Home / Themen / Betrieb & Gewerkschaften / Gesundheit / Das Soll ist voll – auch in Sachsen

Das Soll ist voll – auch in Sachsen

Print Friendly, PDF & Email

Krankenschwestern und -pfleger sind massiv überlastet

Kapitalismus macht krank – so einfach könnte man die Lehre aus den letzten 27 Jahren in Ostdeutschland formulieren. Laut statistik.sachsen.de wurde zwischen 1990 und 2015 jedes dritte der ursprünglich 112 sächsischen Krankenhäuser geschlossen. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Betten von 90,6 auf 10.000 EinwohnerInnen auf 63,5. Allein für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geht die Gewerkschaft ver.di von gut 10.000 fehlenden Stellen in der Krankenpflege aus.

Von Steve Hollasky, Dresden

Die Auswirkungen auf das Personal sind erschütternd. „Wir hatten einen extrem hohen Krankenstand, eigentlich hat jeden Morgen jemand angerufen und sich krank gemeldet“, schildert Susanne Weller im Gespräch mit sozialismus.info. Dennoch habe sie ihre Arbeit als Krankenschwester in der Leipziger Uni-Klinik gemocht – trotz der Arbeitshetze, der ständig steigenden Fallzahlen und dem oft rüden Umgangston. Teilweise hätten Ärzte die Schwestern im Beisein von Patientinnen und Patienten angeschrien. „Das sind so Stressmomente als Ergebnis der Überlastung“, so Weller. Die Auswirkungen auf das Kollegium waren dramatisch. „Weil jeder mit sich selbst zu tun hatte, halfen sich die Leute auf Station immer weniger.“ Schließlich wurde es ihr zu viel. „Ich habe täglich Schmerzmittel eingenommen, um zum Dienst gehen zu können.“ Weller erkrankte am Burnout-Syndrom. Zwei Jahre war sie arbeitsunfähig, dann entschloss sie sich zur Selbstständigkeit im kunsthandwerklichen Bereich.

Mit dem Entschluss, dem Pflegeberuf den Rücken zu kehren, steht Weller nicht allein da. Laut einer Befragung der Gewerkschaft ver.di aus dem Jahr 2014 glauben 75 Prozent der Pflegekräfte in Deutschland nicht, dass sie ihren Beruf bis zur Rente durchhalten werden.

Längst sind die Auswirkungen auch für PatientInnen spürbar, wie Stefan R., bis vor Kurzem Pfleger an einem Krankenhaus im Dresdner Umland zu berichten weiß: „Wenn die Station mit vielen pflegeaufwändigen Patientinnen und Patienten belegt ist, bleibt meist nicht viel mehr als die Grundversorgung – ‚satt und sauber‘.“ Man habe kaum die Möglichkeit den Patientinnen und Patienten etwas zu erklären, Fragen zu beantworten oder ihnen Anleitung zu Tätigkeiten zu geben, damit sie zu Hause allein zurecht kämen, schildert der junge Mann. Gerade an Demenz Erkrankte würden so ein Stück ihrer Selbstständigkeit verlieren.

Das Wissen um die Mängel bei der Pflege wirke sich auch auf die Zufriedenheit des Personals aus, so R. Nicht wenige KollegInnen in seinem Alter verließen den Beruf nach einigen Jahren wieder. So auch R. selbst, der nun studiert: „Ich bin immer gern auf Arbeit gegangen. Zehn oder fünfzehn Jahre wären bestimmt noch machbar gewesen, vierzig Jahre waren mir unvorstellbar.“

Derartige Geschichten sind für Jens Uhlig nichts Neues. „Die Situation des Klinikpersonals ist unerträglich geworden“, hielt der für das städtische Klinikum Dresden zuständige Betreuungssekretär der Gewerkschaft ver.di unlängst gegenüber der „jungen Welt“ fest. Und weiter: „Die Betreuung von bis zu 26 Patientinnen und Patienten durch eine Krankenschwester in der Nachtschicht ist der normale Zustand.“ Zusammen mit der ver.di-Betriebsgruppe des Städtischen Klinikums organisierte er am 19.09., anlässlich des bundesweiten Krankenhausaktionstages, eine Kundgebung, die auf die Zustände aufmerksam machen sollte.

Mit dabei war auch Dorit Hollasky, Personalrätin im Städtischen Klinikum und Vorsitzende der ver.di-Betriebsgruppe. „In einem Fall musste ein Pfleger 21 Tage hintereinander zum Dienst erscheinen, ohne auch nur einen Tag frei“, schildert sie gegenüber sozialismus.info. Von dem Argument, dass kein Geld da wäre für eine bessere Pflege, habe sie endgültig genug. Das Problem sei, dass in der Gesundheitsversorgung mittlerweile die Ökonomie wichtiger ist als die Genesung der Patientinnen und Patienten. „Das muss geändert werden. Gesundheitsversorgung muss eine staatliche Aufgabe sein. Um diese zu finanzieren, muss Reichtum umverteilt werden. Zehn Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen 5,3 Billionen Euro – Geld ist genug da.“

Auf der Kundgebung selbst wurden die Anwesenden mit einem Quiz über die Situation in der Pflege aufgeklärt und Reden gehalten. Die TeilnehmerInnen kamen aus verschiedenen Krankenhäusern aus Dresden und Umgebung, sowie Einrichtungen der Altenpflege.

Im wahrsten Sinne des Wortes erschütternd waren jedoch die Darstellungen der Krankenschwestern und -pfleger am offenen Mikrofon. Ein Krankenpfleger erzählte wie er vollkommen erschöpft vom Dienst nach Hause kommt und keine Kraft mehr hat mit seinem zweijährigen Sohn zu spielen. Eine Altenpflegerin beschrieb den Fall einer Rentnerin, die mit Lungendrainage aus dem Krankenhaus direkt ins Altersheim überstellt wurde, obwohl die Altenpflegerinnen und -pfleger für solche Fälle nicht ausgebildet und in keiner Weise ausgestattet sind. Die Ursache hier, wie in vielen anderen Fällen, die Zunahme der „blutigen Entlassung“ seit Einführung der Fallpauschalen. Die Rentnerin verstarb an den durch die zu frühe Entlassung entstandenen Komplikationen auf qualvolle Weise.

Ein Krankenpfleger legte dar, dass er am Tag der Kundgebung mit einer Auszubildenden allein auf Station und vollkommen überfordert war.

Zum Abschluss richtete Katja Kipping, Bundesvorsitzende der Partei DIE LINKE, noch ein Grußwort an die Kundgebung.

Auch auf den Stationen der Dresdner Krankenhäuser scheint sich mehr und mehr eine Stimmung zu entwickeln, die die ganzen Ohnmacht, die viele Beschäftigte im Angesicht der katastrophalen Situation empfinden, beiseite schiebt. Langsam scheinen Krankenschwestern und -pfleger für sich selbst den Schluss zu ziehen, dass sie kämpfen müssen, für sich, für ihre PatientInnen und ihren Beruf, in dem es nicht um das Erwirtschaften von Profit, sondern um Hilfe für Kranke gehen sollte.

Aber gerade deshalb wäre endlich ein wirklicher Kampagnenplan von ver.di wichtig und ein bundesweites Treffen von Aktiven in den Krankenhäusern und UnterstützerInnen, auf dem diskutiert und verbindlich beschlossen werden kann, wie es nach der Bundestagswahl weiter gehen kann.