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Antifaschismus und Arbeitereinheit in der Ukraine

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UkraineEine Erwiderung auf (nicht nur) Dagmar Henn

Dagmar Henn war jahrelang Gemeinderätin der LINKEN in München. Leider hat sie vor einigen Monaten die Partei verlassen. Sie hat eine Erwiderung auf meinen Artikel „Die Ukraine und die Linke“ geschrieben: „Fauler Frieden mit Faschisten? Eine Erwiderung auf (nicht nur) Wolfram Klein“ Da der Artikel sachlicher argumentiert als es die Überschrift befürchten lässt und über weite Strecken Ansichten vertritt, auf die ich in meinem ursprünglichen Artikel nicht eingegangen war, halte ich eine Erwiderung meinerseits für angebracht.

von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

Dabei scheint es mir sinnvoll, die Meinungsverschiedenheiten nicht „chronologisch“ (beginnend mit der Einschätzung der Maidan-Bewegung) durchzugehen, sondern mit den beiden Hauptdifferenzen (bezüglich der aktuellen Situation und dem sich aus ihr ergebenden Ziel) zu beginnen. Diese sehe ich darin, dass für Dagmar Henn durch den Sturz von Janukowitsch ein faschistisches Regime in Kiew an die Macht gekommen ist und daher das Ziel sein müsse, einen antifaschistischen Bürgerkrieg zu gewinnen. Meiner Meinung nach kam in Kiew eine Oligarchen-Regierung mit starker Beteiligung von Faschisten in Regierung und Staatsapparat an die Macht. Ein zentrales Ziel neben dem Kampf gegen die Faschisten etc. muss sein, einen ethnischen Bürgerkrieg zu verhindern bzw. zu stoppen.

1. Der Charakter der Jazenjuk-Regierung

Den ihrer Meinung nach faschistischen Charakter der ukrainischen Regierung begründete Henn in einem früheren Artikel („Der nackte Kaiser und die Kettenhunde“) 1. mit Faschisten (oder Ex-Faschisten, die aber mit ihren ehemaligen Kameraden noch eng zusammenarbeiten) in Schlüsselstellen des Staatsapparats (Generalstaatsanwalt, Sekretär des Verteidigungsrats, Leiter des für die Säuberung des Staatsapparats zuständigen Lustrationskomitees etc.), 2. der Übernahme von Polizeifunktionen durch Faschisten, während sich andere Teile des Staatsapparats auflösen, und 3. mit zahlreichen Terrorakten.

In ihrem neuen Artikel schreibt sie: „im Grunde ist mit der Machtübernahme der jetzigen faschistischen Regierung der vorhandene Staatsapparat in verschiedene Teile zerbrochen, die sich entweder dem neuen Regime vollständig untergeordnet haben, also mit den integrierten faschistischen Horden kooperieren oder sich völlig zurückzogen oder auf die Seite der Gegner überliefen.“ Wieso ein in verschiedene Teile zerbrochener Staatsapparat, der sich zurückzieht oder gar auf die Seite der Gegner überläuft, ein Merkmal des Faschismus sein soll, leuchtet mir nicht ein. Beim italienischen und deutschen Faschismus war nicht die Zersplitterung, sondern gerade die Gleichschaltung des Staatsapparats ein Merkmal der Errichtung eines faschistischen Staats. Zwar gab es zwischen verschiedenen Teilen des Staatsapparats, zwischen traditionellem Staatsapparat und faschistischer „Partei“ und deren Gliederungen (die faktisch ebenfalls Teile des Staatsapparats waren) Rivalitäten, die es dem „Führer“ erlaubten, zwischen ihnen als Schiedsrichter aufzutreten. Aber gemeinsame Grundlage war, dass alle Beteiligten das faschistische System und den „Führer“ als Schiedsrichter anerkannten. Und das hat doch wenig mit der gegenwärtigen Lage in der Ukraine zu tun.

Beim 3. Punkt betrachtet Henn jetzt das Massaker von Odessa als definitiven Beweis, dass die Ukraine faschistisch sei: „man kann die Ereignisse von Odessa nicht so verharmlosen, wie Klein das tut. Was dort geschehen ist, so wie es geschehen ist, ist nur in einem faschistischen Staat möglich“.

Nicht ich verharmlose Odessa, sondern Henn färbt nichtfaschistische kapitalistische Herrschaftsformen schön. Ähnliche Massaker wurden in der Weimarer Republik wiederholt von Freikorps verübt. Am 16. August 2012 ermordete in Südafrika die Polizei selber 34 streikende Bergarbeiter. In Staaten, die man vielleicht nicht mehr als bürgerliche Demokratie bezeichnen kann, sondern auf die eher die Marxsche Bezeichnung Bonapartismus passen würde (wobei es da auch große Abstufungen der Repression gibt), lassen sich noch viel schlimmere Gräueltaten finden. In Sri Lanka wurden 2009 in der Endphase des Bürgerkrieges gegen die tamilischen Separatisten zigtausende ZivilistInnen ermordet, die Überlebenden massenhaft in Lager gesteckt. Der Vergleich mit den Verbrechen der Nazis im 2. Weltkrieg – zu denen ja auch die Ermordung von 6 Millionen JüdInnen gehörte – ist völlig verfehlt. Rainhard Lauterbach wies in der „jungen Welt“ („Schläger und Mordbrenner“, 21. 5. 2014) die Parallele 1933 zurück und schrieb: „Wäre die Ukraine von 2014 Deutschland, dann am ehesten das des Jahres 1932.“ Mir scheinen die Parallelen zum Wüten der Freikorps 1919ff. noch größer, aber das ist zweitrangig.

Henn fragt: „Wenn das Massaker von Odessa noch nicht einen faschistischen Staat belegt, wüsste ich gerne, was geschehen müsste, um ihn zu belegen.“ Trotzki hat den Faschismus so gekennzeichnet: „Die Faschisierung des Staates bedeutet (…) vor allem und hauptsächlich die Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen, Zurückwerfung des Proletariats in amorphen Zustand, Schaffung eines Systems tief in die Massen dringender Organe, die eine selbständige Kristallisation des Proletariats unterbinden sollen. Darin besteht das Wesen des faschistischen Regimes.“ (Was nun? (Januar 1932), Kapitel II) Also: nicht nur die Unterdrückung und Verfolgung, sondern die Zertrümmerung der Arbeiterorganisationen. Von so einen Zustand ist die Ukraine noch ein ganzes Stück entfernt. Deshalb ist auch der Vorwurf des „faulen Frieden mit Faschisten“ nicht nur mir gegenüber unangebracht. Die meisten Linken (zu denen ich die Grünen selbstverständlich nicht zähle) lehnen das entschieden ab. Im Parteitagsbeschluss der LINKEN zur Ukraine heißt es zum Beispiel: „Faschistische Kräfte wie die Partei Swoboda und der „Rechte Sektor“ dürfen nicht an demokratischen Lösungsversuchen beteiligt werden.“ Henn kann ihren Vorwurf nur erheben, weil sie den Begriff „Faschisten“ inflationär gebraucht. Kritisieren kann man an dem Parteitagsbeschluss, dass er vor allem auf den Dialog zwischen den Oligarchen- und Sozialkahlschlagsparteien und sonstigen -vertretInnen in der West- und Ostukraine setzt. Unterstützung für Bemühungen der arbeitenden Menschen in der Ukraine gemeinsame Organisationen für ihre gemeinsamen Interessen (unabhängig von ihrer Sprache etc.) aufzubauen, ist in dem Parteitagsbeschluss kein Thema – für Henn aber genauso wenig.

2. antifaschistischen Bürgerkrieg gewinnen oder ethnischen Bürgerkrieg stoppen?

Stattdessen schreibt sie ausgehend von ihrer These, dass in der Ukraine der Faschismus an der Macht sei: „Selbst links von der LINKEN hält man es für erstrebenswert, einen Bürgerkrieg in der Ukraine zu verhindern. Dabei müsste man ihn begrüßen.“

Sie beschreibt die beiden herbeigewünschten Bürgerkriegslager völlig verschieden: „Interessanterweise ist die Selbstbetrachtung als ‚russisch‘ im Südosten nicht ethnisch, während das ‚ukrainisch‘ im Westen durch und durch völkisch ist. Da sind nicht zwei unterschiedliche Ethnien in einem Staat, die sich zufällig politisch unterschiedlich orientieren; es ist im Gegenteil eine vor allem politische Spaltung, die sich eine ethnische Maske aufsetzt.“ In meinem Artikel hatte ich über die Ostukraine geschrieben: „Bei den Forderungen scheint es Unterschiede zu geben, vom Anschluss an Russland bis hin zu mehr Autonomie innerhalb der Ukraine. Nach Umfragen lehnt wohl weiterhin die Mehrheit die Jazenjuk-Regierung ab, aber nicht die Zugehörigkeit zur Ukraine. Auch viele Russischsprachige sehen sich als russischsprachige UkrainerInnen.“ Ich habe also gar keine Probleme damit, wenn Henn zwischen der Ost- und Westukraine einen qualitativen Unterschied sieht und betont, dass viele Russischsprachige sich nicht als ethnische RussInnen, sondern als UkrainerInnen betrachten. Daher weise ich den Vorwurf, ich ginge „einer Ethnisierung auf den Leim, die nicht angebracht ist“, zurück.

Aber in meinem Artikel hatte ich die Frage aufgeworfen, ob sich das ändern kann, ob Massaker wie in Odessa, ob eine gewaltsame Eroberung der Ost-Ukraine Wasser auf die Mühlen des Separatismus wäre (worunter ich verstanden habe, dass Menschen sich zunehmend als RussInnen sehen und daher eine Lostrennung von der Ukraine bzw. einen Anschluss an Russland befürworten).

Ob es eine derartige Dynamik geben könnte, diskutiert Henn nicht. Aber wenn die Gegenseite (die ukrainische Regierung und die Faschisten) in ethnischen Kategorien operiert, erzeugt das einen massiven Druck, diese Kategorien zu übernehmen. Das ist kein Automatismus und es wäre die Aufgabe der Linken, dem entgegenzuwirken. Aber Henn macht das Gegenteil. Sie tritt für eine „Ausdehnung des Kampfes von dort [der Ost-Ukraine] aus über die gesamte Ukraine“ ein, und zwar ausdrücklich „auch, wenn die ‚Massen im Westen‘ der Ukraine das ablehnen“. Abgesehen davon, dass die Vorstellung, dass das kleine der Kiewer Regierung gegenüber feindliche Häuflein in der Ost-Ukraine aus eigener Kraft die ganze Ukraine erobern könnte, reichlich unrealistisch ist (und ein militärisches Eingreifen Russlands nennt sie „die Falle, über die ‚unsere‘ Imperialisten zum Krieg kommen wollen, weshalb sich diese Lösung verbietet“) – sie macht keinerlei Vorschläge, was man gegen die Ablehnung der „Massen im Westen“ der Ukraine tun könne. Schon Robespierre wusste: „Niemand liebt bewaffnete Missionare“. Das gilt leider auch für die Missionare des Antifaschismus. (Dagegen spricht auch nicht Deutschland 1945. Denn damals war der Faschismus in großen Teilen der Bevölkerung völlig diskreditiert. Und vergessen wir nicht, dass die Alliierten weniger mit der Ausmerzung des Faschismus als mit der Unterdrückung der spontan entstehenden Antifa-Komitees und – im Westen – der Rettung des Kapitalismus beschäftigt waren.) Wenn eine militärische Eroberung der West-Ukraine durch den Osten durch eine wundersame Verschiebung des Kräfiteverhältnisses möglich wäre (ohne dass das mit einer eigenen starken antifaschistischen Bewegung in der Westukraine verbunden wäre), dann würde der Antifaschismus dabei zu einer demagogischen Worthülse herabsinken, hinter der sich nationale Unterdrückung der ukrainischsprachigen Bevölkerung verstecken würde. Wie man gleichzeitig auf der Klaviatur des Antifaschismus und des russischen Nationalismus spielen und dabei gute Beziehungen zu westeuropäischen rechtspopulistischen und neofaschistischen Parteien pflegen kann, das macht Putin ja vor.

Der von Henn herbeigesehnte antifaschistische Bürgerkrieg ist nicht nur vom realen Kräfteverhältnis her nicht zu gewinnen, er würde auch ohne die größten Anstrengungen, die Massen in der Westukraine für einen gemeinsamen Kampf gegen die Regierung in Kiew zu gewinnen, in einem verheerenden ethnischen Bürgerkrieg enden.

Henns Abschreiben der Massen in der Westukraine hat historische Vorbilder. Auf ähnliche Weise haben beträchtliche Teile der Linken die protestantischen ArbeiterInnen in Nordirland oder die jüdischen ArbeiterInnen in Israel abgeschrieben. Aber die Vorstellung, dass sich in der Ukraine ein ähnlicher Jahrzehnte langer Konflikt wie in diesen beiden Regionen – nur auf einem viel größeren Territorium mit einer viel größeren Bevölkerung – entwickeln könnte, ist beängstigend.

Ob sich die arbeitende Bevölkerung in der Westukraine für einen gemeinsamen Kampf gegen die Regierung in Kiew und ihre faschistischen Bluthunde gewinnen lässt, ist daher eine Schlüsselfrage. Und tatsächlich drehen sich die „kleinen“ Differenzen zwischen Henn und mir um diese Frage – angefangen mit der Einschätzung der Maidan-Bewegung.

3. Die Maidan-Bewegung

Dagmar Henn schreibt „Wolfram Klein heißt jede Form von Massenbewegung erst einmal gut.“ Woher sie zu dieser Ansicht kommt, weiß ich nicht, angesichts dessen, wie ausführlich ich auf den widersprüchlichen Charakter der Bewegung und die Rolle der Faschisten eingegangen bin, sowie auf die Notwendigkeit, sich zu organisieren und in Bewegungen organisiert zu intervenieren.

Man könnte argumentieren: Die Bewegung ist Geschichte. Wohin sie geführt hat, sehen wir: zu einer Regierung unter starker faschistischer Beteiligung, die die Kahlschlagpolitik von EU und IWF umsetzt. Die Menschen, die sich an der Bewegung beteiligt haben, waren alles Faschisten und deren nützliche Idioten. Auf etwas in dieser Art scheint mir Henns Herangehensweise hinauszulaufen. In einem weiteren Artikel („Subjektiv und objektiv – Horst Hilse und der Maidan“) argumentiert Henn: „Wenn man eine Bewegung politisch beurteilt, muss man (…) auf den objektiven Gehalt sehen, nicht auf das, was die Beteiligten meinen zu bekommen.“ Man kann aber eine Bewegung mit verschiedenen Zielsetzungen betrachten: Um ihr zum Sieg zu verhelfen, um einzelne Leute daraus zu gewinnen, um ihre inneren Widersprüche zuzuspitzen, um ihre Erfahrungen auszuwerten etc. Je nach der Zielsetzung ist die Bedeutung der objektiven und subjektiven Seite einer Bewegung verschieden.

Und wenn es wichtig ist, auch Menschen in der Westukraine für einen gemeinsamen Kampf zu gewinnen, dann ist es wichtig, die Widersprüchlichkeit der Maidan-Bewegung zu sehen, dann lohnt es sich, positive Erfahrungen von Selbstorganisation ernst zu nehmen und zugleich zu erklären, warum von den positiven Zielen, die es auf dem Maidan gab (z.B. gegen die Oligarchen) nichts verwirklicht wurde – weil die Faschisten und die Oligarchenparteien organisiert waren und andere es viel zu wenig waren.

Und weil Henn über den „völkischen Nationalismus“ in der Westukraine schreibt: Es gibt Berichte, dass auf dem Maidan (v.a. auf den Höhepunkten der Bewegung) auch eine beträchtliche Zahl von russischsprachigen Menschen war und dass dort nicht zählte, ob die Muttersprache russisch oder ukrainisch war, sondern ob man für oder gegen Janukowitsch war. Offenbar ist dieser Nationalismus nicht so tief verwurzelt, dass er nicht auch in den Hintergrund treten könnte.

Ähnlich wie mit der Widersprüchlichkeit des Maidan sieht es bei der Frage aus, ob man für den Sturz oder für die Verteidigung von Janukowitsch hätte sein sollen. Die Linke in der Ukraine (von den Einfluss-Möglichkeiten der BRD-Linken ganz zu schweigen) war so schwach, dass sie den Ausgang dieses Kampfes nicht beeinflussen konnte. Deshalb war die Aufgabe von Linken nicht, die Regierung zu stürzen oder zu verteidigen, sondern stärker zu werden, die sich ergebenden Möglichkeiten zum Aufbau zu nutzen, mit dem Ziel der Schaffung einer Arbeiterpartei, die in allen Regionen verankert ist und der ethnischen Spaltung entgegenwirken kann. Aber so ein Aufbau ist an erster Stelle politisch, erst an zweiter technisch-organisatorisch, und damit stellte (und stellt sich im Nachhinein) die Frage der Positionierung zur Janukowitsch-Regierung.

Henn erklärt Janukowitsch für das kleinere Übel gegenüber dem drohenden Faschismus, das man hätte unterstützen müssen. Aber die gegenwärtige verheerende Lage für die Linke in der Ukraine ist doch nicht gekommen, weil niemand auf Henns Rat gehört hat. Die Kommunistische Partei der Ukraine (die wesentlich mehr Einfluss hatte als die deutsche Linke hätte haben können) hat Janukowitsch und seine Repression unterstützt, mit schlimmen Folgen für die Linke in der Ukraine insgesamt.

Die Alternative war nicht, stattdessen Jazenjuk & Co zu unterstützen. Es gab ohnehin auf dem Maidan ein enormes Misstrauen gegenüber diesen Politikern. Illusionen gab es eher in die „unverbrauchten“ Faschisten. Die Alternative waren soziale Forderungen, Forderungen nach einer Arbeiterpartei, nach einer Verfassungsgebenden Versammlung etc. Ob der Maidan der beste Ort war, um für solche Ideen zu werben, weiß ich bis heute nicht. Aber ich sehe keinen Grund, Menschen die das versucht haben, zu ächten.

Henn meint, ich hätte in meinem Artikel die Bezeichnung des Sturzes von Janukowitsch als Putsch kritisiert, „weil der Regierungswechsel ja das Ergebnis einer Massenbewegung sei“. Da interpretiert sie mich falsch. In Ägypten führte im letzten Sommer eine Massenbewegung, die ein Vielfaches größer war als in der Ukraine, zu einem Militärputsch. Der Unterschied war: in Ägypten brachte die Massenbewegung die Mursi-Regierung ins Wanken und das Militär versetzte ihr den Todesstoß. In der Ukraine jagte die Massenbewegung Janukowitsch aus dem Amt einen Tag nachdem die Oppositionsführer mit ihm eine gemeinsame Übergangsregierung ausgehandelt hatten (bekanntlich unter Vermittlung von Steinmeier & Co). Auch hier geht es wieder darum, ob man die Erfahrungen der Eigenständigkeit der Massenbewegung gegenüber ihren selbsternannten Führern ernst nimmt und zugleich erklärt, dass Jazenjuk & Co der Bewegung am Schluss doch die Butter vom Brot nehmen konnten, weil sie nicht genug organisiert war.

4. Lostrennung der Ostukraine

Wie geschildert, tritt Henn für einen Sieg in einem antifaschistischen Bürgerkrieg ein. Seltsamerweise (oder weil ihr doch klar ist, wie wenig realistisch das ist?) propagiert sie zugleich die Lostrennung der Ostukraine, um sie vor dem Faschismus zu bewahren. Sie fragt, ob das in Deutschland 1933 denn falsch gewesen wäre. Es gab 1935 die Volksabstimmung im Saargebiet über den Anschluss an Nazi-Deutschland und selbstverständlich haben MarxistInnen (und nach anfänglicher Verwirrung auch die KPD) gegen den Anschluss an Deutschland gekämpft, leider vergeblich. Aber gegen Anschluss und für Lostrennung ist zweierlei. Dass gegenwärtig die Lostrennung von Landesteilen technisch möglich sein könnte, zeigt eben, dass der Faschismus in der Ukraine nicht gesiegt hat. Deshalb sollten MarxistInnen weiterhin dafür kämpfen, einen solchen Sieg im Ganzen Land zu verhindern. Henn schreibt, „es hätte nur unter einer Voraussetzung ein Gegenargument gegeben – wenn es realistisch möglich wäre, den Faschismus im ganzen Land zu beseitigen, man es aber dennoch nicht tut. Diese Situation besteht in der Ukraine momentan offensichtlich nicht.“ Offensichtlich haben wir sehr verschiedene Ansicht, was offensichtlich ist.

5. Russland im imperialistischen Stadium des Kapitalismus

Es ging in meinem Artikel um die Kritik an anderen Positionen, deshalb habe ich die positive Darstellung der eigenen Position auf das mir unerlässlich Erscheinende reduziert. Bei der Frage des Imperialismus habe ich in der Tat keine lückenlose Argumentationskette geliefert. Der Imperialismus ist ein Stadium des Kapitalismus. Kein kapitalistisches Land kann sich ihm entziehen. Das heißt aber in der Tat nicht, dass jedes Land imperialistisch wäre. Henn hat sicher recht, dass der Senegal nicht imperialistisch ist. Aber das bedeutet eben, dass er ein Opfer des Imperialismus ist, nicht dass er außerhalb der imperialistischen Verhältnisse wäre.

Henn argumentiert: „Länder, deren Hauptwirtschaftszweig der Rohstoffexport ist, sind eher Kolonien als imperialistische Staaten.“ Dem kann man im Allgemeinen zustimmen. Aber kann man im Ernst Russland als Kolonie bezeichnen? Die zweitgrößte Atommacht der Welt? Das Mitglied im Weltsicherheitsrat mit Vetorecht? Linke betonen zu Recht das aggressive Vorgehen der Nato gegenüber Russland seit über 20 Jahren: die Nato-Osterweiterung, den Raketenschutzschirm (der sich angeblich gegen den Iran richtet, ha ha) etc. Dieser Aufwand zeigt doch, dass Russland kein schwaches, koloniales Land à la Senegal ist.

Es stimmt, dass Russland nicht in allen Punkten Lenins klassischer Definition des Imperialismus entspricht. Aber Lenin bezeichnete das zaristische Russland auch als imperialistisch (auch wenn er das gelegentlich mit Attributen präzisierte), das dieser Definition noch weniger entsprach. Die USA als Kapitalimporteur entsprechen auch nicht voll der Leninschen Definition.

Auffällig ist, dass Henns Fragezeichen bei der Bezeichnung Russlands als imperialistisch zu keinen praktischen Schlussfolgerungen führt. Nach ihrer Argumentation dürften die Antifaschisten in der Ost-Ukraine theoretisch auch dann russische Hilfe annehmen, wenn es imperialistisch wäre. Praktisch wäre ein russisches Eingreifen der Kriegsvorwand, den der Westen will, auch wenn Russland nicht imperialistisch wäre. Damit ist es ausgeschlossen.

Aber wenn man in der West-Ukraine Unterstützung für einen gemeinsamen Kampf gewinnen will, ist es unverzichtbar, sich von der russischen Regierung abzugrenzen. Das schließt technische Zusammenarbeit mit „pro-russischen“ Nationalisten in der Ost-Ukraine nicht aus. Wenn eine brutalisierte faschistische Soldateska einen Ort angreift, kann das eine Frage des physischen Überlebens sein. Das darf aber keinen Verzicht auf politische Kritik bedeuten. In der West-Ukraine ist offensichtlich die Vorstellung weit verbreitet, zu Zeiten der Sowjetunion national unterdrückt worden zu sein und durch Putins Russland von einer Neuauflage solcher Unterdrückung bedroht zu sein. Ich will hier nicht diskutieren, wie viel davon reale Grundlagen hat und wie viel davon eine gezielt geschürte nationalistische Hysterie ist, die von den verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Restauration des Kapitalismus in der Ukraine nach der Unabhängigkeit ablenken soll. Marx schrieb ja, dass Ideen zur materiellen Gewalt werden, wenn sie die Massen ergreifen. Das gilt leider auch für irrationale Ideen. Aber wenn Linke nicht vorhaben, die ukrainischsprachigen Menschen in der Ukraine zu unterdrücken oder russische Fremdherrschaft zu unterstützen (und wer dafür einträte, den würde ich nicht als links bezeichnen), warum sollen sie dann nicht einem falschen Eindruck entgegenwirken? Und ein gutes Mittel dazu ist eben die Kritik an Putins Politik (unabhängig davon, ob man dabei den Begriff „Imperialismus“ verwendet).

Zusammengefasst: Es besteht die Gefahr, dass sich in der Ukraine ein langwieriger ethnischer Konflikt entwickelt, der nur der Teile-und-Herrsche-Politik des Imperialismus und den reaktionärsten Kräften in der Ukraine nutzen würde. Deshalb sollten Linke alles tun, um den gemeinsamen Kampf der arbeitenden Menschen in der gesamten Ukraine gegen die Regierung in Kiew, gegen die Oligarchen, gegen rechte Nationalisten und Faschisten, gegen imperialistische Einmischung und für ihre gemeinsamen Interessen (die ein Überschreiten der Schranken des Kapitalismus erfordern) zu unterstützen.