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Die Ursachen der kapitalistischen Krise

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Foto: flickr.com/rostock-hartig

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Eine Antwort auf Andrew Kliman, Teil 2

Dieses Dokument beschäftigt sich mit den Ursachen für die kapitalistische Krise und ist eine Antwort auf Andrew Kliman. Es wurde von Peter Taaffe und Lynn Walsh geschrieben und vom EK der Socialist Party (England und Wales) unterstützt. Dies ist der 2. und letzte Teil. Teil 1 wurde gestern veröffentlicht.

von Peter Taaffe und Lynn Walsh, „Socialist Party“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales)

Gründe für die derzeitige Krise

47. Die Frage des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate ist wichtig, aber keine volle Erklärung für die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise. Es erklärt für sich genommen selbst die Hauptmerkmale dieser Krise nicht. MarxistInnen tanzen nicht nur auf einer Hochzeit. Es kann eine ganze Reihe von Hauptfaktoren geben – jenseits des tendenziellen Falls der Profitrate – die die unmittelbare Ursache für eine Krise sind. Kliman bestätigt, was wir gesagt haben, dass nämlich „der Fall der Profitrate nur indirekt und mit Verzögerungen zu Krisen führt“. Auch fügt er korrekter Weise an, dass das „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate von daher nicht vorhersagt und nicht vorhersagen kann, dass die Profitrate im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus tatsächlich eine abwärts weisende Tendenz aufweisen wird“! Danach bezieht er sich im Besonderen auf die „wirksamen gegenwirkenden Einflüsse, die den Effekt des allgemein gültigen Gesetzes kontrollieren und aufheben“.

48. Allerdings scheint Bruce Wallace – und Kliman definitiv – den Aspekt der „mangelnden Nachfrage“ als unwichtigen Faktor abzutun für die Frage, was zur derzeitigen Krise geführt hat und wodurch sich diese weiter fortsetzt. Dabei handelte es sich um einen Faktor, der schon über eine ziemlich lange Zeitdauer wirksam war, von der Kreditblase jedoch überdeckt wurde. Wir haben zugestimmt, dass diese ihre Ursachen in der beispiellosen Ausweitung der Kreditvergabe hatte und – als Folge – in gleichfalls beispiellosen Blasen, die 2007-08 platzten. Dies hinterließ einen massiven Schuldenüberhang, der die Krise nun schon für fünf Jahre und wahrscheinlich noch länger anhalten lässt. In seinem Buch versucht Kliman, dies zu widerlegen. Dabei muss er sich denselben Vorwurf der „Rosinenpickerei“ bei Marx-Zitaten gefallen lassen, den er sonst anderen macht: Er bringt solche, die seinem Zweck dienen, aber tut andere Marx-Zitate ab, wenn sie das nicht tun. Wenn er sich zum Beispiel die Argumente der „UnterkonsumtionistInnen“ vornimmt – was er sehr unzulänglich macht –, greift er sie dafür an, dass sie das folgende berühmte Marx-Zitat verwenden: „Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde.“ [„Das Kapital“, Band III, 30. Kapitel, Marx Engels Werke Band 25, S. 501]. Marx rechtfertigt an dieser Stelle nicht die Argumente der „UnterkonsumtionistInnen“. Er hält einfach nur die Tatsache fest, dass der „letzte Grund“ in der eingeschränkten Kaufkraft der Massen besteht, weil diese nicht in der Lage sind, das komplette Produkt ihrer Arbeit zurückzukaufen. Die Maschinerie des Kapitalismus bleibt jedoch in Gang, weil ein Teil des Mehrwerts wieder in die Produktion reinvestiert wird. Doch das schafft ab einem bestimmten Stadium und in Verbindung mit weiteren Faktoren wiederum die Grundlage einer zukünftigen „Überfülle“, von Überproduktion etc.

49. Nichts davon bei Kliman, der versucht, die obigen Worte abzutun, wenn er erklärt, dass die „UnterkonsumtionistInnen sehr gerne einen Satz aus dem Kontext reißen, in dem Marx schreibt: ‚Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen’“. [TFoCP, S. 166]. Aber er stellt sie nie in einen „Kontext“, der Marx in dieser Frage widerlegt. Stattdessen nähert er sich sehr den Argumenten an, die gegen die ökonomische Argumente von Marx vom rechten Guru der „Österreichischen Schule“, Hayek, ins Feld geführt werden.

50. Kliman, so scheint es, erklärt explizit, dass der Kapitalismus immer einen Ausweg finden kann, indem er den Mehrwert in die Produktionsmittel investiert. Wir akzeptieren auch, dass der Kapitalismus das kurzfristig kann, aber es gibt dafür Grenzen, wie oben erklärt wurde. Zitieren wir den Teil, in dem Kliman sich mit diesen Argumenten beschäftigt: „UnterkonsumtionistInnen behaupten jedoch, dass die Investitionsnachfrage auf lange Sicht nicht schneller wachsen kann als die persönliche Konsumnachfrage. Warum nicht? Nun, sagen sie, wenn die Unternehmen in neue Fabriken, Maschinen etc. investieren und sie dazu benutzen, mehr Waren zu produzieren, dann müssen sie diese auch verkaufen. Das ist offensichtlich richtig, aber dann kommt die Unterkonsumtions-Intuition: Letztlich müssen die Unternehmen die Waren an Menschen verkaufen“. Er entgegnet dem wie folgt: „Weshalb können die Unternehmen am Ende nicht einander verkaufen statt den Menschen?“

51. Hayek und nun, wie es scheint, auch Kliman argumentieren, dass dies für immer ohne Grenze so weitergehen kann. Lediglich der Anteil der Konsumgüter an der Produktion wird immer geringer. Kliman sagt: „Trotz eines relativen Rückgangs bei der Konsumnachfrage kann Wachstum unbegrenzt stattfinden, wenn es eine gesteigerte Nachfrage nach Maschinen gibt, mit denen neue Maschinen hergestellt werden, und damit eine relative Ausweitung der Produktion von Maschinen. Sie lassen einfach die Reproduktionsschemata außer Acht zugunsten dessen, was sie für die Realität halten, insbesondere des Dogmas, dass alle Produktion, selbst unter dem Kapitalismus, Produktion zum Zwecke des Konsums sei“ [ebd., S. 164]. Die Arbeiterklasse wird niemals in der Lage sein, die Konsumgüter kaufen zu können, die die vermehrten Produktionsmittel erzeugen, aber das System wird mit erhöhten Produktionsmitteln fortgeführt, was sich endlos fortsetzt, begleitet von der permanenten Verarmung der Arbeiterklasse.

52. Diese Schlussfolgerungen von Hayek sind verrückt – eine reductio ad absurdum (Zurückführung aufs Absurde) des Kapitalismus. Zeitgenössische marxistische ÖkonomInnen haben es als das erkannt und auf ihn geantwortet. Hayek sagt implizit, dass der Kapitalismus sich auf ein System reduziert, das die Produktionsmittel endlos erweitern muss, das aber niemals gesteigerte Produktion – Konsumgüter – die von VerbraucherInnen gekauft werden, umfassen kann, wenn es eine Krise vermeiden soll. Wie kann die Arbeiterklasse – und die Menschheit als Ganzes, was das angeht – ein solches System unterstützen? In der Tat, wenn es je auf dieser Basis aufgebaut wäre, würde es eine viel heftigere Wirtschaftskrise erzeugen, als wir sie jetzt haben. Sie würde eine weltweite Revolution hervorrufen. Ist nicht die Produktion von Konsumgütern vernünftiger Weise das Ziel der Produktion, auch wenn das aus einem kapitalistischen Blickwinkel nicht der Fall ist? Daher kommen die unlösbaren Widersprüche des Systems; der Kapitalismus ist ein System, das auf der Produktion für den Profit beruht und nicht für gesellschaftliche Bedürfnissen. Und deswegen betont Marx: „Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab entgegenstellen.“ [„Das Kapital“, Band III, 15. Kapitel, a.a.O., S. 260].

53. Auf diesen Punkt, den wir in der Debatte machten, entgegnet Bruce Wallace unglaublicher Weise: „Nein, ich denke nicht, dass im Kapitalismus die Produktion von Konsumgütern jemals das rationale Ziel ist, sondern dass es sich dabei lediglich um ein reines Zufallsprodukt des Systems handelt“!! Marx selbst antwortet darauf wie folgt: „[…] indem die Produktion von konstantem Kapital nie seiner selbst wegen stattfindet, sondern nur, weil mehr davon gebraucht wird in den Produktionssphären, deren Produkte in die individuelle Konsumtion eingehn.“ [ebd., Band III, 18. Kapitel, a.a.O., S. 316f.].

54. Kliman geht an die Dinge auf vollkommen undialektische Art und Weise heran und klammert sich an eine einzige Erklärung – die Wirkungen des Falls der Profitrate – was sehr wichtig ist, damit stimmen wir überein. Es gibt aber andere Faktoren, die in unsere Analyse einfließen.

55. Wer diesen Umstand anerkennt, unterstützt damit noch lange nicht die UnterkonsumtionistInnen, weder die keynesianische noch die „sozialistische“ Spielart. Denn wenn es einen Versuch gäbe, dieses Problem zu lösen, indem die Löhne angehoben werden, dann bekommt man eine Krise, die durch sinkende Profite und die daraus folgende Einstellung der Produktion verursacht ist. Wie wir im Zusammenhang mit den Argumenten des Keynesianismus ausgeführt haben, müssen höhere Löhne dadurch gegenfinanziert werden, dass die Profite der Kapitalisten beschnitten, der Arbeiterklasse höhere Steuern aufgebürdet oder die Staatsausgaben erhöht werden – ohne dass das durch zusätzliche Warenproduktion gedeckt wäre – was wiederum mit der Zeit zu steigender Inflation führen würde. Darüber hinaus ist einer der ersten Hinweise auf eine Krise, ein Vorbote am Ende der Boomperiode, dass der Preis der Arbeitskraft, die Löhne, in die Höhe getrieben wird. Das verringert die allgemeine Profitabilität, indem es die Mehrwertrate verringert, und wird selbst zu einem weiteren Faktor, der zur Krise führt.

56. Das heißt nicht, in die Falle zu tappen, theoretische Argumente gegen eine Lohnerhöhung zu liefern. Wir würden weiterhin Lohnerhöhungen fordern, aber gleichzeitig auf die inneren Widersprüche hinweisen, die dadurch auf Grundlage des Kapitalismus geschaffen werden. Dies wiederum würde die Grundlage liefern für die Argumente für eine neue, sozialistische Gesellschaft etc., nicht Gründe zur Rechtfertigung der Ablehnung von Lohnerhöhungen oder gar für Lohnkürzungen.

Sind die Löhne der ArbeiterInnen gestiegen?

Ein weiterer Fehler besteht in seiner Einschätzung der Wirkungen des Neoliberalismus. Zweifellos gab es eine Umverteilung des Mehrwerts – des Reichtums – innerhalb der Reihen der Kapitalisten, bei der Manager und Vorstandsmitglieder die Sahne abgeschöpft haben. Aber es gab auch eine Zunahme des Anteils der Kapitalistenklasse insgesamt. Es ist undenkbar, dass der Neoliberalismus nicht zu einer Umverteilung der Einkommen – des Anteils am nationalen Reichtum – von den 99% in der Arbeiterklasse und den Mittelschichten zu dem 1%, jetzt eher 0,1%, der Kapitalisten, geführt hat. Die jüngsten Statistiken deuten darauf hin, dass die heutigen Löhne der Arbeiterklasse in den USA auf das Niveau der 1950er Jahre zurückgeworfen sind.

58. Die US-Arbeiterlöhne stagnieren seit mehr als 30 Jahren. Die inflationsbereinigten durchschnittlichen Stundenlöhne in der Privatwirtschaft lagen 1979 bei 16 US-Dollar und stiegen bis 2012 auf 17 US-Dollar [St.-Louis-Zweigstelle der Federal Reserve Bank]. Inflationsbereinigt lag der Median der Haushaltseinkommen 1979 bei 47,527 US-Dollar und stieg bis 2011 auf 50,054 Dollar (US Census Bureau). Zu dieser Stagnation ist es gekommen, obwohl der Anteil weiblicher Arbeitskräfte zugenommen hat und die Arbeitszeiten verlängert wurden. Um ihren Lebensstandard zu halten, haben die ArbeiterInnen zunehmend Schulden gemacht.

59. Wir haben nie argumentiert, dass der Neoliberalismus eine grundlegend andere Phase des Kapitalismus sei. Kliman baut Popanze auf, um sie zu bekämpfen. Aber er war einzigartig darin, in welchem Ausmaß beispiellose Summen an Krediten ausgeschüttet wurden. In Verbindung mit den politischen Folgen des Zusammenbruchs des Stalinismus erlaubte der Neoliberalismus dem Kapitalismus eine Konterrevolution gegen die Rechte und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse durchzuführen, praktisch ohne die früheren Kontrollen, Beschränkungen oder den Druck der Arbeiterklasse durch die Organisationen der Arbeiterbewegung. Dies half, durch die massive Einspeisung fiktiven Kapitals eine nie dagewesene Kreditschwemme in Gang zu setzen. Dadurch flossen der Kapitalistenklasse unglaublich angenehme Vorteile zu. Kliman deutet ernsthaft an, dass diese Periode nicht die Wirkung hatte, den Anteil der Arbeiterklasse zu senken und die Profitabilität zumindest zeitweilig hochzutreiben? Der Staat ist, wie sowohl Marx als auch Engels ausführten, eine wirtschaftliche Macht. Die Bourgeoisie nutzte diese, um das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu ändern und große wirtschaftliche Vorteile einzuheimsen.

60. Kliman bestreitet das und trachtet danach, Statistiken aufzustellen, um seine Behauptungen zu beweisen. Wir akzeptieren seine Zahlen nicht. (Wir sollten hinzufügen, dass es sehr schwierig ist, eine wirklich tragfähige Profitrate auch nur für die USA zu berechnen, wie wir unten erklären werden.) Es ist absurd anzunehmen, dass die Vorteile, die als Folge der neoliberalen Maßnahmen an die Kapitalisten gingen, nicht erheblich gewesen wären. Dies war keine grundlegend neue Phase des Kapitalismus. Aber es war auch nicht nur eine „normale“ Form der Kredit-Ausweitung. Es war eine enorme Einspeisung von Krediten mit monumentalen Dimensionen. Am Ende dieser Phase stand ein immenser Schuldenüberhang, der den Kapitalismus gegenwärtig lähmt. Wie wir erklärt haben, führte es nicht zu massivem Wachstum in der produktiven Seite des Kapitalismus. Wachstumsraten waren niedrig, in Europa, Japan und den USA kam es zu einer realen wirtschaftlichen Stagnation – China und einige andere asiatische Volkswirtschaften waren die internationalen Ausnahmen – und es gab niedrige Akkumulationsraten etc. Dies lag an der enormen Ausweitung des fiktiven Kapitals durch die „Finanzialisierung“ (gemeint ist der beträchtliche Bedeutungs- und Machtgewinn der Finanzmärkte – d. Übers).

61. Kliman argumentiert, dass der reale Anteil am Gesamteinkommen, der an die Arbeiterklasse geht, nicht gefallen sei, weil der „Soziallohn“ – Gesundheits-, Renten- und anderen Sozialleistungen, die im Nachkriegsaufschwung in den USA von einzelnen Unternehmen statt vom Staat zugestanden wurden – in den Anteil der ArbeiterInnen einbezogen werden muss. Manche Monopole in den USA gehen so weit, dass sie komplett schließen – Firmen und ganze Industrien bankrott gehen lassen – um sich der Sozialleistungen für die Beschäftigten (z.B. Betriebsrenten, Betriebskrankenkassen) zu entledigen. Danach öffnen sie als neue Firmen wieder, aber ohne die Last der „sozialen Wohltaten“ für die Beschäftigten.

62. Kliman und diejenigen, die seine Behauptung unterstützen, wonach die „Kompensation“ oder der Anteil der Arbeiterklasse tatsächlich zugenommen habe, berufen sich auf äußerst dubiose Quellen. Um zu belegen, dass der Anteil der Arbeiterklasse nicht gesunken ist – im Gegensatz zu dem, was die meisten ArbeiterInnen instinktiv glauben und fühlen – , führt Kliman die Beweisführung von Martin Feldstein, des damaligen Präsidenten des (privaten Wirtschaftsforschungsinstituts – d. Übers.) „National Bureau of Economic Research“, an. Er schrieb, dass es ein „Messfehler“ sei, „auf die Löhne statt auf die gesamte Kompensation zu schauen“ und dass es „zu einer falsche Sicht führt, wie sich die Anteile am Volkseinkommen entwickelt haben“.

63. Kliman sagt nicht, wer genau Feldstein ist. Er ist in der Tat ein extrem reaktionärer Ökonom, der sein Leben der Verteidigung und dem Schönfärben des US-Kapitalismus gewidmet hat. Er unterscheidet sich nicht vom Vertreter der „British Chamber of Commerce“ (BCC; brit. Handelskammer), der in einer Debatte mit Peter Taaffe an der Oxford Union argumentierte, dass die Lebensstandards der Arbeiterklasse nicht gesunken seien – sie seien gestiegen! Die relativ privilegierte Zuhörerschaft war damit jedoch nicht einverstanden und votierte für die Aussage: „der Kapitalismus hat die Armen im Stich gelassen“. Kliman und Bruce Wallace vertreten im Prinzip dieselbe Meinung wie die britische Handelskammer!

64. Es ist wahr, dass MarxistInnen oft bürgerliche ÖkonomInnen zitieren, wenn deren Forschungsergebnisse Wahrheiten über den Kapitalismus und die Ausbeutung der ArbeiterInnen enthüllen! Etwas völlig anderes ist es aber, wenn ein Marxist reaktionäre ÖkonomInnen zitiert, die Statistiken auf eine Art und Weise nutzen, die ihre Verteidigung des Kapitalismus stärkt. Klimans Schlussfolgerung stimmt stark mit der natürlichen ideologischen Ausrichtung von Feldstein überein. [Dieser und eine Reihe anderer vielsagender Punkte werden von Sam Williams auf seinem Blog http://critiqueofcrisistheory.wordpress.com/ gemacht.]*

65. Selbst wenn es wahr wäre, dass die „Lohnersatzleistungen“ (wie beispielsweise die Gesundheitsversicherung) seit 1972 so stark zugenommen hätten, dass das Realeinkommen (Stundenlöhne plus „Lohnersatzleistungen“) für jede abgeleistete Arbeitsstunde, die von den US-amerikanischen ArbeiterInnen an die Kapitalisten verkauft wurde, zwischen 1972 und 2006 gestiegen wäre, so bedeutet dies nicht, dass die ArbeiterInnen in den USA pro Stunde auch einen höheren Wert für ihre geleistete Arbeit erhalten hätten. So lange die Arbeitsproduktivität steigt ist es durchaus möglich, dass der Lebensstandard der ArbeiterInnen steigt, obwohl sie stärker ausgebeutet werden als je. Das ist Marx´ Konzept vom relativen Mehrwert.

66. Klimans Behauptung, wonach die aus den US-amerikanischen ArbeiterInnen herausgepresste Mehrwertrate in den Jahrzehnten vor der Großen Rezession nicht gestiegen sei, wird von der Tatsache untergraben, dass es in den letzten 40 Jahren eine enormen Schwächung der US-Gewerkschaftsbewegung gegeben hat. 2010 sank die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder im Bereich der Privatwirtschaft auf unter sieben Prozent. So ein niedriges Niveau gab es seit 1932 unter Präsident Herbert Hoover nicht mehr, als während der „Super-Krisen“-Phase der Großen Depression die Gewerkschaftsmitgliedschaft sehr niedrig war.

67. Es wäre in der Tat bemerkenswert, wenn die Mehrwertrate, die aus den amerikanischen ArbeiterInnen herausgeholt wird, trotz dieser immensen Schwächung der Gewerkschaftsbewegung tatsächlich zurückgegangen wäre. Hinzu kommt der Anstieg der realen Erwerbslosigkeit seit dem Ende der wirtschaftlichen Nachkriegsprosperität vor 40 Jahren, die sich in den offiziellen Erwerbslosenzahlen nur zum Teil widerspiegelt.

68. Kliman lässt die Wirkungen der Verlagerung der kapitalistischen Produktion von den Vereinigten Staaten und anderen imperialistischen Ländern, wo die Löhne vergleichsweise hoch sind, in Länder wie China, Indien, Bangladesch usw. weg, wo die Löhne dramatisch niedriger sind. Das räumt er selbst ein und begründet dies mit dem Mangel an seriösen Statistiken. Anders als 1972 wird die Masse der Profite von Unternehmen, die ihren Standort in den USA haben, in zunehmendem Maße von extrem schlecht bezahlten ArbeiterInnen produziert – vor allem in Asien aber auch in Lateinamerika, der Karibik und Afrika.

69. Die von Kliman erstellten Schaubilder zur Untermauerung der Idee, dass der Anteil der ArbeiterInnen am Bruttoinlandsprodukt zugenommen habe, unterschätzen, dass die Zahlen so ermittelt werden, dass sie die Gehälter, Spesen etc. von „Nicht-ArbeiterInnen“ enthalten – von Firmendirektoren usw. Zu den Zahlen über Löhne und Gehälter gehören auch die Gehälter der Vorstände, die einen wachsenden Anteil an den Gesamteinkommen kassieren. Den Großteil der Gehälter dieser Schicht (viele unter ihnen zählen zum obersten 1%), sollte man nicht wirklich als Lohn sondern als Teil des Profits betrachten.

70. Gewerkschaftsführer quer durch den TUC (brit. Gewerkschaftsbund – d. Übers.) haben in völligem Gegensatz zu den Behauptungen von Bruce Wallace und Kliman darauf hingewiesen, dass die britischen ArbeiterInnen die größte Lohnkürzung der Neuzeit hinnehmen mussten; seit Beginn der Finanzkrise sind die Jahreseinkommen um 52 Milliarden brit. Pfund gesunken. Würden wir die Argumente von Kliman und Wallace akzeptieren, wären wir in der absurden Lage, zu behaupten, dass die Bosse nicht gewonnen sondern verloren hätten, und dass die Arbeiterklasse in der vergangenen Periode tatsächlich dazu gewonnen hätte.

Ein Mangel an Profiten?

71. Was die Profite angeht, so hat es in letzter Zeit eine Schwemme an Berichten in der bürgerlichen Presse gegeben, nach denen es die „großen Unternehmen […] noch nie so gut“ hatten. Sie ersticken förmlich an ihren Profiten, die sie nicht in Form profitabler Investitionen unterbringen können. Alexander Friedman schreibt in der „Financial Times“ [2. Mai 2013]: „Das Veröffentlichung der Gewinne des ersten Quartals ist noch nicht zu Ende, da haben die Unternehmen im S&P 500 schon neue Rekordwerte erreicht. Die US-Konzerne verdienen an jedem umgesetzten Dollar mehr als je zuvor in der Geschichte, und die Gesamtheit der Unternehmensprofite belaufen sich auf rund 13 Prozent des BIP, der höchste aufgezeichnete Wert“. Nachdem es zunächst ausführte, dass die US-amerikanischen Firmen „exzellente Profite“ machen, berichtete das „Wall Street Journal“: „US-Konzerne (ohne Finanzhäuser) sitzen auf mehr als 1,8 Billionen US-Dollar an Kassenbeständen und flüssigen Mitteln, 30% mehr als 2008 laut Schätzungen der US-Notenbank“ [28. Juni 2013]. Und wieder die „Financial Times“ schrieb in einer Kolumne vom 16. Juli 2013 mit dem Titel: „Wall Street ringt mit dem Problem zu großer Profite“, dass die größten US-Banken „kurz davor stehen, zu hohe Gewinne zu machen. JPMorgan Chase erwartet dieses Jahr Profite in Höhe von 25 Milliarden US-Dollar und mehr (das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Paraguay), mit mindestens 17% Ertrag auf das Buchkapital, was die Bank auf den berauschenden Stand von 2007 zurückbringt“. Was die Investitionen der Unternehmen angeht, so stellt die „Financial Times“ fest: „Die Profite befinden sich in den USA auf einem Allzeithoch, aber perverser Weise stagnieren die Investitionen“ [25. Juli 2013].

Finanzialisierung

72. In Bezug auf den Neoliberalismus erklärt Kliman: „Die politischen Folgerungen aus dieser Kontroverse sind tiefgreifend. Wenn die langfristigen Gründe der Krise und der Rezession finanziell sind, ohne dass mehr dahinter steckt, dann können wir die Wiederkehr solcher Krisen verhindern, indem wir mit dem Neoliberalismus und der >Finanzialisierung des Kapitalismus< Schluss machen“. Alles, was notwendig sei, argumentiert er, sei, dass der kapitalistische Staat die Banken verstaatlicht. Apropos: das ist für ihn nicht immer leicht. Man denke nur an das Zögern der konservativ-liberalen britischen Regierung heute bei der vollen Verstaatlichung der „Royal Bank of Scotland“ trotz deren offensichtlichen Misserfolgen. Diese Frage behandeln wir in der „Socialism Today“.

73. Diese Rückschlüsse resultieren keineswegs aus dem Anerkennen der Phase der „Finanzialisierung“. Die Krise ist sowohl finanziell als auch in der „Realwirtschaft“, was zu der Frage führt, die Kommandohöhen der Wirtschaft zu verstaatlichen.

74. Kliman behauptet, wenn man Aspekte wie die Finanzialisierung in den Vordergrund stelle, bedeute dies in gewisser Weise, dass man nicht das System als Ganzes herausfordere, sondern nur für begrenzte Maßnahmen eintrete, die das System tatsächlich durch „Staatskapitalismus“ erhalten können. Das ist ein völlig unfruchtbarer Ansatz. Er zeigt hier wie in seinem ganzen Buch, dass er von der Übergangsmethode wenig verstanden hat.

Die „Kritik“ an unserer Analyse

75. Bruce Wallace stellt auch unsere generelle Herangehensweise in Frage, die wir in der Vergangenheit verfolgt haben. So kritisiert er einen Artikel aus der ersten Ausgabe der „Socialism Today“ vom September 1995. Er zitiert nur einen Satz aus dem Artikel, der das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate nicht erwähnte, der folgendermaßen lautet: „Die Profite der Großkonzerne und vor allem die der großen kapitalistischen Spekulanten sind wieder auf die hohen Werte der Nachkriegs-Aufschwungsperiode (1950-73) gestiegen“. Er versäumt jedoch, anzufügen, was im Text folgt. Der geht weiter:

„Erreicht wurde dies allerdings in erster Linie durch eine intensivierte Ausbeutung der Arbeiterklasse: Absenkung der Löhne, geringere Sozialausgaben und ein härteres Management-Regime in den Betrieben. Außerhalb der entwickelten High-Tech-Sektoren der Wirtschaft (Mikroelektronik, Kommunikationstechnologie, Biotechnologie, Pharmaindustrie etc.) war das Produktions- und Produktivitätswachstum niedriger als in der Aufschwungsperiode. In den führenden industrialisierten Volkswirtschaften, besonders den USA und Japan, ist es zu einer ‚Aushöhlung’ der Industrie gekommen. Die produzierenden Industrien sind immer schneller durch den Dienstleistungssektor verdrängt worden.

Weit von einer Phase der Wiederbelebung entfernt, ist der Kapitalismus in eine Phase der chronischen Depression eingetreten. Der Konjunkturzyklus wird sich zwar fortsetzen (wie wir seit 1990 bereits gesehen haben), aufeinander folgende Erholungsphasen werden jedoch nicht die zugrunde liegenden Ursachen des langfristigen Niedergangs ausmerzen. Im Gegenteil werden diese immer mehr zu voller Geltung kommen. Der Boom der 1980er Jahre in den entwickelten kapitalistischen Ländern, die Welle an spekulativen Investitionen in bestimmten Ländern der Dritten Welt und die eher schwache Wiederbelebung der führenden Volkswirtschaften in den letzten zwei oder drei Jahren haben nicht im geringsten die Erosion der Bedingungen für ein langfristiges Wachstum aufgehalten, die in der Nachkriegsperiode bestanden.

In den entwickelten kapitalistischen Ländern haben die Kapitalisten die Profitabilität wiederhergestellt, indem sie die Zugeständnisse wieder zurückgenommen haben, die sie während des Nachkriegsaufschwungs der Arbeiterklasse machen mussten: Vollbeschäftigung, relativ hohe Löhne, Sozialstaat etc. Angesichts einer zurückgehenden Profitabilität nach den späten 1960er Jahre zog die Kapitalistenklasse allmählich die Schlussfolgerung, dass sie sich die allgemeinen Kosten des ‚Sozialstaats’ nicht länger leisten könne. In den 1980er Jahren wurden dann ‚Thatcherismus’ oder ‚Reaganomics’ zur Losung des Tages mit der Privatisierung der staatlichen Industriebetriebe, Kürzungen bei den Sozialausgaben und einem Angriff auf die bis dahin ausgebaute Stärke der Gewerkschaften. Das Ergebnis war allerdings eine drastische Schwächung des Marktes, der die hohen Investitionen und die nachhaltige Profitabilität der Aufschwungsperiode gestützt hatte. Die Kapitalisten stecken in der Zwickmühle“.

76. Was ist daran falsch? Es ist eine gute Erklärung unserer Position. Wahr ist allerdings, dass wir an dieser Stelle und auch sonst nicht immer das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erwähnt haben. Aber auch Lenin oder Trotzki taten dies nicht, in deren umfangreichen Werken dieser Aspekt nie oder kaum erwähnt wird! Der Grund dafür war nicht, dass sie das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate nicht akzeptiert hätten. Es war eine „gegebene Tatsache“. Es stimmt, dass Rosa Luxemburg diesen Aspekt in Marx´ ökonomischen Schriften nicht akzeptierte. So wichtig das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ist, so sollten wir es dennoch nicht auf Kosten von allem anderen in den Vordergrund stellen. Wir müssen an jede einzelne Situation herangehen, indem wir – wenn nötig – Grundlegendes wiederholen aber auch die spezifischen Merkmale jeder Krise – so weit wie möglich – studieren und die nötigen politischen Schlussfolgerungen ziehen. Schauen wir zurück, was unsere Organisation vor allem in den letzten 20 Jahren veröffentlicht hat, so haben wir dies getan. Unsere Analyse war beachtlich darin, auf jeder Stufe des Konjunkturzyklus die wichtigen Fragen herauszuarbeiten und trotz großer Skepsis vor der Unabwendbarkeit eines Crashs zu warnen.

77. Es gibt eine ganze Reihe von Gründen – in den Worten von Marx Schranken der weiteren Entwicklung – warum sich eine Krise entwickeln kann, nicht nur einen Fall der Profitrate, wie Kliman und Wallace endlos wiederholen. Obendrein kann es auch Fälle geben, wo der Fall der Profite aus der Stärke der Arbeiterklasse entspringen kann. Es kann kapitalistisch gesprochen zur „Verknappung der Arbeitskraft“ kommen als Ergebnis der Stärke der Arbeiterorganisationen, wenn diese sich dem Drang zu Profitmaximierung widersetzen. Marx selbst erklärte in der Tat, dass die Arbeiterklasse am Ende eines Wachstumszyklus zeitweilig einen größeren Anteil herausziehen kann, was auf die Profitabilität der Kapitalisten drückt. Andrew Glyn lag darin theoretisch falsch, dass er Marx´ Erklärung der langfristig Tendenz der Profitrate zurückwies. Im Gegensatz zu seinen uninformierten KritikerInnen damals wie heute hatte er aber Recht mit dem Argument, dass die Profite in den späten 1970er Jahren durch den Mangel an neuer ausbeutbarer Arbeit „eingeklemmt“ waren. Dies verschärfte den langfristigen Fall der Profitrate, zu dem es während des Nachkriegsaufschwungs kam. Diese Lage änderte sich dramatisch durch den Eintritt von hunderten Millionen Arbeitskräften aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa in den Weltmarkt nach dem Zusammenbruch des Stalinismus zusammen mit der Öffnung Chinas. Dies gab dem Weltkapitalismus und der Profitrate einen kolossalen wirtschaftlichen Schub, im Gegensatz zu dem, was Kliman argumentiert.

Unterkonsumtionismus

78. Der Vorwurf des „Unterkonsumtionismus“ dient bei Kliman und Bruce Wallace als Vogelscheuche. Damit wollen sie davor abschrecken, diese Idee auch nur zu untersuchen. Wir haben zuvor schon erklärt, dass es ÖkonomInnen gibt – einige links andere bürgerlich –, die die einfache Idee vorgebracht haben, dass Krisen überwunden werden können, indem die „Nachfrage“ durch erhöhte öffentliche Ausgaben oder Lohnerhöhungen angeheizt wird. Es ist möglich, dies zu tun, aber nur kurzfristig. Gleichzeitig werden damit Widersprüche geschaffen, die wir bereits beschrieben haben. Es handelt sich nicht um eine langfristige Lösung der Krise des Kapitalismus.

79. Marx hat uns unentbehrliche theoretische Instrumente an die Hand gegeben, mit denen wir den heutigen Kapitalismus analysieren können. Es wäre jedoch ein Fehler zu glauben, dass Marx´ Theorie vorgefertigte Erklärungen für den Nachkriegsaufschwung oder die derzeitige Depressionsphase des internationalen Kapitalismus liefert. Marxistische Theorie kann nicht vor einer sorgfältigen Analyse der heutigen Trends mit Erläuterungen dienen. Im „Kapital“ und anderen Schriften arbeitete Marx eine theoretische Analyse der inneren Logik und der Widersprüche des kapitalistischen Systems aus, die er aus der realen Situation des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ableitete. Marx nahm jedoch selbst auf abstrakter, theoretischer Ebene nicht einen einzigen Weg der Kapital-Akkumulation an und vertrat ganz gewiss kein einfaches Modell der kapitalistischen Krise. Marx´ Schriften zeigten die Unausweichlichkeit von Krisen und weisen zugleich auf eine Reihe möglicher Wege zur Krise.

80. Marx zeigt, dass es durch ein Übermaß von Kapital zum kapitalistischen Einbruch kommen kann – entweder aufgrund des tendenziellen Falls der Profitrate oder einer Überakkumulation an Kapital im Verhältnis zur erwerbstätigen Bevölkerung. Ein Übermaß von Kapital (das zur Überproduktion führen kann) zieht eine sinkende Profitabilität nach sich [Kapital Band 3, Kapitel 15, Marx-Engels-Werke Band 25, S. 252 und 261-70. Marx gibt zwar den Kapitalübermaß-Ursachen größeres Gewicht, zeigt aber auch, dass es unter bestimmten Bedingungen durch ein Übermaß an Waren zum Einbruch kommen kann. Das kann entweder an Ungleichgewichten zwischen den verschiedenen Produktionszweigen oder der beschränkten Kaufkraft der Mehrheit der Gesellschaft liegen. [Kapital Band 3, Kapitel 15, Marx-Engels-Werke Band 25, S. 254 und 501] Marx weist auch auf die Möglichkeit von externen Schocks hin, die das System in die Krise stürzen können, bevor die internen Mechanismen selbst voll zur Geltung gekommen sind.

81. Will man die aktuelle kapitalistische Krise verstehen, dürfen wir diese theoretischen Mittel nicht nur auf die unmittelbaren Krisenursachen anwenden, sondern auf den gesamte kapitalistischen Konjunkturzyklus: Stagnation, Erholung, Aufschwung, Crash, Depression usw. (die im Wesentlichen außerhalb des Themenbereichs des „Kapitals“ lagen). Die Analyse darf sich nicht auf den Konjunkturzyklus der produzierenden Industrie innerhalb einer Volkswirtschaft beschränken. Auch die Produktion, der Handel und das Geldwesen auf internationaler Ebene müssen untersucht werden. Der heutige Kapitalismus ist ein viel komplexeres internationales System als zu Marx’ Zeiten (als der britische Kapitalismus den Weltmarkt beherrschte). Und die marxistische Wirtschaftstheorie muss gekonnt und umfassend angewendet werden.

Wer ist ein Unterkonsumtionist?

82. Es ist behauptet worden, wir würden die „klassische unterkonsumtionistische Sicht“ übernehmen. Aber was bedeutet „UnterkonsumtionistIn“?

83. Marx akzeptierte sicher nie die Argumente von Theoretikern wie Malthus, Sismondi, Chalmers und Rodbertus, die auf vereinfachende Weise die Schwächen des Marktes als chronischen Widerspruch des Kapitalismus sahen. Diejenigen, die die Idee akzeptieren, dass die unzureichende Nachfrage aus der Arbeiterklasse nach Waren ein ständig unüberwindbares Problem für das System darstelle, haben Schwierigkeiten, Perioden von dynamischer Kapitalakkumulation zu erklären (wie den Aufschwung 1950-73). Malthus und andere waren (unter anderem) nicht in der Lage zu verstehen, welche Rolle eine Ausweitung der Produktionsmittel spielt, indem sie die Nachfrage nach (Kapital-)Gütern steigert. Ihre Herangehensweise kann man als „unterkonsumtionistisch“ beschreiben, ebenso wie Rosa Luxemburg falsche Idee, dass in einem geschlossenen kapitalistischen System (das nur aus KapitalistInnen und ArbeiterInnen besteht) Akkumulation unmöglich sei und dass kapitalistisches Wachstum die kontinuierliche Ausweitung des kapitalistischen Marktes auf neue Gebiete (z.B. Kolonien) erfordere.

84. Während Marx die Ideen von Malthus ablehnte, so akzeptierte er dennoch nicht die ebenso falsche Vorstellung von Say (die Ricardo übernahm), nach der das Angebot stets seine eigene Nachfrage schafft und so ein Gleichgewicht des Marktes aufrechterhält. Marx war weit davon entfernt, die Idee abzulehnen, wonach es zu einem bestimmten Zeitpunkt im kapitalistischen Konjunkturzyklus zu mangelnder Gesamtnachfrage nach Waren kommen wird, ein Mangel, bei dem die Schwäche der Nachfrage der ArbeiterInnen nach Waren ein wesentlicher Teil ist.

85. So beschäftigt sich Marx beispielsweise im 16. Kapitel des zweiten Bandes des „Kapital“ („Der Umschlag des variablen Kapitals“) mit dem Zyklus von Erwerbslosigkeit und Vollbeschäftigung, von niedrigen und steigenden Löhnen, schwacher und starker Nachfrage während dem kapitalistischen Konjunkturzyklus. In einer Phase rapiden Wachstums üben erfolgreiche Kapitalisten und vor allem Spekulanten eine verursachen „starke konsumtive Nachfrage auf dem Markt, daneben steigen die Arbeitslöhne“. „Ein Teil der Arbeiterreservearmee wird absorbiert, deren Druck den Lohn niedriger hielt. Die Löhne steigen allgemein, selbst in den bisher gut beschäftigten Teilen des Arbeitsmarkts. Dies dauert solange, bis der unvermeidliche Krach die Reservearmee von Arbeitern wieder freisetzt und die Löhne wieder auf ihr Minimum und darunter herabgedrückt werden.“ [a.a.O., S. 317f.]

86. Vielsagenderweise ist an dieser Stelle eine von Engels eingefügt Fußnote, eine kryptische Skizze aus dem Manuskript von Marx, die dieser später näher ausführen wollte:

„Widerspruch in der kapitalistischen Produktionsweise: Die Arbeiter als Käufer von Ware sind wichtig für den Markt. Aber als Verkäufer ihrer Ware – der Arbeitskraft – hat die kapitalistische Gesellschaft die Tendenz, sie auf das Minimum des Preises zu beschränken. [unserer Hervorhebung]

Fernerer Widerspruch: Die Epochen, worin die kapitalistische Produktion alle ihre Potenzen anstrengt, erweisen sich regelmäßig als Epochen der Überproduktion; weil die Produktionspotenzen nie so weit angewandt werden können, daß dadurch mehr Wert nicht nur produziert, sondern realisiert werden kann;“ [mit anderen Worten: Die Kapitalisten müssen Waren an VerbraucherInnen verkaufen, bevor sie den darin enthaltenen Wert realisieren, die Lohn- und Herstellungskosten decken sowie den Mehrwert einstreichen können.]

„der Verkauf der Waren, die Realisation des Warenkapitals, also auch des Mehrwerts, ist aber begrenzt, nicht durch die konsumtiven Bedürfnisse der Gesellschaft überhaupt, sondern durch die konsumtiven Bedürfnisse einer Gesellschaft, wovon die große Mehrzahl stets arm ist und stets arm bleiben muß. […]“ [„Das Kapital“, Band II, 16. Kapitel, 3. Abschnitt, Marx-Engels-Werke, Band 24, S. 318].

87. Mit dem Anstieg des Lebensstandards der ArbeiterInnen während des Nachkriegsaufschwungs wurde Armut (in den entwickeltsten kapitalistischen Ländern, aber nicht in der Mehrzahl der unterentwickelten Länder) für eine Periode zu relativer Armut (auch wenn eine Minderheit der ArbeiterInnen weiterhin unter absoluter Armut litt). Aber in der aktuellen Phase der Weltdepression werden weite Teile der Arbeiterklasse durch chronische Massenarbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Kürzungen bei den Sozialleistungen erneut in die absolute Armut getrieben.

88. Im „Kapital“ und den „Theorien über den Mehrwert“ finden sich viele Passagen, in denen Marx die Überproduktion (Übermaß an Waren bzw. Mangel an Nachfrage) als Widerspruch in der kapitalistischen Produktionsweise darstellt. Aber macht ihn das zum „Unterkonsumtionisten“?

89. Im Unterschied zu primitiven „UnterkonsumtionistInnen“, die sich mit mangelnder Nachfrage als chronischem Problem beschäftigten, ohne den gesamten Kreislauf von Produktion und Realisierung des Mehrwerts zu verstehen, treten laut Marx Krisen wegen Warenüberschuss in „bestimmten Perioden“ auf. [„Theorien über den Mehrwert“, 19. Kapitel, Abschnitt 12, Marx-Engels-Werke Band 26.3, S. 50] Die schwache Nachfrage stellt ein Glied in einer ganzen Kette von Ursachen und Wirkungen dar, eine Krisen-Tendenz, die in einem bestimmten Stadium des kapitalistischen Konjunkturzyklus in den Vordergrund treten und in dieser besonderen Konstellation entscheidende Wirkung haben kann.

90. Krisen können von Ungleichgewichten zwischen verschiedenen Industriezweigen verursacht werden. Auch äußerst rasche technologische Veränderungen, angetrieben vom Zwang der Konkurrenz, gegen die sich die ArbeiterInnen wehren, können ein Faktor bei einer Krise sein.

91. Der Kapitalismus ist eine Produktionsweise, die die höchstmöglichen Profitraten anstrebt, aber auch ihre Waren verkaufen muss. Diese doppelte Anforderung führt zu einem ständigen Widerspruch, der in Krisen zum Ausdruck kommt. Einer der wesentlichsten Beiträge von Marx war seine Untersuchung der Bedingungen der Reproduktion des Kapitals. Es ist eine Schlüsselfrage, die so zusammengefasst werden kann: Wer kauft, was von den ausgebeuteten Beschäftigten produziert wird? Für einen Arbeitgeber ist es prima, die ArbeiterInnen auszubeuten, aber der Profit, den er mit ihnen macht, bleibt virtuell, wie er nicht über den Verkauf der Waren realisiert werden kann. Diese Frage stellt sich während des Kapitalkreislaufs, aber langfristig auch strukturell. Die Aufwärtstendenz der Ausbeutungsrate, die seit den frühen 1980er Jahren festzustellen ist, stellt aus dem Blickwinkel der „Realisierung“ ein Problem dar. Wenn der Anteil des Konsums der Beschäftigten im Verhältnis zum neu hergestellten Reichtum sinkt, dann stellt sich die Frage, wer den Rest kaufen wird.

92. Es kann Problemen der „Realisierung“, d.h. des Verkauf von Waren und Dienstleistungen, geben, ohne die Mehrwert und Profit nicht produziert werden. Bill Jefferies von der winzigen Gruppe namens „Permanent Revolution“ (die heute nicht mehr existiert!) und ein marxistischer Ökonom, der der „Schule des tendenziellen Falls der Profitrate“ anhing, vertrat in der Tat denselben „fundamentalistischen“ Ansatz wie Kliman und Wallace und lag schief, als es 2007-08 zum Ausbruch der Krise kam. Er sagte voraus, dass die Krise nicht stattfinden würde. Es wäre interessant zu sehen, welche Position Kliman vor dem Crash hinsichtlich der wirtschaftlichen Perspektiven vertrat. Zu jenem Zeitpunkt war Wallace noch nicht um den Weg! Im Gegensatz zu Kliman, verstand Jefferies, der eben nicht der Staatskapitalismus-Schule angehörte und seine eigene Theorie ernst nahm, dass das Eintreten von Millionen von Arbeitskräften aus den ehemals stalinistischen Ländern in den Arbeitsmarkt ein bedeutender Faktor in Bezug auf die wirtschaftlichen Perspektiven war. Er folgerte daraus, dass dies eine tiefe Krise in den Jahren 2007-08 wegen neuer Ausbeutungsfelder für den Kapitalismus ausschließen würde. Zumindest gestand er seinen Fehler ein: „Ich habe eine etwas zu fundamentalistische, in der Tat einseitige Krisentheorie vertreten, die sich auf Profitraten stützte“. Das sollte Kliman und Wallace zu Denken geben.

Fazit

93. Deshalb akzeptiert die „Socialist Party“ nicht die zentralen These, die in der dogmatischen Theorie von Kliman und Wallace enthalten ist, nach der der tendenzielle Fall der Profitrate die derzeitige Krise erklärt. In dieser Antwort auf die Kritik und Angriffe unserer Opponenten haben wir nur die wichtigsten Fragen berührt. Wenn nötig, werden wir weitere Fragen in der Debatte ansprechen. Aber wir halten an unserer Analyse der Lage bis 2007-08 und danach fest. In der Debatte, die nun zu dieser Frage beginnen wird, werden wir weitere Argumente liefern, um unsere Analyse zu rechtfertigen.

[Es gibt zwei Versionen des Texts, die sich vor allem in der Absatzeinteilung und dem Vorhandensein bzw. Fehlen einer Absatznummerierung unterscheiden. Diese Übersetzung übernimmt die Absatzeinteilung und -nummerierung des Mitgliederbulletins der Socialist Party in England & Wales und die Kursivierungen und eine nachträgliche Korrektur der Fassung auf der Website der Socialist Party]