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Brecht mit Thatchers Erbe!

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von Paul Mattsson

von Paul Mattsson

Eine sozialistische Politik ist nötig

von Peter Taaffe, Generalsekretär der „Socialist Party“ (Schwesterorganisation der SAV und Sektion des CWI in England und Wales). Der Artikel erschien am 28. April 2013 auf socialistworld.net

„Heute sind wir alle Thatcheristen“, erklärte der Vorsitzende der konservativen „Tories“, David Cameron, am Tag von Thatchers Begräbnis. „Nein, das sind wir nicht!“, brüllte ihm die Arbeiterklasse in Goldthorpe entgegen, wo mehr als 1.000 Menschen protestierten. Das Gleiche galt für die Städte Liverpool, Glasgow und London.

Die Fußballfans von Liverpool rollten ein Banner mit der aufsässigen Aufschrift aus: „Dir machte es nichts aus zu lügen, uns macht es nichts aus, dass du gestorben bist!“. Die Fans von Everton fertigten ein Transparent an, das sie beim Spiel gegen Arsenal zeigten: „Geh´ zum Teufel, Thatcher!“.

Cameron sprach für die herrschende Klasse, nicht für die überwältigende Mehrheit der Menschen in Großbritannien, die den Thatcherismus abgelehnt haben. Sein Komplize in der Regierungskoalition, der Liberaldemokrat Nick Clegg, beeilte sich, sich von diesem ungeliebten Erbe zu distanzieren: „Ich bin kein Thatcherist“, sagte er, obwohl er Teil einer Regierung ist, die eine thatcheristische Politik à la Cameron durchführt.

Sogar seine eigene Mannschaft überzog Cameron mit Hohn und Spott: „Er ist kein Thatcherist“, sagte ein langjähriger „Tory“-Abgeordneter, „eigentlich kommt er mehr nach Harold MacMillan“ (der eine sogenannte Politik der „nationalen Einheit“ vertrat, was heute vom Vorsitzenden der sozialdemokratischen „Labour Party“, Ed Miliband zu kopieren versucht wird).

Die OrganisatorInnen der „Operation True Blue“ (was für „waschechtes blau“ steht und der Codename für das Semi-Staatsbegräbnis für Thatcher war) mit Francis Maude, der grauen Eminenz der „Tory“-Partei, an der Spitze (und den ehemaligen sozialdemokratischen Premierministern Tony Blair und Gordon Brown von „New Labour“ mit dabei) hatten gehofft, dass sie in den Umfragen besser abschneiden würden, wenn sie durch die Trauerfeierlichkeiten für Thatcher ein patriotisch motiviertes Echo hervorrufen würden. Sie hofften, dass das die Grundlage für einen Sieg bei den nächsten Wahlen sein könnte.

Doch damit haben sie sich vollkommen verrechnet. Sie hatten die schwelende Unzufriedenheit nicht auf dem Schirm, die sich seit Thatchers Regierungszeit immer mehr angestaut hat und von den nachfolgenden Regierungen immer weiter verstärkt worden ist. Nun ist sie zum Ausbruch gekommen. Die ältere Generation, von denen viele immer noch unter der brutalen Politik leiden, die Thatcher ihnen zumutete, wurden daran erinnert, was sie in ihrem Leben alles haben durchmachen müssen. Die jüngere Generation begann anlässlich Thatchers Begräbnis zu verstehen, dass sie und das System, für das sie stand, für die furchtbaren Bedingungen verantwortlich waren, mit denen man heute zu kämpfen hat.

Klassen-Hass

Keine Figur hat in der jüngeren Geschichte Britanniens so tiefgreifenden Hass auf die herrschende Klasse hervorgerufen, wie die zur Baronin geadelte Margaret Thatcher. Das war die Quittung für die beinahe persönliche, kaltherzige Art, mit der Thatcher ihre Haltung gegenüber dem „inneren Feind“, wie sie es selber ausdrückte, zum Ausdruck brachte. Sie verabscheute regelrecht die Menschen aus der Arbeiterklasse und ihre Organisationen.

Der Bischof von London, der bei der Trauerzeremonie den Versuch unternahm ihr Bild etwas aufzupolieren, bemühte sich vergeblich, die kaltschnäuzige Bemerkung Thatchers, die einmal gesagt hatte, „so etwas wie eine Gesellschaft gibt es gar nicht“, weg zu predigen.

Gegenüber jenen, die unter ihrer Regierung zu leiden hatten, verweigerte sie jede menschliche und kollektive Ansprache. Ohne um den heißen Brei herumzureden verteidigte sie die neoliberale, von Gier gezeichnete, kapitalistische Gesellschaft, in der die Friss-oder-stirb-Mentalität herrscht. Für ein leuchtendes Wirtschaftswunder-Feuerwerk und Rekordwachstum, wie ihre heutigen Apologeten und VerteidigerInnen behaupten, hat sie jedoch nicht gesorgt. In der Periode vor ihrem Amtsantritt lag die Wachstumsrate der britischen Volkswirtschaft höher denn zu ihrer Zeit als Premierministerin.

Auch hat es sich bei ihr nicht um eine Zauberkünstlerin der Wahlarithmetik gehandelt, die ihren Zuspruch von Wahl zu Wahl nahtlos und immer weiter gesteigert hätte. Ihren höchsten Stimmenanteil hat sie mit 44 Prozent in der Tat bei ihrem ersten Wahlerfolg im Jahr 1979 erreicht. 1983 schaffte sie es zu gewinnen, weil ein Teil der Stimmen für „Labour“ an die neu gegründete „Social Democratic Party“ gegangen war und aufgrund der Tatsache, dass sie die patriotische Stimmung nach dem Falklandkrieg für sich nutzen konnte.

Hilfe ereilte Thatcher auch dadurch, dass die „Labour Party“ die Führung der „Militant“-Gruppe (einem marxistischen Parteiflügel, der sich „kämpferische Labour Party“ nannte und deren Nachfolger die heutige „Socialist Party“ ist) auf schamlose Weise aus der Partei ausschloss. Dies geschah unter der Federführung der damaligen Labour-Vorsitzenden Michael Foot und Neil Kinnock. Thatcher und ihr Handlanger Norman Tebbit hatten beide den Ausschluss der „Militant“-Gruppe gefordert.

Neoliberalismus

Später behauptete Thatcher, dass ihre größte Errungenschaft „Tony Blair und >New Labour<“ gewesen seien! Bei den Wahlen von 1987 kam ihr der schiefe Aufschwung aber in erster Linie der unbeholfene Führungsstil des Sozialdemokraten Neil Kinnock zupass. Hinzu kam der Effekt, den die Gewerkschaftsvorsitzenden hervorriefen, die die Bergleute, die DruckerInnen und andere Schichten der Arbeiterklasse im Stich gelassen hatten.

Thatcher war nicht einmal die Erfinderin der neoliberalen Methoden Privatisierung, geringfügige und prekäre Beschäftigung, Senkung des Lohnniveaus usw. Die „Ehre“, diese Mittel als erstes angewandt zu haben, kommt ihrem Freund, dem chilenischen Diktator General Pinochet zu, der die Arbeiterklasse zur Schlachtbank trieb und dann den feindseligen Neoliberalismus hoffähig machte.

Darüber hinaus sollte auch nicht vergessen werden, dass der tiefste je durchgeführte Einschnitt bei den staatlichen Ausgaben wie auch die Teilprivatisierung des Ölkonzerns BP von Denis Healey veranlasst wurde, als dieser von 1974 bis -79 eine rechtslastige „Labour“-Regierung führte.

Die Folgen des Thatcherismus waren für die Arbeiterklasse und deren Wohnviertel verheerend, die unter einer Rekordarbeitslosigkeit von 3,6 Millionen Erwerbslosen litten. Man hatte beinahe das Gefühl, als sei man das Opfer einer feindlichen Armee von der Qualität eines Dschingis Khan geworden, der mit seinen Truppen gerade das Land überrannt hatte.

Dabei spitzte sie allerdings auch die Probleme der gesellschaftlichen Klasse zu, für die sie eigentlich angetreten war. Die Klasse der Kapitalisten stand so entblößt da wie noch nie in der Geschichte. Thatcher förderte die Konzentration auf das Finanzkapital durch die „Big Bang“-Deregulierung des britischen Finanzzentrums, der „City of London“, während sie es gleichzeitig zuließ, dass das produzierende Gewerbe vor die Wand gefahren wurde.

Als sie an die Macht kam, lag der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Volkswirtschaft noch bei 30 Prozent, heute liegt er bei nur noch zehn Prozent. Ihre Politik legte den Grundstein für den Zusammenbruch auf den Finanzmärkten, zu dem es 2008 kam. Das löste in Großbritannien eine verheerende Depression aus, die Teil der weltweiten Krise des Kapitalismus ist.

Bevor man die Macht übernahm, unternahm die heutige „Tory“-Partei den Versuch, das Bild des „fürsorglichen Konservatismus“ zu prägen. Man war sehr darauf bedacht, zwischen sich und Thatcher eine gewisse Distanz zu schaffen und die Wahrnehmung als „bösartige Partei“ zu überwinden. Allerdings wiesen wir noch vor der Bildung der jetzigen Regierungskoalition darauf hin, dass die Wirtschaftskrise derart hartnäckig sei, dass die „Tories“ gezwungen sein würden, eine Politik anzuwenden, die wesentlich gravierendere Folgen haben würde, als die von Thatcher. Dies würde zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Arbeiterklasse und der Regierung führen und dazu, dass die Arbeiterbewegung schroff vor die Entscheidung gestellt sein würde, maßgebliche Entscheidungen zu treffen: in Form eines 24-stündigen Generalstreiks.

Stagnation

Als Finanzminister George Osborne bei Thatchers Begräbnis zu weinen anfing, können die Tränen nicht nur ihr gegolten haben, sondern flossen mit Sicherheit auch aufgrund der düsteren Folgen, die ins Haus stehen, wenn seine Wirtschaftsprognosen in sich zusammenbrechen werden. Das Wirtschaftsleben gerät mehr und mehr in den Griff der Stagnation, woraus sich ernsthafte Konsequenzen für die Gesellschaft ergeben. Erst vor wenigen Wochen behauptete er noch, dass die Arbeitslosigkeit aktuell im Sinken begriffen sei.

Dabei ist die Zahl der Erwerbslosen noch am Tag des großen Begräbnisses erneut um 70.000 angestiegen. Es war also ein guter Tag, um peinliche Fakten und auch um Thatcher zu begraben! Es ist schon kriminell, dass 20 Prozent der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahren nicht in der Lage sind, einen Arbeitsplatz zu finden.

Schlimmer noch: Die Behauptung von Osborne und Arbeitsminister Iain Duncan Smith, dass die Zahl der Neueinstellungen tatsächlich zunehme und in Folge der Kürzungen im öffentlichen Dienst in der Privatwirtschaft echte Beschäftigungsverhältnisse geschaffen würden, wurde aufgrund der „Entdeckung“ von massiver „verdeckter Arbeitslosigkeit“ als vollkommener Quatsch entlarvt. Befristet Beschäftigte und geringfügig selbstständig Arbeitende, die nur einige Stunden die Woche Arbeit haben, sowie eine künstliche „Anpassung“ der Zahlen nach oben verdecken die Realität. Es wird geschätzt, dass – sollten die Bestrebungen der prekär Beschäftigte nach Vollzeit-Beschäftigung erfolgreich sein, dies 20 Millionen an zusätzlichen Arbeitsstunden bedeuten würde. Unterdessen zeigt der britische Gewerkschaftsbund TUC, dass im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Stunden an unbezahlter Mehrarbeit geleistet worden sind.

Gleichzeitig musste Osborne mit seinem Wunsch, die Wirtschaftslage durch eine Stärkung des produzierenden Gewerbes wieder ins Gleichgewicht bringen zu können, einen Tiefschlag einstecken als hinsichtlich des Waren- und Güterverkehrs für den Monat Februar ein Defizit von 9,4 Milliarden brit. Pfund verkündet werden musste. Das I-Tüpfelchen setzt der „Internationale Währungsfonds“ (IWF), der eine eindringliche Warnung ausgegeben hat, wonach der britische Finanzminister „mit dem Feuer spielt“. Was für eine unverblümte Sprache für dieses Gremium! Und dies hatte einen doppelten Wortsinn: Erstens ist man besorgt über die katastrophalen Auswirkungen von Osbornes Maßnahmen, die die „Nachfrage“ niedrig halten und somit die wirtschaftliche Abkühlung verstärken. Zugleich ist man aber auch in Sorge darüber, dass die gesellschaftlichen Folgen einer Fortsetzung und möglichen Ausweitung seiner Politik, was zu massenhafter Ablehnung führen wird, entweder in der Entstehung einer bewussten Bewegung unter der Führung der Gewerkschaften gegen die Regierung oder im Ausbruch gewalttätiger Proteste münden wird.

Der Chef-Ökonom des IWF hat bereits gewarnt: „Angesichts der schwachen Nachfrage ist es vielleicht an der Zeit, über eine Anpassung der ursprünglichen finanzpolitischen Planungen nachzudenken“. Mit anderen Worten geht es um die Frage, Plan A aufzugeben und durch irgendeine Form von Plan B zu ersetzen. Der IWF hat seine Prognosen für das Vereinigte Königreich schon um 0,3 Prozent nach unten korrigiert. Aktuell geht man nur noch von einem 0,7-prozentigen Wachstum in diesem Jahr aus. Das ist die umfassendste Abwertung für dieses und das nächste Jahr, die im Vergleich zu den anderen entwickelten Ländern vom IWF in puncto Wachstumsprognose vorgenommen worden ist. Daraufhin wertete auch die Ratingagentur „Fitch“ als zweite Bewertungsinstanz die britische Volkswirtschaft ab.

Wenn Osborne und seine KollegInnen in anderen Ländern auf der derzeitigen Politik beharren, dann könnte das „in den kommenden Dekaden zur Absenkung der Lebensstandards“ führen, wie „YouGov-Cambridge“ warnte. Dasselbe Meinungsforschungsinstitut schrieb auch: „Überall in der westlichen Welt sehen wir eindeutige Mehrheiten, die behaupten persönlich von dem wirtschaftlichen Abschwung betroffen zu sein“.

In den letzten Tagen prallten die unterschiedlichen Standpunkte immer wieder aufeinander, was teilweise sehr krasse Züge annahm. Zwischen denen, die für eine Fortsetzung der Austerität eintreten und jenen, die halb-keynesianistische Maßnahmen bevorzugen, um die Wirtschaft „anzukurbeln“, knallte es heftig. Das ist ein Hinweis auf eine Spaltung, die sich an der politischen Spitze dieser Gesellschaft über die Frage abzeichnet, wie man die Wirtschaft am besten „lenken“ kann und dabei gleichzeitig verhindert, dass der Widerstand von unten, von Seiten der Arbeiterklasse und der verarmten Schichten, stärker wird.

Dabei wird dieser Konflikt nicht nur in Großbritannien sondern überall auf der Welt ausgetragen. Ein Streit über Statistiken und darüber, wie diese genutzt werden, um den wahren Zustand der Wirtschaft zu bewerten, steht für die Spaltungen zwischen verschiedenen Flügeln von Kapitalisten. Sie unterscheiden sich in ihrer Antwort auf die Frage, wie der momentanen Krise zu begegnen sei.

Beim jüngsten IWF-Treffen kritisierte dessen Vorsitzende, Christine Lagarde, die USA und andere Länder wie Spanien für eine „unnötige Verschärfung der Fiskalpolitik“. Was sie damit meinte, sind u.a. Kürzungen bei den Staatsausgaben. Die Abkühlung der chinesischen Wirtschaft und die kürzlich zu verzeichnende gestiegene Arbeitslosigkeit in den USA, was zusammengenommen zu einer weiteren Stagnation der Weltwirtschaft führen wird, hat bei ihr die Alarmglocken klingeln lassen.

Keine Lösung

Keiner der unterschiedlichen Flügel der KapitalistInnen kann die organische Krise des Kapitalismus, die tiefgehende wurzeln hat, lösen. Osbornes Austerität wird die Krise nur weiter verschärfen.

Auf der anderen Seite sind halb-keynesianistische Maßnahmen wie das „quantitative easing“ (bei dem über die Banken noch mehr liquide Mittel zur Verfügung gestellt werden und was in Britannien bereits versucht wurde anzuwenden) gescheitert, obwohl insgesamt 375 Milliarden britische Pfund geflossen sind. Das ist ein Fünftel des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Das hat es den Finanz-Haien lediglich ermöglicht, ihre Spekulationstätigkeit auszuweiten und noch mehr Profite zu machen. Zugleich wurde damit die Inflation weiter angeheizt, was für die ArbeiterInnen steigende Preise bedeutet. In Verbindung mit dem weiterhin niedrigen Lohnniveau hat das dazu geführt, dass es bezüglich der mittleren Durchschnittseinkommen seit 2008 zu einer Reallohn-Kürzung von zehn Prozent gekommen ist.

In Großbritannien ist es ziemlich offensichtlich, dass die Politik von Premier Cameron und die seines Finanzministers Osborne versagt haben. Im April kamen die Wohlhabenden in den Genuss eines Steuerbonusses, während die Arbeiterklasse und die verarmten Schichten gleichzeitig mit einer wilden Kürzung bei den Sozialausgaben in Höhe von 19 Milliarden brit. Pfund überzogen wurden.

Ein vernichtender Bericht der Kinderhilfsorganisation UNICEF offenbarte bereits, dass Großbritannien von 29 führenden Ländern der Welt den letzten Platz belegt, was die Anzahl der Kinder angeht, die eine weiterführende Schule besuchen. Die von der Regierung beschlossenen Kürzungen führen dazu, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren 400.000 Kinder zusätzlich in die Armut rutschen.

Im Einklang mit den beißerischen und rechtslastigen Medien versuchte Osborne angesichts der Philpott-Tragödie die Armen, die von Sozialleistungen abhängig sind, zu stigmatisieren. Das war der Versuch, die Arbeiterklasse in „Streber“ und sogenannte „unwürdige“ Arme zu spalten. Umfragen zufolge ist dieses Vorhaben jedoch gescheitert. Die „Joseph Rowntree“-Stiftung hat bereits ermittelt, dass 6,1 Millionen Menschen, die als „in Armut lebend“ gelten, in Haushalten leben, in denen Familienangehörige einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Demgegenüber stehen jedoch nur eine Million Personen mit derselben Klassifizierung („in Armut lebend“), die in erwerbslosen Haushalten leben.

Es ist eine Schande, dass „New Labour“ – anstatt auf vernichtende Zahlen und Fakten wie diese zurückzugreifen, um der brutalen Propaganda der Regierung entgegenzuwirken, ihr eigenes „Sozialprogramm“ preist. Dabei geht es ebenfalls um Kürzungen der staatlichen Ausgaben. „Die Kürzungen einfach abzulehnen, ohne konstruktive Gegenvorschläge zu machen, ist nicht richtig“, so John Cruddas, der „Beauftragte für politische Analysen“ von Parteichef Ed Miliband.

Keine Kürzungen!

Die wirkliche Alternative zur Regierung besteht darin, Kürzungen grundsätzlich abzulehnen und ein kämpferisches sozialistisches Programm zu verfolgen, das eine Vermögenssteuer sowie die Verstaatlichung der in Bedrängnis geratenen Industriezweige umfasst und dies mit der Forderung nach öffentlichem Eigentum an den großen Monopolen verbindet, die die Wirtschaft kontrollieren.

Eine sozialistische Planung, die durch die demokratisch organisierte Kontrolle und Geschäftsführung der Beschäftigten in den Betrieben umgesetzt wird, würde die Erwerbslosigkeit und all die anderen Übel, die der Kapitalismus mit sich bringt, überwinden.

Die Haltung von Miliband zur Frage des öffentlichen Begräbnisses von Thatcher hat erneut zu scharfer Kritik geführt. Daraus ist die berechtigte Sorge erwachsen, was eine Regierung unter seiner Führung für die arbeitenden Menschen bedeuten würde. Wir sollten niemals vergessen, dass es nicht die Führung der sozialdemokratischen „Labour“-Partei gewesen ist, die Thatcher besiegt hat. Es war die Anti-Poll Tax-Kampagne, die von der landesweiten „All-Britain Anti-Poll Tax Federation“ organisiert und angeführt wurde. Diese stand wiederum unter der Leitung der „Militant“-Gruppe. Diese hat Thatcher schließlich auf den Müllhaufen der Geschichte befördert.

Nicht eine Silbe der Kritik an ihrer desaströsen Politik ging über die Lippen von Miliband. Stattdessen rühmte er Thatcher als eine „überzeugte Politikerin“.

Wenn dies bedeuten soll, dass Miliband dieselbe „Überzeugung“ in eine linke Form gießen will, dann sollte er dies nachweisen, indem er einen Maßnahmenkatalog vorschlägt, mit dem es zu einem Wandel bei den Lebensverhältnissen der arbeitenden Menschen kommt. Ein guter Start wäre es, wenn alle gewerkschaftsfeindlichen Gesetze, die unter Thatcher beschlossen worden sind, komplett und ausnahmslos wieder aufgehoben werden. Das würde es den Gewerkschaften mit kämpferischer Führung erlauben, ihre Kraft einzusetzen, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen der arbeitenden Menschen zu verbessern, indem sie für höhere Löhne kämpfen.

Dann gibt es da noch das Wohnungsproblem. Die Zeitung „The Evening Standard“ berichtet, dass die Mieten in London im vergangenen Jahr acht Mal stärker gestiegen sind als die Löhne, was vor allem junge Leute ins Abseits drängt. Und obendrauf kommt noch die entsetzliche „bedroom tax“ (Steuer für die Anzahl der Betten in einem Haushalt, die kürzlich beschlossen wurde; Erg. d. Übers.).

Angesichts des Zustands der britischen wie auch der Weltwirtschaft und in Verbindung mit den anderen Angriffen, die diese Regierung noch gegen die Arbeiterklasse durchzuführen gedenkt, wird auch der Widerstand dagegen anwachsen. Das wir die Regierung in die Ecke drängen. Selbst ihre eigene Wählerklientel lief Sturm gegen die faktische Aufhebung von Baugenehmigungsverfahren für An- und Ausbauten von Häusern, was zweifelsfrei zu verstärkten Nachbarschaftskonflikten führen wird. Eric Pickles, der Minister für Kommunen und lokale Selbstverwaltung, wurde gezwungen, eine absolute Kehrtwende hinzulegen und seine ursprünglichen Pläne wieder zurückzunehmen!

Widerstand

Der Widerstand gegen die Rücknahme der Freistellungszeiten von Betriebsräten und Arbeitnehmervertreter wächst genauso an wie gegen die Aussetzung des „Check-off Systems“ (Regelung zur automatischen Einziehung von Mitgliedsbeiträgen für die Gewerkschaften; Anm. d. Übers.). Beide Maßnahmen zielen darauf ab, die Gewerkschaften zu handlungsunfähig und kaputt zu machen.

Boris Johnson, der konservative Bürgermeister von London, fordert von der Regierung „Eifer im Sinne Thatchers“ und die Einführung weiterer, gegen die Gewerkschaften gerichtete Gesetze.

Von der Gewerkschaftsbasis wird es zu unerbittlichem Druck kommen. Die Mitglieder werden vermehrte und entschlossene Aktionen einfordern, die den Charakter eines Generalstreiks gegen die Regierung annehmen werden. Von daher ist es nicht vollkommen ausgeschlossen, dass – wenn die Arbeiterbewegung ihre ganze Kraft mobilisiert – diese Regierung zum Rücktritt gezwungen wird und es zu vorgezogenen Neuwahlen kommt. Das Problem dabei ist, dass die eher rechten GewerkschaftsführerInnen sehr bewusst die Bremser-Funktion spielen. Wenn es darum geht, diese verhasste Regierung zu konfrontieren, versuchen sie alles, um die eigenen Mitglieder zu zügeln. Das passt auch zu ihrer „Abwarten-und-Teetrinken“-Politik, mit der sie auf einen Sieg von „Labour“ setzen.

Die Umfragen zeigen, dass die „Tories“ aus Thatchers Ableben keine positiven Werte ziehen konnten und „New Labour“ weiter vorne liegt. Dabei darf man die Fähigkeit der „Labour“-Führung, einen solchen Vorsprung wieder aufs Spiel setzen zu können, nicht unterschätzen. Allerdings – und das räumen auch die Umfrageinstitute ein – sieht alles danach aus, dass es auf eine sozialdemokratische Regierung hinauslaufe.

Eine Regierung Miliband ist also nach den nächsten Wahlen am wahrscheinlichsten. Es gibt aber selbst unter denen, die für „Labour“ stimmen werden, auch noch ein hohes Maß an Skepsis darüber, ob dadurch ein nennenswerter Wandel eingeleitet wird. Von daher ist es zentral, dass jetzt Schritte unternommen werden, um die Basis zur Bildung einer gesellschaftlichen Kraft mit Massencharakter zu legen, die für die arbeitenden Menschen einen Ausweg bieten kann.

Deshalb wurde die „Trade Unionist and Socialist Coalition“ („Gewerkschaftliches und sozialistisches Wahlbündnis“; Anm. d. Übers.) gegründet, um dem Ziel einer neuen Partei der Arbeiterklasse mit Massenansatz einen Schritt näher zu kommen. Wir dürfen keine Zeit verlieren, diese Wahlbündnis weiter aufzubauen. Damit tragen wir zur Vorbereitung auf das bei, was später einmal als stürmischste Phase der Geschichte bezeichnet werden wird.