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80. Jahrestag: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien

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spanienbuchcover-shopvon René Kiesel

Der Beginn des Spanischen Bürgerkriegs jährt sich in diesem Sommer zum achtzigsten Mal. Er war gleichzeitig ein Kräftemessen der Mächte Europas auf spanischem Boden vor dem nahenden Weltkrieg. Die heute in der Linken noch weit verbreitete Auffassung, dass der Faschismus nur im Bunde mit den bürgerlichen Kräften geschlagen werden kann, scheiterte dort in der Praxis. Ohne heute in einer vergleichbaren Situation zu sein, lassen sich aus dieser Zeit verschiedene Schlussfolgerungen ziehen. Wie wird der Faschismus geschlagen? Welches Programm und welche Organisationen braucht es für eine erfolgreiche Revolution?

Eine Welle von Streiks nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 zwang den Diktator General Primo de Rivera 1930 zum Rücktritt. Auch der König dankte 1931 ab und bestimmte der Übergangsregierung, die ersten freien Parlamentswahlen seit vielen Jahren in Spanien abzuhalten. Erstmals durften alle Männer und Frauen ab 23 Jahre wählen.

Die alten Kräfte rechneten damit, dass die Kirche und Ehemänner den Frauen sagen würden, was sie zu wählen haben und hofften auf eine Stärkung ihrer Vertreter im Parlament. Doch die Monarchie hatte ausgedient. Die Mehrheit der Stimmen entfiel auf sozialistische und republikanische KandidatInnen. Denn gerade Frauen mussten neben der Versorgung der Großfamilien noch zu einem Bruchteil des Männerlohnes arbeiten und litten unter der Gängelung durch die Kirche.

Nach den Wahlen und einigem Hin und Her bei den Koalitionsparteien, wurde letztendlich eine Regierung unter dem liberalen Republikaner Manuel Azaña gebildet. Sie umfasste verschiedene liberale, republikanische Parteien und die Sozialistischen Partei, schloss jedoch die konservativen Radikalen Republikaner und rechte Partien aus. Gleichzeitig waren Millionen von ArbeiterInnen in eigenen Verbänden organisiert und kämpften gegen Kapitalisten und Großgrundbesitzer. Eine der dringlichsten Aufgaben war die Zerschlagung des Großgrundbesitzes und eine Besserstellung der ländlichen Bevölkerung. Doch selbst zaghafte Bodenreformen scheiterten am Widerstand der feudalen Grundeigentümer. Eine liberale Mittelschicht war, soweit vorhanden, vor allem im Baskenland und Katalonien ansässig und strebte entweder, von nationalistischen Ideen beeinflusst, nach Unabhängigkeit von der Madrider Zentralregierung oder sympathisierte mit revolutionären Ideen. Durch den Beschluss der Übergangsregierung, die Kirche vom Staat zu trennen, wurde nahezu die Hälfte aller Schulen geschlossen, da der hochverschuldete Staat die kirchlichen Einrichtungen nicht durch eigene ersetzen konnte. Das brachte gleichzeitig den Klerus und die Bevölkerung gegen die Regierung auf. Die Aristokratie klammerte sich an die royalistische Partei oder ging zur katholischen Rechten über. Es gab keine gesellschaftliche Gruppe, auf die sich die neue Ordnung stützen konnte. Jede Reformpolitik war zum Scheitern verurteilt. Nach weniger als zwei Jahren trug das rechte Parteienbündnis CEDA und die Radikalen Republikaner 1933 einen überwältigenden Sieg bei den Wahlen davon. Ihr Ziel war die Beseitigung der kläglichen Reformen ihrer Vorgänger und die Wiederherstellung der Vormachtstellung der Kirche. Die Rechte und ihre Führer wollten zudem die Abschaffung der Republik. Reformen wurden zurück gezogen und lokale Aufstände der Bauernschaft und ArbeiterInnen brutal unterdrückt. Für die Masse der Bevölkerung unterschied die Republik nichts mehr von der früheren Diktatur.

1934 fand die Arbeiterbewegung ihren ersten Höhepunkt in Asturien. Die Mitgliedschaft des sozialistischen Gewerkschaftsverbandes UGT und der sozialistischen Jugend radikalisierte sich unter den Schlägen der Reaktion und kehrte dem bürgerlichen Parlamentarismus den Rücken zu. Auf Initiative der regionalen Organisationen der anarchistisch geführten Gewerkschaften, die im Verband der CNT vereint waren, kam eine Arbeiterallianz mit dem Ziel der Errichtung einer sozialistischen Republik zustande. Zum ersten Mal gab es eine Einheitsfront, die alle Arbeiterparteien einschloss. In der rohstoffreichen Region im Norden des spanischen Staates wurde der Generalstreik ausgerufen und die ArbeiterInnen bewaffnet. Die Regierung brachte Regimenter der Fremdenlegion und marokkanische Söldner über das Mittelmeer, um den Aufstand im Blut der ArbeiterInnen zu ertränken. Tausende starben und noch mehr wurden verhaftet.

Vor den Parlamentswahlen 1936 war das Land bereits nicht mehr zu regieren. Die rechts-republikanische Regierung setzte jetzt auf nackte Gewalt, denn die legalen Mittel der Republik hatten versagt. Die neu gegründete faschistische Organisation Falange entfaltete eine Terrorkampagne gegen die ArbeiterInnen und die Republik.

Der Aufstand der Generäle

Als im Februar 1936 ein breites Volksfrontbündnis von der linken republikanischen Partei bis zur kommunistischen PCE die Wahlen zu den Kammern der Cortes mit überwältigender Mehrheit gewann, war der Weg zu sozialen Revolution eingeschlagen. Für die Rechten schien nur noch eine Machtübernahme und diktatorische Herrschaft die Rettung der alten Ordnung zu sein, sie hatten die Mehrheit im Parlament verloren. Bis zum September 1936 gab es sechs Versuche unter verschiedenen Vorsitzenden ein stabiles Regime zu bilden. Doch die Sozialistische Partei weigerte sich, Koalitionspartnerin einer republikanischen Regierung zu sein. Zuletzt versuchten Teile der Regierung, einen Kompromiss mit dem Militär zu finden und boten an, Ministerposten mit ihm genehmen Personen zu besetzen. Doch jede Vermittlung wurde abgelehnt, die Zeit der legalen parlamentarischen Politik war vorbei – am 17. Juli 1936 erging das Signal zum Putsch, den der General Franco anführen sollte.

Die Antwort der Massen: Revolution

Der UGT-Führer Largo Caballero verlangte von der republikanischen Regierung, Waffen an die ArbeiterInnen zu verteilen, als das Militär sich gegen sie erhob, aber die lehnte ab. Als die rechten Truppen bereits Marokko und den Süd- und Nordwesten des Staates erobert hatten, ließ die Regierung die Meldung verbreiten, dass die Situation unter Kontrolle sei. Doch die Massen ließen sich nicht abhalten, denn für viele ging es nicht um die Verteidigung einer ungewissen Zukunft in einer Republik, sondern um die soziale Revolution.

In den Orten, wo ArbeiterführerInnen sich von den Nachrichten beruhigen ließen, gelang es dem Militär selbst linke Hochburgen wie Zaragoza und Sevilla zu besetzen. Doch in vielen Städten wurden sie zurückgeschlagen. Was an Kriegsmaterial fehlte, machten die ArbeiterInnen durch ihren revolutionären Enthusiasmus wett. Der Generalstreik wurde ausgerufen.

Einige tausend bewaffnete Einheiten in den Sturmgarden und der Polizei waren alles, was der Regierung noch blieb, alle anderen Kräfte hatten sich entweder auf die Seite der revolutionären Massen oder der Nationalisten geschlagen: die Staatsmacht löste sich auf.

Im ganzen Land schossen lokale, meist paritätisch besetzte Komitees aus dem Boden, die Transport, Versorgung, Krankenpflege, öffentliche Ordnung, Grenzschutz und nicht zuletzt die Aufstellung der Milizen organisierten. Die Kirchen wurden geschlossen, einige sogar abgebrannt. Die Unternehmer, die nicht in die Franco-Zone geflohen waren, wurden enteignet und inhaftiert oder erschossen, wenn sie unter Verdacht standen, mit den Rechten zu kollaborieren. Die soziale Revolution hatte begonnen. Einzig auf Drängen der PCE und des rechten Flügels der sozialistischen Partei erhielten pro-republikanische Kräfte eine Vertretung in den Komitees, da alle republiktreuen jetzt gemeinsam gegen den Faschismus kämpfen müssten.

Die internationale Dimension

In Frankreich übernahm eine Volksfrontkoalition in Folge von Massenprotesten und Generalstreiks die Regierung, die der Revolution im Süden vorausgingen. Ein Arbeiterstaat in Spanien auf der Grundlage demokratisch gewählter Räte wäre nicht nur für die faschistischen Regimes in Europa bedrohlich gewesen und hätte den ArbeiterInnen gezeigt, dass der Kampf gegen den Faschismus möglich ist, sondern wäre auch eine Bedrohung für die herrschende Bürokratie der Sowjetunion – denn sie hätte ein Beispiel von sozialistischer Demokratie sein können -, weshalb diese auch keine Freundin der Revolution war.

Mussolini sah in der Unterstützung der nationalistischen Kräfte eine Möglichkeit, seine Herrschaftsansprüche über das Mittelmeer geltend zu machen und schickte 70.000 Soldaten. Die Nazis hatten wirtschaftliche Interessen bezüglich der Rohstoffe im Norden Spaniens und wollte den antisowjetischen Block stärken. Alle Seiten nutzten den Konflikt auch, um altes Kriegsmaterial zu verbrauchen und neue Waffen zu testen und um praktische Kriegserfahrungen zu sammeln.

Die britische Regierung wollte keinen offenen kriegerischen Konflikt mit den faschistischen Regimes und auf keinen Fall die soziale Revolution unterstützen. Daher hielt sie an der Nichteinmischungspolitik fest. Aus Angst vor den Rechten im eigenen Land und davor, sich von ihrem englischen Verbündeten zu isolieren, folgte ihr die französische Regierung. Stalin hatte sich für Abkommen mit kapitalistischen Staaten entschieden, um sich vor einem faschistischen Angriff zu schützen. Ein Sieg der Faschisten in Spanien hätte jedoch das feindliche Lager gestärkt. Deshalb folgte der Kreml zwar offiziell der Politik der Nichteinmischung, lieferte aber dennoch bis 1937 Kriegsmaterial an die republikanische Seite unter der Doktrin, dass die Kommunistische Partei Spaniens von revolutionären Tätigkeiten Abstand nimmt, um ihre internationale Bündnispolitik nicht zu gefährden.

Die Volksfrontregierung

Verschiedene Fragen bedurften einer umgehenden Lösung: die Ernährung der Städte, Organisierung der Produktion und der Krieg gegen den Nationalistenführer General Franco.

Den bürgerlichen Staat gab es nicht mehr, doch auch keine andere zentralisierte Macht. Die Milizen und lokalen Komitees hatten vor allem spontanen Charakter. Die KämpferInnen waren nach der Zugehörigkeit zu einer Organisation aufgeteilt worden, ein einheitliches Kommando gab es nicht.

Die Parteien der RepublikanerInnen und KommunistInnen kämpften gemeinsam mit dem rechten Flügel der sozialistischen Partei gegen jeden weitergehenden Eingriff in das Privateigentum und gegen eine Vergesellschaftung der Produktion. Solange sie in der Minderheit waren, gelang es den Komitees dennoch in begrenztem Maße die Wirtschaft wiederherzustellen. Die Überreste der bürgerlichen Regierung weigerten sich, ein Außenhandelsmonopol und Kapitalverkehrskontrollen zu errichten, was eine massive Kapitalflucht aus der republikanischen Zone zur Folge hatte. Sie weigerten sich ebenfalls, die Banken unter ihre Kontrolle zu nehmen und Kredite an kriegswichtige Betriebe zu vergeben oder den Goldvorrat zu nutzen, um Waffen und Rohstoffe im Ausland zu kaufen.

Die eine oder die andere Seite musste die Macht übernehmen und dem Krieg eine Richtung weisen: für die Republik der kapitalistischen Unternehmer, die die Revolution beseitigt hatte oder für eine Republik der ArbeiterInnen und Armen.

Keine der beteiligten Arbeiterorganisationen verfolgte ein Programm für den Aufbau eines Arbeiterstaates auf der Grundlage gewählter Räte. Die lokalen und regionalen Komitees wurden auf Weisung der Partei- und Gewerkschaftsvorstände besetzt und auch später nicht durch Wahlen bestätigt oder ersetzt.

Der linke Flügel der Sozialistischen Partei folgte zwar offiziell einer revolutionären Politik. Letztendlich waren sie aber nicht bereit, ihren Einfluss an gewählte Gremien außerhalb ihrer Partei abzugeben. Sie behaupteten, dass Räte nach dem russischen Vorbild nicht nötig wären, Die POUM (Arbeiterpartei der marxistischen Einheit) als linkester Volksfront-Flügel sagte, der Zusammenschluss politischer Organisationen in Komitees sei die revolutionäre Form, die der Situation angemessen wäre. Die anarchistische CNT, die hinter ihrem Banner die größte Zahl an revolutionären KämpferInnen vereinte, benannte den Staat an sich als die Ursache allen Übels, weshalb die Abschaffung desselben ausreichend für eine Revolution wäre.

In Katalonien stellte der bürgerliche Regionalpräsident das Zentralkomitee der antifaschistischen Milizen vor die Wahl, dass er entweder zurücktreten oder sich in den Dienst der Revolution stellen könne. Ohne die Mitglieder ihrer Organisationen zu befragen, entschied das Komitee, dass er sein Amt behalten sollte und löste sich am 1. Oktober 1936 selbst auf. Eine Regierung, in dem die VertreterInnen aller Parteien außer den Rechten saßen, wurde gebildet. Selbst die CNT beteiligte sich und änderte ihre Position ab: Der grundlegende Charakter der Regierung wäre geändert und man könne sich daher daran beteiligen. Der bekannte Aktivist Andreu Nín nahm für die POUM die Stellung des Justizministers an, da – so die Begründung – durch die Regierungsbeteiligung die wahre Politik der Bürgerlichen vor den Massen entlarvt werden könne.

Neben der Volksfront in Katalonien bildete Anfang September 1936 die Volksfront für das gesamte republikanische Gebiet unter sozialistischer Führung eine Regierung. Francisco Largo Caballero, führendes Mitglied der SozialistInnen und der UGT, hatte unter der sozialistischen Jugend und den revolutionären Teilen der sozialistischen Gewerkschaftsbewegung Massenanhang und galt als „Lenin Spaniens“. Trotz seines Bekenntnisses zu sozialistischen Revolution und einer Arbeiterregierung, ließ er sich überzeugen, die Bildung eines bürgerlichen Kabinetts zu übernehmen. Durch die Verteilung der Posten auf alle Teile der Volksfront erhielten die konterrevolutionären Elemente erheblichen Einfluss. Die StalinistInnen gaben jetzt die Richtung vor: Alles für die Volksfront und alles durch die Volksfront, das heißt den wiederhergestellten bürgerlichen Staat.

Kampf gegen den Faschismus mit oder ohne Revolution?

Im Oktober 1936 erließ die Volksfrontkoalition ein Dekret, das es Frauen verbot, mit der Waffe an der Front zu kämpfen und befahl die Eingliederung der Milizkolonnen unter das republikanische Kommando, um im Sinne des bürgerlichen Staates eine republikanische Armee aufzustellen.

Doch ein Teil der Milizen der CNT und POUM stimmte dagegen und kämpfte auf eigene Faust weiter. Ihnen sollte der Anschluss aufgezwungen werden. Zugesagte militärische Unterstützung und Material für die Front blieben aus, wodurch ganze Einheiten vernichtet wurden. Ihre Niederlagen wurden ihnen in der stalinistischen Propaganda als Zeichen ihrer Schwäche angelastet. Sie bekamen vom kommunistisch geführten Versorgungsministerium kein Essen, kein Material und keinen Sold. Die Regierung führte eine Zensur ein, die mit jedem Monat schärfer gegen kritische Veröffentlichungen der POUM und CNT vorging.

Viele Schlüsselpositionen der neu geschaffenen militärischen Einheiten waren mit KommunistInnen oder ihren Verbündeten besetzt. Vor allem die VertreterInnen der Stalinbürokratie argumentierten, dass jetzt der Kampf gegen den Faschismus gewonnen werden müsse, bevor eine Revolution denkbar wäre.

Die Kommunistische Partei baute eine eigene Truppe auf. Ihre Einheit war das berühmte 5. Regiment, das zum Zeitpunkt der Eingliederung in die reguläre Armee bereits 100.000 Mann umfasste. Dieses Regiment war in Madrid stationiert, doch es war der feindlichen Übermacht nicht gewachsen. Unter stalinistischer Kontrolle wurden für einen begrenzten Zeitraum Mittel des revolutionären Krieges angewandt: Komitees säuberten die Stadtteile von rechten Kollaborateuren, hinter die feindlichen Linien wurde Propaganda abgeworfen und Milizen der POUM und CNT standen gleichrangig neben dem 5. Regiment und den Internationalen Brigaden im Gefecht. Als die Offensive Francos zurückgeschlagen war, wurden die Komitees aufgelöst und alle anwesenden MilizionärInnen zwangsweise in die Armee eingegliedert.

Die Maikämpfe in Barcelona

Das zentrale Telegraphen- und Telefonamt in Barcelona stand bis Mai 1937 unter der Kontrolle der CNT. Für die Regierung war das problematisch, denn ihre Gespräche konnten abgehört werden und Verbindungen wurden unterbrochen, wenn dem Komitee das Gesprochene verdächtig erschien. Am Morgen des 4. Mai befahl der kommunistische Polizeipräsident Barcelonas den Assalto-Garden und seinen Einheiten, die Kontrolle über das Gebäude zu übernehmen. Der Angriff rüttelte die Massen Barcelonas wach: Sie riefen den Generalstreik aus und bauten Barrikaden. Bereits nach einem Tag eroberten die KämpferInnen der POUM und CNT den größten Teil der Stadt. Die Zentralregierung schickte mehrere Divisionen und Kriegsschiffe. Federica Monsteny und Juan García Oliver, beides CNT-MinsterInnen, wurden zur Vermittlung geschickt. Auf das Geheiß zweier anarchistischer FührerInnen sollte nun über Erfolg oder blutiges Ersticken des Arbeiteraufstandes entschieden werden. Sie scheiterten und 6.000 Mann der Sturmgarden übernahmen die Kontrolle der Stadt, Todesschwadronen ermordeten gezielt die OrganisatorInnen der Straßenkämpfe und Katalonien verlor seine Autonomie. Viele RevolutionärInnen der POUM und CNT waren an den Kämpfen beteiligt und hunderte von ihnen ließen ihr Leben in den Kämpfen, die bis zum 8. Mai anhielten. Die Führung ihrer Organisationen fühlte sich nicht ihnen, sondern der Volksfront verpflichtet, rief zu einem Waffenstillstand auf und schickte die ArbeiterInnen wieder nach Hause und an die Arbeit. Die POUM wurde im Nachhinein aus der katalanischen Volksfront ausgeschlossen und wenig später verboten. Ihre Milizen wurden aufgelöst und entwaffnet und ihre Presse verboten. Ihre FührerInnen wurden inhaftiert, verschleppt, gefoltert und – wie im Fall von Andreu Nín und anderen – ermordet.

Die rechten SozialistInnen und KommunistInnen nutzten die Gelegenheit, um eine Regierungskrise auszulösen. Largo Caballero trat daraufhin von seinen Ämtern als Kriegsminister und Regierungschef zurück. Der republikanische Staatspräsident Azaña beauftragte nun den Rechtssozialisten Negrín mit der Bildung einer neuen Regierung.

„Die Regierung des Sieges“

Die neue Regierung schützte das Privateigentum und rückte in ihrem späteren 13-Punkte-Programm sogar die Kirche wieder in eine prominente Stellung. Die Ungewissheit, ob Franco siegen könnte oder ob die Regierung ihnen ihre Kollektivwirtschaften wieder wegnehmen würde, entfremdete große Teile der ländlichen Bevölkerung. Gleichzeitig nahm überall die Bürokratie zu, was vor allem die städtische Bevölkerung traf, da es an den nötigsten Gütern fehlte und die Preise stiegen, während die Löhne gleich blieben. Die Regierung verkündete, diesen chaotischen Zustand zu beenden, indem sie die Kontrolle der Komitees in den Betrieben beendete. Sie wurden aufgelöst und oder staatliche Funktionäre übernahmen. Je weiter die ArbeiteraktivistInnen zurückgedrängt wurden, desto selbstbewusster wurden reaktionäre Teile der Bevölkerung. Sie schielten nach Posten in der Verwaltung oder den bewaffneten Gruppen der Zivil- oder Assalto-Garde. Im Hinterland sorgten Agenten der stalinistischen Geheimpolizei und des neu geschaffenen politischen Sicherheitsdienstes dafür, dass RevolutionärInnen verschwanden. Es wurden wieder Gesetze eingeführt, die Verunglimpfung der Armee, verbündeter Staaten oder Kritik an diesen Maßnahmen unter harte Strafen bis hin zur Erschießung stellten.

Nach und nach wurden POUM, CNT und der linke Flügel der Sozialistischen Partei und der UGT ausgeschaltet. Die so geschlagenen ländlichen und städtischen Werktätigen wurden zwischen dem Vorstoß Francos, den Maßnahmen der Regierung und der erstarkenden Reaktion im Hinterland zerrieben.

Auf der Seite der rechten Generäle standen auf dem Höhepunkt 600.000 gut bewaffnete Einheiten. Ihnen gegenüber standen 250.000 schlecht ausgerüstete ArbeiterInnen und BäuerInnen. Der Untergang war vorprogrammiert und wichtige Teile Spaniens fielen in Feindeshand. Das Zentrum der Revolution, Barcelona, ergab sich kampflos. Dass Madrid in der unterlegenen Situation fällt, war nur noch eine Frage der Zeit.

Gab es eine Alternative?

Die kommunistische Linke um Andreu Nín und Juan Andrade, die die spanische Organisation der trotzkistischen Internationalen Linken Opposition bildete, hatte noch 1935 Einfluss unter den Massen im Norden. Sie standen mit Leo Trotzki in prinzipieller Opposition zu der Politik der stalinistischen Bürokratie in Russland und der Kommunistischen Internationale. Das Modell der Arbeiterallianzen während des Aufstands in Asturien 1934, die zwar alle Arbeiterorganisation ein-, aber die bürgerlichen Organisationen ausschlossen, hätte richtungsweisend für eine klassenbasierte Politik werden können.

Unter dem Eindruck der asturischen Ereignisse radikalisierte sich die sozialistische Jugend und beschloss auf ihrem Kongress 1934, dass der Aufbau einer vierten Internationale notwendig wäre. Trotzki und seine GenossInnen drängten die Mitglieder der Kommunistischen Linken, in den Dialog mit diesen Kräften zu treten und mit ihnen eine neue revolutionäre Massenpartei zu formen. Doch sie lehnten ab. Stattdessen vereinigte sich der Jugendverband der Sozialistischen Partei mit der Kommunistischen Jugend. Die vorher marginale kommunistische Partei, wurde damit zu einer Massenkraft. Schnell wuchs sie von wenigen Tausenden auf 200.000 Mitgliedern.

Die Kommunistische Linke entschied sich dafür, mit einer anderen kommunistischen Regionalpartei in Katalonien zur POUM zu fusionieren – dem Arbeiter- und Bauernblock. Trotzdem Nín und seine GenossInnen dem Aufbau einer neuen revolutionären Internationale den Rücken gekehrt hatten, versuchten Trotzki und andere sie zur Arbeit in der CNT und später in den CNT-Milizen zu bewegen. Dort waren die fortgeschrittensten Teile der revolutionären Massen versammelt, dort hätten sie um ein revolutionäres Programm kämpfen können. Doch wieder entschied sich die POUM eigene Milizverbände aufzustellen und in lokalen UGT-Gliederungen zu arbeiten. Auf die organisatorische Abschottung folgte wiederum eine Politik der Anpassung und die POUM gliederte sich in die katalanische Volksfront ein. Im entscheidenden Mai 1937 versagte die Führung der POUM erneut. In den Reihen der Milizen und der POUM kämpften vereinzelte Gruppen, die die revolutionäre Politik der Bolschewiki-Leninisten vertraten. Sie und auch die Gruppe der Freunde Durrutis, die innerhalb der CNT und die aus den Fehlern der Politik revolutionäre Schlussfolgerungen zogen, waren dem Ansturm der Konterrevolution jedoch nicht gewachsen.

Unabhängigkeit der Arbeiterklasse nötig

Die Alternative hätte darin bestanden, an verschiedenen Punkten ein Programm für die Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und der BäuerInnen aufzustellen, welches die Fortführung der Revolution und ihre Festigung durch gewählte Räte auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene fordert, statt reine Parteienbündnisse beizubehalten. Dies hätte Teile der revolutionären Massen anziehen können. Durch eine solche Zentralisierung der revolutionären Gewalt wäre ein gemeinsames Kommando der Armee und der Wirtschaft möglich gewesen. Ein solches Kommando hätte sich nicht auf die Gnade der Politik Stalins oder anderer Mächte verlassen, sondern an die Solidarität der ArbeiterInnen anderer Länder appelliert.

Die größte Hilfe der Revolution in Spanien wäre die internationale Ausbreitung der Bewegung gewesen. Ein Sowjetspanien hätte die Fackel der internationalen proletarischen Revolution nach Jahren der Niederlage wieder entfacht und ihr Licht hätte bis in alle Winkel der Erde geschienen.

René Kiesel ist Mitglied des SAV Bundesvorstands. Er lebt in Berlin.

Leo Trotzki: Schriften zu Revolution und Bürgerkrieg in Spanien

Der russische Marxist Leo Trotzki beschäftigte sich intensiv mit den Ereignissen im Spanien der 1930er Jahre. Die SAV hat die bisher umfassendste Sammlung seiner Schriften über Spanien herausgebracht. Seine Texte sind reichhaltige Darstellungen der spanischen Ereignisse, vor allem aber detaillierte Analysen derselben und der unterschiedlichen politischen Akteure. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Organisationen der Arbeiterklasse, nicht zuletzt der POUM, die oftmals als „trotzkistisch“ bezeichnet wurde, die aber von Trotzki einer schonungslosen Kritik unterzogen wurde – gerade weil sie das Potenzial zur Schaffung einer wirklich revolutionär-marxistischen Partei hatte und nicht nutzte. Trotzkis Schriften enthalten viele wichtige Lehren für den Kampf gegen Faschismus und für eine sozialistische Veränderung der Gesellschaft heute.

Albert Kropf stellt in einer ausführlichen Einleitung Spanische Revolution und Bürgerkrieg dar. In einem ausführlichen Glossar werden Personen und begriffe erklärt und eine Chronologie der Ereignisse dargestellt.

482 Seiten, Paperback, 18 Euro

Bestellung im Shop der SAV möglich.