Home / Themen / Wirtschaft / Finanz- & Bankwirtschaft / Bitcoins: Kapitalistische Kapriolen

Bitcoins: Kapitalistische Kapriolen

Print Friendly, PDF & Email

Foto: Pixabay

Was ist von „Kryptowährungen“ zu halten?

Im vergangenen Jahr hat der rasante Preisanstieg von Bitcoins zu einem Medien-Hype geführt. Im Dezember erreichte er vorläufige Höchststände. Am 21. Februar startete auch der venezolanische Staat eine eigene „Kryptowährung“ namens „Petro“.

Von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

„Bitcoin“ heißt sinngemäß „digitale Münze“. Bitcoins gibt es seit 2009. Jahrelang waren sie praktisch wertlos, bis 2013 stieg ihr Preis dann auf 1000 Dollar, am 21. Mai 2017 knackten sie die 2000 Dollar, am 29. November die 11.000 Dollar, am 16. Dezember die 19.000 Dollar. Inzwischen (Mitte Februar) stehen sie wieder deutlich unter 10.000 Dollar.

Preis-Kapriolen

Die Ideologen von Bitcoins propagieren sie als eine neue Form von Geld, das nicht von den bösen Staaten und ihren Zentralbanken kontrolliert werde, sondern von „uns“ allen.

Der Kapitalismus ist eine warenproduzierende Gesellschaft mit einer hoch entwickelten Arbeitsteilung. Damit sie funktionieren kann, braucht sie Geld, also eine bestimmte Ware, deren Funktion genau darin besteht, dass sie in einem bestimmten Territorium überall als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Das ist bei Bitcoins nicht der Fall. Die Möglichkeiten, mit Bitcoins zu bezahlen, sind extrem begrenzt, da ihr Wert gegenüber realen Gütern stark schwankt.

Bitcoins sind also kein Geld, sondern in erster Linie ein Spekulationsobjekt. 2007 bis 2009 gab es die schwerste Weltwirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg. Notenbanken versuchten mit dem Aufdrehen des Geldhahns (extrem niedrige Zinsen und „quantitative Lockerung“) die Wirtschaft wieder in Fahrt zu bringen, bewirkten dadurch aber vor allem das Entstehen von neuen Spekulationsblasen. Der Bitcoin-Spekulationsboom im letzten Jahr war Teil dieser allgemeinen Entwicklung.

Ob der Absturz der Bitcoin-Kurse nach dem 16. Dezember (ebenso wie die Einbrüche an den Aktienmärkten Anfang Februar) der Beginn des Platzen dieser Blasen ist, ist nicht abzusehen (nicht zuletzt, weil das vom weiteren Agieren der Notenbanken abhängt, die aus Angst vor derartigen Folgen wieder vor Zinserhöhungen zurückschrecken könnten). Die Achterbahnfahrt der Bitcoins zeigt aber, wie wenig sie als Geldersatz taugen.

Ideologische Kapriolen

Die hoch entwickelte Arbeitsteilung des Kapitalismus bedeutet, dass er auf die Zusammenarbeit vieler Menschen angewiesen ist. Zugleich ist er eine Klassengesellschaft, in der Ausbeuter und Ausgebeutete einander gegenüberstehen. Und auch innerhalb einer Klasse beruht der Kapitalismus auf Konkurrenz. Die Menschen sind einerseits als ProduzentInnen und KonsumentInnen aufeinander angewiesen, zugleich besteht zwischen ihnen als VerkäuferInnen und KäuferInnen ein Interessengegensatz. Ganz banal gesagt: VerkäuferInnen haben ein Interesse, teuer zu verkaufen, KäuferInnen, billig zu kaufen. Eine solche von Gegensätzen zerrissene Gesellschaft ohne inneren Zusammenhalt braucht eine äußere Klammer, um nicht auseinanderzufliegen. Diese Klammer ist der Staat, der das geregelte Zusammenleben sicherstellt und dabei zugleich mit diesen Regeln dafür sorgt, dass die Profite und die Macht der herrschenden Klasse gesichert bleiben. Dass der kapitalistische Staat sich dabei nicht beliebt macht, ist verständlich. (Tatsächlich ist er noch viel zu wenig verhasst.) Aber den kapitalistischen Staat abzuschaffen und die kapitalistische Wirtschaft beizubehalten, ist eine Utopie.

Ein Teil der staatlichen Funktionen ist die Tätigkeit der Zentralbanken. Bitcoins bezwecken, eine Alternative zu diesem staatlich (und durch die Banken) geschöpften Geld anzubieten. Neben marktradikaler Ideologie besteht das Motiv der Bitcoin-BefürworterInnen darin, bestehende Staaten zu schwächen – aus mehr (z.B. bei Wikileaks) oder weniger sympathischen Gründen oder aus widerwärtigen wie Drogen- oder Menschenhandel.

Auch beim venezolanischen „Petro“ dürfte das Austricksen der imperialistischen Zwangsmaßnahmen gegen Venezuela ein Motiv sein. Zugleich soll es das Wirtschaftschaos im eigenen Land bekämpfen, wofür aber stattdessen der Kampf der Arbeiterklasse von unten gegen die Wirtschaftssabotage der Kapitalisten erforderlich wäre.

Um nicht auf einen Zentralstaat zurückzugreifen, sollen die Bitcoins durch komplizierte mathematische Operationen zwischen den Beteiligten (d.h. ihren Computern) gegen Betrug etc. abgesichert werden. Das zeigt schon, dass Bitcoins nicht so egalitär sind, wie sie dargestellt werden, weil Menschen mit Zugang zu enormen Rechnerkapazitäten im Vorteil sind.

Energieverbrauchs-Kapriolen

Ebenso sind es Menschen in Ländern mit niedrigen Energiepreisen. Denn die Computer erfordern einen immer größeren Energieaufwand, um diese mathematischen Operationen durchzuführen, je mehr sich Bitcoins ausbreiten. Es wurde geschätzt, dass der Energieverbrauch des Bitcoin-Netzwerks im November 2017 höher war als der der Republik Irland. Wenn das Wachstum des Energieverbrauchs mit gleichem Tempo weitergehe, werde es im Juli 2019 den heutigen der USA übertreffen, im Februar 2020 den der ganzen Welt. Und Regionen, in denen Strom billig ist, weil er ohne Rücksicht auf die Umwelt produziert wird, sind im Vorteil.

Man könnte meinen, Bitcoins seien von SozialistInnen ausgedacht worden, die vorführen wollten, was für eine Ressourcenvergeudung der Versuch ist, in einem durch und durch gegensätzlichen und unsolidarischen Wirtschaftssystem Kooperation zu organisieren. Statt für ein Bitcoin-Geldsystem jenseits der Zentralbanken müssen wir für eine solidarische und sozialistische Wirtschaft jenseits des Kapitalismus kämpfen.