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Kugeln statt Lohn

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Arbeiter im Jemen kämpfen um Lohnauszahlung und werden bedroht und umgebracht.

Der französische Ölkonzern TOTAL hat nach 25 Jahren den Großteil seiner Geschäftstätigkeit im Jemen im Jahr 2015 plötzlich beendet. Das gilt auch für das britische Sicherheitsunternehmen G4S, das als Subunternehmen den Sicherheitsservice für TOTAL organisierte. Beide Unternehmen scheinen das Kriegschaos im ostafrikanischen Land dazu genutzt zu haben, in krimineller Weise einen massiven Lohnklau begangen zu haben.

Von Sascha Staničić

Nach jemenitischem Recht müssen Entlassungen dreißig Tage im voraus angekündigt werden und Abfindungen an die betroffenen Beschäftigten gezahlt werden. Beides geschah nicht, zum Teil erfuhren die Arbeiter aus dem Fernsehen von TOTALs Entscheidung.

Nach einem gerichtlichen Schlichtungsverfahren wurden die TOTAL Immobilien im Dezember 2015 beschlagnahmt und angeordnet, dass die beschäftigten Sicherheitskräfte diese weiter bewachen sollten und sie so lange ein Recht auf Lohnauszahlung haben, bis rechtswirksame Kündigungen ausgesprochen werden. TOTAL und G4S haben diese Entscheidung seitdem ignoriert. Seitdem kämpfen 115 Arbeiter unter katastrophalen Lebensbedingungen um die Auszahlung der ausstehenden Löhne. Sie haben nicht nur Protestdemonstrationen trotz des seit Ende 2014 bestehenden Demonstrationsverbots in der Hauptstadt Sanaa organisiert, sondern sind auch mit massiven Einschüchterungsversuchen von kriminellen Banden konfrontiert, die nach Informationen dieser Zeitung mit dem G4S-Management in Verbindung stehen.

Die Arbeiter Mohammad Alzubide, Ali Al Sanhani und Abdurhaman Kieran wurden bei der Ausübung ihrer Tätigkeit erschossen, andere Arbeiter berichten von Entführung, Folter und Mordversuchen. Augenzeugen berichten, dass an dem Mord Abou Mustafa Mohammed Jameel und Mohammed Kilah beteiligt waren, die beide in Verbindung zur jemenitischen Unternehmensleitung von G4S stehen. Die britische G4S-Zentrale behauptet, ihre jemenitische Niederlassung führe den Namen ohne Zustimmung der Konzernzentrale. Es ist jedoch nicht bekannt, dass dagegen rechtliche Schritt ergriffen worden wären.

Die betroffenen Arbeiter fanden bisher wenig Unterstützung bei den jemenitischen Gewerkschaften und wendeten sich an das Komitee für eine Arbeiterinternationale (www.socialistworld.net), einer internationalen sozialistischen Organisation. „Wir haben den Fall der jemenitischen Kollegen aufgegriffen und weltweit bekannt gemacht, weil er symptomatisch für die nackte Ausbeutung und Gewalt ist, der Arbeiterinnen und Arbeiter im Jemen, Afrika und vielen Ländern der neokolonialen Welt durch die Machenschaften der multinationalen Konzerne ausgesetzt sind“, sagt Cédric Gerome, der für das Komitee die internationale Solidaritätskampagne organisiert. Dass dem so ist, können die Arbeiter des norwegischen DNO-Konzerns bestätigen, die in ähnlicher Art und Weise ihre Arbeitsplätze verloren hatten und um ihre Löhne kämpfen mussten.

Gerome berichtet von den katastrophalen Lebensbedingungen der Arbeiter im kriegszerrütteten Jemen: „Dass es hier um Leben und Tod geht ist keine Floskel. Einige Arbeiter haben ihre Wohnungen verloren und hungern mit ihren Familien.“

TOTAL und G4S schulden jedem Arbeiter ungefähr 27.000 US-Dollar, schweigen aber zu den Vorwürfen. Die TOTAL Pressestelle in Deutschland verweist nach schriftlicher Anfrage darauf, dass sie nur die Aktivitäten des Unternehmens in Deutschland kommentiere.

Dass Protest eine Wirkung erzeugen kann, zeigt wohl der Fall der DNO-Beschäftigten. Nach internationalen Protesten, die zum Teil durch norwegische Gewerkschaften organisiert wurden, hat die DNO-Geschäftsleitung einer Auszahlung der ausstehenden Löhne offiziell zugestimmt. Die TOTAL- und G4S-Beschäftigten haben nun begonnen, sich mit der die DNO-Arbeiter vertretenden Gewerkscahft zu vernetzen. So mag das kriminelle Gebahren der beiden Konzerne zumindest die Selbstorganisierung und Vernetzung der Arbeiter im Jemen voran treiben – und auch deren Politisierung. Denn durch die internationale Solidaritätskampagne und den Kontakt zum Komitee für eine Arbeiterinternationale können nun auch sozialistische Ideen in diesen Arbeitskampf getragen werden.

Am 31. März findet ein internationaler Aktionstag in Solidarität mit den TOTAL- und G4S-Beschäftigten im Jemen statt. Auch in Berlin wird eine Aktion vor dem TOTAL Tower am Hauptbahnhof stattfinden.

Der Artikel erschien in bearbeiteter Form zuerst in der Tageszeitung junge Welt.