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Rettung durch Genossenschaft?

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Der Drogerieriese Schlecker ist insolvent. Eine Debatte um die Zukunft der Arbeitsplätze ist entbrannt.

Geht es nach den Plänen der Schlecker Familie und dem Insolvenzverwalter ist die Antwort auf die Frage, wie es mit dem Unternehmen weitergehen soll, ziemlich klassisch. Die Kolleginnen, die nicht die Krise des Familienbetriebs zu verantworten haben, sollen bluten. Ein Großteil der Filialen soll geschlossen, Tausende Stellen gestrichen und die Löhne gesenkt werden. Traditionelle, kapitalistische „Sanierungsmethode“ eben.

von Torsten Sting, Rostock

Lange Jahre war Schlecker für seine üblen Ausbeutermethoden bekannt. Niedriglöhne, Schikanen gegen unliebsame MitarbeiterInnen, Verhinderung von Betriebsratsgründungen, skandalöse Sicherheitsmängel, die Menschenleben forderten. In den letzten Jahren gab es endlich Verbesserungen infolge gewerkschaftlicher Kampagnen und verstärkter Berichterstattung über Schlecker.

Ursache der Krise

Die Krise ist Resultat verschiedener Faktoren. Anton Schlecker hat den Betrieb einerseits mit eiserner Hand auf Kostensenkung und anderseits auf Expansion getrimmt. Das Unternehmen sollte möglichst viele Filialen haben, dass heißt kurze Wege zu den Kunden ermöglichen. Billige Waren und der Drogeriemarkt um die Ecke, dass sollte mehr Kunden und mehr Profit ergeben. Diese Rechnung ging nicht auf, die Filialen erwirtschaften zu wenig Umsatz, statt Gewinnen entstanden Verluste. Insbesondere die Konkurrenten Rossmann und dm konnten im laufe der Zeit vom miesen Image ihres Konkurrenten und eines vielseitigeren Angebotes, dass ähnliche Preise anbot, profitieren. Letztlich drückt der Niedergang von Schlecker jedoch eines aus, nämlich das sich auch auf diesem Markt Überkapazitäten entwickelt haben. Also zu wenig kaufkräftige Nachfrage trifft auf ein zu großes Angebot.

Wie weiter?

Im Rahmen einer Insolvenz, kann ein verschuldetes Unternehmen Verbindlichkeiten abbauen und damit einen neuen Anlauf wagen. Der bisherige Eigentümer, Firmenpatriarch Anton Schlecker, bis zum vorigen Jahr noch mehrfacher Milliardär, gibt nun an auch persönlich pleite zu sein. Vor diesem Hintergrund wird nun die Debatte unter den Beschäftigten geführt, wie das Unternehmen weitergeführt und Jobs gesichert werden können. Bei Teilen von ver.di und der Partei DIE LINKE wird die Gründung einer Genossenschaft diskutiert.

Angesichts der drohenden Pleite des Unternehmens und der grundlegenden Krise des Kapitalismus ist es zu begrüßen, wenn AktivistInnen nach Lösungen suchen, die über bekannte Reaktionen des Gewerkschaftsapparats in solchen Fällen hinausgehen: „Sozialverträglicher Arbeitsplatzabbau“, Beschäftigungsgesellschaft usw..

Ursprung der Idee

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit der dynamischen Entwicklung von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung entstanden auch genossenschaftliche Ideen. Vor dem Hintergrund der sozialen Not (lange Arbeitszeiten, geringe Löhne, schlechte Versorgung in den Arbeitervierteln) wurden Konsumgenossenschaften gegründet. Diese sollten im Rahmen des Kapitalismus den ArbeiterInnen vernünftige Lebensmittel zu günstigen Preisen anbieten. Zugleich sollten die Arbeitsbedingungen der Angestellten und das Miteinander besser, eben kollegial sein.

Statt individuellem Eigentum einer oder weniger Personen, beteiligen sich Viele an der Gründung einer Genossenschaft. Jeder erwirbt einen gewissen Anteil vom Ganzen, im Regelfall gibt es gleiches Stimmrecht, egal wie viele Genossenschaftsanteile man besitzt.

Erfahrung mit co op

Bis in die 1980er Jahre gab es in Westdeutschland den Handelsriesen co op. Dieser war, faktisch ein gewerkschaftseigenes Unternehmen. Das Ende ist aufschlussreich und Warnung zugleich. Von Preisen bis hin zum Geschäftsgebaren und Management war co op nicht mehr von einem gewöhnlichen kapitalistischen Konzern zu unterscheiden. Dies ist auch unvermeidlich, steht doch dieser in einem harten Wettbewerb mit anderen Anbietern, die weniger auf die Rechte der Beschäftigten Rücksicht nehmen brauchen und infolgedessen kostengünstiger anbieten können. Entweder stellt sich die Genossenschaft diesem Wettbewerb (und passt sich an) oder sie wird eher früher als später untergehen.

Verstaatlichung

In der momentanen Situation gibt es für die nicht gerade überbezahlten Kolleginnen bei Schlecker zudem das Problem, woher sie das Geld für die Anteile einer „Schlecker eG“ nehmen sollen.Statt kollektivem Privateigentum, sollten die Beschäftigten und ihre gewerkschaftlichen Vertreter demokratisch darüber bestimmen, wie der Betrieb in Gänze und die jeweiligen Filialen geführt werden. Sie wissen, im Gegensatz zu Managern und Staatsbürokraten, wie der „Hase läuft“. Mit den heute zur Verfügung stehenden Statistiken und unter Einbeziehung der KonsumentInnen ist es möglich, den Bedarf zu ermitteln und präzise zu planen. Eigentümer sollte der Staat sein, der die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen muss.

Wenn man über Alternativen redet, muss man sich darüber im klaren sein, dass im Rahmen dieses Systems enge Grenzen gesetzt sind. Dieses Vorhaben muss eingebettet sein von der Vorstellung einer anderen, sozialistisch-demokratischen Gesellschaft und damit einhergehender Mobilisierung der lohnabhängigen Bevölkerungsmehrheit.