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Iran: Revolution und Konterrevolution 1978-1981

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Auszug aus dem Buch „Iran – Freiheit durch Sozialismus“

Der Iran wurde 1978/79 von einer der größten revolutionären Massenbewegun­gen in der Menschheitsgeschichte erschüttert. Millionen gingen auf die Straße, wochenlang wurde das Land durch einen Generalstreik lahm gelegt, Arbeiterräte wurden gebildet, Tausende ließen im Kampf gegen die Monarchie des Schah Reza Pahlavi ihr Leben.

von Sascha Staničić

Diese Ereignisse sind als „Islamische Revolution“ in die bürgerlichen Geschichtsbü­cher eingegangen. Schließlich gelangte danach der schiitische Klerus unter Ayatollah Khomeini an die Macht und konnte die bis heute bestehende theokratische Diktatur etablieren. Die Ambitionen der Massen, eine „Republik der Armen“ zu er­richten und Unterdrückung, Entrechtung und Armut abzuschaffen, wurden ent­täuscht. Denn tatsächlich war die Machtergreifung der Mullahs nicht Revolution, sondern Konterrevolution – gegen die wachsende Macht der Massen, die die Fra­ge der Abschaffung des Kapitalismus auf die Tagesordnung gesetzt hatten.

Die Ereignisse der Jahre 1978 bis 1981 stellen gleichsam ein Trauma für die irani­sche Linke und Arbeiterbewegung dar, von dem diese sich bis heute nicht erholt hat. Für die neue Generation von Oppositionellen, GewerkschafterInnen und Re­volutionärInnen im heutigen Iran ist ein Verständnis der damaligen Ereignisse, und insbesondere der Fehler der traditionellen linken Organisationen, eine wich­tige und notwendige Voraussetzung, um die Aufgaben der heutigen iranischen Revolution zu meistern. Dies gilt umso mehr, da die meisten Teile der traditionel­len iranischen Linken ihre damaligen Fehler nicht verarbeitet haben, sondern sie sogar wiederholen.

Die iranische Revolution von 1978/79 brachte eine ungeheure Beteiligung der Volksmassen an den gesellschaftlichen Prozessen hervor. Millionen Iranerinnen und Iraner – ArbeiterInnen, Arbeitslose, Studierende, Frauen, PerserInnen, Kur­dInnen, AserbaidschanerInnen, Belutschen, AraberInnen, Kleinhändler, Bäuerin­nen und Bauern, Intellektuelle, Soldaten – beteiligten sich an Massendemonstra­tionen, Straßenschlachten mit den Staatsorganen der Schah-Diktatur, Streiks. Es war der enorme Druck der Massenbewegung, der die politischen Akteure vor sich her trieb. Diese waren weniger Akteure, als dass sie auf die Aktivität der Massen reagieren mussten, um nicht vollends die Kontrolle zu verlieren. Doch die Mas­sen, insbesondere die Arbeiterklasse als treibende Kraft der Volksbewegung, ver­fügten über kein von bürgerlichen und islamistischen Kräften unabhängiges poli­tisches Programm und keine Organisation, die ihren Ambitionen einen bewuss­ten Ausdruck hätte verleihen können – bzw. die bestehenden Organisationen der Linken versagten und entwickelten keine unabhängige Politik. So konnte die schiitische Geistlichkeit, geführt von Ruhollah Khomeini, in die Revolution „eindringen“, sie übernehmen und dadurch töten.

Der Iran im 20. Jahrhundert

Die Geschichte Irans im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte der Abhängigkeit von imperialistischen Mächten, von gescheiterten Versuchen eine bürgerliche Demo­kratie zu etablieren, extremer Ausbeutung der Massen und brutaler Unter­drückung der Arbeiterbewegung. Sie bestätigt eine Grundannahme von Leo Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution: In Ländern mit ver­späteter bürgerlicher (kapitalistischer) Entwicklung ist die Kapitalistenklasse nicht in der Lage nationale Unabhängigkeit, Entwicklung der Volkswirtschaft, Demokratie und gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen. Die Ergebnisse der revolutionären Ereignisse von 1906, 1953 und 1978/79 belegen diese Unfähigkeit des Bürgertums.

Der Iran war zwar niemals eine formale Kolonie eines imperialistischen Landes, faktisch aber war er seit dem 19. Jahrhundert ein quasi-kolonialisiertes Land, eine Halb-Kolonie, in ökonomischer und politischer Abhängigkeit vor allem von Großbritannien und Russland. Diese beiden Staaten hatten 1907 einen Vertrag über die Aufteilung des Iran in drei Zonen abgeschlossen: zwischen der russi­schen Zone im Norden und der britischen im Süden gab es eine neutrale Puffer­zone. Bis zur Entdeckung der Erdölvorkommen 1908 dominierte die Landwirt­schaft den Iran. Nur zehn Prozent der Bevölkerung lebte in Städten, wo sich ein Handelskleinbürgertum entwickelte – die so genannten Basaris, die bis heute einen wichtigen Teil des iranischen Bürgertums ausmachen.

Die Ölfelder im Südwesten des Landes wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts von der Anglo-Persischen Ölgesellschaft kontrolliert. 1906 wurde als Folge einer den Widerstand gegen die imperialistische Dominanz zum Ausdruck bringenden bürgerlichen Revolutionsbewegung die absolute Macht der seit 1775 herrschen­den Kadscharen-Dynastie gebrochen und eine konstitutionelle Monarchie einge­führt, also ein beratendes Parlament, das Madschlis, gegründet, was aber die im­perialistische Dominanz und die Herrschaft der Monarchie nicht brechen konnte – kein Wunder, hatten doch nur die besitzenden Klassen Stimmrecht. Schon 1911 wurde das Madschlis wieder aufgelöst.

Die Anglo-Persische Ölgesellschaft machte gigantische Gewinne, von denen nur ein Bruchteil im Iran selber landeten. Zwischen 1912 und 1933 betrugen diese zum Beispiel 200 Millionen britische Pfund, wovon nur 16 Millionen als Abgaben an die persische Regierung gezahlt wurden. Nach Ende des Ersten Weltkriegs hatte die Russische Revolution große Auswirkungen auf den Iran. Die neue, sozia­listische Regierung in Russland verzichtete weitgehend auf die für das Zarenreich bestehenden Konzessionsrechte, was ihr Ansehen unter den Massen im Iran stei­gerte. 1920 wurde im nordiranischen Gilan eine Räterepublik ausgerufen, die brutal niedergeschlagen wurde. Einer der Hauptführer der konterrevolutionären Truppen war Reza Khan, der von den imperialistischen Mächten unterstützt wurde, 1921 einen Militärputsch anführte und sich 1925 zum Schah (Kaiser) krönen ließ.

Unter Reza Khan entwickelte sich eine erste Phase der Industrialisierung, die je­doch sehr einseitig verlief und den Interessen von Konzernen aus den imperialis­tischen Ländern nicht entgegen lief. Diese konnten profitabel Produktionsanla­gen in den Iran verkaufen. Reza Khan investierte 260 Millionen Pfund in den Auf­bau der Industrie. Dies führte zum Wachstum der Arbeiterklasse in den Ölregio­nen und einigen Städten, wie Teheran, Isfahan oder Täbriz – während das Gros des Landes weiterhin seiner ökonomischen Rückständigkeit überlassen wurde. Das Gesetz der kombinierten und ungleichmäßigen Entwicklung wirkte auch im Iran. Neben modernsten Industrieanlagen existierten weiterhin primitive Hand­werksstätten. Die Elektrifizierung der Städte wurde in den Dörfern nicht umge­setzt. Die fortbestehende Dominanz durch den Imperialismus, vor allem Großbri­tannien, drückte sich wohl am besten darin aus, dass nur die britische Imperial Bank of Persia das Recht hatte, Banknoten zu drucken.

Als Reza Khan im Zweiten Weltkrieg eine Annäherung an Nazi-Deutschland er­kennen ließ und sich der uneingeschränkten Kooperation mit den Alliierten ver­weigerte, intervenierten Großbritannien und die Sowjetunion, was zur Abset­zung des Herrschers und zu seiner Ersetzung durch seinen Sohn Mohammad Reza Pahlavi führte, der der ergebene Diener der Imperialisten wurde. Das Ende des Krieges führte auch im Iran zu einer revolutionären Welle. So wurden auto­nome Republiken in Aserbaidschan und Kurdistan gebildet, die sich aber nicht halten konnten, nachdem die Rote Armee das Land verlassen hatte.

Teile des iranischen Bürgertums wendeten sich auch gegen die Dominanz Großbritanniens, vor allem gegen die imperialistische Ausbeutung der Ölvorkommen. Die Nationale Front, ein bürgerlich-demokratisches Bündnis verschiedener Par­teien, spielte dabei die entscheidende Rolle. Deren Führer Mohammed Mossadegh wurde 1951 Premierminister und das Parlament beschloss die Verstaatli­chung der Ölindustrie. Diese Maßnahme, unter dem Druck der Bevölkerung er­griffen und so begrenzt wie sie war, wurde vom Imperialismus als Bedrohung be­trachtet und rief eine Wirtschaftsblockade der westlichen kapitalistischen Staa­ten hervor. Am 19. August 1953 organisierten die Geheimdienste Großbritanniens und der USA einen Putsch gegen die Regierung Mossadegh und installierten Reza Pahlavi wieder als Schah. Dieser war drei Tage zuvor aufgrund der Massenprotes­te aus dem Land geflohen.

Das Pahlavi-Regime wurde in den darauf folgenden Jahren zu einem wichtigen Statthalter des Imperialismus im Nahen Osten. Das iranische Erdöl war für den Westen von großer Bedeutung. Außerdem konnte der Imperialismus durch den Iran die Kontrolle über wichtige Transportwege ausüben und sah in dem Land ein wichtiges Gegengewicht gegen die Sowjetunion.

Zu Beginn der 1960er Jahre kam es zu scharfen sozialen Spannungen und einem Generalstreik, der brutal vom Regime unter Einsatz des Geheimdienstes SAVAK nieder geschlagen wurde. Um weiteren sozialen Kämpfen der Massen vorzubeugen und mit dem Ziel die Industrialisierung und Modernisierung des Landes voran zu treiben rief Schah Reza Pahlavi die Weiße Revolution aus. Diese sah vor allem eine Landreform vor, die jedoch weniger den Kleinbauern zugute kam, als durch üppi­ge Entschädigungszahlungen an die Großgrundbesitzer die Voraussetzung schaffte, dass diese in Industrie und Handel investierten. Die Weiße Revolution traf die Geistlichkeit, deren wichtigste wirtschaftliche Basis der Großgrundbesitz war. Dies verstärkte den Konflikt zwischen schiitischem Klerus und dem Schah-Re­gime.

Die im Iran vorherrschende schiitische Lehre des Islam war schon im Mittelalter Ausdruck von Opposition gegen die damals bestehende arabische Dominanz. Nachdem die schiitische Geistlichkeit in verstärkte Opposition zum Schah geriet, entwickelte sich ein schiitischer Chiliasmus, also die Hoffnung auf die Entstehung eines irdischen Paradieses in Form einer gerechten und auf sozialer Gleichheit beruhenden islamischen Gesellschaftsordnung. Die Geistlichen schmückten ihre Opposition zum Schah in soziale und quasi-sozialistische Rhetorik und konnten so eine soziale Basis unter den Armen und Unterdrückten aufbauen, obwohl ihre Opposition gegen die Landreform vor allem Ausdruck ihrer eigenen Interessen als Großgrundbesitzer war.

Theoretische Wegbereiter dieser „revolutionären“ Umdeutung des Schiitentums waren Jalal Al-e Ahmad und Ali Schari‘ati. Letzterer kritisierte die „kulturelle Kolonia­lisierung“ durch den Westen. Anfang der 1940er Jahre trat er einer Gruppe na­mens Bewegung der Gott ergebenen Sozialisten bei, deren Anführer Mohammed als „Erfinder“ des Sozialismus sah.

„Er entwickelte die Konzeption eines kämpferischen, dynamischen Islams, den er in der idealen muslimischen Urgemeinde der Zeit Mohammeds und Alis verwirklicht sah … Scha­ri‘ati forderte das ganze Volk dazu auf, selbst die Stellvertretung der verborgenen Imame zu übernehmen, um hier und jetzt das Reich der Gerechtigkeit zu errichten …“ (Monika Gronke, Geschichte Irans, S. 106-107).

Schari‘ati sprach sich für einen „Dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sowjet­block aus. Die von ihm propagierte neue soziale Ordnung „würde durch die Tugend vollkommen vereint sein und nach Gerechtigkeit, menschlicher Brüderlichkeit, Gemeinei­gentum an den Reichtümern und schließlich einer klassenlosen Gesellschaft streben“.

Die Verbindung von Schiitentum mit Antiimperialismus war für viele iranische Intel­lektuelle attraktiv. Der Ayatollah Ruhollah Khomeini, der bis 1963 in der „heiligen Stadt“ Qom isla­misches Recht und Philosophie unterrichtete, wurde zum profiliertesten politi­schen Islamisten. Er gehörte nicht zu Ali Schari’atis Gefolgsleuten, sondern ver­trat eher den traditionellen Klerus, aber er knüpfte nach Schari’atis Tod 1977 an dessen Propaganda an und stellte eine islamische Republik als eine „Republik der Armen“ dar. Schon in den 1960er Jahren rief er zu Widerstand und Revolution ge­gen den Schah und die Weiße Revolution auf. Er wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Das Todesurteil wurde jedoch nicht exekutiert, sondern Khomeini des Landes verwiesen. Er ging zunächst in die Türkei, später in den Irak.

Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre genoss der Iran drastisch steigende Ein­nahmen aus dem Ölgeschäft. Diese stiegen zum Beispiel von 1965 bis 1969 von 522 Millionen US-Dollar auf 938 Millionen US-Dollar und 1974 auf 22 Milliarden US-Dollar. Diese Einnahmen ermöglichten dem Schah, ein Modernisierungs- und Infrastrukturprogramm durchzuführen. Gleichzeitig stiegen die ausländischen Investitionen. Die Industrialisierung setzte sich fort. Millionen Bauern gingen in die Städte und wurden Arbeiter. 1947 gab es im Iran 175 große Unternehmen mit 100.000 ArbeiterInnen, 1972 waren dies 6.000 bzw. 1,8 Millionen.

Doch diese Entwicklung führte zu wachsender sozialer Polarisierung und nicht zu einem wachsenden Lebensstandard für die Massen. Das galt umso mehr, nach­dem der Boom 1976 ein Ende fand und der Schah seine Investitionsprogramme einstellte. Steigenden Löhnen stand eine wachsende Inflation von über einhun­dert Prozent in den Jahren 1973 bis 1975 gegenüber. Ein großer Teil der Staats­einnahmen floss in den Ausbau des repressiven Staats- und Militärapparates. 31 Prozent des Staatshaushaltes gingen in den Verteidigungsetat. Der Schah wollte aus dem Iran die siebtgrößte Macht der Welt machen und versuchte auch, eine gewisse Unabhängigkeit vom Imperialismus zu erlangen. Hinzu kam eine enorme Konzentration von Reichtum in den Händen der herrschenden Elite, nicht zuletzt der Pahlavi-Familie selber. In den 1970ern wurden vierzig Prozent der Ausgaben von den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung getätigt. Die führenden 45 Fa­milien kontrollierten 85 Prozent der größeren Unternehmen. Der Schah galt in den 1970ern als der reichste Mann der Welt. Nach dem Ausbruch der revolutio­nären Proteste 1978 haben 178 Mitglieder der herrschenden Elite eine Milliarde britische Pfund ins Ausland geschafft. Hinzu kamen eine Milliarde, die der Schah in diesem Zeitraum auf Konten bei US-Banken transferierte – zusätzlich zu einer weiteren Milliarde Pfund, die ohnehin schon auf Schweizer und anderen auslän­dischen Konten lagen.

Dem standen in den 1970ern katastrophale Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Massen gegenüber. 73 Prozent der Beschäftigten verdienten weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. In Hamadan wurde die Arbeitszeit auf 18 Stunden ver­längert. In Mesched waren zwei Drittel der TeppicharbeiterInnen Kinder zwi­schen sechs und zehn Jahren – trotz eines Kinderarbeitsverbots bis zum zwölften Lebensjahr! Mit dem Ende des Booms stieg die Arbeitslosigkeit rasant. In Teheran entwickelten sich riesige Slumgebiete, Krankheiten grassierten. Das war der so­ziale Hintergrund für die wachsende Opposition gegen das Regime, die in der Re­volution von 1978/79 mündete.

Die Linke im Iran

In der Revolution von 1978/79 gab es drei Organisationen der Linken mit Massen­einfluss: die „kommunistische“, an der Sowjetunion orientierte, Tudeh-Partei, die sich marxistisch verstehenden Volksfedayin und die islamisch-nationalistisch geprägten Volksmodschahedin. Letztere sind von ihrer Zusammensetzung und Tra­dition nicht wirklich der sozialistischen Arbeiterbewegung zuzurechnen, vertra­ten aber zum Teil antikapitalistische Standpunkte.

Alle drei Organisationen versagten während der revolutionären Ereignisse und waren unfähig, den Massen einen Weg zur Durchsetzung ihrer Ambition einer auf sozialer Gleichheit beruhenden Gesellschaft aufzuzeigen und zu verhindern, dass sich die Mullahs der Revolution bemächtigen. Stattdessen hängten sie sich an den Rockzipfel Khomeinis und unterstützen ihn in der entscheidenden Phase der Re­volution weitgehend unkritisch. Sie tragen, wie im Abschnitt über die Revolution dargelegt wird, die Verantwortung für die Rettung des Kapitalismus auf theokra­tisch-diktatorischer Grundlage, wie sie nach dem Aufstand vom 9. Februar 1979 in der Phase bis 1981 gelang. Ihre Fehler hatten jedoch eine politisch-theoreti­sche Basis, die früh in der Geschichte dieser Organisationen, vor allem der langen Geschichte der Tudeh, angelegt waren.

Tudeh bedeutet Massenpartei. Sie wurde 1941 als faktische Wiedergrün­dung der verbotenen Kommunistischen Partei des Iran ins Leben gerufen. Die Kommunistische Partei war 1921 formell gegründet worden, hatte aber eine Vor­geschichte, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück reichte. In den russi­schen Ölfeldern von Baku arbeiteten viele Iraner. So sind 1911 nach offiziellen Angaben 190.000 Iraner nach Russland gegangen und nur 16.000 kehrten im sel­ben Jahr zurück. Viele iranische Ölarbeiter kamen mit der russischen Sozialde­mokratie und ihrem revolutionären Flügel, den Bolschewiki, in Kontakt und wa­ren Teil der Ölarbeitergewerkschaft. Sie trugen die Ideen des Marxismus zurück in den Iran, beteiligten sich an der konstitutionellen Revolution der Jahre 1906 bis 1911 und suchten einen Weg, die Monarchie zu stürzen und eine Entwicklung zum Sozialismus zu ermöglichen. In der ersten Phase der revolutionären Bewe­gung im Iran dominierte dabei jedoch, wie in vielen halbkolonialen Ländern, die Idee, man könne durch die Ermordung des Monarchen und anderer Mitglieder der herrschenden Elite deren Herrschaft stürzen und die verarmten und unter­drückten – und weitgehend passiven – Massen dadurch aufrütteln.

Diese Taktik des individuellen Terrorismus – die Jahrzehnte später von den Fe­dayin und Volksmodschahedin wiederholt wurde – ist zum Scheitern verurteilt. Keine Klassenherrschaft ist durch die Tötung einzelner Repräsentanten, seien es auch absolute Diktatoren, zu stürzen. Diese können schnell ersetzt werden, aber der Staat findet im „Terror“ linker Gruppen in der Regel eine willkommene Rechtfertigung, seinen Apparat und Repressionsmaßnahmen auszubauen. Vor al­lem aber kommt die Taktik des Terrorismus einer Stellvertreterpolitik gleich. Die Massen, und vor allem die Arbeiterklasse, werden nicht als das entscheidende handelnde Subjekt verstanden, das durch Selbstorganisation und bewusste Akti­on einen revolutionären Wandel erreichen kann, sondern zu Beobachtern und, bestenfalls, Unterstützern der „revolutionären Avantgarde“ reduziert. Das führte in der Geschichte in den meisten Fällen dazu, dass links-terroristische Gruppen und Guerillabewegungen keine ausreichende Massenbasis erlangen konnten, um die Staatsgewalt zu erobern. Wo dies jedoch gelang, wie in China 1949 und Kuba 1959, übertrug sich die militärische und hierarchische Struktur der Guerilla auf den neuen Staat und verhinderte die Entstehung einer wirklichen sozialisti­schen Arbeiterdemokratie.

Im Iran erlangten diese revolutionären Gruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Massenbasis und als es zu ersten Arbeiterstreiks kam, setzte sich unter den iranischen Revolutionären die Meinung durch, dass die Arbeiterklasse organi­siert werden muss. Die KP wurde 1921 als ein Ergebnis der Auswirkungen der Russischen Revolution auf den Iran gegründet. Die revolutionäre Welle, die auch den Iran nach dem Ers­ten Weltkrieg ergriff, wurde nieder geschlagen und die junge Kommunistische Partei musste eine Haltung zur neuen Herrschaft des Reza Khan entwickeln. In der Partei gab es jedoch breite Meinungsverschiedenheiten, die bis zu der Positi­on reichten, man müsse den neuen Despoten unterstützen, um gegen den Impe­rialismus zu kämpfen. Diese Position gewann zum Ende der 1920er Jahre die Oberhand. Dies war eine Zeit, in der die Partei von einem Aufschwung bei Streiks und Arbeiterkämpfen profitierte und ihren Einfluss ausdehnen konnte.

Die stalinistische Konterrevolution in Russland – die politische Entmachtung der Arbeiterklasse und die Machtkonzentration in den Händen der Partei- und Staatsbürokraten – hatte auch zur Folge, dass die kommunistische Weltbewegung ihre Politik mehr und mehr an den Interessen der neuen Machthaber in Moskau statt an den Interessen der Arbeiterklasse in den verschiedenen Ländern und in­ternational ausrichtete.

Wie alle kommunistischen Parteien, so war auch die des Iran zum Ende der 1920er Jahre zu einem Außenposten der Moskauer stalinistischen Bürokratie ge­worden und hatte ihre politische Eigenständigkeit weitgehend eingebüßt. Als die von der Sowjetbürokratie geleitete Kommunistische Internationale 1928 einen Kurs­wechsel beschloss, wurde dieser in Teheran sklavisch befolgt. Die Komintern rief die so genannte „Dritte Periode“ aus. Von einer „rechten“ Politik, die in vielen Län­dern zur Zusammenarbeit mit kapitalistischen Kräften geführt hatte, wechselte sie nun zu einer ultralinken Politik, die Sozialdemokratie bzw. bürgerlich-demo­kratische Kräfte mit dem Faschismus gleichsetzte und diese undifferenziert be­kämpfte. In Deutschland führte diese ultralinke Wende zur Gleichsetzung der SPD mit den Nazis und verhinderte eine Einheitsfront der Arbeiterorganisationen – wozu die SPD in den 1930er Jahren noch gehörte – im Kampf gegen die Faschis­ten. Hitler konnte die Macht erobern. Der politische Zick-Zack der KP im Iran zwischen Anpassung an und Opposition gegen Reza Khan machte es dem Monar­chen letztlich einfacher die KP 1931 zu verbieten. Repression, Verhaftungen und Hinrichtungen von Kommunisten und Arbeiteraktivisten folgten.

Nachdem Reza Pahlavi 1941 seinen Vater auf dem so genannten Pfauenthron be­erbte und sich den Alliierten unterordnete, entließ er auch die Kommunisten aus den Gefängnissen. Dem Bündnis Moskaus mit den Alliierten folgend, unterstütz­ten diese den Schah als Teil des „antifaschistischen Kampfs“ und gaben ihre anti-britische, anti-imperialistische Linie zugunsten einer völligen Unterstützung der Alliierten auf. Auf dieser politischen Basis wurde die Tudeh-Partei am 2. Oktober 1941 gegründet. Diese Haltung führte auch dazu, dass sich die Partei während des Kriegs gegen Streiks aussprach, die vielerorts gegen die schweren Arbeitsbedin­gungen ausgebrochen waren. Aber als einzige Arbeiterpartei im Land konnte sie bei den Wahlen zum Madschlis im Winter 1943 zehn der dreißig Sitze erringen, für die sie Kandidaten aufgestellt hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Land wieder von einer revolutionären Welle und Streikbewegungen erfasst, die von der Tudeh-Partei und den mit ihr verbundenen Gewerkschaften unterstützt wurden und einige Verbesserungen bei Löhnen und Arbeitsbedingungen erkämpfen konnten. Doch nachdem die Be­freiungsbewegungen in Aserbaidschan und Kurdistan, die autonome Republiken ausgerufen hatten, nach dem Abzug der sowjetischen Roten Armee aus dem Land nieder geschlagen wurden, fand auch die soziale Bewegung ein Ende und die Tu­deh-Partei geriet in eine weitere Krise, nicht zuletzt aufgrund ihrer völlig unkri­tischen Unterstützung der Politik der Moskauer Bürokratie. Die Politik der Partei verfolgte keine sozialistische Perspektive. 1947 erklärte sie Großbritannien, die USA und Schweden zu ihrem „Modell“. Im Februar 1947 machte der Schah dann die Tudeh für einen Anschlag auf ihn verantwortlich, illegalisierte die Partei wie­der und die Parteiführung wurde inhaftiert.

Zu Beginn der 1950er Jahre entwickelte sich erneut eine Massenbewegung, die den bürgerlichen Nationalisten Mohammed Mossadegh in das Amt des Premier­ministers brachte und zur Verstaatlichung der Ölindustrie führte. Die Tudeh ge­wann wieder starke Unterstützung durch die Streiks und Arbeiterkämpfe, ver­sagte aber dabei, eine klare revolutionäre Politik im Bezug auf die Mossadegh-Re­gierung zu betreiben. Bis 1952 griff sie ihn als „Agenten des US-Imperialismus“ an, danach ging sie zu einer unkritischen Unterstützung über, versäumte es aber, den Putsch gegen Mossadegh entschlossen zu bekämpfen und als Ausgangspunkt für einen unabhängigen Kampf der Arbeiterklasse für eine sozialistische Verände­rung der Gesellschaft zu nutzen.

In den folgenden Jahren versank die Partei geradezu in der Versenkung und spielte keine Rolle bei den Protesten gegen die Weiße Revolution. Ihre Zurückhal­tung gegenüber dem Schah kann nur durch die Interessen der Sowjetbürokratie erklärt werden. Diese waren an Handel und guten Beziehungen mit dem Iran in­teressiert. Erst als sich in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre die Massenbewe­gung gegen den Schah entwickelte, machte die Tudeh den nächsten Zick-Zack und beteiligte sich an der Revolution – jedoch wiederum ohne eine unabhängige sozialistische Arbeiterpolitik, sondern als Trittbrettfahrer Khomeinis.

Die Geschichte der „kommunistischen“ Tudeh ist eine Geschichte von scharfen Wendungen und einer inkonsistenten Politik, die weitgehend von den Interessen der Machthaber im Kreml diktiert wurde. Ein roter Faden zieht sich jedoch durch die Politik der Partei: sie vertrat zu keinem Zeitpunkt eine unabhängige Klassen­politik und eine sozialistische Strategie, sondern war immer auf der Suche nach Verbündeten im bürgerlichen Lager. Dies war Folge der stalinistischen Etappen­theorie, die besagt, dass in Ländern mit verspäteter bürgerlicher Entwicklung ein Bündnis mit den so genannten fortschrittlichen Teilen der nationalen Bourgeoi­sie nötig ist, um die Aufgaben der bürgerlichen Revolution zu lösen und eine Pe­riode demokratisch-kapitalistischer Entwicklung einzuleiten. Diese sei eine not­wendige Voraussetzung für den Kampf für Sozialismus zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt.

Mit dieser Theorie im Hinterkopf zog die Tudeh völlig falsche Schlussfolgerungen aus ihrem Versagen im Kampf gegen den Putsch gegen Mossadegh im Jahr 1953. Ebenso führte diese Grundannahme ihrer Politik 1978/79 zur Unterordnung un­ter Khomeini – und auch heute findet sich auf der Webseite der Partei ein Text zu ihrem sechzigjährigen Jubiläum mit folgender Aussage:

„Der erste Schritt in diesem Sinn (der Errichtung des Sozialismus, Anmerkung des Autors) ist jedoch die Errichtung einer demokratischen Regierung, welche die Basis für Freiheit, Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft schafft.“

Die Volksfedayin

Die Organisation der Volksfedayin Guerilla Iran wurde formell 1971 durch den Zu­sammenschluss zweier Guerillagruppen gegründet, die aus ehemaligen Mitglie­dern der Jugend der Tudeh-Partei bzw. der Nationalen Front bestanden. Ihre Ent­stehung ist zurückzuführen auf die Niederlage von 1953, die nicht zuletzt der schwankenden und unentschlossenen Politik der Tudeh und der Nationalen Front angelastet wurde. Der führende Fedayin Bijan Dschazani schreibt dazu:

„Der 19. August stellt eine strategische Niederlage (…) dar. Der Mangel an subjektiven Voraussetzungen, d.h. das fehlen einer revolutionären Führung sowohl bei der National­bourgeoisie als auch bei der Arbeiterklasse ist der wichtigste Grund dafür. (…) Wenn die Tudeh-Partei oder die ,Nationale Front’ (von der man es aufgrund ihres bürgerlichen Cha­rakters weniger erwartet hätte) ihren revolutionären Auftrag erfüllt und die Bewegung, gestützt auf die große Kraft der Massen, auf einen unversöhnlichen Kampf gegen die Re­aktionäre und Imperialisten vorbereitet hätte, hätte der 19. August zu einem Wendepunkt bei der Verschärfung des Kampfes und dem Übergang der Bewegung vom politischen zum militärischen Kampf werden können.”

Aus diesem Zitat werden zwei charakteristische Merkmale der Politik der Fedayin deutlich: erstens verzichten auch sie auf eine unabhängige Klassenpolitik und ha­ben Illusionen in die „Nationalbourgeoisie“ und zweitens orientieren sie auf den bewaffneten Kampf statt auf den Aufbau einer unabhängigen sozialistischen Ar­beiterbewegung. Die Fedayin setzten darauf, durch bewaffnete Aktionen die irani­schen Massen aufzurütteln und in Aktion zu versetzen. Nicht geduldige Aufklä­rungs- und Organisierungstätigkeit in der Arbeiterklasse, sondern elitäres Märty­rertum standen im Mittelpunkt der Fedayin-Taktik:

„Wenn Blut die Fähigkeit besitzt, das Volk zu erwecken, soll durch unser Blut ein schreien­der Fluss fließen.”

In ihrer theoretischen Konzeption stellten sie „Volk“ und „Anti-Volk“ gegenüber. Zum „Volk“ gehörten aus Sicht der Fedayin die Nationalbourgeoisie, das Klein­bürgertum, Bäuerinnen und Bauern, die verarmten Schichten in den Städten und die Arbeiterklasse. Das „Anti-Volk“ bestand dementsprechend aus Imperialismus, Staatsapparat und „herrschender, reaktionärer Klasse“. Dschazani fasst das so zu­sammen:

„Der Grundwiderspruch unserer Gesellschaft (…) [ist] nichts anderes als der Widerspruch zwischen dem Volk und dem Anti-Volk (…). Gesellschaftlich stehen sich bei diesem Wider­spruch auf der einen Seite die Arbeiter, Bauern, die städtische und ländliche kleinbür­gerliche und Nationalbourgeoisie und auf der anderen Seite die Kompradorenbourgeoisie (…) und ausländische Kapitalisten und imperialistische Mächte gegenüber.”

„In der gegenwärtigen Phase der Befreiungsbewegung (…) kämpfen wir in erster Linie gegen die Schah-Diktatur und werden bei unserem Kampf von allen anti-imperialistischen Kräften unterstützt. Unsere Einheit und Zusammenarbeit mit allen diesen Kräften basiert nicht auf einem Programm zur demokratischen Revolution, sondern auf einem Kampf gegen die Diktatur und gegen den Imperialismus. Es ist nötig, dass wir mit reaktionären Elementen und Kräften, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen in Opposition zur Diktatur ste­hen, offiziell eine Einheitsfront bilden. (…) Dagegen müssen wir mit den fortschrittlichen Kräften, d.h. der Nationalbourgeoisie und der Kleinbourgeoisie, in diesem Kampf eine Ein­heit bilden und diese Einheit für die nächsten Etappen weiter entwickeln.”

Bijan Dschazani zu Folge „… kann der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital, dessen gesellschaftliche Erscheinung der Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse ist, nicht als Grundwiderspruch des bestehenden Systems im Iran bezeichnet werden. Und aus demsel­ben Grunde befindet sich unser Land nicht in der Phase der sozialistischen Revolution, ei­ner Revolution, die die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die Enteignung der Privatkapitalisten fordert.“

Offener kann man dem Klassenkampf keine Absage erteilen. Wie wir in den fol­genden Abschnitten sehen werden, entsprach jedoch die reale gesellschaftliche Entwicklung und der Verlauf der iranischen Revolution nicht diesem künstlichen Konzept der Fedayin. Denn die in machtvolle Bewegung geratene Arbeiterklasse machte in ihrem Kampf vor den sozialen Fragen nicht halt, forderte die Lösung der sozialen und ökonomischen Probleme der Lohnabhängigen, drängte auf Ar­beiterkontrolle der Betriebe und Verstaatlichung und stellte die Aufgaben einer sozialistischen Revolution im Prozess ihres Kampfes gegen die Schah-Diktatur auf die Tagesordnung.

Die nicht-persischen Nationen

Die wichtigsten Nationen neben den Persern im Iran sind die Kurden, Aserbai­dschaner, Belutschen und Araber. Ihnen wurden unter dem Schah grundlegende nationale Rechte vorenthalten. Persisch war die einzige Amtssprache und in den Schulen und Hochschulen wurde nur auf Persisch unterrichtet. Regionale Auto­nomie gab es nicht. Eine Umfrage aus den 1960er zeigte, dass nur 17 Prozent der hohen Beamten eine andere Sprache als Persisch sprachen. Unabhängigkeitsbe­strebung in den kurdischen und aserbaidschanischen Gebieten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nieder geschlagen. Unter den nationalen Minderheiten exis­tierten nationalistisch geprägte linke Bewegungen und bürgerliche nationale Befreiungsorganisa­tionen.

In den kurdischen Gebieten war die Kurdische Demokratische Partei des Iran (KDPI) die stärkste Kraft, die für Autonomie Kurdistans in einem iranischen Staat eintrat und sich in den 1970er Jahren nach links entwickelte und an der Sowjetunion ori­entierte. Die Demokratische Liga von Aserbaidschan war 1960 in die Tudeh-Partei aufgegangen. In den südlichen arabischen Gebieten des Landes, in denen die meisten Ölvorkommen zu finden sind, gab es die Front für die Befreiung von Ahvas (Jabhat Tahrir Ahvaz), die Unabhängigkeit forderte.

Beginn der Revolution

Das Ende des wirtschaftlichen Booms, die enorme soziale Polarisierung, Inflation, Arbeitslosigkeit, Armut führten zu einer Gärung in der Gesellschaft, die sich zu­erst in Opposition aus dem intellektuellen und bürgerlichen Lager ausdrückte. Dies muss nicht verwundern, sind es doch oft die Intelligenz oder auch studenti­sche Schichten, die mit hoher Sensibilität für gesellschaftliche Veränderungen auf diese zuerst reagieren und in Aktion treten. 1977 begannen diese Schichten sich verstärkt zu artikulieren. Es wurde eine Gesellschaft zur Verteidigung der Frei­heit und der Menschenrechte gegründet. Anwälte, Angehörige politischer Gefange­ner und Studierende forderten mehr demokratische Rechte. Im November des Jahres wurde die Nationale Front wieder gegründet.

Ab Frühsommer 1977 kam es vermehrt zu Streiks und Demonstrationen. Im Juni demonstrierten die BewohnerInnen der Teheraner Wellblechstadt, deren Sied­lung von der Armee nieder gerissen werden sollte. Armee und Polizei schossen auf die Demonstranten, es gab Todesopfer. Ab November führte der Schriftstel­lerverband regelmäßige öffentliche Lesungen durch, die von Tausenden besucht wurden. Die zehnte Veranstaltung dieser Art wurde zu einem Protestmarsch ge­gen das Schah-Regime, nachdem die Polizei versucht hatte, sie aufzulösen. Auch in diesem, wie in vielen anderen Fällen, eröffnete die Polizei das Feuer und tötete viele Demonstranten.

Das Regime antwortete auf die zunehmenden Proteste mit einer Mischung aus Zugeständnissen und Repression. Der Schah, der auch unter entsprechendem Druck der US-amerikanischen Regierung von Jimmy Carter stand, kündigte Re­formen, einschließlich der Einberufung des Parlaments und der Genehmigung von Fraktionsbildung in der herrschenden Partei Rastachiz, an. Vor allem ver­suchte er, mit Zugeständnissen an die Basaris und die Mullahs die soziale Basis seines Regimes zu stärken und die Opposition zu spalten. Zu den Maßnahmen ge­hörten ökonomische Reformen, die die Kleinhändler begünstigen sollten, wie die Aufgabe des Planes, große staatseigene Märkte als Konkurrenz zum Kleinhandel zu gründen. Gleichzeitig wurde sich öffentlich für staatliche Übergriffe auf religi­öse Demonstrationen entschuldigt, Pornografie wurde verboten, Spielcasinos ge­schlossen, das Ministerium für Frauenfragen wurde durch ein Ministerium für Religionsfragen ersetzt, inhaftierte Mullahs aus der Haft entlassen. Medienwirk­sam ließen sich der Schah und seine Frau, diese den Tschador tragend, beim Ge­bet filmen.

Doch solche Zugeständnisse ermunterten die Massen nur, Protest und Wider­stand fortzusetzen, während die anhaltende Repression gegen Demonstrationen die Wut der Bevölkerung steigerte. Am 9. Januar schoss die Armee in der „heili­gen Stadt“ Qom in die Menge, die gegen einen in der Tageszeitung Ettela’at er­schienen Hetzartikel gegen Khomeini protestierte. Dem religiösen Brauch fol­gend wurde nach vierzig Tagen der Toten mit einer weiteren Demonstration ge­dacht. Wieder wurde geschossen, wieder gab es Todesopfer. Das wiederholte sich nun vierzigtägig für einige Monate.

Am 19. August 1978 wurde dann in Abadan ein Kino in Brand gesteckt. 700 Men­schen starben in dem von außen verschlossenen Gebäude. Das Regime versuchte den Brandanschlag der islamischen Opposition in die Schuhe zu schieben, aber in der Bevölkerung setzte sich die Überzeugung durch, dass der berüchtigte Ge­heimdienst SAVAK diesen Massenmord durchgeführt hatte, um ihn der Oppositi­on anzulasten. Der SAVAK war eine brutale Maschine zur Unterdrückung jegli­cher Opposition, berühmt-berüchtigt für seine brutalen Foltermethoden. Er be­schäftigte 80.000 Personen. In jeder größeren Fabrik agierten dutzende SAVAK-Agenten. In den Jahren vor dem Sturz des Regimes gab es zwischen 40.000 und 100.000 politische Gefangene, vor allem aus der Arbeiterbewegung und den lin­ken Organisationen. Der Schah hatte einen gigantischen Unterdrückungsapparat geschaffen. Zusätzlich zum SAVAK gab es 300.000 Soldaten in den regulären Streitkräften. Es ist nicht übertrieben von faschistischen Methoden des Regimes zu sprechen.

Nach dem Brandanschlag von Abadan spitzte sich die Protestbewegung zu und die Forderung nach dem Sturz des Schah griff um sich. Am 8. September demons­trierten bis zu drei Millionen Menschen in Teheran. Wenige Tage zuvor war in vielen Städten das Kriegsrecht verhängt und ein Versammlungsverbot ausge­sprochen worden. Die Truppen des Regimes eröffneten das Feuer und es gab zahlreiche Todesopfer – 86 nach offiziellen Angaben, Tausende nach inoffiziellen.

Generalstreik und Aufstand

Als Reaktion auf diese Ereignisse begann die Arbeiterklasse, durch Massenstreiks den Ereignissen den Stempel aufzudrücken. Am 9. September traten die Tehera­ner Ölarbeiter in den Streik und forderten das Ende des Ausnahmezustands.

Ihre Forderungen, aufgestellt am 2. Oktober 1978, lauteten: 1. Beendigung des Kriegsrechts, 2. Solidarität und Zusammenarbeit mit den streikenden Lehrern, 3. Bedingungslose Freilassung aller politischen Gefangenen, 4. Verstaatlichung der Ölindustrie, 5. Alle öffentliche Kommunikation soll in persischer Sprache erfolgen (was sich nicht gegen die nationalen Minderheiten, sondern die ausländischen Kapitalisten richtete), 6. Alle ausländischen Beschäftigten sollen das Land verlas­sen (was sich wiederum nicht gegen ausländische Arbeiter, sondern gegen die Manager, Ingenieure etc. richtete), 7. Ein Ende der Diskriminierung weiblicher Angestellter und Arbeiter, 8. Umsetzung gemachter Zusagen betreffend der Ver­besserung der Wohnverhältnisse, 9. Unterstützung der Forderungen anderer Produktionsarbeiter, besonders betreffend der Auflösung des SAVAK, 10. Bestra­fung korrupter Regierungsbeamter und Minister, 11. Verkürzung der Arbeitszei­ten für die Mannschaften der Bohrinseln.

Schon am 10. September breitete sich der Streik auf Ölarbeiter in Schiras, Täbris, Abadan und Isfahan aus. In den nächsten Tagen folgten Arbeiter auch anderer Sektoren im ganzen Land. Ein unbefristeter Generalstreik breitete sich aus. Transportarbeiter, Krankenhausbeschäftigte, Angestellte des öffentlichen Diens­tes, Lehrer, Telekommunikationsarbeiter, Bankangestellte – das Land war lahm gelegt. Vor allem der Streik der Ölarbeiter, die als „privilegierte“ Schicht der ira­nischen Lohnabhängigen galten, traf das Regime politisch und ökonomisch – mit jedem Tag gingen Einnahmen in Höhe von 74 Millionen US-Dollar verloren! Die­ser Streik der Arbeiterklasse war der entscheidende Faktor für den Sturz des Re­gimes im Januar/Februar 1979.

Die Massenbewegung und vor allem der Generalstreik der Arbeiterklasse trieb alle politischen Kräfte vor sich her. Der Schah sah sich gezwungen Zugeständnis­se in Form der Einsetzung von Regierungen unter bürgerlich-nationalistischen Premierministern zu machen, Am 30. Dezember setzte er Sadhegi von der Natio­nalen Front ein und ersetzte diesen am 6. Januar durch den Sozialdemokraten Schapur Bakhtiar, in der Hoffnung, dadurch die Massen beruhigen zu können. Als das die Bewegung nicht stoppen konnte, verließ der Schah am 16. Januar das Land. Als diese Nachricht bekannt wurde, strömten die Massen auf die Straßen und Plätze und ließen ihrer Freude freien Lauf. „Schah raft“ – der Schah ist gegan­gen – der Ruf des Tages. Die Konditoreien verteilten zur Feier des Tages Süßigkei­ten an die Menschen auf den Straßen. Die Flucht Reza Pahlavis, die als „zeitlich unbegrenzte Urlaubsreise“ bezeichnet wurde, bedeutete jedoch noch nicht das Ende des alten Regimes.

Khomeini, der mittlerweile von seinem Pariser Exil aus agierte, hielt zwar seine Forderung nach dem Sturz des Schah während der gesamten Ereignisse aufrecht, versuchte aber gleichzeitig, einen Kompromiss mit Teilen des Bürgertums und des Staatsapparates zu erzielen, die zu den Schah-Unterstützern gehörten. Schon vor dem Aufstand vom Februar begannen wichtige Teile der Armee, des Geheim­dienstes und des restlichen Staatsapparates, Khomeini zu unterstützen. Doch der Generalstreik und der Druck der Massen zwang ihn, weiter zu gehen, als er ur­sprünglich vor hatte – um die Kontrolle über die Bewegung zu erlangen.

Der Ayatollah kehrte am 1. Februar nach Teheran zurück und ergriff die Initiati­ve. In seiner Rede nach der Ankunft am Teheraner Flughafen, wo er von Millio­nen empfangen wurde, erklärte er unter anderem die Bakhtiar-Regierung für il­legal und kündigte an, dass er selber eine neue Regierung ernennen werde – „auf­grund der Tatsache, dass diese Nation an mich glaubt.“ Am 5. Februar ernannte er Mehdi Bazargan zum Premierminister und es wurde eine provisorische Regie­rung gebildet. Dieser wurde weithin als eine Person betrachtet, die einen Kom­promiss zwischen den unterschiedlichen bürgerlichen Fraktionen und Khomeini erreichen könnte. Die USA sahen sich gezwungen, Bazargan mitzutragen. Für Khomeini war dies die Möglichkeit, seinen Einfluss zu einem Zeitpunkt auszuwei­ten, als es den Mullahs noch nicht möglich war, offen nach der ganzen Macht zu greifen. Dies drückt sich auch in seiner Rede vom 1. Februar aus, in der er nicht nur kostenlose Wasserversorgung, Elektrizität und öffentlichen Nahverkehr ver­sprach, sondern auch ein „populäres System“, das „von der Nation kommen und allge­mein akzeptiert sein“ soll und die Unabhängigkeit der Armee forderte.

Monika Gronke schreibt dazu:

„Khomeini verstand es, den Eindruck zu vermitteln, dass er selbst nur eine Integrationsfi­gur sei und sich samt seiner Kollegen nach dem Erfolg der Revolution wieder in Moschee und Medresse zurückziehen werde. (…) Er versprach die Beibehaltung des Gesellschafts­systems, demokratische Freiheiten und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Das trug ihm breite Zustimmung u.a. von den iranischen Frauen ein.“

Einige Schah-Unterstützer im Militär wollten diesen Deal nicht mittragen und versuchten, einen Militärputsch durchzuführen. Dies löst am 9. Februar einen all­gemeinen Volksaufstand aus, der zum endgültigen Sturz der alten Mächte führte und eine Situation entstehen ließ, die Elemente der Doppelmacht beinhaltete. Die Arbeiterklasse war ein Machtfaktor, gegen den in dieser Phase nicht regiert werden konnte. Der alte Staatsapparat war gespalten und nur begrenzt handlungsfähig.

Risse in der Armee

Die Risse in der Armee spielten eine entscheidende Rolle für den Sturz der Pahla­vi-Dynastie. In Zeiten relativer Ruhe und wirtschaftlichen Aufschwungs erschien der Staatsapparat des Regimes übermächtig und unschlagbar. Zum Beginn der Proteste schossen SAVAK und Armee wahllos in eine Demonstration nach der an­deren und töteten tausende Iranerinnen und Iraner. Doch mit dem steigenden Druck und der wachsenden Entschlossenheit der Massen, brach die Geschlossen­heit der Armee schnell zusammen und es entwickelten sich Differenzierungen und Risse entlang von Klassenlinien, denn schließlich setzt sich die Armee letzt­lich aus Personen zusammen, die aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten kommen und die Verbindung zu ihren Familien, Nachbarn, Verwand­ten nicht völlig gekappt hatten. Dies gilt umso mehr bei einer modernen Armee der Größe der iranischen Streitkräfte. Diese Differenzierung ist ein komplexer Prozess, der sich unter dem beidseitigen Druck der Armeeführung einerseits und der Massenbewegung andererseits entwickelte. Je mehr die Oppositionsbewegung ihre Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen, ausdrückte und je stärker gleichzei­tig die Spaltungen in der herrschenden Elite deutlich wurden, desto mehr entwickelte sich unter den Armeeangehörigen die Haltung, nicht mehr bereit zu sein, wahllos auf Demonstranten zu schießen und desto mehr stellte sich ihnen die Frage, ob sie durch das Befolgen der Befehle nicht eine Macht stützten, de­ren Untergang schon längst besiegelt war.

Das waren die Momente, in denen Soldaten die Gewehre nicht mehr auf Demons­tranten richteten, sondern auf ihre Vorgesetzten. Es gab viele Berichte über Soldaten, die sich mit den DemonstrantInnen verbrüderten. Die US-amerika­nische Zeitschrift Newsweek berichtete:

„Ein wütender Pöbel von 1.500 Trauernden brüllte letzte Woche ,Tod dem Schah’ und fiel über ein einzelnes gepanzertes Fahrzeug am Tor von Teherans Bescheste-Zahra-Friedhof her. Das gepanzerte Fahrzeug hielt seine Stellung und der junge kommandierende Major ergriff das Wort.,Wir haben nicht die Absicht, Euch zu töten’, rief er. ,Ihr seid unsere Brü­der’. Er nahm seine Pistole aus dem Halfter. ,Hier, nehmt meine Pistole und tötet mich, wenn Ihr wollt’, rief er. Die Trauernden jubelten und begannen den Major und seine Leute mit Blumen zu bewerfen.”

Dieser Bericht war kein Einzelfall. Soldaten erschossen ihre Offiziere, als sie sich weigerten, das Feuer auf Demonstranten zu eröffnen und begingen danach Selbst­mord. Gleichfalls wurde von Erschießungen von Soldaten durch Offiziere berich­tet, um zu verhindern, dass diese sich an Demonstrationen beteiligen. Die Spaltung der Armee im Iran ging weit und führte dazu, dass sie für den Schah kein verlässliches Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument mehr war. Die Spitzen der Armee orientierten ab einem gewissen Zeitpunkt ebenfalls auf eine Aufrechterhaltung der Ordnung ohne den Schah – und empfingen Ruhollah Kho­meini nach seiner Rückkehr in das Land sofort zu Gesprächen.

Die Revolution paralysierte die Armee, sie führte aber nicht zu einem offenen Übertritt von Teilen der Armee auf die Seite der Revolution, wie dies in anderen Revolutionen geschehen war. Dies hing vor allem damit zusammen, dass die Re­volution keine entschlossene Führung in Form einer sozialistischen Arbeiterpar­tei hatte, die an den Aufbau einer alternativen Staatsordnung heran gegangen wäre. Stattdessen konnten Khomeini und die Islamisten sich an die Spitze der Re­volution stellen, den alten Staatsapparat retten und schrittweise in ihrem Sinne – zur Aufrechterhaltung von „Ruhe und Ordnung“ und zur Verhinderung einer so­zialistischen Revolution – einsetzen, sowie neue islamische Repressionsorgane schaffen.

Vom 9. bis 12. Februar fanden erbitterte Kämpfe mit Einheiten der Armee statt, die dem Schah die Treue hielten. Die Arbeiterklasse und die Massen hatten sich bewaffnet und den Kampf gewonnen. Die politischen Gefangenen waren aus dem Evin-Gefängnis befreit worden. Die Macht lag auf der Straße, doch keine Arbei­terpartei existierte, die zur allgemeinen Bildung von Schoras in allen Betrieben und Stadtteilen und deren Vernetzung aufgerufen hätte. Dadurch hätte eine al­ternative staatliche Struktur unter der Kontrolle der Massen gebildet werden können. Dies geschah nicht und die Islamisten füllten das Vakuum.

Die Schoras

Während der riesigen Streikbewegung hatten sich in vielen Betrieben Streikko­mitees gebildet, die die Schah-treuen und oftmals von SAVAK-Agenten geführten Syndikate (Gewerkschaften) herausforderten und ersetzten. Es entwickelten sich Elemente von Arbeiterkontrolle über die Produktion und über die Verteilung von Gütern. So musste zum Beispiel das Management der Stahlwerke in Isfahan mit den Eisenbahnarbeitern über den Kohlentransport verhandeln. Ein ähnliches Beispiel ist, eine Abmachung zwischen Ölarbeitern und Eisenbahnern zum Trans­port von Benzin für den Hausgebrauch, während die restliche Produktion still stand. Die Ölarbeiter setzten die Ölproduktion herunter und produzierten nur noch für den Inlandsverbrauch. Zöllner und Hafenarbeiter erlaubten nur noch die Einfuhr von Medikamenten, Babynahrung und Papier. Die Frage der Übernah­me der Kontrolle und Verwaltung über Betriebe wurde nicht zuletzt auch da­durch auf die Tagesordnung gesetzt, dass die Kapitalisten aus Angst vor der Re­volution scharenweise das Land verließen. In vielen Betrieben übernahmen ge­wählte Komitees die Aufgaben der Betriebsleitung und setzten Produktionsziele, Arbeitszeiten etc. fest.

Als die Arbeiter nach dem Sturz des Schah von Khomeini wieder an die Arbeit ge­schickt wurden, wurden aus den Streikkomitees nun in vielen Betrieben Arbei­terräte, Schoras, gebildet – teils weil Manager und Eigentümer geflüchtet waren und ein Machtvakuum im Betrieb existierte, teils gerade weil die selben Manager wie vor der Revolution noch da waren und sich auch so verhielten wie vor dem Sturz des Schah.

Die Schoras bildeten nun einen Machtfaktor der Belegschaften im Betrieb und der gesamten Arbeiterklasse in der Gesellschaft. Die Industrie war weitgehend unter der Kontrolle der Arbeiter. Sie spielten die zentrale Rolle bei betrieblichen Entscheidungen über Ein- und Verkauf, Preisfestlegungen, Arbeitsbedingungen, Gesundheitsschutz, Sozialversicherungen etc. Es wurden Unterkomitees gebildet, die für verschiedene Bereiche zuständig waren, darunter Kontaktkomitees für die Zusammenarbeit mit den Schoras anderer Betriebe, politische Komitees für die Informierung und politische Bildung der Belegschaften, Sicherheitskomitees zur bewaffneten Verteidigung der Betriebe vor konterrevolutionären Angriffen, Frauenkomitees zur Durchsetzung frauenspezifischer Interessen.

In einigen Orten übte das in Schoras organisierte Volk die völlige Kontrolle über das gesellschaftliche Leben aus. Die Arbeiterklasse des Iran war im Prozess der Revolution gegen den Schah nicht bei der Frage demokratischer Rechte auf der politischen Ebene stehen geblieben, sondern hat die soziale Frage in einem Atem­zug auf die Tagesordnung gestellt. Das ist eine eindrucksvolle Bestätigung von Leo Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution, die erklärt, dass in Ländern mit verspäteter kapitalistischer Entwicklung nur die Arbeiterklasse die Aufgaben der bürgerlichen Revolution lösen kann und ohne Unterbrechung – also im Gegen­satz zur stalinistischen Vorstellung einer kapitalistisch-demokratischen Etappe – zu den Aufgaben der sozialen Revolution übergehen muss.

Eine Erklärung des Gründungskomitees der Iranischen Nationalen Arbeiterunion, ein Versuch die Schoras zu stärken und zu koordinieren, macht deutlich, dass die Aufgaben der sozialen Revolution zwar auf die Tagesordnung gestellt waren, aber dies den Vertretern in den Schoras nicht bewusst war:

„Wir, die Arbeiter Irans, haben durch unsere Streiks, Besetzungen und Demonstrationen den Schah gestürzt. Während dieser Streikmonate haben wir Arbeitslosigkeit, Armut und sogar Hunger erduldet. Viele von uns wurden im Kampf getötet. Wir taten dies alles, um einen Iran frei von Unterdrückung und frei von Ausbeutung zu schaffen. Wir machten die Revolution, um der Arbeitslosigkeit und der Obdachlosigkeit ein Ende zu setzen, um die SAVAK-orientierten Syndikate durch unabhängige Arbeiterschoras zu ersetzen, die durch die Arbeiter eines jeden Betriebes für die eigenen wirtschaftlichen und politischen Bedürf­nisse gebildet wurden. Deshalb fordern wir: 1. Anerkennung der Schoras durch die Regie­rung; 2. Abschaffung des Arbeitsgesetzes des Schahs und Inkrafttreten einer neuen Ar­beitsgesetzgebung, die von den Arbeitern selbst geschrieben wurde; (…) 5. Ein kostenloses Gesundheitswesen (…); 8. Eine 40-Stunden- und 5-Tage-Woche; 9. Entlassung aller Elemen­te, die mit dem alten Regime verstrickt sind; (…) 16. Beteiligung der Arbeiterschoras an den betrieblichen Entscheidungen in Bezug auf die Investitionen und den allgemeinen Zustand des Betriebs, wie den Einkauf, den verkauf, die Preisfestsetzung und die Gewinnverteilung; (…) 18. Demonstrations- und Protestfreiheit und das Streikrecht (…)“

Der Aufstieg der Islamisten

Wieso konnte Khomeini sich an die Spitze einer revolutionären Bewegung set­zen, deren eigentliche Ambitionen er doch gar nicht vertrat? Natürlich war der Iran auch 1979 noch eine weitgehend rückständige, ländlich geprägte Gesell­schaft. Zwei Drittel der Bevölkerung waren Analphabeten. Die Religion hatte aus historischen Gründen einen großen Einfluss unter den rückständigeren Schich­ten. Das galt zwangsläufig auch für Teile der Arbeiterklasse, die ja in großen Tei­len aus ehemaligen Bauern bestand, die erst nach der Weißen Revolution und durch die Industrialisierungsprogramme der ersten Hälfte der 1970er Jahre in die Städte gekommen waren.

Obwohl die schiitische Geistlichkeit in letzter Instanz immer Teil des Staates war, und zum Beispiel den Sturz Mossadeghs unterstützt hatte, war sie nach der Wei­ßen Revolution in Opposition zum Schah-Regime geraten. Aufgrund der Illegali­tät der Arbeiterbewegung, aber auch der Passivität der Tudeh-Partei und der Kon­zentration der Fedayin auf den Guerillakampf, waren die Moscheen die einzigen Orte geworden, in denen sich politische Opposition zum Regime artikulieren konnte. Khomeinis Predigten wurden auf Musikkassetten im Land verbreitet. Er erlangte den Ruf eines konsequenten Widersachers des Schah und wurde zur wichtigsten Bezugsperson des Widerstands.

Dies war aber auch nur deshalb möglich, weil Khomeini seine wirklichen reaktio­nären Zielsetzungen hinter sozialer und demokratischer Rhetorik verbarg. Vor seiner Rückkehr erklärte Khomeini, er wolle keine halbfeudale Diktatur errich­ten, sondern Freiheit und Demokratie. Er sprach von zwei Gruppen in der Bevöl­kerung – den Mustaz’afeen, den Armen und Unterdrückten, und den Mustakbereen, den Reichen und Unterdrückern.

Die von ihm geforderte „Islamische Republik“ wurde von den Massen nicht als ein Widerspruch zu ihren sozialen Zielen betrachtet. „Islamische Republik“ war in den Augen der Massen eine Republik der Armen. Auf Demonstrationen wurde eine „sozialistische Republik auf der Grundlage des Islam“ gefordert.

Verfassunggebende Versammlung oder Referendum?

Eine wichtige Forderung, die die revolutionäre Bewegung erhoben hatte, war die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung. Die freie Wahl von Volksvertre­terInnen zu einer verfassungsgebenden Versammlung hätte die Frage des Charak­ters eines neuen iranischen Staates zur öffentlichen Debatte gemacht und wäre eine enorme Chance für die Linke gewesen. In Worten stimmten Bazargan und Khomeini dieser Forderung zu. Tatsächlich aber taten sie alles um eine solche Entwicklung zu verhindern. Statt einer solchen Konstituierenden Versammlung wurde nur ein Referendum abgehalten, dessen Fragestellung lautete: „Stimmen Sie zu, dass die Monarchie durch eine Islamische Republik ersetzt wird?“ Natürlich stimmten dieser Frage, mangels Alternative, 97 Prozent zu. Niemand wollte schließlich die Pahlavi-Diktatur zurück. Doch diese Abstimmung als Beleg für die uneingeschränkte Unterstützung des Volkes für Khomeini anzuführen oder die Ereignisse tatsächlich als „islamische“ Revolution zu interpretieren, wäre völlig falsch.

Hinzu kommt, dass das Referendum in einer Atmosphäre der Bedrohung durch die Staatsorgane abgehalten wurde. Die Armee war offiziell in Alarmbereitschaft. Es gab zwei verschiedenfarbige Wahlzettel: Rot für „Nein“ und grün für „Ja“. Den Wählern wurde der von ihnen gewünschte Zettel ausgehändigt und ihr Ausweis dann abgestempelt. Von einer geheimen Abstimmung kann also nicht die Rede sein, sowohl ein Boykott als auch eine „Nein“-Stimme waren für die neuen Macht­haber persönlich zuzuordnen. Gleichwohl war das Referendum und die Einfüh­rung einer islamischen Verfassung ein wichtiger Schritt zur Festigung von Kho­meinis Macht.

Die Linke versagt

Diese Festigung war aber nur möglich aufgrund der katastrophalen Politik der linken Organisationen, die sich alle an Khomeinis Rockzipfel hingen und den großen Zulauf, den sie erhielten, nicht in eine unabhängige Arbeiterpolitik und einen Kampf für Sozialismus umwandelten.

Noch nach Beginn der Massenproteste gegen den Schah war die Tudeh-Partei nicht in klare und deutliche Opposition gegen die Diktatur gegangen. Sie sprach von der „Schaffung künstlichen Aufruhrs“ und widersprach nicht, als der sowjeti­sche Staatsführer Leonid Breschnew dem Schah 1978 mit folgenden Worten zum Geburtstag gratulierte:

„Euer Majestät, Reza Pahlavi, Licht der Arier, König der Könige des Iran: nehmt bitte bei Gelegenheit eines Tages der nationalen Freude für die iranische Nation –dem Geburts­tag Eurer Majestät – die ehrlichen Grüße des Exekutivkomitees des Obersten So­wjets der UdSSR, und auch meine eigenen, an.“

Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas, Hua, stand dem in nichts nach und wünschte dem Schah „gute Gesundheit“ und die „Verteidigung der Unab­hängigkeit und nationalen Souveränität des Iran“.

So überließ die Tudeh im Jahr 1978 den Islamisten, die Massenproteste politisch zu beeinflussen und schwenkten viel zu spät auf eine Unterstützung der Revolu­tion um, die sie dann aber als Unterstützung von Khomeini verstanden. In einer besonders kreativen Interpretation der stalinistischen Etappentheorie kürte die Tudeh den reaktionären Islamisten Khomeini zum Garanten für eine demokrati­sche Etappe der Revolution. Im Januar erklärte die Partei, sie sehe Übereinstim­mung zwischen dem Programm Khomeinis und ihren eigenen Positionen. Im März 1979 erklärte das 16. Plenum des Zentralkomitees der Tudeh:

„Die Tudeh-Partei Irans unterstützt die Initiativen Seiner Heiligkeit, des Ayatollah Kho­meini, in Bezug auf die Verkündung einer islamischen Republik. Sie wird sich voll und ganz für deren Realisierung einsetzen.“

Diese Unterstützung fand wohlgemerkt zu einem Zeitraum statt, in dem die neue Regierung mittels neuer und alter Organe gegen Streiks, Schoras und vor allem auch die Bewegungen der nationalen Minderheiten vorging. Immer wieder kam es zu Zusammenstößen zwischen demonstrierenden Arbeitern und den neu ent­standenen Islamischen Revolutionsgarden, Schergen des neuen Regimes. Doch die großen linken Organisationen des Iran sahen in Khomeini einen Antiimperia­listen und Garanten für den Sturz des Schah und eine demokratisch-bürgerliche Entwicklung. Sie riefen, im Gegensatz zu den Frauenorganisationen, vielen Scho­ras und den Organisationen der nationalen Minderheiten, auch zu einer Unter­stützung für die islamische Republik beim Referendum auf.

Khomeini sah sich im Verlauf des Jahres 1979 gezwungen, dem Druck der Arbei­terklasse in einer Reihe sozialer und ökonomischer Fragen nachzugeben. So wur­den viele der von den Arbeitern übernommenen Betriebe verstaatlicht und bei­spielsweise eine kostenlose medizinische Versorgung, kostenloser Nahverkehr und die Streichung der Strom- und Wasserrechnungen zugestanden.

Parallel dazu wurden aber reaktionäre Gesetze erlassen, wie das Verbot von ge­mischt-geschlechtlichem Schwimmen, das Auspeitschen unverheirateter Liebes­paare und das Erschießen von Prostituierten. Schon am 26. Februar 1979 wurde das vom Schah erlassene und nicht besonders weit gehende Reformgesetz zum Schutz der Familie, das gewisse Rechte für Frauen fest geschrieben hatte, aufge­hoben. Männer erhielten wieder das exklusive Scheidungsrecht und das Recht, ohne die Zustimmung der ersten Ehefrau vier weitere dauerhafte Ehefrauen und eine unbegrenzte Anzahl vorübergehender Ehefrauen zu heiraten. Frauen durf­ten mit Beschluss vom 3. März kein Richterinnenamt mehr ausüben, am 6. März wurden sie aus dem Militärdienst entfernt. Die linken Organisationen führten keinen entschlossenen Kampf gegen diese Angriffe auf die Rechte der Frauen, sa­hen ihn als Ablenkung vom aus ihrer Sicht wichtigeren antiimperialistischen Kampf oder betrachteten die Forderungen der Frauen als „bürgerlich“. Und das, obwohl Millionen Frauen am 8. März, dem internationalen Frauentag, gegen die diskriminierenden Gesetze auf die Straße gingen und sich gegen Angriffe von Is­lamisten wehren mussten.

Ebenso wurde Sondergerichten die Befugnis erteilt, Gefängnisstrafen zwischen zwei und zehn Jahren für „Störungstaktiken in den Fabriken oder Arbeiteragitation“ zu verhängen. Die Bewegungen der unterdrückten Nationen, vor allem in Kurdis­tan, wurden brutal durch die iranische Armee und Pasdaran nieder geschlagen und an einer persisch-nationalistischen Politik fest gehalten. Die kurdischen Ge­biete, die nach Autonomie strebten und sich gegen die Armee aufgelehnt hatten, wurden am 18. März bombardiert, auch gegen turkmenische Bauern in Gonbad­kavus, die mit einer Landverteilung begonnen hatten, ging die Armee vor. Die neue islamische Verfassung sah weder Autonomie noch Selbstbestimmungsrecht für die nationalen Minderheiten vor, die immerhin die Hälfte der Bevölkerung des Iran ausmachten.

Schon am 12. Februar riefen Khomeini und die aus Geistlichen und bürgerlichen Nationalisten bestehende Bazargan-Regierung die Arbeiter dazu auf, die Waffen wieder abzugeben. „Ruhe und Ordnung“ sind das erste Ziel, sprich: die Demobilisie­rung der Massen. Dies gelang nicht von heute auf morgen. Schon am 9. Februar hatten die Ölarbeiter erklärt, dass sie ihren Kampf auch nach einer Machtüber­nahme Khomeinis fortsetzen würden. Die zu Bewusstsein und Aktivität erlangten Massen waren nicht bereit, ohne weiteres wieder an den Arbeitsplatz und in ihre Wohnungen zurückzukehren. Linke und sozialistische Ideen hatten außerdem einen Zulauf. 1979 wurden über zehn Millionen Exemplare kommunistischer Bü­cher verkauft. Die neuen Machthaber setzten die politische Linke sofort unter massiven Druck. Bazargan sagte am 18. Februar, die linken Gruppen „müssen ver­nichtet werden, wenn sie ihre bewaffneten Aktionen fortsetzen“. Khomeini erklärte einen Tag später, er dulde keine Anarchie.

Aber die durch die Revolution zu Selbstbewusstsein gekommene Arbeiterklasse versuchte auch nach dem Sturz des Schah ihre Interessen zur Geltung zu brin­gen. So kam es zum Beispiel zur Besetzung des Justiz- und des Arbeitsministeri­ums durch erwerbslose Arbeiter. Einer der Besetzer sagte:

„Ich schlage vor, dass wir an diesem Ort bleiben, bis dieses Ministerium der Bosse zu ei­nem Ministerium der Arbeiter wird. Der Arbeitsminister sollte wissen, dass er Minister in einer provisorischen Regierung und selbst nur provisorisch, nicht für die Dauer, ist. Es ist seine Pflicht, den Besitzern und Managern zu sagen, dass sie 25 Jahre lang Millionen und Abermillionen geraubt haben, wieso sollen sie denn nun auf einmal bankrott sein? Wir wollen Eure Versprechungen nicht, wir wollen taten sehen. Werft uns nicht Ungläubig­keit vor. Ihr erfüllt unsere Forderungen und wir werden 37 mal am Tag beten statt 17 mal.“

Am 1. Mai demonstrierten nach verschiedenen Angaben zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Arbeiter durch Teheran. Aufgerufen hatte das Gründungskomitee der Iranischen Nationalen Arbeiterunion. Auf den Bannern, die in persischer, kurdischer, arabischer und aserbaidschanischer Sprache verfasst waren, standen Forderungen nach Auszahlung der Löhne, einem neuen Arbeitsgesetz und der Verstaatlichung der Industrie. Am Rande der Demonstration kam es zu Provoka­tionen durch Anhänger Khomeinis. Zu den gleichzeitig stattfindenden Demons­trationen von Khomeinis Islamischer Republikanischer Partei und der Volksmod­schahedin kamen jeweils nur einige Tausend Teilnehmer. Dieser Tag zeigte die Stärke und potenzielle Macht der Arbeiterklasse, die aber von keiner Organisati­on zusammengefasst und zu einem politischen Machtinstrument entwickelt wurde.

Deshalb konnte die Revolution Schritt für Schritt zurück gedrängt werden. Die Schoras wurden von Islamisten unterwandert oder islamische Schoras gebildet. Streiks und unabhängige Gewerkschaften waren verboten. Im Herbst 1979 wur­den zwölf Aktivisten der trotzkistischen HKS (Sozialistische Arbeiterpartei) verhaf­tet und zum Tode verurteilt. Das war ein erstes Exempel gegen linke Aktivisten, wohlweislich gegen solche, die über keine große Verankerung in der Arbeiter­klasse verfügten – deren politische Orientierung aber eine Bedrohung für das neue Regime darstellte.

Ein Mittel, mit dem Khomeini die Massen ablenkte und die Linke desorientierte, war eine „antiimperialistische“ Kampagne, die nach der Besetzung der US-Bot­schaft in Teheran durch die Islamische Studentenbewegung auf der Linie des Imams Khomeini durchgeführt wurde. Jede Opposition gegen die Aufrechterhaltung des Kapitalismus und die sich entwickelnde theokratische Diktatur wurde als impe­rialistisch, amerikanisch und zionistisch dargestellt. Die iranische Linke ließ sich auf diese Argumentation grundlegend ein und erklärte sich für die antiimperia­listische Einheit mit den Islamisten. Sie riefen auch zur Unterstützung für die is­lamische Verfassung auf, die in einem weiteren Referendum zur Abstimmung ge­stellt wurde.

Eine weitere wichtige Rolle bei der Festigung der Konterrevolution und der Er­richtung der Mullah-Diktatur spielte auch der Krieg gegen den Irak, der im Sep­tember 1980 nach einem Angriff des Irak auf die Ölregion Khusistan ausgebro­chen war. Der irakische Führer Saddam Hussein war damals noch der treue Va­sall des Imperialismus und versuchte die Ausdehnung der Revolution im Nahen Osten zu verhindern. Der Krieg war eine mächtige Propagandawaffe in den Hän­den Khomeinis, der dadurch große Teiles des Volks hinter sich sammeln konn­te. Auf dieser Basis konnte er die Repression gegen die Linke und die Arbeiterbe­wegung verstärken bis zum Verbot aller linken Organisationen 1983. Zehntausende ArbeiterInnen, Jugendliche, Frauen, Mitglieder von Tudeh, Fedayin und anderer linker Organisationen wurden Opfer von Verhaftung, Folter, Mord oder mussten ins Exil gehen.

Eine Alternative war möglich

Doch die Entwicklung zur islamistischen Diktatur war nicht alternativlos. Hätte eine marxistische Partei existiert, die ein Programm und eine Strategie der sozia­listischen Revolution vertreten hätte, wäre ein anderer Gang der Ereignisse mög­lich gewesen. Khomeini hatte nicht die uneingeschränkte Unterstützung der Volksmassen. Nicht umsonst hat er sich niemals freien Wahlen gestellt.

Arbeiter organisierten in der ersten Hälfte des Jahres 1979 Streiks und Demons­trationen gegen die Politik der neuen Machthaber. Bei den ersten Wahlen zum Madschlis im März 1980 erhielten die linken Parteien 1,5 Millionen Stimmen und die Volksmodschahedin zwei Millionen Stimmen. Die Volksfedayin und Volksmod­schahedin erlangten schnell eine Massenbasis und auch die Tudeh, der aufgrund ihrer Geschichte falscher Politik mit großer Skepsis begegnet wurde, hatte wie­der wachsenden Einfluss. Ihre Zeitung hatte eine Auflage von 100.000. Hinzu ka­men die Bewegungen der unterdrückten Nationen, die in den kurdischen Gebie­ten einen ersten Versuch der Armee, die Kontrolle zu erlangen, zurück schlagen konnten.

Im Iran war die Arbeiterklasse 1979 stärker als die Arbeiterklasse Russlands im Jahr 1917, dem Jahr der ersten erfolgreichen sozialistischen Revolution. Dort gab es vier Millionen Arbeiter in einer Nation von 150 Millionen Menschen, im Iran waren es wahrscheinlich über vier Millionen – von nur 35 Millionen Einwohne­rInnen. Ein ungleich stärkeres gesellschaftliches Gewicht.

Den Unterschied im Russland von 1917 machte die Bolschewistische Partei, die mit einem Programm und einer Strategie zum Sturz von Zarismus und Kapitalis­mus ausgestattet war und für dieses Programm – zusammen gefasst in den Paro­len „Land, Frieden, Brot“ und „Alle Macht den Räten“ – die Mehrheit der russischen Arbeiter und Soldaten gewinnen konnte. Dies war auch nur möglich, weil die Bol­schewiki der Versuchung widerstanden, den nach-zaristischen bürgerlichen Re­gierungen des Jahres 1917 ihre Unterstützung zu geben. Eine solche Partei gab es 1979 im Iran nicht. Tudeh und Fedayin versagten und selbst unter den sehr klei­nen trotzkistischen Kräften entwickelte sich ein Trend, eine unkritische Hal­tung zu Khomeini einzunehmen.

Eine revolutionär-marxistische Kraft hätte ein unabhängiges Klassenprogramm aufgestellt. Dieses hätte die drängendsten demokratischen Forderungen – Mei­nungs- und Pressefreiheit, gleiches Wahlrecht für alle, Selbstbestimmungsrechte für die Nationalitäten, Gleichberechtigung für die Frauen – mit einem Programm sozialer und ökonomischer Forderungen zur Hebung der Lebensbedingungen der Massen verbunden: Acht-Stunden-Tag, automatische Anpassung der Löhne an die Inflation etc.

Während die Forderung nach einer revolutionären Verfassungsgebenden Ver­sammlung dem pseudo-demokratischen Referendum entgegen gestellt worden wäre, hätte eine marxistische Kraft zum systematischen Auf- und Ausbau der Schoras auf allen Ebenen der Gesellschaft aufgerufen und diese durch demokratische Delegiertenkongresse auf stadtweiter, regionaler und landesweiter Ebene miteinander vernetzt und so die Basis für einen sozialistischen Arbeiterstaat gelegt. Dies wäre einher gegangen mit der Weigerung, die im Volksaufstand vom Februar eroberten Waffen wieder abzugeben und demokratische Arbeitermilizen zu bilden. Und nicht zuletzt hätte eine solche Politik den Appell an die Arbeiterbewegung aller Länder des Nahen und Mittleren Ostens und der ganzen Welt beinhaltet, den iranischen Massen zu Hilfe zu eilen. Eine Klassenappell an die irakische Arbeiterklasse hätte es Saddam Hussein zumindest enorm erschwert, den Krieg gegen den Iran zu beginnen.

Eine solche Politik wäre mit den Illusionen von großen Teilen der Bevölkerung in Khomeini und der weit verbreiteten Religiosität der Menschen konfrontiert ge­wesen. Sie hätte konkret und geduldig anhand der praktischen Fragen sozialer, demokratischer und nationaler Rechte aufzeigen müssen, dass Khomeini seinen eigenen Versprechungen von Demokratie, sozialer Gleichheit und „Republik der Armen“ nicht gerecht wurde. Durch die unabhängige Mobilisierung von Arbeite­rInnen im Kampf für diese Rechte hätte auch ein Keil in die islamische Bewegung getrieben werden können und linke Teile derselben von Khomeini getrennt wer­den können.

Ob eine marxistische Kraft mit einer solchen Politik im Jahr 1979 die Arbeiter­klasse an die Macht hätte führen und die islamistisch-kapitalistische Konterrevo­lution hätte verhindern können, ist sicher nicht garantiert. Aber das wäre die einzige mögliche Alternative gewesen. Und mindestens wäre die iranische Arbei­terbewegung in diesem Prozess gestärkt worden und hätte der Zerschlagung durch die Islamisten effektiven Widerstand entgegen stellen können.

Quellen

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Bijan Dschazani – Bewaffneter Kampf im Iran, deutsche Übersetzung, ohne Erscheinungsdatum
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Monika Gronke – Geschichte Irans, München 2003
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Bob Labi – Die Revolution ist festgefahren in Militant Juni 1979
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Dave Todd – Iran – reif für die sozialistische Revolution in Militant Oktober 1978
Union Iranischer Studenten in BRD und West-Berlin – Iran-heute, Februar 1980
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Artikel aus den Zeitschriften VORAN, SPIEGEL und von de.wikipedia.org