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Ist Prostitution ein normaler Beruf?

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Buchbesprechung von “Mythos ‘Sexarbeit’”

Ist Prostitution ein normaler Beruf? Über diese Frage ist sich die deutsche Linke nicht einig. Relevante Teile der Linken vertreten die Ansicht, dass zur sexuellen Selbstbestimmung auch die Freiheit dazu gehöre, sich zu prostituieren, und ein Kampf gegen die Prostitution ein Kampf gegen diese Selbstbestimmung sei. Katharina Sass, Manuela Schon und weitere Mitautorinnen leisten mit ihrem Buch „Mythos ‘Sexarbeit’“ einen wertvollen Beitrag zur Debatte. Die Aktivistinnen betrachten verschiedene Gesichtspunkte der Prostitutions-Industrie, werten Ergebnisse von Forschungen aus und argumentieren für eine andere Sichtweise: Prostitution sei kein normaler Beruf, sondern sexuelle Gewalt.

Von Aleksandra Setsumei, Aachen

Sass beginnt ihre Argumentation mit der Frage nach dem Wesen der Prostitution. Hierzu arbeitet sie soziale Ursachen des Phänomens heraus. Sie begründet, warum die Entscheidung, sich zu prostituieren, in der Regel keine freiwillige Entscheidung ist, sondern meistens aufgrund von fehlenden Alternativen und bitterer Not getroffen wird. Damit wird der neoliberalen Sicht eine Absage erteilt, wonach Prostituierte als gleichberechtigte VertragspartnerInnen eine Dienstleistung anbieten. Diese Sicht ignoriere die gesellschaftlichen Verhältnisse, merkt Sass richtig an.

Prostitution hat gesellschaftliche Ursachen

Des Weiteren demonstriert Sass die zugrundeliegenden patriarchalen Verhältnisse, die in der Prostitution ausgelebt werden. Diese äußern sich bereits darin, dass die meisten Prostituierten Frauen und die meisten Freier Männer sind. Damit werden die konservativen Vorstellungen von Sexualität manifestiert, wonach Frauen passiv und ohne eigene sexuelle Bedürfnisse und Männer triebgesteuert seien. Zusätzlich wird das angebliche Recht des Mannes auf Sex über das Wohlbefinden der Frau gestellt. Und schließlich kommen noch die gesellschaftlichen Auswirkungen hinzu: Wenn Prostitution als normal angesehen wird, entsteht ein Bild, wonach Frauen käuflich und immer verfügbar seien und nur das Vergnügen des Mannes zur Aufgabe haben.

Gewalt in der Prostitution

Die wohl erschreckendsten Seiten des Buches sind die Beschreibungen der Gewalt, der Prostituierte ausgesetzt sind, und der Auswirkungen, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben.

Mitautorin Inge Kraus, die als Psychotherapeutin arbeitet und auch Prostituierte betreut, beschreibt die psychologischen Folgen der Prostitution. Dazu gehören Dissoziation, das heißt Entfremdung vom eigenen Körper, traumatisches Gedächtnis, Angststörung, Persönlichkeitsstörung und viele weitere Traumaerscheinungen. Untermauert werden diese Ausführungen mit der Auswertung von zahlreichen Studien. Diese Erkenntnisse rücken die Diskussion um „Prostitution als normalen Beruf“ in ein ganz anderes Licht, denn in welchem anderen Beruf erleiden 60 bis 68 Prozent der Beschäftigten posttraumatische Belastungsstörungen vergleichbar mit denen eines Kriegs- oder Folteropfers?

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie von 2014 erlebten 82 Prozent der Prostituierten Formen psychische Gewalt und 92 Prozent sexuelle Belästigung.

Debatte nötig

Insgesamt ziehen die Autorinnen den Schluss, dass Prostitution zu bekämpfen sei, und rufen dazu auf, sich dem Kampf für eine Welt ohne Prostitution anzuschließen.  Doch eine Schwäche des Buches ist, dass die von Sass und Mitautorinnen vorgeschlagene Lösung, sich auf den Kampf für die Einführung des sogenannten „nordischen Modells“ konzentriert. Das nordische Modell besteht darin, Zuhälter und Freier zu kriminalisieren, ohne die Prostituierten zu verfolgen.

Durchgängig argumentieren die Autorinnen, dass der Großteil der Prostituierten ihren Körper nicht aus freien Stücken verkaufen, sondern durch ihre soziale Lage dazu gezwungen sind. So sehr das nordische Modell eine Rolle dabei spielen kann, um eine gesellschaftliche Ächtung von Prostitution zu erreichen, so wenig reicht eine restriktive Gesetzgebung gegen Zuhälter und Freier aus, um die Lage der betroffenen Frauen zu verbessern. Ein Kampf für die Umsetzung konkreter Forderungen ist nötig. Angefangen mit der Wiederherstellung des Asylrechts und einem garantierten Bleiberecht für alle hier lebenden Menschen, Hilfsangebote für Prostituierte und alle Frauen in sozialer Not, verbunden mit dem Kampf für Mindestsicherung und Mindesteinkommen und gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit – in Deutschland und in den Ländern, aus denen viele Prostituierte stammen.

Zusätzlich braucht es eine Debatte um ein Bewusstsein für die knallharte Realität der Prostitution zu schaffen. Auf Versammlungen und Seminaren von Gewerkschaften und der Linken sollte über Prostitution diskutiert werden, gerne unter Hinzuziehung dieses wichtigen Buches.