Nach Aleppo

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Wendepunkt im Syrien-Krieg

Der militärische Sieg des Assad-Regimes und seiner ausländischen Unterstützer über Aleppo war ein Wendepunkt im Syrien-Krieg. Er hat der syrischen Regierung aufs Neue die formelle Kontrolle über die wichtigsten städtischen Zentren des Landes gebracht. Ist das nun der Auftakt für ein breites Friedensabkommen, welches die dem syrischen Volk auferlegten Schrecken beenden könnte?

Von Serge Jordan

In den Wochen und Monaten nach den revolutionären Erhebungen in Tunesien und Ägypten in 2011 war Syrien Zeuge einer Massenrevolte gegen die brutale und korrupte Diktatur von Bashar al Assad. Die konterrevolutionären Erwiderungen auf diese Revolte markierten den Beginn einer ganzen Reihe von Trägödien, welche sich in Syrien heute abspielen. Es gab keine unabhängigen Arbeiterorganisationen, welche die Bewegung an Klassenlinien hätten ausrichten und so die religiösen und ethnischen Spaltungen hätten hinter sich lassen können, auf welchen die Assad-Dynastie seine Macht konsolidierte. Das ermöglichte die grausame Repression des Regimes, die Übernahme der Anti-Assad-Bewegung durch religiöse Gruppen und die Intervention der verschiedenen, ausländischen, kapitalistischen Kräfte, welche auf beiden Seiten versuchen, den Konflikt im eigenen Interesse auszunutzen. Zahlreiche konterrevolutionäre Kräfte haben sich in einem verheerenden Krieg um die Vorherrschaft gegenseitig gestärkt. Dieser Krieg hat über die Hälfte der Bevölkerung vertrieben, hunderttausende Todesopfer hinterlassen und dieses einst so schöne Land in einen riesigen Schutthaufen verwandelt.

Ein wichtiger Wendepunkt in den Ereignissen war im letzten Dezember die Wiedereroberung von Aleppo durch die Regierung und ihre ausländischen Verbündeten. Aleppo war vor dem Krieg die bevölkerungsreichste Stadt und das wirtschaftliche Bollwerk des Landes. Das ermöglichte der Regierung in diesem Jahr an den Verhandlungstisch zurückzukehren – dieses Mal in einer weitaus besseren Position als in den vergangenen, größtenteils symbolischen, internationalen Friedensverhandlungen. Diese Entwicklungen finden inmitten neuer Verschiebungen der sich stetig verändernden Machtkonstellationen im Nahen Osten statt. Im Zuge des Arabischen Frühlings, welcher die langjährigen politischen Abkommen der herrschenden Eliten erschütterte, zeigten sich die regionale Bündnisse ohnehin schon unbeständiger als zuvor.

Die Friedensgespräche, welche kürzlich in der kasachischen Hauptstadt Astana abgehalten wurden und zum Ziel hatten, einen landesweiten Waffenstillstand zu erreichen, spiegeln die Umordnungen. Gemeinsam ausgerichtet von Russland, dem Iran und der Türkei bezeugen die Gespräche den Rückgang an Einfluss des US-Imperialismus im Nahen Osten und die selbstbewusstere geopolitische Rolle von Russland. Die Journalistin Erika Solomon in der Financial Times beschreibt: „Westliche Gesandte fanden sich mit den Journalisten in einem mit kariertem Teppich ausgelegten, irischen Pub eines Hotels in Kasachstan wieder.“

Erdogan und Putin versöhnen sich

Trotzdem die USA die weltweit größte Militärmacht bleibt, ist ihre unbestrittene Vorherrschaft über das Weltgeschehen längst Geschichte. Das führte zu einer Situation, in welcher verschiedene regionale und internationale Kräfte nach eigenen Regeln spielen wollen. Eine zentrales Beispiel für solch eine Entwicklung findet sich in der zaghaften Annäherung seit letztem Sommer zwischen zwei gegnerischen Lagern im Syrien-Krieg: Russland, langjähriger Verbündeter des Assad-Regimes, und die Türkei, seit je her Partner des US-Imperialismus und Säule der NATO, welche eine Reihe rechter, islamistischer Kräfte ausgerüstet und finanziert hat – in der Hoffnung, das syrische Regime zu Fall zu bringen.

Die Gründe für diesen diplomatischen Schwenk sind vielseitig. Noch wichtiger als die Bedeutung der russischen Märkte für die schrumpfende türkische Wirtschaft ist ein simples, viel pragmatischeres Kalkül: Putins weit tragende, militärische Intervention in Syrien seit Herbst 2015 hat (in wichtigem Maße) dazu beigetragen, das Gleichgewicht zum Vorteil Assads zurückzuverlagern. Russlands rücksichtslose Bombardierungen haben viele ZivilistInnen getötet, Infrastruktur und medizinische Versorgungsstätten zerstört und ganze Nachbarschaften dem Erdboden gleich gemacht. Damit hat Russland die Taktik der Kollektivstrafe ausgeweitet, welche die syrische Armee und die ihr angeschlossenen Milizen bereits angewendet hatten. Russland hat den bewaffneten Rebellen und dschihadistischen Kämpfern, welche von der Türkei (sowie Saudi-Arabien und Katar) unterstützt werden, schwere militärische Verluste zugefügt und so die bestehende Möglichkeit eines unmittelbaren militärischen Debakels für Assad verhindert.

Unter diesen Verhältnissen wurden die Ambitionen des türkischen Präsidenten Erdogan für einen „Regime Change“ in Damaskus still und leise unter den Teppich gekehrt. Das Spiel mit dem dschihadistischen Feuer hat gewaltige Auswirkungen im Inland hervorgerufen. Als Opfer des regelmäßigen Terrors müssen die einfachen ArbeiterInnen mit ihrem Blut den Preis für die niederträchtige Außenpolitik der Regierung zahlen. Das war beispielsweise ein Faktor, welcher eine gewisse Rolle für den Unmut unter einer Schicht der türkischen Armee gespielt und so auch den Putschversuch gegen Erdogan im August 2016 mit angetrieben hat.

Die KurdInnen: nur ein weiterer Verhandlungsgegenstand?

Neben Assad zielte der Einsatz dschihadistischer Erfüllungsgehilfen durch den türkischen Staat auf die kurdischen KämpferInnen der YPG/YPJ (Volksverteidigungseinheiten/Frauenverteidigungseinheiten) ab. Deren politischer Arm, die Partei der Demokratischen Union (PYD), ist ein Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK und hatte im Sommer 2012 nach dem Abzug der Assad-Truppen aus dem Norden Syriens Kontrolle über die Region erlangt.

Trotz der zahlreichen methodischen Fehler der PYD (zum Beispiel die Top-Down-Verwaltung oder die kurzsichtige Militärstrategie samt problematischer Abkommen mit Imperialisten) erreichten die KurdInnen erstmals Rechte, die seit Jahrzehnten durch die Assad-Herrschaft unterdrückt wurden. Das half den Kampf des kurdischen Volkes gegen die Unterdrückung in der Türkei und weiteren Regionen wiederzubeleben. Erdogans Versuch, die kurdische Bewegung in Nordsyrien durch den IS und andere Dschihadisten zu zähmen, verwandelte sich in ein Fiasko. Alles andere als geschwächt bauten sich die kurdischen Einheiten ihren internationalen Ruf als die erbittertsten Feinde der IS-Mörder auf. Letztes Jahr standen sie kurz davor ihre östlichen Gebieten Cizîrê und Kobanî mit ihrem isolierten Kanton Afrin im Westen zu verbinden. Damit hätten sie die türkischen Herrschenden mit der Aussicht eines vereinheitlichten Landstreifens vor ihrer Haustür konfrontiert, welcher von einer Gruppe mit Verbindungen zur PKK kontrolliert würde.

Alles in allem musste Erdogan seine Prioritäten neu ordnen. Im letzten August intervenierte die türkische Armee das erste Mal direkt unter dem vielsagenden Einsatznamen „Operation Schutzschild Euphrat“. Hauptziel des Einsatzes: die YPG/YPJ und ihre Verbündeten der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) daran hindern, den Euphrat zu überqueren und so ihre kontrollierten Gebiete zu vereinigen.

Dass nicht eine ernsthafte Reaktion auf die Bodenoffensive der Türkei folgte – weder von Russland, Syrien oder dem Iran – spricht Bände über die veränderten Beziehungen zwischen den involvierten Mächten. Die baathistischen (von Baath-Partei – Partei Assads, Anm. d. Ü.) Herrschenden und die rechten Kleriker des Irans teilen mit Erdogan den starken Wunsch, die KurdInnen in die Schranken zu weisen. In Bezug auf die kurdische Autonomie kommentierte ein führendes Mitglied der in der Türkei herrschenden AKP im letzten Sommer treffend: „Wir mögen uns vielleicht nicht, aber bei diesem Punkt verfolgen wir dieselbe Politik.“ Es gibt Berichte von Geheimtreffen in Algerien zwischen syrischen und türkischen Vertretern, welche nahelegen, dass letztere eine Garantie von ersteren hinsichtlich dieser Frage bekamen. Es soll eine Abmachung geben, nach welcher die Türkei von Aleppo ablässt, wenn es einen „Schutzkorridor“ in Nordsyrien gibt, welcher die Vereinigung der kurdischen Gebiete effektiv unterbinden könnte.

Assads Wiedereinnahme von Aleppo

Die Türkei hat die Kontrollen an der Grenze zu Syrien verschärft, welche lange für die Belieferung von sunnitisch-extremistischen, bewaffneten Gruppen genutzt wurde. Die Golfstaaten stehen selbst vor ökonomischen Problemen und sind nicht in der Lage diesen Trend umzukehren – auch sie haben die Unterstützung von entsprechenden konfessionellen Milizen am Boden heruntergefahren. Die rechten islamistischen Rebellen wurden von den Listen ihrer Gönner gestrichen, ihrer Luftabwehrrakten beraubt und ohne eine Luftwaffe, welche mit den heftigen Bombardierungen der syrischen und russischen Armeen mithalten könnte, wurde deren militärische Überlegenheit klar ersichtlich.

In den letzten Monaten wurde Ost-Aleppo, was bis vor kurzem das letzte, größere Bollwerk der bewaffneten Rebellen war, von einer Belagerung ausgetrocknet, welche nicht nur Verstärkungen für die Kämpfenden aufhielt, sondern auch Lebensmittel und Medikamente für die zehntausenden, im Kreuzfeuer gefangenen ZivilistInnen.

Politisch gesehen, wurden die bewaffneten Rebellen, welche 2012 in Aleppo einfielen, Opfer ihrer eignen Herrschaftsmethoden. Sie isolierten sich von wichtigen Schichten der lokalen Bevölkerung – ein Punkt, der von manchen Linken übersehen wird, wenn sie unkritisch die „Revolution“ in den Himmel loben. Diese „Revolution“ ist schon lange zu etwas anderem geworden.

Es gibt angeblich noch manche Inseln des Widerstands, Untergrundnetzwerke von AktivistInnen und Reste der einst zahlreichen örtlichen Komitees, welche 2011 im Kampf gegen Assad in ganz Syrien entstanden. Der Charakter dieses Konflikts hat sich jedoch qualitativ in einen vernichtenden, bewaffneten Konflikt verwandelt, welcher von reaktionären Kräften dominiert wird. Die einstigen Forderungen der Revolution werden in diesem Konflikt immer seltener vernehmbar.

Landesweit hat der wachsende Einfluss sunnitisch-extremistischer Gruppen wichtige Schichten der Bevölkerung (insbesondere unter konfessionellen Minderheiten) unzweifelhaft dazu veranlasst, das Assad-Regime aus Angst vor noch Schlimmerem zu ertragen. In Ost-Aleppo erklären die Eintreibungen der Milizen, welche Plünderungen und Morde an Minderheiten einschließen, warum sie sich keine nachhaltige Machtbasis unter der Bevölkerung aufbauen konnten. Viele AnwohnerInnen, welche die Repression der Regierung satt hatten, mussten erkennen, dass die Korruption und die Brutalität in den „befreiten Zonen“ keine Alternative waren, für die man bereit wäre zu sterben. Der willkürliche Artilleriebeschuss der Rebellen auf West-Aleppo und die zivilen Todesopfer halfen außerdem Assads Truppen, Unterstützung für die Belagerung im anderen Teil der Stadt zu gewinnen.

Einige linke KommentatorInnen haben sich für die Freie Syrische Armee (FSA) als einer komplett anderen Organisation stark gemacht. Das überzeugt jedoch nicht. Die FSA war nie mehr als ein übergeordneter Name: kein zentrales Kommando sondern eine Unzahl grundverschiedener bewaffneter Fraktionen, von welchen viele mit Dschihadisten kooperiert oder sogar gemeinsam gekämpft haben. In Nordsyrien besteht die FSA zum Beispiel hauptsächlich aus rechten, islamistischen Kämpfern, welche den türkischen Kriegsplänen einer Pufferzone gegen die KurdInnen direkte Unterstützung gewähren.

Pyrrhussieg?

Nach Aleppo verschiebt sich das Kriegsgeschehen in Richtung der nördlichen Provinz Idlib. Große Teile der Provinz sind noch immer unter Kontrolle der Al-Qaida nahen Jabhat Fatah al Sham (früher bekannt als Al-Nusra-Front) und den Salafisten von Ahrar al-Sham, sowie verschiedenen bewaffneten Splittergruppen, welche seit kurzem mit diesen beiden Organisationen zusammen arbeiten. Zurückgedrängt nach ihrer Niederlage in Aleppo haben diese Gruppen angefangen, die Waffen aufeinander zu richten. Die Kontrolle über Territorien, Waffenlieferungen und Steuerabgaben nehmen neben ihrem Überleben die höchste Bedeutung für sie ein. Das Assad-Lager könnte die Militäroperationen in diesen Gebieten steigern. Es könnte sich aber auch genauso gut damit zufrieden geben, zuzuschauen wie die Opposition sich wegen der Kontrolle über strategisch unbedeutendere Teile Syriens selbst bekämpft.

Das syrische Regime hat durchaus ein Eigeninteresse an der Erhaltung einer geringen dschihadistischen Präsenz im Land, um so einerseits mit der drohenden Gefahr dieser Gruppen die Bevölkerung besser in der Hand zu behalten und andererseits die eigene repressive Herrschaft mit dem „Kampf gegen den Terror“ zu rechtfertigen. Diese Taktik erklärt auch, warum die meisten der syrischen und russischen Bomben bis heute weit weg von den IS-Gebieten eingeschlagen sind. Interessanterweise hat das russische Verteidigungsministerium die Ahrar al-Sham als „moderate Oppositionskraft“ eingestuft. Das zeigt, dass letztlich die russische herrschende Klasse auch nicht prinzipienfester mit der Legitimierung brutaler, religiös-extremistischer Milizen umgeht als ihre westlichen Pendants.

Insgesamt teilen das Regime, seine ausländischen Unterstützer und die dschihadistischen bewaffneten Gruppen das gemeinsame Interesse, den Wiederaufbau einer ernsthaft fortschrittlichen Basisbewegung für soziale Gerechtigkeit und demokratische Rechte zu verhindern. Diese Tatsache ist unbequem für Linke, welche Assad wohlgesonnen sind. Doch sie erklärt warum die syrische Regierung systematisch zahlreiche friedliche und säkulare AktivistInnen seit Jahren unterdrückt, foltert und umbringt. Gefährliche Dschihadisten, von welchen manche bis heute führende Positionen in Gruppen wie Ahrar al-Sham, Jaysh al-Islam und anderen bekleiden, wurden hingegen zwischen 2011 und 2012 aus den Gefängnissen entlasssen.

Der IS für seinen Teil verschanzt sich weiterhin in Teilen der nördlichen und östlichen Provinzen Syriens. In der Schlussphase im Kampf um Aleppo hat es der IS geschafft, die Wüstenstadt Palmyra einzunehmen – und das nur einige Monate nachdem im römischen Theater der Stadt ein triumphales Orchester die Wiedereroberung durch Regierungstruppen mit Unterstützung der russischen Armee feierte.

Das Ganze zeigt, dass Assads Regime nicht so stark ist wie es vorgibt zu sein und dass Siege in lokalen Schlachten nicht mit dem Halten von eroberten Stellungen gleichzusetzen sind. Das Regime ist nun gezwungen, die staatliche Gewalt in den riesigen Schneisen feindlich gesinnter Gebiete wiederherzustellen. Das wird keine einfach Aufgabe, weil die syrische Armee durch Verluste und Überläufer geschwächt ist – es werden, trotz der Altersobergrenze auf 42 Jahre, bereits Männer in den Fünfzigern eingezogen. Sie ist zersplittert in eine Vielzahl lokaler cliquenhafter Kräfte und wird gestützt durch ein Spektrum verschiedenster ausländischer und einheimischer Milizen, welche jeweils ihre eigenen Pläne haben. Ein großer Teil der letzten Kämpfe wurde von schiitischen Paramilitärs aus Iran und Irak sowie von der libanesischen Hisbollah mit russischer Luftunterstützung bestritten. All diese Gruppen werden ihren Anteil am Raubgut des Krieges haben wollen. Das bereitet den Boden für eine extrem schwierige Verwaltung des Landes, welches von Machtkämpfen und eines sich fortsetzenden, wenn auch weniger heftigen Bürgerkriegs auseinandergerissen wird.

Ohne eine neu aufkommende Bewegung, welche den gemeinsamen Kampf über Konfessionsgrenzen hinweg organisiert, kann die weitreichende Feindseligkeit gegenüber dem mörderischen Assad-Regime auch zu einem neuem Aufflackern religiös motivierten Blutvergießens und Terroranschlägen in den Regierungsgebieten führen. Die Verzweiflung und Entfremdung in der verarmten sunnitischen Bevölkerung, welche seit Jahren der Gewalt von Assad ausgesetzt waren, liefern den extremistischen Gruppen weiter neue Rekruten für ihre Operationen.

Selbst unter den Schichten, welche das Regime unterstützen oder tolerieren, ist die Feindseligkeit vermutlich weitläufig und ist Angst eine große Motivation für Unterstützung. Viele ihrer Verwandten sind gestorben, während Assad, seine Familie und seine Geschäftspartner immer noch in ihren Palästen sitzen und durch den Krieg sogar noch reicher geworden sind. Das Land ist zerstört und das Regime muss sich zudem um das Überleben und die Ernährung von mehreren hunderttausend Inlandsflüchtlingen kümmern. Das plus der Wiederaufbau wird enorme Ressourcen beanspruchen, welche Russland und Iran wahrscheinlich weitaus weniger zur Verfügung stellen wollen als Militärunterstützung. Es sei denn, sie und ihre jeweiligen Unternehmen können davon profitieren – ein Faktor, welcher Syrien noch abhängiger von seinen ausländischen Förderern machen könnte. Kurz gefasst: Assads Sieg in Aleppo kann sich immer noch als Pyrrhussieg herausstellen.

Welche Zukunft für Syrien?

Westliche imperialistische Kräfte standen bei den Gesprächen über die Zukunft Syriens bisher größtenteils an der Seitenlinie. Ihre Diplomatie beschränkte sich weitgehend auf gesichtswahrende Gesten. Abgesehen von der der Pro-Assad-Linken eigenwilligen Besessenheit, es handle sich um einen durch die Imperialisten geförderten „Regime-Change“, wurden die hetzerischen Erklärungen gegen Assad längst eingestellt. Die New York Times berichtet: „Die Europäer – einst entschiedene Gegner von Herrn Assad – sind schon länger ziemlich still während jener Aleppo ausradiert.“ Obwohl das Wetteifern nach Einfluss auf die Zukunft Syriens zweifelsfrei seit Jahren zwischen dem US- und dem russischen Imperialismus stattgefunden hat, wurde eine groß angelegte Militärintervention für einen „Regime-Change“ niemals wirklich von den einflussreichsten Strategen der USA als eine mögliche Option angesehen.

Diese Tendenz scheint sich durch die Wahl von Donald Trump verstärkt zu haben. Dieser betont den Kampf gegen den IS. Der britische Außenminister Boris Johnson hatte sich kürzlich dafür ausgesprochen, „dass Bashar al-Assad eine Kandidatur in Neuwahlen nach einem syrischen Friedensabkommen erlaubt sein sollte.“ Selbstverständlich sollte man aus solchen Erklärungen kein Ende der innerimperialistischen Spannungen herauslesen, von welchen Syrien eh nur ein Unruheherd ist. Erbitterte Konkurrenz um Märkte und strategischen Einfluss ist ein unausweichlicher Trend in Zeiten der globalen kapitalistischen Krise. Noch mehr führt die Wahl Trumps zu Unvorhersehbarkeiten. Seine kürzlichen Forderungen nach „Schutzzonen“ in Syrien zeigen das deutlich, obwohl ihnen bisher keine praktischen Schritte folgen – zumindest keine, die eine Ausweitung des Krieges anstoßen und zu Konflikten mit seinen eigenen bewaffneten Kräfte führen könnten.

Die militärische Situation deutet im Moment daraufhin, dass Assads Regime und der russische Imperialismus auf dem Schlachtfeld die Oberhand haben und die westlichen Mächte sich mit der Realität abfinden müssen. Der Vorschlag der Hohen Vertreterin der EU für Außenpolitik Mogherini eines neuen „Plan B für Syrien“ folgt dieser Logik. Er beinhaltet finanzielle Unterstützung durch die EU im Gegenzug für ein machtbeteiligendes Abkommen, mit welchem sogenannte „moderate“ Rebellen einer Regierung beitreten dürften – diese müsste zugegebenermaßen zusammen mit dem gegenwärtigen despotischen Apparat neu besetzt werden.

Neue Bewegungen der Arbeiterklasse

Das allein zeigt einmal mehr die miese Heuchelei imperialistischer Mächte, für die eine Regel über allem steht: „Es gibt keine dauerhaften Freund- oder Feindschaften – nur Interessen.“

Diese Erfahrung mussten vor allem die KurdInnen schon viele Male auf brutale Art und Weise machen. Zurzeit müssen sowohl der russische als auch der US-Imperialismus die Beziehungen zur YPG/YPJ und zur SDF aufrechterhalten, da diese Kräfte im Zuge ihrer Operationen gegen den IS gerade auf die syrische Stadt Rakka zusteuern. Im Moment ist es auch offensichtlich, dass Assads Armee nicht stark genug für einen weiteren Zermürbungskrieg gegen die KurdInnen ist. Dennoch könnte das Interesse der kapitalistischen Regime, das Kräftegleichgewicht in der Region wiederherzustellen, auch auf Kosten der kurdischen Bevölkerung durchgesetzt werden – entweder durch militärische Unterwerfung oder durch Zähmung ihrer Führung in dem Sinne, engere Verbindungen zwischen dem türkischen Erdogan-Regime und der konservativ-prokapitalistischen Regiergung von Irakisch-Kurdistan herzustellen. Ein Programm, welches ohne Wenn und Aber gegen imperialistische Einmischung in der Region argumentiert, wird unentbehrlich für die kurdische Bewegung sein, wenn sie die ArbeiterInnen und Armen in anderen Teilen Syriens und der Region erreichen will. Gleichermaßen muss sich richtigerweise das Recht auf Selbstbestimmung für die KurdInnen in den Forderungen der Arbeiterbewegung und der Linken wiederfinden. So würde die objektive Einheit der Interessen gefestigt, die zwischen all den ArbeiterInnen und Armen besteht – gegen all die kapitalistischen und imperialistischen Unterdrücker.

Neue Bewegungen für Veränderungen werden die Lehren aus der syrischen Tragödie ziehen müssen. Es braucht eine starke, mit sozialistischen Ideen gewappnete Partei, welche den Reichtum der Region in öffentliches Eigentum überführen und zur demokratischen Planung freigeben will, während sie die demokratischen Rechte aller ethnischen und religiösen Minderheiten verteidigt. Solch eine Partei könnte die ArbeiterInnen und Armen im revolutionären Kampf gegen Diktatur, religiösen Fundamentalismus und Imperialismus vereinen. Das Fehlen solch einer Partei bedeutete bis jetzt, dass der Kampf der Massen von verschiedenen konterrevolutionären Kräften umgedeutet und zerschlagen wurde.

Konkurrierende Milizen und korrupte kapitalistische Regime sind dafür verantwortlich, dass Syrien in einen Prozess fortgeschrittener Zersplitterung eingetreten ist. Dieser beinhaltet Massaker an Minderheiten, massenhafte Vertreibung im Inland und aufgezwungene demographische Veränderungen. Unter diesen Bedingungen wird sich „das alte Syrien“ zwangsläufig niemals wieder zusammen finden. Das Ergebnis der „Friedensgespräche“ wird wahrscheinlich einen Zustand der „De-facto-Kantonisierung“ (Aufteilung in Herrschaftsgebiete, Anm. d. Ü.) etablieren. Die verschiedenen Akteure werden am Verhandlungstisch entscheiden,wie groß ihre jeweiligen Stücke vom Kuchen werden.

Dennoch ist es wichtig, dass nach jedem Waffenstillstand Demonstrationen – auch wenn sie lokal begrenzt waren – in verschiedenen Teilen Syriens statt gefunden haben: gegen das Regime, gegen die rechten Fundamentalisten, gegen die ausländische Intervention. Selbst unter der alawitischen Bevölkerung, welche im Westen Syriens den Kern der Assad-Unterstützer darstellt, gab es trotz der Repressionen gelegentlich Proteste gegen die Regierung wegen Preisanstiegen, Zwangseinberufungen in die Armee oder den fehlgeschlagenen Beendigungen von Belagerungen mancher Städte. Auch wenn diese Widerstandsfähigkeit unter ungünstigsten Bedingungen nicht romantisiert werden kann, bleiben diese Beispiele trotzdem ein ermutigendes Zeichen. Das Blutvergießen der letzten sechs Jahre konnte den Wunsch nach Veränderung unter den Massen nicht vollständig unterdrücken.

In einem Artikel mit dem Namen „Die Tragödien Syriens signalisieren das Ende der arabischen Revolutionen“ schreibt der erfahrene Kriegsberichtserstatter Robert Fisk: „Wie schon die furchtbare anglo-amerikanische Invasion im Irak den westlichen Militärabenteuern ein Ende bereitete, so bedeutet die Tragödie Syriens ein Ende für die arabischen Revolutionen.“ Das ist eine ziemliche Fehleinschätzung. Obwohl die syrischen Massen eine heftige Niederlage durchleben mussten, wird die Situation im gesamten Nahen Osten unweigerlich zu neuen revolutionären Erhebungen führen. Diese werden neue Möglichkeiten bieten, den Weg der Geschichte zu verändern und die tiefen Wunden der syrischen Katastrophe zu heilen.

Serge Jordan ist Belgier und Mitglied des Internationalen Sekretariats des Komitees für eine Arbeiterinternationale (CWI) und dort zuständig für den Nahen und Mittleren Osten. Er lebt in London. Die Übersetzung stammt von Tom Hoffmann.