Home / Themen / Kultur & Sport / Hanns Eisler: Emigration und Kunst

Hanns Eisler: Emigration und Kunst

Print Friendly, PDF & Email
Foto: Nick Ash

Foto: Nick Ash

Interview mit der schottischen Künstlerin Susan Philipsz über ihre neue Show

 Am 31. Januar startet im Hamburger Bahnhof in Berlin die Sound-Installation der in Berlin lebenden schottischen Künstlerin Susan Philipsz unter dem Titel „Part File Score“ mit Musik von Hanns Eisler. Sascha Stanicic sprach für sozialismus.info mit ihr über Eisler und die Beweggründe hinter ihrem Projekt.

Am 31. Januar startet Deine Show zu Hanns Eisler im Hamburger Bahnhof. Warum Eisler?

 Wie viele andere Künstler auch, musste Eisler vor den Nazis fliehen und emigrierte in die Vereinigten Staaten. Das war für mich der Ausgangspunkt. Ich habe mich mit der Frage der Emigration auseinander gesetzt. Eisler gehörte zu den vielen fantastischen Musikern, die in New York und Los Angeles landeten. Er war ein Schüler des berühmten Komponisten Arnold Schönberg. Eisler Zwölf-Ton-Komponist und ich war auf der Suche nach einem solchen. Eisler war für mich so interessant, weil er zum Beispiel mit Charlie Chaplin, Bertolt Brecht und Theodor Adorno zusammen arbeitete und eine interessante Lebensgeschichte hatte. Wie viele andere Musiker musste Eisler dann für Hollywood arbeiten, als er in der Emigration war. Dadurch konnte er dann aber durch seine Filmmusik Zwölf-Ton-Kompositionen unters Volk bringen, die bis dahin als sehr elitär angesehen worden war. Das hat mir gefallen an Eisler: er hat diese Musik an die Massen gebracht.

 Warum hat Dich das Thema der Emigration von Künstlern so interessiert?

 Das Interesse an Emigranten hat sich dadurch ergeben, dass die Show im Hamburger Bahnhof stattfinden wird, der ja früher tatsächlich ein Bahnhof war. Und wenn ich Ausstellungen mache, dann ist der Ort für mich immer der Ausgangspunkt. Ich stand also im riesigen, leeren Hamburger Bahnhof und habe ihn als Ort des Abschieds und der Trennung betrachtet. Es gibt dort zwölf Torbögen, die mich auf die Zwölf-Ton-Musik brachten.

Die Musiker waren ja in erzwungener Emigration und viele, wir Brecht, hassten es. Eisler passte sich besser an und begann für Filme zu komponieren. Seine letzte Filmmusik war für den Film „The Circus“ von Charlie Chaplin. Damals war Eisler schon vom FBI überwacht und wegen seiner kommunistischen Überzeugungen in Schwierigkeiten. Chaplin stellte ihn an, um ihm zu helfen. Aber Eisler musste das Land verlassen und die Filmmusik wurde nie fertig gestellt.

In meiner Ausstellung sind drei Stücke aus Filmmusiken zu hören. Dies ist eines davon, das letzte. Ich versuche ein Gefühl der Abwesenheit, der Trennung und der Zensur dadurch zu erzeugen, dass immer nur ein Instrument, Geige oder Piano, zu einem Zeitpunkt gespielt wird.

 Eisler wollte nicht elitär sein. Das magst Du an ihm?

 Ja, er war ein Schüler von Schönberg, aus dessen Schule viele berühmte Komponisten hervorgingen. Aber Eisler hatte eine breitere Perspektive. Er arbeitete mit Brecht und Chaplin zusammen. Schönberg hatte ihm geraten, bei der Musik zu bleiben und sich aus der Politik rauszuhalten.

 Denkst Du, dass Eisler in Deutschland die Anerkennung erhält, die ihm gebührt?

 Wahrscheinlich nicht, wenn man es mit anderen Komponisten vergleicht. Ich selber kannte ihn auch nicht und er ist weniger bekannt als andere. Er war wegen seiner politischen Überzeugungen hier und in den USA wohl auf der schwarzen Liste.

 In Ostdeutschland und unter Linken ist er wohl durch seine Zusammenarbeit mit Brecht und seine Arbeiterlieder bekannt, auch durch seine Ausweisung aus den USA. Aber wahrscheinlich ist die Bandbreite seines musikalischen Schaffens weniger bekannt.

 Ich konzentriere mich auf seine Zeit in den USA, wo er weniger politische Lieder komponierte. Seine politische Musik in der DDR war für mich weniger interessant.

 Er hat ja auch in den 1920ern und 1930ern viel politische Kunst gemacht. Denkst Du, dass er in den USA gezwungen war, sich anders auszudrücken oder war es seine freie Entscheidung?

Wahrscheinlich von beidem etwas. Es war schwierig in den USA überhaupt zu überleben. Seine Gefühle werden aber in seiner herzzerreißenden Abschiedsrede deutlich, wo er all die politischen Dinge nennt, die er nicht gemacht hat, aber hätte machen sollen – und trotzdem ausgewiesen wird.

 Was willst Du bei den Besuchern deiner Show auslösen?

 Ich möchte, dass die Menschen sich nicht fühlen, als ob sie in einem Museum sind, sondern tatsächlich in einem Bahnhof. Dass sie Interesse an Eisler und seinem Schicksal entwickeln, seiner Emigration und seiner Musik.

 

 Hanns Eislers Abschiedsrede vor seiner Ausweisung aus den USA

 

Ich verlasse dieses Land nicht ohne Verbitterung und Wut. Ich verstand, warum 1933 Hitlers Banditen einen Preis auf meinen Kopf aussetzten und mich vertrieben. Sie waren das Böse der damaligen Zeit; ich war stolz, vertrieben zu werden. Aber es zerbricht mein Herz aus diesem wundervollen Land auf diese lächerliche Weise vertrieben zu werden.

 

Wessen bin ich angeklagt?

 

1. Ich habe nicht gegen Faschismus und Reaktion in diesem Land gekämpft.

2. Ich habe nicht gegen diejenigen gekämpft, die die Welt in einen neuen Krieg treiben wollen.

3. Ich habe nicht gegen die Schamlosigkeit und Korruption und Kommerzialisierung gewisser Presseorgane und Magazine gekämpft, die eine papiernen Vorhang schaffen, um das amerikanische Volk von den politischen und wirtschaftlichen Realitäten zu trennen.

4. Ich habe nicht für das Recht der Veteranen auf lebenswerten Wohnraum gekämpft.

5. Ich habe nicht gegen die Unverschämtheit der Profiteure gekämpft, die das Leben der einfachen Menschen unerträglich machen.

6. Ich habe nicht für die klassische Tradition dieses großartigen Landes gekämpft, die die Würde und die Freiheit der einfachen Menschen hoch hält.

7. Ich habe nicht gegen die Schamlosigkeit der Taft-Hartley-Gesetze gekämpft.

8. Ich habe nicht gegen das Monopol gekämpft, das der Kunst, dem Film, der Literatur und dem Radio aufgezwungen wird.

9. Ich habe nicht gegen die korrupten politischen Maschinen gekämpft.

10. Ich habe nicht gegen die rassistische Diskriminierung meiner schwarzen Brüder gekämpft.

11. Ich habe nicht gegen Antisemitismus gekämpft.

 

Nein, ich werde nicht als Kämpfer angeklagt. Und es tut mir leid, dass ich nicht als Kämpfer angeklagt werde.