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75 Jahre nach seinem Tod: Die politischen Ideen von Antonio Gramsci

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Teil 2: Gramsci als politischer Theoretiker

Im vorigen Artikel wurde Gramscis Werdegang vom jungen sozialistischen Studenten und Journalisten zum Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Italiens und schließlich seine Verhaftung am 8. November 1926 geschildert. Im Mittelpunkt stand dabei die Entwicklung seiner politisch-taktischen Ideen: seine Analyse des Faschismus und seine Suche nach den besten Kampfmethoden gegen ihn, seine Übernahme der von der Kommunistischen Internationale entwickelten Einheitsfrontmethode und sein Versuch, sich in den sich entwickelnden Auseinandersetzungen in der Sowjetunion zwischen Stalin und Trotzki zu positionieren.

von Wolfram Klein

Nach seiner Festnahme wurde Gramsci zunächst auf die Insel Utica verbannt. Aber am 28 Mai 1927 begann in Rom der eigentliche Prozess. Schon am 4. Juni wurde er zu 20 Jahren, 4 Monaten und fünf Tagen verurteilt. Die Haftbedingungen verschlechterten Gramscis angeschlagene Gesundheit weiter. Besonders schlimm waren tagelange Fahrten in Ketten von einem Gefängnisort zum nächsten (einmal im tiefsten Winter in Sommerkleidung). Am 19.11.1933 kam Gramsci in die Krankenabteilung seines Gefängnisses, 1934 wurde der Gefängnisaufenthalt in Arrest umgewandelt, 1935 durfte er in eine Klinik. Am 21. April 1937 bekam der Schwerkranke seine „Freiheit“ wieder. 6 Tage später starb er.

Gramsci schrieb in einem Brief kurz nach seiner Festnahme: „Ich bin nicht über einen ziemlich engen Kreis hinaus bekannt“. Er schilderte dann, wie sein Name „aufs Unwahrscheinlichste entstellt“ werde. Selbst Menschen, denen der „Abgeordnete Gramsci“ ein Begriff war, wollten nicht glauben, dass er dieser Abgeordnete sei. 75 Jahre nach seinem Tod ist der Name Gramsci unvergleichlich bekannter als zu seinen Lebzeiten – und das beruht vor allem auf den 29 Heften mit Notizen, die Gramsci im Gefängnis anlegte, seitdem er Anfang 1929 die Erlaubnis erhalten hatte, in seiner Zelle zu schreiben, und die nach seinem Tod und dem Sturz des Faschismus in Italien veröffentlicht wurden. In den 1990er Jahren erschien eine kritische Gesamtausgabe dieser Gefängnishefte auch in deutscher Übersetzung. Die ersten Hefte enthalten bunt gemischte Notizen zu verschiedenen Themen. Nach ein paar Jahren begann er, diese Notizen thematisch zusammenzustellen. Deshalb teilt die Forschung die Notizen in A-, B- und C-Texte auf. C-Texte sind Texte, die verschiedene frühere Texte (A-Texte) zusammenfassen. B-Texte sind Notizen, die nicht wieder verwendet wurden. Tatsächlich wurde Gramsci mit der Zusammenstellung seiner Notizen nicht mehr fertig, weil sich seine Gesundheit so verschlechtert hatte, dass ihm in den letzten Jahren das Schreiben fast unmöglich war.

Gramsci betonte mehrfach, dass seine Notizen „vorläufig“, „mit fliegender Feder“, „als Gedächtnisstütze“ geschrieben seien. Bücher seien oft „aus dem Gedächtnis“ zitiert. Deshalb handle es sich nur „um erste Annäherungen“ und unter Umständen könne sich „das Gegenteil“ als wahr erweisen (v.a. Heft 4 §§ 16 und 49, Heft 8 „Vorbemerkung“, Heft 10 II 33, Heft 11 „Warnung“ und Heft 12 § 1)

Nach dem Erscheinen der ersten Auszüge aus den Gefängnisheften war die „Tarnsprache“ ein großes Thema, die Gramsci wegen der Gefängniszensur verwenden musste. Zweifellos hat er, besonders in den späteren Heften, vor allem Eigennamen oft „chiffriert“. Aber der Zwang zu Tarnbegriffen erklärt noch nicht die Wahl der Tarnbegriffe. Wenn Gramsci für die Marxsche „materialistische Geschichtsauffassung“ (oder „historischer Materialismus“) den Tarnbegriff „Philosophie der Praxis“ verwendete, dann drückt das auch eine bestimmte Lesart des Marxismus aus, die im Folgenden in Bezug auf Gramscis Geschichts- und Staatsverständnis erklärt werden soll. Um das Verständnis der schwierigen Materie zu erleichtern und Missverständnissen vorzubeugen, die entstehen können, weil Gramsci zentrale Begriffe anders verwendet, als es üblich ist, werden wichtige Begriffe am Schluss noch einmal in einem Glossar zusammengefasst.

Die zentrale Erfahrung, die Gramscis Denken antrieb, war, dass die Revolution 1917 im rückständigen Russland gesiegt hatte, während sie in ökonomisch fortgeschritteneren Ländern mit viel stärkerer Arbeiterklasse, wie Italien und erst recht Deutschland, nicht siegreich war. Was waren die subjektiven und objektiven Gründe dafür? Als subjektiver Grund beschäftigte ihn vor allem ein mechanistisches, fatalistisches Verständnis des Marxismus. „Philosophie der Praxis“ bedeutete für ihn, den Marxismus von diesen Verzerrungen zu befreien. Der objektive Grund war für ihn die größere Bedeutung der „Zivilgesellschaft“ und der „Hegemonie“ im Westen.

Zwang und Konsens, Herrschen und Führen

Gramsci schrieb, dass eine Klasse oder gesellschaftliche Gruppe auf zwei Weisen herrschen könne, nämlich durch Herrschen und Führen. Dabei verbanden sich bei Gramsci verschiedene Gedankenstränge. Auf der einen Seite gab es die Diskussionen in der russischen Arbeiterbewegung vor 1917 über das Verhältnis von Arbeiterklasse und Bauernschaft in der Revolution. Dabei kam die Idee auf, dass ein Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft zentral für den Sieg der Revolution sei. In diesem Bündnis müsse die Arbeiterklasse die Führung, die Hegemonie haben. Die Bauernschaft war zwar die große Masse der Bevölkerung, war aber auf dem flachen Land verstreut, während die Arbeiterklasse in den Städten, den wirtschaftlichen und kulturellen Zentren, konzentriert war. Auf der anderen Seite gab es Gedankenstränge die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichten. Der große italienische Staatstheoretiker Nicolo Machiavelli, mit dem sich Gramsci ausführlich beschäftigte, verwendete das Bild eines Zentauren – halb Tier, halb Mensch –, der auf die tierische Kampfesweise (also die Herrschaft durch Zwang) zurückgreift, wenn die menschliche (die Führung mit Zustimmung, mit Konsens) nicht ausreicht. (Heft 8 § 86, Heft 13 § 14) Sein Zeitgenosse Giucciardini schrieb, für das Leben eines Staates seien Waffen und Religion erforderlich. (Heft 6 § 87) Gramscis intensive Beschäftigung mit der Problematik der Hegemonie war ein wichtiger Denkanstoß. Aber die Vermengung von Überlegungen, wie eine Ausbeuterklasse den Konsens der Ausgebeuteten erlangen kann, mit Überlegungen, wie der Konsens von verbündeten Klassen (in Bezug auf die Interessenunterschiede, aber keine Interessengegensätze bestehen) hergestellt werden kann, ist problematisch. Die Folge sind dann sehr abstrakte Überlegungen, z.B. inwieweit eine hegemoniale Gruppe materielle Opfer an die Gruppierungen bringen kann, über die Hegemonie ausgeübt werden kann. (Heft 4 § 38) Solche abstrakten Überlegungen machen Gramsci in akademischen Kreisen beliebt, während sie für ihn durch die Gefängniszensur erzwungen waren. Außerdem ist unklar, wie die Phänomene Korruption und Betrug in den Dualismus von Zwang und Konsens eingebaut werden können. Einmal werden sie als eine Art Mittelding behandelt (Heft 1 § 48 S. 120, vgl. Heft 13 § 37), einmal wird die Bestechung durch hohe Löhne im „Fordismus“ als Methode aufgefasst, Konsens zu erreichen. (Heft 4 § 52, Heft 22 § 13).

Staat und Zivilgesellschaft

Gramsci stellte den Dualismus von Zwang und Konsens in einen größeren Zusammenhang: „Die Formel Guicciardinis“ – Waffen und Religion (siehe oben) – „kann in verschiedene andere, weniger drastische Formeln übersetzt werden: Gewalt und Konsens, Zwang und Überzeugung, Staat und Kirche, politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft, Politik und Moral (Croces ethisch-politische Geschichte), Recht und Freiheit, Ordnung und Disziplin, oder, mit einem impliziten Urteil libertären Beigeschmacks, Gewaltsamkeit und Betrug.“ (Heft 6 § 87, vgl. Heft 8 § 86 und Heft 13 § 14)

Hier kommen wir zu einem der wichtigsten und am häufigsten wieder aufgenommenen Begriffe von Gramsci, dem der „Zivilgesellschaft“, auf Italienisch „società civile“. Es handelt sich um eine italienische Übersetzung des deutschen Begriffs „bürgerliche Gesellschaft“, wie ihn der Philosoph Hegel oder Marx verwendet haben. Warum also jetzt einen neuen Begriff prägen? Ein banaler Grund ist, dass sich dieser Sprachgebrauch durchgesetzt hat. Inhaltlich spricht dafür, dass im Deutschen das Wort „Bürger“ die Doppelbedeutung von Bourgeois/Kapitalist und von Staatsbürger hat, was zu Missverständnissen führt. Und Gramsci versteht „Zivilgesellschaft“ anders als Marx „bürgerliche Gesellschaft“, so dass die Wortneuschöpfung Missverständnisse vermeiden kann. Es wäre aber ein Fehler, „zivil“ als Gegenbegriff zu „militärisch“ aufzufassen.

Heute hört man alle Naslang von „Zivilgesellschaft“, von „Vertretern der Zivilgesellschaft“. Meistens soll damit suggeriert werden, es handle sich dabei um „die Guten“ im Unterschied zu Vertretern des Staates oder der Wirtschaft. (Je nach Sichtweise des Autors können Wirtschaftsbosse aber auch zur Zivilgesellschaft gerechnet werden.) Das hat nichts mit dem Sprachgebrauch von Gramsci zu tun. Für Gramsci ist die Zivilgesellschaft der Bereich der Hegemonie, des Konsenses, also der Bereich, in dem die herrschende Klasse eine führende Klasse ist. Zivilgesellschaft ist für ihn kein Bereich von „herrschaftsfreier Kommunikation“, sondern ein Bereich, der der Stabilisierung der Herrschaftsverhältnisse dient, indem die Beherrschten dazu gebracht werden, ihr Beherrschtwerden in der Regel ohne die Anwendung von Zwang zu akzeptieren. Zur Zivilgesellschaft gehören dabei Bereiche wie die Bildungseinrichtungen, die Medien, die Kirchen, Vereine und Verbände. Die politische Gesellschaft ist dagegen der Bereich, in dem die herrschende Klasse tatsächlich herrscht, Zwang anwendet. Der Staat ist in diesem Verständnis „politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang“ (Heft 6 § 88).

Tatsächlich ist die Zuordnung von Hegemonie und Konsens zur Zivilgesellschaft und von Zwang zur politischen Gesellschaft eine Vereinfachung. Perry Anderson schrieb in seiner bekannten Arbeit „Antonio Gramsci. Eine kritische Würdigung“ (deutsch 1979), dass die bürgerliche Demokratie „die ideologische Hauptwaffe des westlichen Kapitalismus“ sei, weil die formale Gleichheit der WählerInnen die wirkliche Ungleichheit verschleiere. In Deutschland ist die Situation noch krasser. Meinungsumfragen zum Institutionenvertrauen zeigen regelmäßig, dass das Vertrauen der Befragten in die Polizei, also in das wichtigste staatliche Zwangsorgan, besonders groß ist. Zum Beispiel hatten laut Sozialreport 2010 20 Prozent der Westdeutschen und 15 Prozent der Ostdeutschen Vertrauen in den Bundestag, aber 64 Prozent der Westdeutschen und 48 Prozent der Ostdeutschen Vertrauen in die Polizei (S. 108, der Sozialreport 2010 wurde erstellt vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg im Auftrag der Volkssolidarität). Die Polizei wirkt offenbar nicht nur als Zwangsorgan. Da weiterhin der Aberglaube verbreitet ist, die Polizei sei in erster Linie dazu da, den Verkehr zu regeln und alle Bürger vor Verbrechen zu schützen, dient sie auch der Hegemonie und dem Konsens. Auf der anderen Seite üben auch Organisationen der Zivilgesellschaft Gewalt aus. In vielen Ländern haben z.B. schon Kapitalisten bewaffnete Schläger oder gar Todesschwadronen gegen Gewerkschaften und streikende ArbeiterInnen eingesetzt. Ganz zu schweigen von der Gewalt faschistischer Terrororganisationen gegen die Arbeiterbewegung, wie es Gramsci selbst erleben musste…

Gelegentlich wird Gramscis Position anders dargestellt, nicht dass er vereinfachend politische Gesellschaft mit Zwang und Zivilgesellschaft mit Hegemonie gleichgesetzt habe, sondern dass er die Unterscheidung zwischen Zivilgesellschaft und politischer Gesellschaft als „rein methodisch, nicht organisch“ bezeichnet habe. Die Formulierung hat er in einer Polemik gegen den Wirtschaftsliberalismus und dessen Ablehnung von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft verwendet (Heft 4 § 38, vgl. Heft 13, § 17). Aber wenn die politische Gesellschaft in die Zivilgesellschaft und die Wirtschaft eingreifen kann, besteht trotzdem zwischen beiden ein objektiver Unterschied. Die Formulierung Gramscis hat höchstens für totalitäre Staaten Gültigkeit, in denen der Staat (Gramscis „politische Gesellschaft“) die Zivilgesellschaft gleichschaltet. Mit dieser Formulierung verwischt Gramsci, ganz entgegen seiner sonstigen Einstellung, den Unterschied von bürgerlicher Demokratie und Faschismus. Deshalb sollte man diese Formulierung Gramscis als Ausrutscher bewerten und nicht zur Grundlage einer Interpretation Gramscis machen.

Basis und Überbau, Strukturen und Superstrukturen

Bisher könnte es scheinen, als würden politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft, also der Staat im Sinne Gramscis, in der Luft hängen. Aber Gramsci fasst sie auch als Superstrukturen zusammen und stellt sie damit in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Basis. In seinen Gefängnisheften kommentiert er immer wieder das bekannte „Vorwort“ zur „Kritik der Politischen Ökonomie“ von Marx (1859). Dort schrieb Marx von der „ökonomischen Struktur der Gesellschaft“, der „realen Basis“, „worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen“. Im Italienischen ist es (ebenso wie im Englischen oder Französischen) üblich, Überbau mit „Superstruktur“ (superstruttura) wiederzugeben. Das verleitet dazu, das Wort „Superstruktur“ auf das Wort „Struktur“ und nicht auf „Basis“ zu beziehen. So wird aus dem „Dreiklang“ Basis – Überbau – Bewusstseinsformen ein Dualismus Struktur – Superstruktur. Die Folge ist, dass mit dem Begriff „Superstrukturen“ Überbau und Bewusstseinsformen zusammengefasst werden. Polizei oder Gefängnisse einerseits und ästhetische oder religiöse Ansichten andererseits sind aber so verschiedenartig, dass es nicht gerade hilft, sie in einen Topf zu werfen.

Eine weitere Folge: der Begriff „Basis“ wirft die Frage auf: „Basis wovon?“, „Überbau“ wirft die Frage auf: „Überbau wovon?“ Beide Begriffe sind aufeinander bezogen, es geht um ein Basis-Überbau-Verhältnis. Dagegen wirft der Begriff „Struktur“ die Frage auf: „wie strukturiert?“, also nach der inneren Gliederung der Basis, nicht nach ihrem Verhältnis zum Überbau. Marx hat sich ausführlich mit dieser inneren Gliederung beschäftigt. Aber wenn er sich für sie interessierte, verwendete er nicht die Begriffe Basis und Überbau. Wenn er diese Begriffe verwendete, kam es ihm genau auf diesen Zusammenhang zwischen ihnen an. Sie durch Struktur und Superstruktur zu ersetzen, bedeutet, diesen Zusammenhang zu lockern. Und genau das passiert bei Gramsci.

Neben der italienischen Sprache hat auch die italienische Geschichte Gramsci in diese Richtung gedrängt. Italien und Deutschland sind im 19. Jahrhundert kurz nacheinander bürgerliche Nationalstaaten geworden. In Deutschland war ein entscheidender Faktor die wirtschaftliche Entwicklung, die die Kleinstaaterei immer mehr zu einem Hemmnis machte. Schon Jahrzehnte vor der Reichsgründung gab es Bestrebungen wirtschaftlicher Vereinheitlichung wie den Deutschen Zollverein. Die Entwicklung der Produktivkräfte führten zu Veränderungen in der wirtschaftlichen Basis und dem politischen Überbau. Im wirtschaftlich rückständigeren Italien entwickelte sich das Bedürfnis nach nationaler Einigung weniger durch die Entwicklung der Produktivkräfte als durch die Konkurrenz mit anderen Staaten. „Das Problem war nicht so sehr, die bereits entwickelten wirtschaftlichen Kräfte von den veralteten rechtlichen und politischen Fesseln zu befreien, als vielmehr, die allgemeinen Bedingungen zu schaffen, damit diese wirtschaftlichen Kräfte entstehen und sich nach dem Modell der anderen Länder entwickeln konnten.“ (Heft 6 § 87) Das ist keine Widerlegung von Marx. Er bezeichnete seine oben zitierte Skizze als „allgemeines Resultat“, was einschließt, dass die konkrete Entwicklung in einzelnen Ländern davon abweichen kann. Sie ist ein „Leitfaden“ für die Erforschung der Geschichte, kein Universalschlüssel, der das Studium der wirklichen Geschichte überflüssig machen würde.

War Gramsci historischer Materialist?

Ich habe zu zeigen versucht, dass Gramsci in einzelnen Fragen von Marx abweicht und dass das teilweise nicht hilfreich ist (z.B. das Zusammenwerfen von Überbau und Bewusstseinsformen). Aber manche Autoren (z.B. Christian Riechers, der 1967 die erste Textsammlung Gramscis in der BRD herausgab, oder das Autorenkollektiv Kaminski, Karuscheit und Winter 1982) werfen Gramsci vor, insgesamt ein idealistischer „Abweichler“ vom historischen Materialismus, von der marxistischen Geschichtsauffassung gewesen zu sein. Sie werfen Gramsci vor, er habe den menschlichen Willen zur Triebfeder der Geschichte gemacht und Marx auf den Kopf gestellt: Während bei Marx die Entwicklung der Produktivkräfte der Motor der Geschichte ist, die die Produktionsverhältnisse (die ökonomische Basis) und auf diese Weise indirekt den politisch-juristischen Überbau und die Bewusstseinsformen bestimmt, würden bei Gramsci der Staat und das Bewusstsein die Geschichte bestimmen. Es stimmt, dass Gramsci den Staat nicht als passiven Reflex der Wirtschaft gesehen hat. Aber das haben auch Marx und Engels nicht behauptet. Und im 20. Jahrhundert, im Zeitalter des Imperialismus, ist die Wirkung des Staats auf die Wirtschaft größer und sichtbarer geworden. Wenn Gramsci gegen eine mechanistische, fatalistische Karikatur des Marxismus kämpfte und die Bedeutung des Staates und des bewussten menschlichen Handels in der Geschichte betonte, hatte er Recht. Damit verteidigte er einen wichtigen Aspekt des Marxismus sowohl gegen seine sozialdemokratische als auch stalinistische Entstellung.

Zwei Aspekte von Gramscis Staatstheorie sicherten ihren marxistischen Charakter. Erstens betonte er den Klassencharakter des Staats. Der Staat ist der organisierte Ausdruck der jeweils herrschenden Klasse. Wenn man zweitens die verschiedenen Äußerungen Gramscis über den Inhalt der staatlichen Tätigkeit anschaut, dann ist die Entwicklung der Produktivkräfte ein zentrales Thema. Dabei darf man Produktivkräfte nicht mit Technik gleichsetzen. Diese ist nur ein Teilaspekt. Die produktiven Fähigkeiten der Menschen gehören ebenso dazu. In diesem Sinne gehören auch viele der Ausführungen von Gramsci über die Rolle des Staats bei Bildung und Erziehung zur Thematik Entwicklung der Produktivkräfte.

Eine längere Passage über „Kräfteverhältnisse“ ist in diesem Zusammenhang interessant. Er unterscheidet dort drei Momente oder Ebenen: Als erstes nennt er ein eng an die Struktur (also die ökonomische Basis) gebundenes, objektives Verhältnis: „Auf der Basis des Entwicklungsgrades der materiellen Produktivkräfte treten die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen auf, wobei jede derselben eine Funktion und eine Stellung in der Produktion selbst repräsentiert.“ (Heft 4 § 38, vgl. Heft 13 § 17) Dieses Kräfteverhältnis entscheidet, ob die Bedingungen für eine Umgestaltung der Gesellschaft vorhanden sind, ob die in einer Gesellschaft vorhandenen Ideologien realistisch sind. Wenn Gramsci nicht glaubt, dass das durch die Entwicklung der Produktivkräfte möglich gewordene automatisch passiert, sondern dass nur durch menschliches Handeln aus der Möglichkeit Wirklichkeit wird, dann hat er völlig Recht.

Eine Seite des historischen Materialismus

Deshalb hat Gramsci nicht den historischen Materialismus verlassen, aber er hat eine Seite von ihm in den Vordergrund geschoben. Das Marx-Zitat, das dem Artikel als Motto vorangestellt wurde, zeigt die beiden Seiten des historischen Materialismus prägnant. Auf der einen Seite machen die Menschen ihre Geschichte. Auf der anderen Seite machen sie sie „nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“. Gramsci hat die erste Seite stark betont, was seine Überlegungen an verschiedenen Stellen schief und einseitig macht.

Das fängt an bei Gramscis Dualismus von Zwang und Konsens. Er kann ein zentrales Merkmal des Kapitalismus nicht adäquat erfassen – nämlich, dass „Umstände“, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf die Menschen Zwänge ausüben, die vom direkten Zwang (durch Polizei, Gefängnisse etc.) sehr verschieden sind.

Und das Bestehen halbwegs stabiler Verhältnisse, also die beständige Reproduktion dieser Verhältnisse ist nicht vorstellbar ohne das Vorhandensein irgendwelcher Gesetzmäßigkeiten, die diese beständige Reproduktion bewirken. Das bedeutet gleichzeitig einen Zwang gegenüber den einzelnen Menschen, sich gemäß diesen Gesetzmäßigkeiten zu verhalten und damit die ökonomischen und sonstigen gesellschaftlichen Verhältnisse zu reproduzieren. Für die ArbeiterInnen ist das der Zwang, ihre Arbeitskraft zu verkaufen (was in der Arbeiterbewegung früher oft bildhaft als „Hungerpeitsche“ bezeichnet wurde), für die Kapitalisten z. B. der Zwang der Konkurrenz.

Eine interessante Frage ist gerade das Spannungsverhältnis zwischen diesen Zwängen und dem Umstand, dass trotzdem die Menschen „ihre eigene Geschichte“ machen. Marx hat in dem bereits erwähnten Vorwort zur „Kritik der Geschichte der politischen Ökonomie“ die Frage beantwortet, indem er erklärte, dass die materiellen Produktivkräfte auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung in Widerspruch mit den Produktionsverhältnissen geraten und dann eine Epoche sozialer Revolution eintritt. Das ist der springende Punkt! So lange die Produktionsverhältnisse den Produktivkräften entsprechen, führen auch Klassenkämpfe und andere gesellschaftliche Kämpfe nur zur Reproduktion dieser Verhältnisse, bewirken z.B. dass die Ausgebeuteten sich einen Lebensstandard sichern, durch den sie weiter als Ausbeutungsobjekte zur Verfügung stehen. Im Unterschied dazu besteht in Epochen sozialer Revolution die Möglichkeit, dass Klassenkämpfe zur Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse führen.

Gehen wir weiter: Gramsci beschreibt die Entwicklung der Produktivkräfte als wesentlichen Inhalt der Staatstätigkeit – aber was, wenn die Produktionsverhältnisse und damit Klassenverhältnisse zur Fessel der Produktivkräfte werden? Wenn die Produktivkraftentwicklung die Klassenherrschaft bedroht? Ist es dann nicht naheliegend, dass der Staat die Entwicklung der Produktivkräfte bremst oder sie gar in Destruktivkräfte verwandelt? Hat nicht die Frage, inwieweit die herrschende Klasse führt und wie weit sie herrscht, inwieweit sie sich auf Konsens stützen kann oder zum Zwang greifen muss, auch damit zu tun, wie weit sie eine Entwicklung der Produktivkräfte fördert oder zumindest ermöglicht? Das meinte wohl Gramsci, als er schrieb, dass der Konsens „»historisch« aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erwächst“. (Heft 12 § 1, vgl. Heft 4 § 49) Gramscis Betonung der Rolle des Staates steht keineswegs im Widerspruch zur Marxschen Erkenntnis, dass Produktionsverhältnisse und der sich über ihnen erhebende Überbau zu einer Fessel für die Entwicklung der Produktivkräfte werden und dann eine Epoche sozialer Revolution eintritt. Die Schieflage bei Gramsci besteht nicht darin, dass er die Rolle des Staats ausgearbeitet hat, sondern darin, dass er die Rolle der gesellschaftlichen Verhältnisse unterbetont hat, statt die Wechselwirkung zwischen beidem ausführlicher zu untersuchen.

Verhältnisse – Institutionen – Faktoren?

Jetzt können wir auch den Einwand einordnen, dass Marx die bürgerliche Gesellschaft zur Basis gerechnet habe, aber Gramsci die Zivilgesellschaft zu den Superstrukturen. Das ist vor allem Ausdruck davon, dass Marx und Gramsci unter Gesellschaft verschiedenes verstanden. Für Marx hieß „Gesellschaft“ vor allem „gesellschaftliche Verhältnisse“, für Gramsci „gesellschaftliche Institutionen“ (eben Bildungseinrichtungen, die Medien, die Kirchen, Vereine, Verbände etc.). Gesellschaftliche Verhältnisse zur Basis zu rechnen und gesellschaftliche Institutionen zum Überbau ergibt beides Sinn. Der Einwand gegen Gramsci wäre also nicht, die Zivilgesellschaft zu den Superstrukturen zu zählen, sondern erneut, sich einseitig mit den Institutionen beschäftigt und die Verhältnisse vernachlässigt zu haben.

Man kann das noch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: In der Geschichte der Geschichtswissenschaft waren Faktorentheorien zeitweise beliebt. Aus der verwirrenden Vielfalt des historischen Geschehens wurden politische, religiöse, kulturelle, wirtschaftliche etc. Faktoren abstrahiert und die wirkliche Geschichte dann für ein Wechselspiel dieser Faktoren gehalten. Der Marxismus erscheint aus dieser Sicht als eine Faktorentheorie, in der dem wirtschaftlichen Faktor übertriebene Bedeutung beigemessen werde.

Tatsächlich wird die Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut gemacht und nicht von Faktoren. Und diese Menschen befinden sich gleichzeitig in wirtschaftlichen, sozialen, politischen etc. Verhältnissen zu anderen Menschen, gehören gleichzeitig der Basis und dem Überbau an und haben „bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen“ im Kopf. Niemand hat besser als Antonio Labriola, der erste italienische Theoretiker des Marxismus (1843-1904), die Faktorentheorie kritisiert. Trotzki hat ihn dafür in seiner Autobiographie gelobt und auch selbst dessen Kritik an der Faktorentheorie angewandt. Umso auffälliger ist, dass Gramsci, der Labriola ebenfalls schätzte und Trotzki wegen vermeintlicher Labriola-Kritik zurechtwies (Heft 3 § 31, Heft 11 § 70), diesen Gedanken Labriolas nicht übernahm, sondern sich von der Faktorentheorie in eine andere Richtung entfernte. Er stellte den abstrakten „Faktoren“ nicht Menschen aus Fleisch und Blut entgegen, sondern konkrete Institutionen, Organisationen etc.

Er beschäftigt sich ausführlich mit den Organisationen und Institutionen, in denen die Menschen tätig sind, und die die schwachen Einzelwillen der Menschen zu geschichtlich wirksamen Kollektivwillen zusammenfassen. Aber dass diese einzelnen Menschen, die diesen Organisationen angehören, zugleich in diversen Produktions-, gesellschaftlichen und sonstigen Verhältnissen zu anderen Menschen stehen, das hat er vernachlässigt. Nicht dass er es bestritten hätte, aber er hat es nicht bis in seine Konsequenzen durchdacht und nicht genügend berücksichtigt.

Osten und Westen

Gramscis Dualismus von Herrschaft und Führung, von Zwang und Konsens, von politischer Gesellschaft und Zivilgesellschaft führt ihn zu weiteren Dualismen, unter anderem denen von Ost und West und von Bewegungs- und Stellungskrieg. Gramsci zog eine Analogie zwischen der Kriegsführung im Ersten Weltkrieg und dem politischen Kampf (auch wenn er einräumte, dass solche Vergleiche mit Vorsicht angewendet werden müssen). Dem Bewegungskrieg an der Ostfront entspreche der handstreichartige Sieg der Revolution in Russland 1917. Dem Stellungskrieg (Schützengrabenkrieg) an der Westfront entspreche ein schrittweises Erobern der Institutionen der politischen und Zivilgesellschaft im Klassenkampf in den westlichen industrialisierten Ländern. Die „Superstrukturen der Zivilgesellschaft sind wie das System der Schützengräben im modernen Krieg. Wie es vorkam, dass ein heftiger Artillerieangriff gegen die feindlichen Gräben, der alles zerstört zu haben schien, in Wirklichkeit nur die Oberfläche der Verteidigung zerstört hatte und im Augenblick des Vorstoßes die Angreifer eine immer noch wirksame Verteidigung vorfanden, so geschieht es in der Politik in den großen Wirtschaftskrisen (…) Nicht dass die Dinge beim Alten blieben; aber die Dinge entwickeln sich nicht blitzartig und im unwiderruflichen Vorwärtsschreiten.“ (Heft 7 § 10, vgl. Heft 13 § 24) Und: „Im Osten war der Staat alles, die Zivilgesellschaft war in ihren Anfängen und gallertenhaft; im Westen bestand zwischen Staat und Zivilgesellschaft ein richtiges Verhältnis, und beim Wanken des Staates gewahrte man sogleich eine robuste Struktur der Zivilgesellschaft. Der Staat war nur ein vorgeschobener Schützengraben, hinter welchem sich eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand“. (Heft 7 § 16) Gramsci stellt also hier den Osten mit einer gallertenhaften Zivilgesellschaft dem Westen mit einer entwickelten Zivilgesellschaft, einem „richtigen Verhältnis“ von Staat und Zivilgesellschaft gegenüber. (Hier verwendet er offenbar „Staat“ im Sinn von „politischer Gesellschaft“, nicht als Zusammenfassung von politischer und Zivilgesellschaft.) Deshalb war in Russland 1917 der Bewegungskrieg anwendbar, während im Westen nur der Stellungskrieg in Frage kam: „Mir scheint, Iljitsch [= Lenin] hatte verstanden, dass es einer Wende vom Bewegungskrieg, der 1917 siegreich im Osten angewandt worden war, zum Stellungskrieg bedurfte, welcher der einzig mögliche im Westen war (…). Dies scheint mir die Formel von der »Einheitsfront« zu bedeuten.“ (Heft 7 § 16)

Gramscis Schlussfolgerung aus seinen Überlegungen ist also nicht, eine neue Taktik vorzuschlagen, sondern das für richtig zu erklären, was die Kommunistische Internationale 1921/22 beschlossen hatte. Der Hintergrund war, dass die Komintern die damalige Einheitsfrontpolitik inzwischen faktisch über Bord geworfen hatte und eine Karikatur („Einheitsfront nur von unten“) vertrat.

Einheitsfront und Permanente Revolution

Aber statt die falsche Politik der Komintern offen anzugreifen, tarnte er seine Kritik als Kritik an Trotzkis Theorie der permanenten Revolution, die er der Einheitsfront gegenüber stellte. Tatsächlich war die Einheitsfront keine Erfindung Lenins. Sie war spontan an der Basis entstanden, z.B. in der russischen Revolution 1917 im Abwehrkampf gegen den Putschversuch des Generals Kornilow. Als die Kommunistische Internationale 1921/22 die Einheitsfrontmethode als längerfristige Taktik entwickelte, kam der Anstoß dafür auch von unten, z.B. durch das konkrete Einheitsfrontangebot der Stuttgarter kommunistischen MetallarbeiterInnen an ihre KollegInnen aus SPD und USPD Ende 1920. In den folgenden Monaten kämpften Lenin und Trotzki Seite an Seite dafür, dass die Komintern die Einheitsfrontmethode übernahm. Und zu der Zeit, als Gramsci seine Gefängnishefte schrieb, kämpfte Trotzki leidenschaftlich dafür, dass die KPD der Sozialdemokratie eine Einheitsfront gegen den Faschismus in Deutschland anbot.

Tatsächlich geht es bei Einheitsfront und permanenter Revolution um ganz verschiedene Ebenen. Bei der Einheitsfront geht es um die Strategie und Taktik der Kommunistischen Partei. Bei der Permanenten Revolution geht es um ihre Perspektiven und Aufgaben: Kann man sich in Ländern, in denen die Aufgaben der bürgerlichen Revolution noch nicht verwirklicht wurden (Schaffung eines Nationalstaats, Lösung der Agrarfrage etc.) auf diese Ziele beschränken? Oder können diese Fragen eine solche revolutionäre Sprengkraft entfalten, dass sie die Arbeiterklasse an die Macht bringen, die sich dann darüber hinaus sozialistische Ziele stellt? Bezogen auf Italien bedeutete das z. B. die Frage, ob die „Südfrage“, die halbkoloniale Ausbeutung Süditaliens durch die norditalienischen Kapitalisten, im Rahmen des Kapitalismus zu lösen war oder nicht. Wenn Gramsci unmittelbar vor seiner Verhaftung in seiner bekannten Arbeit „Einige Gesichtspunkte der Frage des Südens“ schrieb: „Wenn das Proletariat des Nordens sich selbst von der kapitalistischen Sklaverei befreit, wird es auch die Bauernmassen des Südens befreien, die unter der Knechtschaft der Banken und des parasitären Industriekapitals des Nordens leben“, dann vertrat er in dieser Frage selbst die Position der „permanenten Revolution“.

Was Gramsci mit dem von ihm unpassend verwendeten Ausdruck „permanente Revolution“ wirklich meinte, war der Rückfall der Komintern in die „Offensivtheorie“ von 1921. Das war die Vorstellung, dass eine revolutionäre Partei unabhängig von der Lage und vom Kräfteverhältnis nur revolutionäre Offensivkämpfe führen dürfe. Diese platte „Theorie“ ähnelte in der Tat dem, was Gramsci jetzt „Bewegungskrieg“ nannte. Sie war damals auf Drängen von Lenin und Trotzki verworfen worden war (wovon Gramsci selbst erst 1923 überzeugt wurde). In der Kritik an diesem Rückfall waren sich Gramsci und Trotzki völlig einig. So schrieb der „Leninbund“, die Oppositionsgruppe, in der Trotzkis deutsche AnhängerInnen damals aktiv waren, nach dem 1. Mai 1929 (als die KPD-Führung auf ein Blutbad an kommunistischen ArbeiterInnen mit wilden Parolen reagierte), „dass die Thesen des Sekretariats des ZK der KPD alles in den Schatten stellen, was je zur Zeit des blühendsten Putschismus und der ‚Offensivtheorie’ verzapft worden ist. Damals aber hatte man die Gewähr, dass unter Führung von Lenin die Komintern wie ein reinigendes Gewitter dreinfuhr. (…) Heute aber steht zu erwarten, dass die Komintern und WKP [Allrussische Kommunistische Partei] unter Stalin den verbrecherischen Unsinn der Thälmann-Neumann noch unterstützen werden.“ („Der 1. Mai und die KPD. Ultralinke Kinderkrankheiten.“, in: Die Fahne des Kommunismus, 3. Jg. Nr. 18, 17. 5. 1929)

In Italien nahm das Sektierertum der Komintern die Form an, dass von den KommunistInnen ein offensives Auftreten ohne Rücksicht auf die Bedingungen der Illegalität verlangt wurde. Drei Mitglieder der Parteileitung widersetzten sich und wurden ausgeschlossen. Sie schlossen sich Trotzkis internationaler linker Opposition an. Gramscis Behauptung, dass Trotzki als „Theoretiker des Frontalangriffs zu einer Zeit, in der dieser nur zur Niederlage führt, angesehen werden kann“ (Heft 6 § 138) war völlig unrichtig.

Exkurs: Gramscis Trotzki-Kritik

Gramsci polemisiert in seinen Gefängnisheften mehrfach gegen Trotzki. Die Kritik ist so schwach, dass man nur hoffen kann, dass sie ein gezieltes Ablenkungsmanöver war, um nicht selbst in den Verdacht „trotzkistischer Abweichungen“ zu geraten.

Zunächst einmal war die Theorie der Permanenten Revolution kein Wiederaufgreifen der Marxschen Bemerkungen über die Jakobiner und die Revolution 1848/49. Trotzkis Theorie ergab sich aus einer Analyse der Klassenbeziehungen in Russland. Das Etikett „permanente Revolution“, das an die Marxschen Äußerungen anknüpfte, stammte gar nicht von Trotzki, sondern von seinen Gegnern. Dass die Theorie bei Trotzki eine „abstrakte Sache“, „wie aus der Studierstube“ gewesen sei, während sie von seinen Gegnern „in einer der aktuellen Geschichte entsprechenden, konkreten, lebendigen, der Zeit und dem Ort angemessenen Form“ faktisch angewandt worden sei (Heft 19 § 24, vgl. Heft 1 § 44), ist unsinnig. Schließlich war es Trotzki, der die faktische Anwendung der Theorie in der Oktoberrevolution organisierte.

Gramsci mokierte sich über den Satz des bolschewistischen Politikers Lunatscharski, dass Trotzkis Theorie mit 15 Jahren Verspätung in Erfüllung gegangen sei. (Heft 7 § 16) Aber wie Trotzki schon in seiner Autobiographie schrieb, bestand die Differenz zwischen ihm und anderen russischen Revolutionären nicht darin, dass Trotzki sich im Termin des Sieges der Revolution geirrt hatte – alle erhofften 1905/06 den unmittelbaren Sieg der Revolution. Die Differenz war, dass Trotzki als einziger die Perspektive hatte, dass die Arbeiterklasse in Russland früher als in Westeuropa an die Macht kommen könne, wie es 1917 tatsächlich geschah. In seinem im ersten Teil dieses Artikels zitierten Brief vom Februar 1924 hatte Gramsci das noch verstanden.

Gramsci brachte Trotzkis Theorie mit der Rückständigkeit Russlands zusammen und sagte, dass der „Bewegungskrieg“ veraltet sei für die modernen Staaten, aber „nicht für die zurückgebliebenen Länder und für die Kolonien“. (Heft 13 § 7) Aber Trotzkis Theorie der permanenten Revolution bezog sich genau auf „die zurückgebliebenen Länder und die Kolonien“! Gramscis „Einwand“ war also eine Bestätigung Trotzkis.

Gramsci erwiderte Trotzkis Nationalismus-Vorwurf gegen Stalin damit, dass die bolschewistische Politik 1902-1917 internationalistisch gewesen sei. (Heft 14 § 68) Aber Trotzki warf Stalin ja gerade vor, durch seine Theorie des „Sozialismus in einem Lande“ mit dieser bolschewistischen Tradition gebrochen zu haben und nahm für sich in Anspruch, diese Tradition fortzusetzen (weshalb sich die linke Opposition um Trotzki Bolschewiki-Leninisten nannte).

Das entscheidende Motiv für Gramscis Ablehnung Trotzkis dürfte aber (wie im ersten Teil dieses Artikels beschrieben) gewesen sein, dass er glaubte, die Stalin-Fraktion nehme auf die Bauernschaft besser Rücksicht. Dass Gramsci das nicht korrigierte, während Stalin im Rahmen der Zwangskollektivierung tatsächlich Massenmord an den BäuerInnen beging, ist vielleicht mit Mangel an Information über die Ereignisse in der Sowjetunion erklärbar.

Bewegungskrieg und Stellungskrieg

Gramscis Stellungskrieg-Bild knüpfte also an die Einheitsfrontpolitik von Lenin und Trotzki an. Aber war es eine Verbesserung? Eine der wenigen positiven Bemerkungen Gramscis über Trotzki bezieht sich auf dessen Referat auf dem 4. Kominternkongress (am 14. November 1922). Trotzki argumentierte: „erst als das Bürgertum zu verstehen begann, was es verlor, wenn es die Macht verlor, suchte es mit allen Mitteln, wobei es selbstverständlich die erste Stelle an den Adel, die adeligen Offiziere usw. abtrat, die potentiellen konterrevolutionären Reserven in Bewegung zu setzen.“ (Protokoll des IV. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale (Reprint), Erlangen 1972, 269) Deshalb gab es in Russland nach dem Sieg der Revolution einen langen blutigen Bürgerkrieg, während nach der russischen Erfahrung in Westeuropa schon vor der Revolution die herrschenden Klassen alles mobilisierten, um sie zu verhindern. Deshalb sei im Westen die Machteroberung für die Arbeiterklasse schwerer, aber danach werde es leichter sein. Gramsci kommentierte diese Überlegungen Trotzkis: „Es würde also darum gehen, ob die Zivilgesellschaft vor oder nach dem Angriff widersteht, wo dieser erfolgt usw. Die Frage ist aber nur in glänzender literarischer Form dargestellt worden, doch ohne Hinweise praktischer Art“ (Heft 3 § 24) Abgesehen davon, dass „Hinweise praktischer Art“ nicht nötig waren, weil die Einheitsfrontpolitik ja bereits beschlossen war – Trotzki argumentierte hier nicht, dass es in Russland keine Zivilgesellschaft gegeben habe, sondern dass sie überrascht worden sei. Tatsächlich ist Gramscis oben zitiertes Argument, dass der Staat (im Sinne von politischer Gesellschaft) in Russland „alles“ gewesen sei, nicht haltbar. In Russland gab es auch Hegemonie und Konsens. Man denke an die Rolle, die die orthodoxe Kirche, der Zarenkult oder der Antisemitismus spielten. Wenn Gramsci über Italien während der Revolution 1848/49 schrieb, also zu einer Zeit, als nach seinem Schema der Bewegungskrieg angemessen war, dann war ihm klar, dass es da auch eine Zivilgesellschaft gab. Er erinnerte, dass „die kroatischen Bauern 1848 gegen die Mailänder Liberalen kämpften und die lombardisch-venezianischen Bauern gegen die Wiener Liberalen. Den realen ethisch-politischen Zusammenhang zwischen Regierenden und Regierten bildete damals die Person des Kaisers oder des Königs“ (Heft 10 I § 13, vgl. Heft 8 § 227) Und wir können noch weiter in die Vergangenheit gehen: Gramsci berief sich, wie gesehen, bei seinem Konzept von Zwang und Konsens auf Machiavelli und Guicciardini – Autoren des 16. Jahrhunderts. Wenn es Zivilgesellschaft und Hegemonie aber auch in der Vergangenheit gab – sie nur anders organisiert waren –, dann macht es keinen Sinn, den Bewegungskrieg einer vor-zivilgesellschaftlichen Geschichtsperiode zuzuordnen. Dann kann man auch für die Zukunft mit Situationen rechnen, in denen der „Bewegungskrieg“ eine angemessene Taktik ist. Und umgekehrt war es keineswegs so, dass der „Bewegungskrieg“ im zaristischen Russland immer die richtige Taktik gewesen wäre. Nach der Niederlage der Revolution von 1905 folgten viele Jahre des „Stellungskriegs“. Sobald Lenin erkannt hatte, dass die Revolution vorbei sei, führte er innerhalb der Bolschewiki einen Kampf für die Beteiligung an Wahlen, trotz des reaktionären und undemokratischen Wahlrechts. Er kämpfte für den Erhalt der legalen Presse, obwohl sie unter den Bedingungen der zaristischen Zensur vieles nur andeuten konnte. Ebenso kämpften die Bolschewiki für den Aufbau legaler Vorfeldorganisationen, von Gewerkschaften, Genossenschaften, Sozialkassen (eine staatliche Sozialversicherung gab es nicht). Zugleich kämpften die Bolschewiki in all diesen Organisationen für ihre Ideen und gegen den Reformismus. Die Bolschewiki kämpften also für den Aufbau einer „Zivilgesellschaft“ (die aber natürlich kein Bereich war, in dem die herrschende Klasse führte und Konsens für ihre Herrschaft organisierte, sondern in dem die RevolutionärInnen am Konsens für einen Sturz der herrschenden Klasse arbeiteten) und für ihre revolutionären Ideen innerhalb dieser „Zivilgesellschaft“.

Auch in der Revolution 1917 gab es lange Phasen, in denen für die Bolschewiki nicht der Kampf um die Macht, sondern um die Mehrheit innerhalb der Arbeiterklasse, der Armee und der Bauernschaft im Vordergrund stand. Im April 1917 gab Lenin die Parole „geduldig erklären“ aus. Gramsci stellte Bewegungs- und Stellungskrieg viel zu mechanisch gegenüber.

Dazu passt auch, dass Gramscis militärische Analogie nicht hinhaute. Seine Einschätzung, der Bewegungskrieg spiele zwischen den industriell fortgeschrittensten Ländern inzwischen eine untergeordnete Rolle, wurde offensichtlich wenige Jahre später durch die „Blitzkriege“ des Zweiten Weltkriegs widerlegt.

Auch hier zeigt sich Gramscis Vernachlässigung der Verhältnisse gegenüber dem menschlichen Handeln. Er argumentiert, dass die moderne Zivilgesellschaft aus zahlreichen Institutionen, Organisationen etc. besteht, die als Verteidigungseinrichtungen des Kapitalismus dienen. Er berücksichtigt nicht, dass die große Masse der Angehörigen dieser Organisationen sich gleichzeitig in Produktionsverhältnissen befindet, die sie zu Angehörigen der Arbeiterklasse machen. Das bedeutet einen Widerspruch zwischen ihrer Klassenlage und dem Zweck der Organisationen, denen sie angehören. Das kann in Zeiten revolutionärer Gärung dazu führen, das scheinbar stabile Institutionen des bürgerlichen Staats oder Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenbrechen oder von der proletarischen Mehrheit ihrer Angehörigen „instandbesetzt“ werden. Oder, um bei Gramscis militärischer Metapher zu bleiben, dass die Soldaten ihre Schützengräben verlassen oder die Gewehre gegen ihre eigenen Offiziere wenden. Vergessen wir nicht, dass der erste Weltkrieg, auf den sich Gramsci berief, so endete und nicht mit der Eroberung eines Schützengraben nach dem anderen im Stellungskrieg. Wenn die moderne Zivilgesellschaft aus zahlreichen Institutionen und Organisationen besteht, schließt das nicht den „Bewegungskrieg“ aus, es bedeutet nur, dass dieser Bewegungskrieg nicht in erster Linie aus Barrikadenkämpfen und der „Eroberung der Straße“ besteht, sondern der Klassenkampf innerhalb der Institutionen und Organisationen der Zivilgesellschaft (und der politischen Gesellschaft) eine wichtige Rolle spielt.

Gramsci hat bei seiner Polemik gegen den Bewegungskrieg nicht nur Trotzki angegriffen, sondern auch Rosa Luxemburg und deren Schrift „Massenstreik, Partei und Gewerkschaften“ von 1906 (Heft 7 § 10, Heft 13 § 24). Offenbar war er sich nicht bewusst, in wie schlechter Gesellschaft er sich da befand: 1910 hatte es zwischen Rosa Luxemburg und dem SPD-Cheftheoretiker Kautsky eine scharfe Auseinandersetzung gegeben. Kautsky verwendete statt der Begriffe Bewegungs- und Stellungskrieg die Begriffe Niederwerfungs- und Ermattungsstrategie, aber bezüglich der Charakterisierung und des behaupteten historischen Geltungsbereichs waren die Parallelen zwischen Kautsky und Gramsci verblüffend. Ein Unterschied war allerdings, dass der Stellungskrieg bei Kautsky letztlich die Vertröstung auf einen Wahlsieg bei den kommenden Reichstagswahlen bedeutete, wovon bei Gramsci natürlich keine Rede sein konnte.

Reformismus und Stalinismus

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man sagt, dass Gramscis Vernachlässigung der sozialen Verhältnisse der Angehörigen von Organisationen ihn auch zu anderen ernsten politischen Fehlern geführt hat. Wie wir im ersten Artikel gesehen haben, unterstützte Gramsci bis zum Herbst 1923 Bordigas Ablehnung der Vereinigung Kommunistischer Parteien mit sich radikalisierenden und in eine revolutionäre Richtung entwickelnden sozialistischen Parteien oder Fraktionen. Noch 1926 betonte Gramsci, die Sozialdemokratie sei der linke Flügel der Bourgeoisie und nicht der rechte Flügel des Proletariats. Damit setzte er die Sozialdemokratie mit ihrer bürgerlichen Ideologie und ihrer den Kapitalismus stabilisierenden Rolle gleich und vernachlässigte, dass ihre Mitgliedschaft aus ArbeiterInnen bestand, die sich durch die Erfahrung mit kapitalistischer Krise und faschistischem Terror radikalisieren konnten. Wegen diesem widersprüchlichen Charakter, der bis in die 1990er Jahre bestand, haben MarxistInnen die Sozialdemokratie damals als bürgerliche Arbeiterparteien oder Arbeiterparteien mit bürgerlicher Führung bezeichnet.

Denselben Fehler machte Gramsci bei seiner Analyse – oder vielmehr Nicht-Analyse – des Stalinismus, nur dass hier die Entwicklung umgekehrt war. Während die Sozialdemokratie eine bürgerliche Führung hatte, aber sich die Basis radikalisierte, waren die Bolschewiki ursprünglich eine durch und durch revolutionäre Partei. Die Isolation der russischen Revolution führte zur Herausbildung einer privilegierten Bürokratie. Auch innerhalb der Bolschewistischen Partei gingen die Unterdrückung der innerparteilichen Demokratie und die Einführung von materiellen Privilegien Hand in Hand. Der verstorbene russische Historiker Wadim Rogowin hat in seinem Buch „Trotzkismus“ (deutsch 2010) die Verbindung zwischen beiden Entwicklungen ausgezeichnet herausgearbeitet. Die Tatsache, dass die Parteifunktionäre immer mehr zu privilegierten Bürokraten wurden, sich also in völlig veränderten sozialen Verhältnisse befanden, führte dazu, dass sich schließlich der Charakter der Partei vollständig veränderte, von einer revolutionären Kampforganisation zu einem Unterdrückungsorgan gegen die ArbeiterInnen. Gramsci, der diese sozialen Veränderungen nicht verstand, konnte natürlich die Verwandlung der Bolschewistischen Partei ebenfalls nicht verstehen und daher auch nicht den Kampf der Linken Opposition um Trotzki gegen diese Verwandlung.

Gegen den reformistischen Missbrauch Gramscis

Verwirrend ist auch, dass Gramsci in dem oben angeführten Zitat den Staat (im Sinne von politischer Gesellschaft) als „vorgeschobenen Schützengraben“ bezeichnet hat. Das würde bedeuten, dass die herrschende Klasse normalerweise mittels Zwang herrscht und erst, wenn dieser Zwang versagt, wenn dieser Schützengraben gefallen ist, zum Konsens ihre Zuflucht nimmt. Natürlich ist es genau umgekehrt, was Gramsci auch an mehreren Stellen ausführt. Er schrieb z. B., dass der staatliche Zwangsapparat „für die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der Führung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.“ (Heft 12 § 1, vgl. Heft 4 § 49)

Gramsci hatte völlig Recht mit seiner Polemik gegen die damalige platte Kominternvorstellung, dass die Weltwirtschaftskrise ab 1929 automatisch zur Revolution führen würde. Aber das hieß nicht, dass die ArbeiterInnen die politische Macht erobert hätten und sich dann in den Fallstricken der Zivilgesellschaft verfangen hätten. Sondern sie kamen gar nicht erst bis zur Machteroberung. Gramscis Formulierung, dass die politische Gesellschaft und nicht die Zivilgesellschaft der vorderste Schützengraben sei, ist höchst gefährlich. Denn wenn in einer revolutionären Situation die kapitalistischen Institutionen der Zivilgesellschaft und des Staates in der Luft hängen, wenn die Macht quasi auf der Straße liegt und die Arbeiterklasse sie nur aufheben müsste, dann gibt es tatsächlich noch „Schützengräben“ zur Verteidigung des kapitalistischen Staats (und zwar Schützengräben, die tatsächlich in Westeuropa viel stärker waren als im zaristischen Russland): nämlich die reformistischen und zentristischen (d.h. in Worten revolutionären und in Taten reformistischen) Strömungen in der Arbeiterbewegung. Sie erfinden dann tausend Ausreden und Vorwände, warum die Arbeiterklasse die Macht nicht übernehmen darf. Gramscis Behauptung, dass hinter dem gefallenen Schützengraben des Staats noch nicht eroberte Schützengräben der Zivilgesellschaft seien, kann als eine solche Ausrede dienen. So kann die Einschüchterung der Arbeiterklasse mit dem fiktiven Hindernis der Zivilgesellschaft zu einem wirklichen Hindernis bei einer revolutionären Machtübernahme werden. Das beste Mittel, solche falschen Ideen in der Praxis zu bekämpfen, ist die Einheitsfrontmethode. Und um den reformistischen Missbrauch des Ansehens Gramscis zu verhindern, ist auch die Klärung seiner wirklichen Ideen wichtig.

Denn wenn man einzelne missglückte Formulierungen weglässt: ein roter Faden seiner Gefängnishefte ist, welche aktive und dynamische Rolle der Staat (sowohl im traditionellen als auch in Gramscis erweiterten Sinne) spielt. Die logische Schlussfolgerung ist, dass die Arbeiterklasse keine Möglichkeit verstreichen lassen darf, sich dieses Mittel zu verschaffen. Ebenso wichtig ist aber ein weiterer roter Faden: der Staat ist keine neutrale Institution, kein Gefäß, das verschiedene Klassen mit Inhalt füllen könnten, sondern er ist die als Staat organisierte herrschende Klasse. Deshalb kann die Arbeiterklasse den kapitalistischen Staat nicht übernehmen (oder gar in ihm eine Koalitionsregierung mit kapitalistischen Parteien bilden), sondern muss ihn zerschlagen und durch ihren eigenen Staat (Gramscis Mithäftling Athos Lisa berichtete, dass Gramsci in Gesprächen die Parole „Republik der Arbeiter- und Bauernräte“ verwendete) ersetzen. Der Faschismus in Deutschland und Italien hat gezeigt, welche schrecklichen Folgen es hat, wenn die Arbeiterklasse zögert und die Faschisten den Staat unter ihre Kontrolle bringen (die anders als die Arbeiterklasse den kapitalistischen Staatsapparat verwenden können).

Eine Aufgabe für MarxistInnen ist, Gramsci gegen reformistische Missdeutungen und Vereinnahmungen zu verteidigen. Ein Beispiel ist die Parole der verfassungsgebenden oder konstituierenden Versammlung. Der eben erwähnte Athos Lisa berichtete aus Gesprächen 1930 und 1932, dass Gramsci diese Parole propagierte. Damit war Gramsci gegenüber der damaligen sektiererischen Politik der Komintern völlig im Recht. Leo Trotzki unterstützte zur selben Zeit dieselbe Parole für Italien, ohne dass einer das vom anderen wissen konnte. Beide gingen davon aus, dass in Italien eine proletarische Revolution anstand. Ziel war nicht die Ersetzung des Faschismus durch eine kapitalistische Demokratie, sondern der Sturz des Kapitalismus. Aber beide gingen davon aus, dass zu Beginn der in Bälde erhofften Revolution die Kommunistische Partei eine kleine Kraft sein werde (Gramsci sprach von höchstens 6.000 Aktiven). Deshalb werde die Revolution ein längerer Prozess sein, in dem die Kommunistische Partei die Massen gewinnen werde. Dabei würden neben dem Kampf für ökonomische Forderungen der Massen auch der für demokratische Forderungen eine wichtige Rolle spielen. Und bei diesen demokratischen Forderungen nehme die Konstituierende Versammlung eine zentrale Rolle ein.

1944 übernahm die Kommunistische Partei Italiens diese Parole und der bekannte linke Politikwissenschaftler Frank Deppe, der in seinem mehrbändigen Werk über „Politisches Denken im 20. Jahrhundert“ Gramsci 70 Seiten gewidmet hat, lobt sie für diese Übernahme von Gramscis Idee. Aber die Lage war jetzt völlig anders. Hunderttausende PartisanInnen kämpften gegen die Nazibesatzung Norditaliens und die Kommunistische Partei spielte dabei eine zentrale Rolle (Deppe selbst charakterisiert es als „quasi-revolutionäre Situation am Ende des Krieges“). Wenn die Kommunistische Partei damals ihre Autorität nutzte, um den italienischen Kapitalismus zu retten, dann lernte sie nicht von Gramsci, sondern trat sein Erbe mit Füßen.

Intellektuelle und herrschende Klasse

Eine zentrale Rolle bei der Frage der Hegemonie spielen die Intellektuellen. Gramsci untersuchte Hegemonie in zwei Zusammenhängen: 1. Hegemonie der herrschenden Klasse über beherrschte Klassen; 2. Hegemonie einer revolutionären Klasse im Bündnis mit anderen ausgebeuteten Klassen. Entsprechend stellt sich auch die Frage der Intellektuellen doppelt. Hier geht es zunächst um die Bedeutung der Intellektuellen für die herrschende Klasse.

Gramsci definierte Intellektuelle nicht nach dem Inhalt ihrer Tätigkeit, sondern nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Intellektuellen sind die Funktionäre der Superstrukturen, sowohl der politischen als auch der Zivilgesellschaft. Damit spielen die Intellektuellen eine zentrale Rolle als „Gehilfen“ der herrschenden Klasse, sowohl beim Zwang (beim Herrschen) als auch beim Konsens (beim Führen).

Intellektuelle bilden keine eigene Klasse, sondern verschiedene Klassen bilden jeweils ihre eigenen „organischen“ Intellektuellen heraus. Wenn eine neue herrschende Klasse eine wirtschaftlich fortschrittliche Rolle spielt, dann üben ihre organischen Intellektuellen auf die organischen Intellektuellen der alten herrschenden Klasse eine enorme Anziehungskraft aus und können sie sich unterordnen. Diese organischen Intellektuellen einer früheren herrschenden Klasse nannte Gramsci „traditionelle Intellektuelle“.

Zugleich führt das Aufgehen der traditionellen Intellektuellen in den neuen organischen Intellektuellen dazu, dass es ein hohes Maß an Kontinuität gibt. Ihr deutlichster Ausdruck ist die Kirche, die im Feudalismus der Hegemonie der Feudalherren diente, im Kapitalismus der Hegemonie der Kapitalisten. Aber auch ein bürgerlicher Philosoph kann so in der Geschichte der Philosophie aufgehen, dass er sich Aristoteles mehr verbunden fühlt als den zeitgenössischen Wirtschaftsbossen. Diese Kontinuität trägt zu einer gewissen Autonomie der Intellektuellen gegenüber der herrschenden Klasse bei, die bis zu dem Irrglauben führen kann, dass sie „der Staat“ seien und dass sie über die gesellschaftlichen Kämpfe erhaben seien. Das kann auch zu einem beträchtlichen „Korpsgeist“ unter den Intellektuellen führen, obwohl es innerhalb der Intellektuellen eine Abstufung gibt: oben die „Schöpfer“, unten die Verwalter und Verbreiter des intellektuellen Reichtums.

Die Entwicklung einer revolutionären Klasse

Kommen wir jetzt zur Rolle der Intellektuellen für die revolutionäre Klasse: In dem bereits zitierten Text zu „Kräfteverhältnissen“ und an anderen Stellen hat Gramsci versucht, die Formierung einer neuen Klasse, ihre Entwicklung zu Homogenität und Selbstbewusstsein zu schematisieren. (Gramsci betonte, dass die Wirklichkeit komplizierter ist als dieses Schema. Trotzdem könne es hilfreich sein.)

1. das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Berufsgruppe.

2. das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Klasse innerhalb der bestehenden Verhältnisse. Hier kommen Forderungen nach Mitwirkung, Gleichberechtigung, Reform auf. In dieser Phase bilden sich neben Berufsverbänden (Zünften beim Bürgertum, Gewerkschaften bei der Arbeiterklasse) auch Parteien als bewusste Interessenvertretung. Gramsci behauptete nicht, dass alle historischen Parteien ein solcher Ausdruck einer Klasse waren. Aber für ihn war die Herausbildung von Parteien in diesem Sinne eine historische Notwendigkeit im Formierungsprozess einer Klasse.

3. die eigentliche politische Phase, in der die korporativen Interessen überschritten werden und gemeinsame Interessen mit anderen unterdrückten Gruppen formuliert werden. Aus den zuvor aufkeimenden Ideologien bildet sich eine Ideologie oder Kombination von Ideologien heraus. Es entstehen komplexe Superstrukturen. (Also gewissermaßen Gegen-Superstrukturen gegen die Superstrukturen der herrschenden Klasse.) Da für Gramsci die Intellektuellen die Funktionäre der Superstrukturen sind, ist das mit der Herausbildung von eigenen organischen Intellektuellen durch die revolutionäre Klasse verknüpft.

Intellektuelle und revolutionäre Klasse

Wie erwähnt, hat Gramsci bei seinen historisch-politischen Untersuchungen gerne den Aufstieg des Bürgertums und der Arbeiterklasse verglichen und Parallelen herausgearbeitet. Aber gerade das Verhältnis von Klassen und ihren organischen Intellektuellen zeigt, dass dieser Vergleich so stark hinkt, dass er in die Irre führt. Die feudalen Großgrundbesitzer haben die BäuerInnen ausgebeutet, nicht das Bürgertum. Das entstand quasi in den Nischen der Feudalgesellschaft und erstarkte, teils indem es sich selbst an der feudalen Ausbeutung beteiligte, teils durch die Entwicklung neuer kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Parallel zum wirtschaftlichen Aufstieg des Bürgertums gab es einen Niedergang (und teilweise eine Verbürgerlichung) des Adels. Das aufsteigende Bürgertum brachte seine organischen Intellektuellen (Philosophen, Ökonomen, Naturwissenschaftler usw.) hervor und Ideologien (von der Reformation bis zur Aufklärung), die Massen begeisterten. Weder den Produzenten noch den Konsumenten dieser Ideologien war klar (konnte klar sein), dass ihr historischer Inhalt nur die Ersetzung einer Klassengesellschaft durch eine andere war.

Die Arbeiterklasse als ausgebeutete Klasse hat weder die Ressourcen, eine solche ideologische Dominanz vor der Revolution zu erlangen noch die Notwendigkeit, sich und anderen solche Illusionen zu machen. Ein Bündnis mit der Bauernschaft (besonders in noch landwirtschaftlichen geprägten Ländern) und Intellektuellen ist sicher notwendig. Aber seine Grundlage ist nicht eine gemeinsame von Revolutionären erarbeitete Weltauffassung, sondern konkrete Forderungen und Kampfziele, die auf gemeinsamen Interessen beruhen und eine Brücke von den konkreten Tageskämpfen zur Notwendigkeit einer revolutionären Übernahme der Macht bilden.

Für die Gewinnung der Intellektuellen ist dabei eine schon von Gramsci registrierte Veränderung bedeutsam. Während früher Intellektuelle vor allem in den Superstrukturen tätig waren, führte die Entwicklung der kapitalistischen Industrie zur Entwicklung einer Schicht von Intellektuellen im Produktionsprozess (Techniker, Ingenieure usw.). Gramsci bemerkte, dass sich die ländlichen und traditionellen Intellektuellen zwar teils aus der Bauernschaft rekrutierten, aber die Bauernschaft im Interesse der herrschenden Klasse führten. Dagegen haben die Techniker und Ingenieure keine Hegemonie gegenüber den ArbeiterInnen (höchstens in der Anfangsphase), im Gegenteil konnte die Arbeiterbewegung manchmal die Techniker beeinflussen.

Der Verfasser dieser Zeilen hatte die Gelegenheit seit über zwei Jahren die Rolle von Intellektuellen der verschiedensten Art (Ingenieure, Architekten, Künstler, Rechtsanwälte, Journalisten usw.) in der Bewegung gegen Stuttgart 21 zu sehen. Sie war sehr hilfreich, wenn sie ihr Fachwissen einbrachten, sie konnte schädlich sein, wenn sie bürgerliche Vorurteile innerhalb der Bewegung stärkten (zum Beispiel dass man mit diesem Fachwissen die Herrschenden zur Einsicht bringen könne). Entscheidend war aber, dass sie sich nicht wegen einer neuen Weltauffassung oder aus materiellem Eigeninteresse engagierten (viele haben im Gegenteil beeindruckende Opfer an Zeit und Geld gebracht), sondern weil sie zu der Erkenntnis kamen, dass dieses Projekt nicht im Interesse der Masse der Bevölkerung ist und es eine Alternative dazu gibt. Angesichts der Tatsache, dass die kapitalistischen Produktionsverhältnisse immer mehr im Widerspruch zu einer den Bedürfnissen von Mensch und Natur entsprechenden Entwicklung der Produktivkräfte stehen, ist das kein Einzelfall. Doch um zu erkennen, dass ein modernisierter Kopfbahnhof besser ist als Stuttgart 21, braucht man keine revolutionäre Partei. Damit die besten Intellektuellen erkennen, dass Sozialismus besser als Kapitalismus ist, wird der Aufbau einer revolutionären Partei notwendig sein. Aber diese wird Intellektuelle nicht durch die Entwicklung einer neuen Weltauffassung begeistern können, die einen Gegenentwurf zur bürgerlichen Ideologie darstellt (wie im 18. Jahrhundert die Aufklärung ein Gegenentwurf zur Ideologie des Feudalismus war) oder gar durch das Versprechen von materiellen Privilegien. Sondern sie wird ihnen die Perspektive geben, dass sie nach dem Sturz des Kapitalismus ihre Fähigkeiten zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse statt zur Schädigung von Menschen und Umwelt im Profitinteresse einsetzen können.

Glossar

Bewegungskrieg: Gramsci berief sich bei seiner Unterscheidung von Bewegungskrieg und Stellungskrieg auf den reaktionären russischen General Krasnow. Übertragen von der Kriegsführung auf die Politik bedeutete Bewegungskrieg, handstreichartig einen Sieg der Revolution anzustreben, während Stellungskrieg ein schrittweises Erobern der Institutionen der politischen und Zivilgesellschaft bedeute. Der Bewegungskrieg war nach Gramsci im Westen bis 1870/71 (Niederlage der Pariser Kommune) anwendbar gewesen, in Russland bis zum Sieg der Oktoberrevolution. Die Einheitsfrontpolitik verstand Gramsci als Anerkennung der Notwendigkeit, vom Bewegungs- zum Stellungskrieg überzugehen. Den Grund für die Notwendigkeit sah Gramsci in der größeren Bedeutung der Zivilgesellschaft (s. dort)

Einheitsfront: Bündnis von Arbeiterorganisationen (Arbeiterparteien oder Gewerkschaften) verschiedener Richtungen für gemeinsame Ziele, über die zwischen ihnen Einigkeit besteht (besonders defensive Ziele: Verteidigung von Reallöhnen und Arbeitsbedingungen, gegen faschistische Angriffe etc.), nicht zu verwechseln mit einer Volksfront, also einem politischen Bündnis zwischen Arbeiterorganisationen und bürgerlichen Organisationen. Die Einheitsfrontpolitik wurde von der Kommunistischen Internationale 1921 beschlossen. Ziel war es erstens, trotz der politischen Spaltung der Arbeiterbewegung einen gemeinsamen Kampf für konkrete Ziele zu ermöglichen, zweitens (durch den gemeinsamen Kampf oder wegen der Verweigerung eines gemeinsamen Kampfs durch die reformistischen Führungen) die Masse der reformistischen ArbeiterInnen für revolutionäre Ideen zu gewinnen. (Ausführlich dazu im 1. Artikel)

Hegemonie: Führung, Vorherrschaft. Der Begriff wurde von Gramsci in zwei Kontexten verwendet: 1. Als Hegemonie der Arbeiterklasse gegenüber der mit ihr verbündeten Bauernschaft im Kampf gegen den Kapitalismus. 2. Als Hegemonie des Bürgertums in der kapitalistischen Gesellschaft (s. Zivilgesellschaft)

Intellektuelle: Jede menschliche Tätigkeit enthält ein intellektuelles Moment. In diesem Sinne sind alle Menschen laut Gramsci „Intellektuelle“. Aber nicht alle Menschen üben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen aus. In diesem Sinne Intellektuelle sind die Menschen, die in der Gesellschaft eine organisierende Funktion ausüben. Das betraf historisch die in den Superstrukturen (also politischer und Zivilgesellschaft – s. dort) tätigen Menschen. Im Kapitalismus wächst außerdem die Bedeutung von in der Produktion tätigen Intellektuellen stark an. Neue aufsteigende Klassen bringen ihre eigenen „organischen“ Intellektuellen hervor. Wenn sie an die Macht kommen, können sie die „traditionellen Intellektuellen“, die Intellektuellen der bisher herrschenden Klasse integrieren.

Permanente Revolution: vom russischen Revolutionär Leo Trotzki aufgrund der Erfahrung der russischen Revolution 1905 entwickelte Theorie: In Russland kann das Bürgertum die anstehende bürgerliche Revolution nicht führen. Die Revolution kann nur siegen, wenn die Arbeiterklasse die mit ihr verbündete Bauernschaft führt und eine revolutionäre Regierung unter Führung der Arbeiterklasse an die Macht kommt. Dann kann die Revolution aber nicht bei der Lösung ihrer bürgerlichen Aufgaben (Lösung der Agrarfrage, der nationalen Frage, politische Demokratie etc.) stehen bleiben, sondern die Arbeiterklasse an der Macht muss sozialistische Aufgaben in Angriff nehmen. An ihnen haben ihre bisherigen bäuerlichen Verbündeten kein unmittelbares Interesse. Deshalb kann die Revolution nur Erfolg haben durch das Bündnis mit der Arbeiterklasse der entwickelten kapitalistischen Länder, also die internationale Ausdehnung der Revolution. Die Bezeichnung „permanent“ – die nicht von Trotzki stammt – meint nicht, dass ständig irgend was revolutioniert wird, sondern den doppelten Übergang von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution und von der national beschränkten zur internationalen Revolution. Gramsci hatte das 1924 noch verstanden. Später stellte er seine Kritik an Hirngespinsten einer ständigen revolutionären Offensive als Kritik an Trotzkis Theorie der permanenten Revolution dar. Die russische Revolution bestätigte Trotzkis Theorie auf positive und negative Weise: Die Revolution ging von der bürgerlichen zur sozialistischen Revolution weiter. Aber da die internationale Ausdehnung nicht gelang, kam es zu einer politischen Konterrevolution in Form des Stalinismus. Zwar blieben wichtige wirtschaftliche Errungenschaften der Revolution erhalten, aber politisch wurden die Rätedemokratie und die innerparteiliche Demokratie innerhalb der Bolschewiki durch die Diktatur einer privilegierten Bürokratenkaste ersetzt.

Politische Gesellschaft: siehe: Staat

Superstruktur: In romanischen Sprachen wird ebenso wie im Englischen das Marxsche Begriffspaar Basis-Überbau meist mit Struktur-Superstruktur wiedergegeben. Gramsci folgte diesem Sprachgebrauch, bei der Übersetzung Gramscis ins Deutsche haben sich diese Begriffe auch eingebürgert. Gramsci hat die Zivilgesellschaft zur Superstruktur gerechnet, während bei Marx die bürgerliche Gesellschaft zur Basis gerechnet wurde (s. bei „Zivilgesellschaft“)

Staat: Das, was im normalen Sprachgebrauch „Staat“ genannt wird (Regierung, Parlament, Verwaltung, Polizei, Militär etc.), bezeichnete Gramsci als politische Gesellschaft. Unter „Staat“ oder „integralem Staat“ verstand er die Einheit von politischer Gesellschaft und Zivilgesellschaft (s. dort). Der Staat ist keine neutrale Institution, sondern der Staat der jeweils herrschenden Klasse, die dabei nicht nur Zwang anwendet, sondern sich auch auf den Konsens der Beherrschten stützt, nicht nur herrscht, sondern auch führt. Dabei ordnet Gramsci der politischen Gesellschaft die Herrschaft und den Zwang zu, der Zivilgesellschaft die Führung und den Konsens (und damit die Hegemonie über die Beherrschten). Politische und Zivilgesellschaft rechnet Gramsci zu den Superstrukturen (s. dort)

Stellungskrieg: siehe Bewegungskrieg

Zivilgesellschaft: der Begriff ist eigentlich eine Übersetzung dessen, was bei Marx (und vor ihm bei verschiedenen Philosophen und Ökonomen) bürgerliche Gesellschaft genannt wurde. Da Gramsci den Begriff Zivilgesellschaft anders verwendet als Marx bürgerliche Gesellschaft, hilft die andere Wortwahl, Missverständnisse zu vermeiden. Die Zivilgesellschaft gehört zum Staat in dem von Gramsci verwendeten weiten Sinn (als der Bereich, in dem die herrschende Klasse mittels Führung, Konsens, Hegemonie herrscht, s. bei „Staat“). Damit gehört sie für Gramsci zu den Superstrukturen (bzw. Überbau), während die bürgerliche Gesellschaft von den meisten marxistischen Autoren zur Struktur (bzw. Basis) gerechnet werden. Tatsächlich verstand Gramsci unter Zivilgesellschaft primär gesellschaftliche Institutionen (Bildungseinrichtungen, Medien, Kirchen, Vereine, Verbände etc.), während Marx unter bürgerlicher Gesellschaft mindestens ebenso sehr gesellschaftliche Verhältnisse verstand.

Wolfram Klein ist Mitglied des SAV Bundesvorstands und Autor verschiedener Bücher und Broschüren, unter anderem zur Russischen Revolution, Malcolm X und Clara Zetkin. Er promoviert zur Geschichte des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg und lebt in Plochingen bei Stuttgart.