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Industrie 4.0 – Digitalisierung für wen?

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By Mixabest (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Zukunft der Arbeit? Systemalternativen nötig

“Was nach Zukunftsmusik klingt, kann schon sehr bald Realität werden,” heißt es in einem aktuellen Artikel zur Hannover Messe auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, das den Begriff “Industrie 4.0” maßgeblich prägte. In Hochglanzprospekten versprechen uns Politik und Unternehmen ein Leben ohne jede Anstrengung – in einer Art Roboterzukunft, in der wir nur noch den angenehmen Seiten des Lebens folgen. Gleichzeitig geht eine 2013 von der Universität in Oxford beauftragte Studie davon aus, dass in Deutschland zukünftig bis zu 59 Prozent der Jobs der Digitalisierung zum Opfer fallen können, also 18,3 Millionen Arbeitsplätze. Davor fürchten sich schon heute viele Beschäftigte..

von Alexandra Arnsburg und René Kiesel

Was gerade passiert…

Nur acht Männer besitzen soviel wie die ärmere Hälfte der Menschheit! Immer größere Mengen von diesem stark konzentrierten Kapital ist auf der Suche nach profitablen Anlagemöglichkeiten. Heute liegen über neun Billionen Dollar auf Konten mit negativen Zinsen. Trotz riesiger Blasen an den Börsen und massenhaften Spekulationen mit den Lebensgrundlagen vieler Menschen (Häuser, Wasser, Essen, Rohstoffe), reicht das nicht aus, die Wirtschaft am Laufen zu halten.

Die derzeitig gezielt platzierte Debatte um Robotertechnik, Automatisierung und Digitalisierung soll den EigentümerInnen von Kapital die Anlage ihres Geldes in solchen Firmen schmackhaft machen, in Deutschland vor allem bei Siemens, Bosch oder Waffenherstellern wie Rheinmetall. Die deutsche Wirtschaft ist die viertgrößte der Welt. Dieses Kapital ins eigene Land zu bringen plus ein Vorsprung in der technischen Entwicklung bedeuten einen Konkurrenzvorteil gegenüber China, den USA und anderen Wirtschaftsmächten.

…und was nicht

Die neuen Produktionsanlagen sind teuer und die Entwicklung der Weltwirtschaft ist ungewiss. Investiert wird im Kapitalismus nur, wenn dabei auch die Aussicht auf Profit besteht. Um steigende Kosten bei den Maschinen auszugleichen, müssen die Kosten für Arbeit sinken. Doch bei den Entwicklungen der letzten Jahre stellt sich vor allem die Frage, wer die Haushaltsroboter, selbstfahrenden Autos oder andere digitalisierte Maschinen kaufen soll. Selbst in den Industrieländern sinken die Löhne ständig, während Mieten und die Kosten für alltägliche Waren steigen. Wenn dann noch Tausende entlassen werden, vertieft sich diese Krise und die Lagerhallen füllen sich mit Robotertechnik die kaum jemand bezahlen kann.

Institute und Werbeprospekte von Robotikfirmen, die behaupten, die technische Entwicklung führe uns in eine neue, bessere Zukunft sollen vor allem Anleger gewinnen. Jede grundlegende technische Neuerung führte seit Bestehen des Kapitalismus zur Ersetzung menschlicher Arbeitskraft und zu einem größeren Heer an Arbeitslosen und schlecht qualifizierten ArbeiterInnen. Das wird sich mit der neuen Entwicklung noch vertiefen und es wird wenige Menschen geben, die Maschinen betreuen und viele, die Hilfsarbeiten verrichten müssen. Für viele Tätigkeiten sind die neuen Technologien schlichtweg zu teuer oder sie sind nicht in der Lage beispielsweise Zement zwischen Ziegel zu schmieren, die inzwischen von Robotern automatisch gestapelt werden können.

Keine Roboter sind auch keine Lösung!

Wie neue Technologien eingesetzt werden ist keineswegs vorherbestimmt. Die Herrschenden entscheiden, was wann entwickelt und wie es eingesetzt wird – egal, ob in der Medizin, in der Produktion oder im Haushalt. Die Triebfeder des Kapitalismus ist der Profit und dementsprechend wird umgesetzt, was Profit verspricht und nicht, was uns in erster Linie das Leben erleichtert oder die Umwelt schont.

Viele KollegInnen werden in Konkurrenz zu den neuen Maschinen gesetzt. Die aktuelle Debatte ist vor allem durch Forderungen danach geprägt, dass Menschen durch Qualifizierung, andere Arbeitszeiten, spätere Rente und sich auch mental an die neuen Technologien anpassen sollen. Eine Maschine macht keine Pausen, isst und schläft nicht und wird auch nicht krank. An dieser Belastbarkeit und Flexibilität werden Menschen gemessen. Dabei wäre es tatsächlich möglich, Maschinen in vielen Bereichen einzusetzen, um Arbeit angenehmer zu gestalten. Reinigungsroboter übernehmen große Flächen, Heberoboter helfen Pflegekräften, weitgehend automatisierte Wäschereien nehmen kostengünstig einen Teil der überwiegend von Frauen erbrachten und unbezahlten Hausarbeit ab. Die Einsatzmöglichkeiten wären sehr vielseitig – wenn das Interesse aller maßgebend für die Forschung und die Entwicklung neuer Technologien und nicht das Streben nach Profit entscheidend wäre.

Fortschritt in unsere Hand!

Angesichts der vielschichtigen Angriffe auf einmal erkämpfte Rechte wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, staatliche Versicherungen und Kündigungsschutz bedarf es einer grundlegenden Antwort. Maschinen, prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitslosigkeit sollen uns spalten, daher müssen alle Teile der Lohnabhängigen durch Gewerkschaften organisiert werden und nicht nur die (noch) existierenden Kernbelegschaften. Der technische Fortschritt gäbe uns die Möglichkeit, Arbeit auf alle zu verteilen und sie allen zugänglich zu machen. Eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich ist die Hauptantwort auf die drohenden Entlassungswellen. Der enorme brach liegende Reichtum kann in kürzester Zeit Millionen von Menschen von Hunger und Armut befreien.

Doch dabei bleibt es nicht: Mit jedem Tag zerstört die jetzige Produktionsweise weiter unsere Lebensgrundlage. Nicht nur neue, umweltschonende Produktionsanlagen, sondern ein demokratisch gefasster Plan, wie wir als Teil dieser Welt leben wollen, ist der einzige Weg in eine lebenswerte Zukunft. n