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Ehe für alle endlich durchgesetzt

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Von Personal snapshot by Montrealais. – Personal snapshot by Montrealais., CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=193823

Kampf für Gleichberechtigung geht aber weiter

Es war ein langer Kampf, der 1992 mit der Aktion „Standesamt“ begonnen hatte. Nun, ein Vierteljahrhundert später, wurde endlich die gleichgeschlechtliche Ehe auch in Deutschland auf den Weg gebracht. Am 30. Juni stimmte der Bundestag mit 393 zu 226 Stimmen für die sogenannte Ehe für alle. Damit ist Deutschland das dreiundzwanzigste Land, in welchem die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht wurde.

von Daniela Weber, Dortmund

Für die heiratswilligen unter den gleichgeschlechtlichen Paaren, stellt dies eine nicht unerhebliche Errungenschaft dar. Durch die formale Gleichberechtigung werden ihnen nun Rechte gewährt, die einer eingetragenen Lebenspartnerschaft vorenthalten blieben, wie etwa das Recht gemeinsam Kinder zu adoptieren. Nicht zuletzt kann dies auch ein Schritt dahin sein, das gesellschaftliche Bewusstsein positiv zu verändern und der Vorstellung entgegenzuwirken, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen doch irgendwie etwas anderes seien, welche durch den Sonderstatus der Eingetragenen Lebenspartnerschaft eher unterstrichen wurde.

Bürgerliche Kleinfamilie als Ideal?

Doch auch wenn dies sicherlich einen Erfolg der LGBTIQ-Bewegung und einen Schritt zu mehr Gleichberechtigung darstellt, ist damit noch kein Ende der Diskriminierung erreicht.

Das gesellschaftlich dominierende Bild der Zweierbeziehung als Norm wird mit der Ehe für alle zwar erweitert, aber dadurch auch gefestigt. Das geht teils auch mit vorurteilsbehafteten Vorstellungen von Rollenaufteilungen ein, was dazu führt, dass sich viele homosexuelle Paare schon mit der Frage konfrontiert sahen, wer denn die Frau und wer der Mann in der Beziehung sei. Das zeigt, dass stereotype Geschlechterrollen meist zusammen mit einer entsprechenden Vorstellung von Arbeitsteilung noch immer weit in den Köpfen verbreitet sind.

Das bürgerliche Familienbild von einem männlichen „Ernährer“ und einer Frau, die zuhause unbezahlt die Reproduktionsarbeit leistet, also die Kinder erzieht, kocht, putzt, Angehörige pflegt und vieles mehr, verbreitete sich mit der zunehmenden Industrialisierung, mit welcher eine Trennung von bezahlter Produktions- und unbezahlter Reproduktionsarbeit einherging. Dadurch, dass letztere meist von Frauen unbezahlt erledigt wurde und wird, muss der Staat sich nicht um diese Aufgaben kümmern und die Arbeitskraft wird dadurch insgesamt günstiger.

Auch wenn sich seitdem einiges verändert hat, hat die Familie ihre Funktion als Ort der unbezahlten Reproduktionsarbeit weitestgehend beibehalten.

Nicht umsonst erfährt das konservative Familienbild in Krisenzeiten neuen Aufschwung, auch wenn es darum geht Sozialkürzungen zu legitimieren. In Irland wurden von der Regierung zum Beispiel auch Vorurteile gegen Alleinerziehende geschürt, um bei diesen die härtesten Kürzungen durchzusetzen.

Vielfalt statt Anpassung

Die Forderung nach der Ehe für alle war selbst in der LGBTIQ-Bewegung nie unumstritten, da eine Vielzahl an Lebensentwürfen, die sich nicht am Zweierpaar-Modell orientieren dabei außen vor bleiben. Auf Dauer darf es aber nicht darum gehen, gewisse Partnerschaften mit mehr oder weniger Rechten und Pflichten auszustatten. Die Beendigung von Diskriminierung ist auf jeden Fall immer begrüßenswert, egal was man von der Ehe halten mag und ob man selber heiraten möchte oder nicht. Aber es gibt auch Menschen, die fern ab von der bürgerlichen Vorstellung einer Zweierbeziehung mit anderen Menschen zusammenleben möchten. Wir brauchen eine Gleichstellung aller Lebensformen – nicht der Staat soll darüber entscheiden, wie wir leben und lieben, sondern wir selber.

Auch Rechte müssen dafür unbürokratisch auf andere übertragen werden können, wie etwa das Entscheidungs-, Besuchs- und Auskunftsrecht in Krankenhäusern, anstatt dass dies nur an staatlich legitimierte Partnerschaften geknüpft ist. Steuerliche Vorteile für Ein-Hauptverdiener-Partnerschaften (Ehegattensplitting) gehören abgeschafft.

Wir müssen uns zusammen gegen die Abwälzung immer mehr sozialer Verpflichtungen vom Staat auf die Familie, in welcher Form auch immer, wehren und zusammen kämpfen für soziale Verbesserungen für alle – egal ob homo-, hetero-, bi- oder transsexuell.