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Der Germanwings-Absturz in den Alpen:

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Foto:https://www.flickr.com/photos/groote/ CC BY-NC-SA 2.0

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Medien-Hype beantwortet viele Fragen nicht

Am 24.März zerschellte eine Maschine der Fluggesellschaft Germanwings in den französischen Alpen. Sie war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben. Für zwei Wochen bestimmte dieses Ereignis die Berichterstattung in Deutschland.

Von Torsten Sting

Die Tragödie war das Gesprächsthema Nummer 1 am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Uni, im Freundes- und Bekanntenkreis. Eine Welle des Mitgefühls auf Seiten der Bevölkerung machte sich breit. KollegInnen der betroffenen Airline, deren Muttergesellschaft Lufthansa und vieler Fluggesellschaften zeigten aufrichtige Betroffenheit und Trauer. Ebenso in der Stadt Haltern am See, aus der die bei dem Crash gestorbenen AustauschschülerInnen stammten. Über die sozialen Netzwerke drückten viele Menschen ihr Mitgefühl aus und nutzten dafür die Grafik der schwarzen Flügel von Germanwings. Es waren ungeschminkte, ehrliche, eben rein menschliche Betroffenheit und Mitgefühl die hier zum Ausdruck kamen.

Fliegen ist über die letzten Jahrzehnte hinweg in den Industriestaaten zur Normalität geworden. Gerade die betroffene Flugstrecke sind viele Millionen Urlauber schon geflogen. Es war kein Langstreckenflug mit einer „exotisch“ anmutenden Airline weit weg von Europa, sondern ein ganz normaler Kurzstreckenflug, quasi vor der eigenen Haustür. Die Airline und noch mehr deren Konzernmutter gelten als renommierte Gesellschaften. Vielen ging durch den Kopf: „Mensch, da hätte ich ja drin sitzen können.“ Daher der erklärbare Schock.

Katastrophen dieser Art erschüttern uns Menschen nicht nur emotional. Recht schnell geht es darum, zu verstehen wie es dazu kommen konnte. Es wird nach Lösungen gesucht, um in der Zukunft besser gewappnet zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es legitim, dass man mehr über die Hintergründe erfahren möchte. Dies setzt eine gute Berichterstattung, insbesondere über die Massenmedien voraus. Dass es dabei nicht nur „nüchtern“ und seriös, sondern auch darum geht, Emotionen zu verarbeiten, ist das eine. Was aber de facto alle Medien, egal ob Öffentlich-Rechtlich oder Boulevardblätter, infolge des Absturzes von 4U9525 getan haben, entsprach nicht im Entferntesten jenen Grundsätzen, die in den Vorlesungen an den Universitäten über Journalismus gelehrt werden.

Eine Sondersendung jagte in den ersten Tagen nach der Katastrophe die nächste. Statt gründlicher Recherche oder gar Erkenntnisgewinnen, waren zunächst wildes Spekulieren und danach Vorverurteilungen angesagt. Und man fragte sich vor den Fernsehgeräten: Gab es im Hinblick auf die alltäglichen und vermeidbaren Tragödien unserer Tage, wie z.B. Kriege im Nahen Osten mit zehntausenden Toten, den Flüchtlingsdramen im Mittelmeer, dem Hungertod von täglich 8.500 Kindern auf der Welt, ansatzweise ähnliche Aufmerksamkeit? Dies soll keine Verharmlosung des Unglücks in den Alpen darstellen, speziell im Hinblick auf die Gefühle der Betroffenen. Dennoch fällt auf, wie krass die Verhältnismäßigkeit nicht gewahrt wurde. Dies hat etwas mit der generellen Entwicklung der Medienlandschaft zu tun und auch damit, dass die Berichterstattung über solche Ereignisse dazu genutzt wird, um von den offensichtlich mit den herrschenden kapitalistischen Verhältnissen zusammen hängenden Katastrophen abzulenken (siehe Kasten).

Vorverurteilung durch den Staatsanwalt

Binnen zwei Tagen wurde der erste Flugschreiber, die Voice Box gefunden. Damit begann eine neue Phase der Sensationsmache. Wurde zuvor noch munter spekuliert, was die Absturzursache gewesen sein könnte, wurde mit der Präsentation durch den zuständigen französischen Staatsanwalt Brice Robin faktisch die Aufklärung präsentiert. „Dann hört man, wie der Bordkommandant den Copiloten bittet, das Kommando zu übernehmen(…) Während er allein ist, betätigt der Copilot die Knöpfe des sogenannten Flight Monitoring Systems, um einen Sinkflug der Maschine einzuleiten. Die Aktion auf diesem Höhenregler kann nur gewollt gewesen sein(….)Man hört mehrere Rufe des Bordkommandanten, der Einlass in das Cockpit verlangt, über (…) eine Gegensprechanlage mit Video(…). Er hat geklopft, um die Öffnung der Tür zu verlangen. Aber der Copilot hat nicht geantwortet. (…) Man hört zu diesem Zeitpunkt ein menschliches Atmen im Inneren des Cockpits, bis zum Aufprall. Das bedeutet, dass der Copilot am Leben war. (…) Er hat anscheinend normal geatmet. Das ist nicht die Atmung von jemandem, der gerade einen Infarkt erleidet. (…) Man hat nicht das Gefühl, dass er Panik hatte.“ (n-tv.de, 26.3.15)

Es ist ein Skandal, dass der Staatsanwalt, kurz nach Auswertung der ersten Box (zu diesem Zeitpunkt war die zweite, „technische“, Black Box noch gar nicht gefunden worden), der Öffentlichkeit faktisch schon die Lösung des Falles präsentierte. Wird das zur Methode, werden Vorverurteilungen in anderen Fällen die Aufklärung be- und verhindern. Zurecht warnte die Pilotenvereinigung Cockpit davor. „Wir dürfen keine voreiligen Schlüsse auf der Basis von unvollständigen Informationen ziehen. Erst nach Auswertung aller Quellen werden wir wissen, was die Gründe für diesen tragischen Unfall gewesen sind“, so Ilja Schulz, Präsident der Gewerkschaft. (vcockpit.de, 26.3.15)

Berichterstattung

Die Medien sahen das nicht so eng. Kaum war die Nachricht in der Welt, wurde die These vom absichtlichen Sinkflug durch den Copiloten zur Tatsache gemacht. Prompt präsentierten die Revolverblätter den „passenden“ Begriff. Von nun an wurde die betreffende Person nur noch „Amokpilot“ genannt. Konsequenterweise wurde zudem der volle Name und Wohnort, sowie ungepixelte Fotos gezeigt – ohne Rücksicht auf die Angehörigen und Freunde. Wie dumm nur, dass die österreichische Kronen-Zeitung, ein Bild von jemandem in die Welt setzte, der mit dem ganzen nichts zu tun hatte!

Die Privatsphäre der Betroffenen wurde mit Füssen getreten. BILD zeigte Fotos von Menschen, die beim Absturz umkamen, ohne Einwilligung der Angehörigen. Laut Angaben von Bildblog.de, boten diverse Medien, den in Haltern am See trauernden Schülern, Geldsummen für entsprechende Statements vor der Kamera an.

Debatte um Sicherheit

Nachdem sich immer mehr herauskristallisierte, dass der Copilot der Unglücksmaschine psychische Probleme hatte und sich die Indizien häuften, dass er mit dem Absturz der Maschine seinen Suizid herbeiführte, drehte die Debatte nochmal auf. Dabei war dies nicht der erste Fall dieser Art: Vor zwei Jahren brachte ein Pilot in Namibia ein Flugzeug bewusst zum Absturz und tötete sich und 33 Passagiere und Crewmitglieder. Und 1997 gab es in Indonesien und 1999 in Ägypten ähnliche Crashs.

Etliche Airlines erließen nun eine Vorschrift, die Analog zu den Regelungen in den USA vorsieht, dass im Cockpit immer zwei Personen anwesend sein müssen. Ob im konkreten Fall, ein vorsätzlich herbeigeführter Absturz verhindert werden kann, wird von vielen Piloten bezweifelt.

Im Hinblick auf die psychischen Probleme des Copiloten, wurde die Frage aufgeworfen, ob die Eignungstests und Kontrollen der Airlines ausreichend seien. Das ärztliche Gebot der Schweigepflicht wurde in Frage gestellt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ging soweit ein Berufsverbot für depressive Menschen in „sensiblen Berufen“ zu fordern, selbstverständlich erst wenn eine „sorgfältige medizinische Begutachtung“ erfolgt sei.

Wiedereinmal wird bei einem solchen Ereignis die berechtigte Sorge von vielen Menschen von bürgerlichen Politikern dafür genutzt, um sich als vermeintliche „Kümmerer“ zu präsentieren. Werden sie doch sonst zurecht nicht als solche wahrgenommen. Zudem werden aber gefährliche Testballons gestartet.

Der Eingriff in die ärztliche Schweigepflicht und ein drohendes Berufsverbot hätten zur Folge, dass gerade Menschen mit psychischen Erkrankungen deutlich weniger einen Mediziner aufsuchen und infolgedessen deren Probleme zunehmen würden. Die Isolierung und Stigmatisierung der Betroffenen würde auf eine neue Stufe gehoben. Vier Millionen Menschen sind in Deutschland nach offiziellen Angaben psychisch krank. Statt diese als potenzielle Gefahr für ihre Umwelt zu diffamieren und Vorurteile zu schüren, sollte die Aufgabe darin liegen, die gesellschaftlichen Ursachen der drastisch zunehmenden psychischen Erkrankungen zu bekämpfen und eine Atmosphäre in der Gesellschaft zu schaffen, in der offen darüber gesprochen werden kann. Zudem müssen konkrete Hilfsangebote massiv ausgeweitet werden.

Warum wurde in den unzähligen Sondersendungen und Talkshows zum Absturz nicht mal die Frage nach den stressigen Arbeitsbedingungen und dem Druck der auf den Beschäftigten der Branche lastet, gestellt? Gibt es hier – neben den allgemeinen gesellschaftlichen Ursachen – wohl einen Zusammenhang zur deutlichen Zunahme von psychischen Erkrankungen?

Das kapitalistische System basiert auf zunehmender Ausbeutung der arbeitenden Menschen. Der ruinöse Wettbewerb im Luftfahrtbereich zu Lasten der abhängig Beschäftigten, ist das konkreteste Sicherheitsrisiko und nicht all die Nebelkerzen, die von den Herrschenden geworfen werden um genau davon abzulenken.

Konkurrenzkampf der Airlines

Bis in die 1980er Jahre hinein war der Flugverkehr recht übersichtlich. Fast jedes Land hatte eine staatliche Airline, in Deutschland war das die Lufthansa. Es gab zwar auch private Anbieter, der Wettbewerb verlief jedoch in deutlich regulierterer Form als heute. Die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten war meistens relativ gut, die Gewerkschaften hatten einen guten Stand.

Mit der weltweiten Privatisierungs und Deregulierungswelle nach der Wende 1989/90, veränderte sich dieser Wirtschaftsbereich dramatisch. Die ehemals staatlichen Fluggesellschaften in Europa wurden größtenteils selber zu privaten Konzernen. Sie bekamen zunehmende Konkurrenz durch Billigairlines á la Ryanair, easyJet und Co. Diese beschäftigten die ArbeiterInnen zu deutlich schlechteren Konditionen, gingen aggressiv gegen die Gewerkschaften vor, senkten die Kosten wo es ging und setzten so die Platzhirsche unter Druck. Verschärft wurde diese Entwicklung mit dem Auftreten der Konkurrenz aus dem asiatischen Raum. Emirates, Turkish Airways, Singapur Airlines und diverse chinesische Anbieter greifen immer mehr, das früher abgesteckte Terrain der etablierten Fluggesellschaften, an.

Diese reagieren ihrerseits mit Kostensenkungsprogrammen. Germanwings ist die Billig-Tochter von Lufthansa. Das reicht den Bossen aber noch nicht. Im Herbst diesen Jahres soll die Gesellschaft zugunsten der bereits bestehenden Eurowings aufgelöst und die Bedingungen für die ArbeitnehmerInnen nochmals verschlechtert werden. Dies ist auch der zentrale Punkt der langwierigen Auseinandersetzung zwischen der Pilotenvereinigung Cockpit und dem Lufthansa Konzern.

Die konkreten Konsequenzen bringt der Gewerkschaftssprecher gut auf den Punkt. So sei es bei vielen Airlines üblich, dass dem Flugkapitän vorgeschrieben werde, wie viel er für eine bestimmte Strecke tanken dürfe, anstatt dies den Piloten mit Blick auf das Wetter und Besonderheiten der Route zu überlassen. Hintergrund ist, dass Treibstoff einer der größten Kostenfaktoren beim Flugbetrieb ist. „Das hat Auswirkungen auf die Sicherheit“, sagt Handwerg. Auch beim Training der Piloten sieht der Cockpit-Sprecher, der auch der Personalvertretung der Lufthansa angehört, erhebliche Mängel: „Hier wird eine Simulatorschicht eingespart, dort ein anderer Schulungsschritt. (…) Und in zehn Jahren sind die Piloten nicht mehr so fit wie vorher.“ Natürlich könne man nicht sagen, dass eine einzelne Sparmaßnahme die Sicherheit massiv beeinträchtige. „Aber in der Summe wird es dazu kommen.“ (…) So müsse man damit rechnen, dass in Zukunft „beispielsweise alle fünf Jahre statt alle zehn Jahre“ ein Flugzeug abstürzt. (Der Tagesspiegel, 11.4.15)

Ein weiterer Aspekt der die Sicherheit beeinträchtigt, ist die deutliche Zunahme des Flugverkehrs. Nicht nur die weltweiten Verbindungen steigen vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufstiegs von China und Indien an. Auch die Flugverbindungen innerhalb der jeweiligen Länder legen zu, was nicht zuletzt durch den Abbau beim Netz und dem Angebot des staatskapitalistischen Konzerns Deutsche Bahn verstärkt wird.

Schlussfolgerungen

Natürlich ist es richtig jedes Detail im Flugbetrieb einer genauen Analyse zu unterwerfen. Jeden Ablauf den es schon seit vielen Jahren gibt, zu hinterfragen. Wer sollte dies besser beurteilen können, als die Beschäftigten selber?

Den Institutionen der herrschenden Klasse sollte man grundlegend misstrauen. Können wir beurteilen, dass uns bislang die Wahrheit präsentiert wurde? Kochen Behörden und Konzerne nicht ihr eigenes Süppchen? Sollen Fakten verschleiert werden um die Geschäfte der Kapitalisten nicht zu beeinträchtigen?

Die Beschäftigten, ihre Gewerkschaften und Angehörige sollten VertreterInnen wählen, die das Unglück untersuchen. Die Beschäftigten sind die eigentlichen Experten, da sie jeden Tag mit der Praxis konfrontiert sind. Nur sie haben ein Interesse an einer wirklich unabhängigen Untersuchung und Aufklärung.

Sicherheit ist nur mit besseren Arbeitsbedingungen zu haben. Daher: Kampf gegen jegliche Verschlechterungen bei Lufthansa oder wo auch immer. Statt zunehmender Arbeitshetze, muss es eine Verkürzung der Arbeitszeiten bei vollem Lohn und Personalausgleich geben.

Der immer krassere Wettkampf zwischen den Airlines ist die logische Konsequenz der kapitalistischen Profitwirtschaft. Stattdessen brauchen wir eine an den Bedürfnissen von Mensch und Natur ausgerichteten gesellschaftliche Planung. Die Konzerne müssen in staatliches Eigentum überführt und unter die demokratische Kontrolle der Beschäftigten gestellt werden. Auf dieser Grundlage wäre es möglich die Sicherheit für alle Beteiligten qualitativ zu steigern.

Torsten Sting ist Mitglied im ver.di-Fachbereichsvorstand Verkehr in Rostock und Betriebsrat in einem Call Center. Er ist außerdem Mitglied im SAV-Bundesvorstand.