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„Nötig ist Koordinierung von unten”

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CharitéInterview mit Marén Wiese und Julian Koll vom Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di

Hallo Marén, hallo Julian, ihr arbeitet in unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Dienstes. Wie ist bei euch die Situation und welche Herausforderungen stellen sich für ver.di?

Marén: Bei uns in der Stadtverwaltung gibt es einen enormen Arbeitsdruck. Die (Nach-)besetzung von Stellen dauert Monate, in denen die Arbeit auf die anderen KollegInnen abgewälzt wird. Durch die zunehmende Belastung werden die KollegInnen häufiger krank. Dadurch wird die Arbeit für die Übrigen noch mehr. Ein Kreislauf, der gestoppt werden muss. Daher gibt es eine Offenheit für die Forderung nach einer Arbeitszeitreduzierung bei vollem Lohn und Personalausgleich. Mit so einer offensiven Forderung könnten noch mehr Beschäftige im öffentlichen Dienst mobilisiert werden.

Julian: Das Thema Arbeitsdruck ist bei uns in den Sozial- und Erziehungsberufen ganz groß. Deshalb bringe ich häufig in die Diskussion, dass ver.di auch den Kampf für einen besseren Personalschlüssel in den Kitas aufnehmen muss. Bei den KollegInnen kommt das gut an, bei vielen führenden hauptamtlichen Funktionären nicht so.

Gerade läuft die Tarifrunde Bund und Kommunen. Wie waren die ersten Warnstreiks?

Marén: In Rostock wurde von Seiten der Hauptamtlichen und der ver.di-Führung sehr defensiv an die Warnstreiks herangegangen. Anfangs war nur ein Streikfrühstück geplant. Ich schlug vor, doch einen Protest vor dem Rathaus zu machen. Da am ersten Streiktag dann mehr KollegInnen kamen als erwartet, haben die Hauptamtlichen schnell eingesehen, dass es doch gut ist, noch vor das Rathaus zu ziehen.

Julian: Die ersten Vorgaben der Zentralen Arbeitskampfleitung, dass wir weniger als vier Stunden in den Warnstreik treten sollten, wurden kritisiert und von vielen KollegInnen abgelehnt. Zudem gibt es Enttäuschung bei den KollegInnen im Sozial- und Erziehungsdienst wegen des mageren Abschlusses nach vier Wochen Streik im letzten Jahr. Dennoch waren am ersten Warnstreiktag 635 von 1400 KollegInnen der Kitas für zwei Stunden im Streik, was zeigt, dass sich hier eine kämpferische Tradition etabliert hat.

Wie sollte ver.di aus eurer Sicht diese Auseinandersetzung führen?

Marén: ver.di muss in die Offensive gehen. Die Panama-Papers haben doch erneut gezeigt, wie viel Geld eigentlich da wäre, um es sinnvoll zu investieren, wenn man es von den Superreichen holen würde. Trotz vieler Enttäuschungen aus den letzten Jahren, ist die Bereitschaft zu kämpfen da. Sie muss genutzt werden, um massiven Druck auf die Arbeitgeber und die politisch Verantwortlichen aufzubauen.

Julian: Es sollte eine Koordinierung mit den Millionen anderen Beschäftigten wie bei Metall, Druck, Telekom und anderen geben, die für dieselben Ziele kämpfen. Außerdem sollten verstärkt Anstrengungen gemacht werden, die Solidarität in der Bevölkerung aufzubauen und sie über Solidariätskomitees in die Auseinandersetzung einzubeziehen. Schließlich haben sie ein besonderes Interesse an einem Ausbau des öffentlichen Dienstes. Dabei sollte die Forderung nach mehr Investitionen in Bildung, Gesundheit, Soziales und mehr Personal eine wichtige Rolle spielen.

Wie sehen eure Aktivitäten im Betrieb aus? Welche Rolle spielt dabei das „Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di“?

Maren: Da es in der Stadtverwaltung in Rostock ein aktive Betriebsgruppe mit vielen kritischen KollegInnen gibt, diskutiere ich mit diesen über Alternativen zur derzeitigen Politik der Gewerkschaftsführung. Allerdings ist es nicht immer angenehm, da viele der Betriebsgruppen-Mitglieder noch den Frust der letzten Jahre und Jahrzehnte mit sich herumschleppen. Da gilt es, mit gutem Beispiel voran zu gehen und Sachen mal anders zu machen.

Im nächsten Jahr stehen bei uns Personalratswahlen an. Die KollegInnen der Betriebsgruppe haben mich angesprochen und möchten, dass ich kandidiere. Ich verteile das Material vom Netzwerk bei verschiedenen Aktivitäten.

Julian: Als ver.di-Aktiver in der Betriebsgruppe und als Teil der Bezirklichen Arbeitskampfleitung hilft es mir, dass wir im Netzwerk gemeinsam über eine kämpferische Ausrichtung diskutieren und dabei auch konkrete Vorschläge erarbeiten, die ich dann einbringen kann. Zudem bin ich oft Anmelder und Versammlungsleiter für lokale Streikkundgebungen. Das bedeutet: Um 6:30 Uhr muss alles aufgebaut sein, Kaffee und Brezeln müssen da sein, Banner und Plakate werden aufgehängt, Material von ver.di und vom Netzwerk sollte da sein. Außerdem müssen Reden vorbereitet und gehalten werden.

Welche Aufgaben und Perspektiven seht ihr für den Aufbau von ver.di und die Arbeit des Netzwerks?

Marén: Wir brauchen eine kämpferische Ausrichtung, um ver.di in den Betrieben stark zu machen. Dafür ist es wichtig, kritische, mit der derzeitigen ver.di-Politik unzufriedene KollegInnen sowie auch neue AktivistInnen zusammenzubringen, sich auszutauschen und natürlich auch in schwierigen Situationen zu unterstützen. Es hat im letzten Jahr eine Zunahme von Streiks im ver.di-Bereich gegeben. In Auseinandersetzungen, wie an der Berliner Charité, wurden wichtige Beispiele für die lebendige Streikdemokratie gesetzt. Daran können wir ansetzen.

Julian: Um eine Alternative zur Tarifrundenroutine aufzuzeigen ist es nötig, sich mit anderen KollegInnen bundesweit zu koordinieren. Wir brauchen eine Opposition zu einem bürokratischen Apparat, der eine Hürde für eine kämpferische Ausrichtung und die demokratische Beteiligung von unten ist. Ich bin sicher, dass wir in den nächsten Jahren immer mehr zum Kämpfen gezwungen werden. Die von der Führung praktizierten Strategien sind nicht geeignet, um Erfolge zu erringen. Deshalb müssen wir uns lautstark einmischen und unsere Vorstellungen nicht nur einbringen, sondern auch zur Umsetzung bringen.

Dazu suchen wir auch die Zusammenarbeit mit anderen kritischen KollegInnen. So hat es letztes Jahr ein gemeinsames Treffen mit der ver.di-Linken NRW gegeben. Dort haben wir gemeinsame Vorschläge für die Fortsetzung des Streiks im Sozial- und Erziehungsdienst erarbeitet. Diese wurden auch auf dem ver.di-Bundeskongress eingebracht und von den Delegierten ausgiebig diskutiert. Es ist gut, wenn man nicht mehr alleine ist, sondern wenn wir an einem Strang ziehen, um uns für eine kämpferische und demokratische ver.di einzusetzen!

Das Gespräch führte Angelika Teweleit

Bundesweites Treffen des Netzwerks für eine kämpferische und demokratische ver.di am 21. Mai in Hannover.

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