auf der Welt und man kann sagen: Jens, hab‘ dich nicht so. Frauen hören das sehr oft. Hier ist es allerdings angebracht.

Rechtsverschiebung

Er scheut selbst den Nazivergleich nicht und schreibt von einem „ neuen feministischen Volkssturm“ der #MeToo-Bewegung, welches glatt durch die ZEIT-Redaktion gegangen ist. Er macht dann etwas sehr Typisches: Victim-Blaming. Er verweist auf die Aussage der Journalistin Judith Liere, die im Club immer den Daumen auf der Flasche habe. Er fragt sie: „In welchen Bars verkehren sie bloß? Kennen Sie die Männer dort?“ Er will es ins Lächerliche ziehen, dass das für jede Bar und für potentiell jeden Mann gelten könne. Doch genau das tut es. Den Daumen auf der Flaschenöffnung haben: in JEDER Bar, in JEDEM Club, auf JEDER Party. Und selbst Männer kennen ist kein Schutz, denn die meisten Übergriffe passieren aus der Partnerschaft und dem Familien- und Freundeskreis heraus, 77 Prozent aller Frauen geben an, den Täter vorher gekannt zu haben!

Er verwehrt sich dagegen, dass er sich als Mann fragen lassen muss, ob er sich gerade falsch verhalten hat. Er muss sich das fragen lassen, vor allem, weil er sich weigert, sich die Frage selbst zu stellen. Für ihn ist die „sexistische Atmosphäre“ etwas Ausgedachtes, da er nur reale Übergriffe gelten lässt. Diesen Brustton der Überzeugung kann nur jemand anschlagen, für den der Gang durch das Großraumbüro kein Spießrutenlauf ist, der in der Bahn, auf der Straße, mitten am Tag nicht befürchten muss, angegriffen, beleidigt oder beurteilt zu werden. Die Angst vor Gewalt und sogar Mord ist bei Frauen auf Platz eins der Ängste.

Die Richtschnur ist für ihn der „abendländische Rationalismus“, er möchte ein Gespräch mit Argumenten, „die jeder nachvollziehen vermöchte, unabhängig von Herkunft, Klasse und Geschlecht.“ Seine abendländische Vernunft ist ein Hirngespinst, ein hohles Konstrukt. Ich sitze nicht mit meinem Chef an einem Tisch und verhandele aus gleicher Position über mein Gehalt. Geflüchtete haben nicht den gleichen Zugang zu Arbeit, Vertretung und Bildung wie Staatsbürger*innen. Und Männer sind nicht im gleichen Maße diskriminiert wie Frauen. Es gibt Herrschaftsverhältnisse, die er versucht zu leugnen und sie machen jede rationale Diskussion auf Augenhöhe zu einem Wunschgebilde. Mit seinem Verweis auf die abendländische Rationalität knüpft er an die aktuellen Debatten in der Rechten an und bringt ein neues Element hinein: Der heutige Feminismus steht außerhalb unserer Kultur, die sich seit einiger Zeit deutsche Recken zu schützen auf die Fahne geschrieben haben. Das dürfte ihnen gut passen, wo für einige Teile, wie für die Identitäre Bewegung, der Schutz der „deutschen Frau“ vor dem Zugriff des barbarischen Ausländers ein Aushängeschild ist. Dass brutale Nazi-Hooligans zu flammenden Feministen werden, darf dabei auch keine Fragen aufwerfen.

Sein gesamter Text rückt die Grenze des Sagbaren wieder weiter ein Stück nach rechts, wobei es diesmal nicht um Rassismus geht, sondern um eine angeblich drohende feministische (Meinungs)diktatur. Dabei drängen sich Fragen auf, worin denn Männer real eingeschränkt sind, wenn wir schon in einer feministischen Diktatur leben. Kriegen sie jetzt weniger Gehalt als die Kolleginnen? Werden sie dauernd angefasst? Nimmt sie keiner mehr ernst, weil sie Männer sind? Sind die Mehrzahl der Teilzeitjobs jetzt männlich besetzt? Verrichten Männer den allergrößten Teil der Hausarbeit jetzt unentgeltlich? Nein, lassen wir uns nichts vormachen. Was hier marschiert, ist die gesellschaftliche Reaktion, die droht, alle noch so kleinen Verbesserunngen rückgängig zu machen, die in den letzten Jahrzehnten erkämpft wurden.

Antikommunismus

Jessen bemüht zum Schluss seines Artikels den plattesten Antikommunismus, um seine realitätsfernen Behauptungen zu untermauern. Der Feminismus wird mit den Moskauer Schauprozessen verglichen, was die Brutalität dieser Prozesse nicht zuletzt völlig relativiert. Er bezeichnet sie als bolschewistisch, was auf ein mangelndes Geschichtsverständnis deutet. Es waren keine Kapitalisten, die von Stalin auf das Schafott geführt wurden, sondern eben jene Bolschewiken der Revolution, die in Opposition zum Bürokratismus standen. Zusätzlich waren es die Bolschewiki nach der Revolution 1917, die damals die fortschrittlichste Gesetzgebung der Weltgeschichte in Bezug auf Geschlechterfragen eingeführt hatten. Das interessiert ihn aber nicht, er verknüpft den Feminismus mit einem angeblich „marxistisch-leninistischem Vorbild“ und damit den Antifeminismus mit seinem eigenen Antikommunismus.

Damit dürfte er so einigen zukünftigen Rechten den Einstieg in die Szene erleichtern. Vor allem der Antifeminismus, also das diffuse Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist ein Bindeglied zwischen der Mitte und rechtsaußen. Die Rechten gelangen durch ihn in den Mainstream, weil Sexismus Mainstream ist. Ähnlich wie beim Rassismus wird hier ein nicht näher definiertes Gefühl, auf Grund seiner realen oder vermeintlich sozial benachteiligten Lage schlechter gestellt zu sein, nicht gegen die Verantwortlichen und Nutznießenden gelenkt, sondern gegen die, die gesellschaftlich in einer schwächeren Position sind – Frauen und Migrant*innen oder Geflüchtete.

Angesichts dieser frappierenden Verknüpfung eines antidemokratischem und antikommunistischen Selbstverständnisses mit einem radikalen Antifeminismus bleibt nur zu hoffen, dass sie eine Gegenreaktion hervorrufen und Menschen zu Sozialist*nnen und radikalen Feminst*innen werden. Das gilt auch für alle Männer. Im Interesse der sozialen Befreiung vom kapitalistischen Elend: Lasst uns zusammen kämpfen.