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Trotzki, sein Mörder und russische Windhunde

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Leonardo Paduras neuer Roman: „Der Mann, der Hunde liebte“


 

Die Liebe zu Hunden verbindet die verschiedenen Protagonisten im neuen Buch des kubanischen Schriftstellers Leonardo Padura. Denn obwohl es den Titel „Der Mann, der Hunde liebte“ trägt, geht es doch tatsächlich um drei Männer, die Hunde liebten: Leo Trotzki, seinen Mörder Ramón Mercader und den gescheiterten kubanischen Schriftsteller und Ich-Erzähler Iván. Letzterer stößt in den 1970er Jahren zufällig auf die Geschichte von Ramón Mercader und seiner Tat – ein Tabuthema im Kuba dieser Periode. Nachdem ihn diese Geschichte über Jahrzehnte geradezu verfolgt, entschließt er sich in den 1990ern sie in einem Buch zu verarbeiten.

von Sascha Stanicic

Paduras Buch ist ein Roman. Das darf man während des Lesens nie vergessen, denn die Geschichte handelt, zumindest zum Teil, von realen Personen und Ereignissen. Es gibt also ein Spannungsverhältnis zwischen Realität und Fiktion, worauf der Autor in seiner Nachbemerkung auch wiederholt hinweist. Das führt zur großen Schwäche des Romans: denn während Padura die historischen Ereignisse von der Ausweisung Leo Trotzkis aus der Sowjetunion 1928 bis zu seiner Ermordung im August 1940 weitgehend korrekt nachzeichnet, erfindet er einen Charakter und eine Lebensgeschichte für Mercader, welche eine Erklärung dafür geben soll, weshalb der stalinistische Geheimagent zu dem Mörder wurde, der den wichtigsten Widersacher Stalins und Verteidiger der revolutionär-demokratischen Tradition des Bolschewismus aus dem Leben riss. Dies mag, da über Mercaders Leben wenig bekannt ist, im Rahmen der – nicht zuletzt von Trotzki immer wieder eingeforderten – Freiheit der Kunst, legitim sein. Dass Padura aber außerdem immer wieder ein fiktives Innenleben Leo Trotzkis schafft, das nicht durch Zitate oder Zeugenaussagen zu belegen ist und an verschiedenen Stellen den von Trotzki veröffentlichten Positionen sogar widerspricht, macht aus der Freiheit der Kunst ein Umschreiben der Geschichte.

Dies ist umso bedauernswerter, da es sich bei „Der Mann, der Hunde liebte“ um den ersten großen Trotzki-Roman des 21. Jahrhunderts handelt – und um ein durchaus lesenswertes Buch.

Der durch den Druck der bürokratischen Verhältnisse gescheiterte kubanische (Ex-)Schriftsteller Iván lernt Mitte der 1970er Jahre zufällig einen alten Mann an einem Strand von Havanna kennen, als dieser seine zwei russischen Windhunde, Borsois, ausführt. Der Mann, der sich als Jaime Lopéz vorstellt, vertraut ihm die Lebensgeschichte des Ramón Mercader an. Ein heißes Eisen in der, an der Sowjetunion orientierten, kubanischen Gesellschaft dieser Zeit, in der Trotzki eine Unperson war, seine Schriften nicht öffentlich zugänglich waren und man schon für geringere Abweichungen von der Parteilinie als dem Trotzkismus Arbeits- oder Studienplatz verlieren oder sich im Gefängnis wiederfinden konnte.

Als Iván versucht über seinen Freund Dany an eine Trotzki-Biografie zu kommen reagiert dieser entsetzt: „Was, zum Teufel, redest du da? Bist du verrückt geworden, Alter? Säufst Du wieder, oder was ist los, verdammt noch mal?“ Daraufhin entgegnet Iván: „Erzähl keinen Scheiß, Dany. Ich habe wirklich nicht vor, Trotzkist zu werden. Ich will nur wissen … w-i-s-s-e-n, verstehst Du? Oder ist wissen jetzt auch verboten?“ Danys Antwort sagt viel über die Zustände in Kuba: „Aber du weißt doch, dass Trotzki tabu ist.“

Padura selbst sagte in einem Interview, dass es in den 1970er, 1980er, aber auch 1990er Jahren noch nicht möglich gewesen wäre, dieses Thema in einem Roman zu behandeln, wie er das nun machen konnte. Denn tatsächlich hat der Zusammenbruch der stalinistischen Staaten auch auf Kuba zu einer geistigen Öffnung geführt, die mehr Debatte und auch die Verlegung von Trotzkis Schriften ermöglicht hat.

Kuba

Der in Kuba spielende Teil des Romans ist in vielerlei Hinsicht der aufschlussreichste und interessanteste. Iván beschreibt, wie er als erfolgreiches und aufstrebendes Schriftstellertalent aufgrund eines der Parteibürokratie nicht genehmen Textes zur Arbeit in der Radiostation einer Provinzstadt abgeschoben wird, wie ihn die permanente Angst vor Repression vom Schreiben abbringt, wie sein Bruder aufgrund seines Outings als Homosexueller von der Universität fliegt und bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt und wie der Lebensstandard im Kuba der 1990er Jahre – die Sonderperiode nach dem Zusammenbruch der Wirtschaftsbeziehungen mit der früheren Sowjetunion – dramatisch in den Keller ging und viele Menschen unter Mangelerscheinungen litten.

Stalinismus und Trotzkismus

Letztlich ist Paduras Buch eine Abrechnung mit dem Stalinismus. Aus drei Perspektiven beschreibt er die Wirkung und Monstrosität des stalinistischen Systems. Dabei bringt Padura keinen platten Antikommunismus zum Ausdruck, man spürt die Verbundenheit des Autors zu Kuba. Und doch ist seine Kritik am Stalinismus im Kern eine bürgerlich Kritik am Sozialismus. Denn er versteht den Stalinismus als ein System, das im Namen großer Ideale verbrecherisch wurde und seine Verbrechen aus der Überzeugung für höhere Werte zu handeln ableitete. Padura schreibt oft davon, dass die Stalinisten den Kommunismus pervertiert hätten. Tatsächlich hat die durch Stalin verkörperte herrschende Bürokratenkaste in der Sowjetunion den Sozialismus und Kommunismus aber verraten, ja mehr: eine politische Konterrevolution gegen die durch die Oktoberrevolution an die Macht gelangte Arbeiterklasse durchgeführt, die diese jeder demokratischen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beraubte. Es ist schade, dass gerade in einem Trotzki-Roman dessen materialistische Analyse der Stalinisierung Russlands nicht wirklich erfasst und wiedergegeben wird.

Paduras Blick wird im letzten Kapitel seines Buches deutlich, als er einen Freund Iváns sagen lässt: „…zum Teufel mit Trotzki, der in seinem blinden Fanatismus und seiner Besessenheit, historisch zu sein, nicht an die Existenz persönlicher Tragödien glaubte, sondern nur an die Veränderungen von sozialen Epochen, die über den Menschen stehen. Und was ist mit den Menschen? Hat jemand von denen irgendwann einmal an die Menschen gedacht? Haben sie mich gefragt, haben sie Iván gefragt, ob wir bereit waren, unsere Träume, unser Leben und alles andere hintanzustellen, bis sich alles (…) in der historischen Ermüdung und der pervertierten Utopie auflösen würde?“

Dieses Zitat macht deutlich, dass Padura keinen qualitativen Unterschied zwischen Trotzki und Stalin (bzw. den Stalinisten) sieht. Der Gedanke, dass Trotzkis Opposition gegen den Stalinismus ein Kampf gegen die Geister war, die er selbst herauf beschworen hat, zieht sich durch das gesamte Buch. Damit stellt sich Padura in eine Linie verschiedenster bürgerlicher und kleinbürgerlicher Autoren, wie zuletzt der britische Trotzki-Biograph Robert Service, die eine direkte Linie vom Bolschewismus zum Stalinismus ziehen und in der Diktatur des Generalsekretärs und seinem Terrorregime die logische Konsequenz der bolschewistischen Politik zu Lenins und Trotzkis Zeiten in den Jahren während und kurz nach dem Bürgerkrieg zu erkennen glauben (wobei Padura dafür, abgesehen von der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands 1921 kaum konkrete Belege liefert).

Dieser Gedanke ist nicht neu. Neu ist nur, dass Padura ihn Trotzki selber in den Kopf schreibt. So heißt es in einem der ersten Kapitel des Buches, das sich mit Trotzki beschäftigt: „Auch wenn er es niemals öffentlich zugeben würde, beklagte er seit mehreren Jahren die Momente, in denen er sich unabhängig von den angestrebten Zielen von der Gewalt hatte hinreißen lassen. (…) Auf seinen Schultern lastete die Verantwortung dafür, Gewerkschaftsführer abgesetzt, die Demokratie innerhalb der Arbeiterorganisationen abgeschafft und sie so in amorphe Vereinigungen verwandelt zu haben, derer sich die Bürokraten Stalins jetzt nach Belieben bedienten, (…). Als Teil des Machtapparates hatte er zur Ermordung der Demokratie beigetragen, die er aus der Opposition heraus jetzt vehement forderte. Nicht weniger beschämend erschien ihm seine Rolle bei der Niederschlagung des Matrosenaufstandes in Kronstadt im unseligen März 1921. (…) In Kronstadt, darüber war sich Lew Dawidowitsch sehr wohl im Klaren, hatte die Revolution begonnen, ihre Kinder zu fressen , und ihm war die traurige Ehre zuteilgeworden, den Befehl zur Eröffnung des Banketts zu geben. Die Unerbittlichkeit, mit der er – mit Lenins Unterstützung – gehandelt hatte, mochte vielleicht in jenen Jahren gerechtfertigt gewesen sein. Doch wenn er sein handeln heute überdachte, musste er sich fragen, ob nicht auch er sich nach Lenins Tod schamlos auf die Macht gestürzt hatte, im Begriff gewesen war, sich in einen pseudo-kommunistischen Zaren zu verwandeln.“ (Seite 77-79)

Wir haben an anderer Stelle den Unterschied zwischen den formell antidemokratischen Notmaßnahmen der bolschewistischen Regierung in Zeiten des Bürgerkriegs und der systematischen Zerstörung der Arbeiterdemokratie durch die Stalinisten erklärt. Ersteres waren vorübergehende Notmittel zur Verteidigung des ersten und bis dahin einzigen Arbeiterstaates (und damit die Aufrechterhaltung einer Perspektive auf sozialistische Arbeiterdemokratie) angesichts eines brutalen Bürgerkriegs und des Einmarsches der imperialistischen Armeen zur Wiederherstellung des Kapitalismus, letzteres war die eigennützige Machtkonzentration in den Händen einer Minderheit von Partei- und Staatsfunktionären, die politische Konterrevolution gegen die Arbeiterdemokratie, zur Wahrung und Vermehrung von Macht und materiellen Privilegien.

Zweifellos kann man im historischen Seminar eine Debatte darüber führen, ob alle Maßnahmen der Bolschewiki, die in den Jahren des Bürgerkriegs und kurz danach die Demokratie eingeschränkt haben, in dieser Form notwendig waren, ob es Alternativen gegeben hätte und inwiefern diese es der Machteroberung der stalinistischen Bürokratie leichter gemacht haben. Auch in der trotzkistischen Bewegung gab und gibt es dazu Debatten (siehe Ernest Mandels Kapitel „1920-21: Die dunklen Jahre Lenins und Trotzkis“ in „Macht und Geld – eine marxistische Theorie der Bürokratie“ und Daniel Behruzis „Sowjetunion 1917 – 1924, beides ISP-Verlag). Und natürlich hat Trotzki selber darauf hingewiesen, dass Stalin bestimmte Maßnahmen, wie das 1921 ausgesprochene Fraktionsverbot innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU), ausnutzen konnte. Trotzki hat aber auch darauf hingewiesen, dass diese formell gleichen Maßnahmen unter Stalin einen völlig anderen politischen Inhalt hatten, wie unter Lenin. Und gerade hinsichtlich der Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands hat Trotzki auch noch in den Jahren, die Padura in seinem Roman beschreibt, viel Zeit und Energie darauf verwendet, die Darstellung der Ereignisse, die Padura sich zu eigen macht, zu widerlegen (siehe dazu Artikel von Leo Trotzki hier und hier).

Nicht diskutabel ist aber der Gedanke, Trotzki habe sich nach Lenins Tod „genauso schamlos auf die Macht gestürzt“. Denn genau das hat er nicht getan, da er sich bewusst war, dass es nicht um die Macht von Stalin oder Trotzki geht, sondern dass Stalin und Trotzki unterschiedliche politische Richtungen und auch soziale Interessen repräsentierten. Deshalb hat Trotzki, der ehemals Kriegskommissar war, seinen enormen Einfluss in der Roten Armee nicht ausgenutzt, um die Macht von Stalin und seiner Fraktion zu brechen und darauf noch verzichtet, als Antonow-Owsejenko, damals Chef der Politabteilung des Militärrates Sowjetrusslands, ihm den Gedanken eines militärischen Putsches gegen Stalin antrug. Trotzki war sich klar, dass er dadurch nur eine Militärbürokratie schaffen würde, die unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen eine ähnliche Entwicklung nehmen würde, wie die stalinistische Parteibürokratie. Für ihn war der Schlüssel im Kampf gegen Stalin die Basis der Partei und die Arbeiterklasse, die er zu kritischem Denken und selbständigem Handeln bringen wollte.

Demokratischer und bürokratischer Zentralismus

Padura setzt auch das Organisationsprinzip der bolschewistischen Partei, den demokratischen Zentralismus, mit der Struktur der stalinisierten Kommunistischen Parteien in den dreißiger Jahren und später gleich. Doch deren bürokratischer Zentralismus hatte mit dem lebendigen, von offenen Debatten geprägten Organisationsleben der Bolschewiki vor und nach der Oktoberrevolution nichts gemein.

Ein Dialog zwischen Mercader und seinem direkten Vorgesetzten im sowjetischen Geheimdienst ist hier vielsagend:

„Apropos, wie oft hast du in den letzten Tagen das Wort "Gehorsam" gehört?“

„Weiß nicht, sehr oft.“

„Und du wirst es noch tausendmal hören, weil es nämlich das wichtigste Wort ist. Danach kommen Treue und Verschwiegenheit. Das ist die heilige Dreieinigkeit, und du musst sie deinem Gehirn einhämmern.“

Diese Vasallentreue gegenüber den leitenden Strukturen in den stalinistischen Parteien, letztlich gegenüber Moskau und dem dort ansässigen Generalsekretär, war den Bolschewiki fremd. Disziplin und Einheit basierten im Bolschewismus nicht auf Gehorsam, sondern auf politischer Überzeugung in der offenen und demokratischen Debatte, auf der Wahrheit und der Einsicht in die Notwendigkeit, aber eben der freien und nicht der erzwungenen Einsicht. Betrachtet man die Debatten, die im Jahr 1917 und in den ersten Jahren des jungen Arbeiterstaats in der Partei stattfanden, wird das deutlich. Selbst Lenin musste sich im April 1917, nach seiner Rückkehr nach Russland, in langen und scharfen Debatten gegen die große Mehrheit der Führung der Partei mit seiner Politik der Machteroberung durch die Arbeiter- und Soldatenräte durchsetzen. Sinowjew und Kamenew, zwei der großen Köpfe der Partei, sprachen sich gegen den Oktoberaufstand aus. Nach der Revolution gab es offene und kontroverse Debatten zum Friedensschluss in Brest-Litowsk, zur Strategie im Bürgerkrieg, zur Gewerkschaftsfrage und zu vielem mehr. Vergleicht man das mit der Vasallentreue, mit der die Führungen der kommunistischen Parteien Stalins Zick-Zacks nachvollzogen, bis hin zu seinem Pakt mit Nazi-Deutschland, ist unschwer zu erkennen, dass Bolschewismus und Stalinismus zwei grundverschiedene politische Phänomene waren (und sind).

Trotzkis Ideen

Padura gelingt es nicht das Denken und die politischen Ideen Trotzkis umfassend darzustellen und zu erfassen. An einigen Stellen misinterpretiert er ihn. Das gilt vor allem für Trotzkis Vorschläge zum Kampf gegen den aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland. Während Trotzki diesen Kampf als eine Form des Klassenkampfes verstand und eine Arbeitereinheitsfront von KPD, SPD und anderen Arbeiterorganisationen forderte, spricht Padura wiederholt davon, Trotzki habe der KPD ein Bündnis mit den Linken und der „Mitte“ bzw. „den Demokraten“ vorgeschlagen – also eine Politik, die die stalinisierten Kommunistischen Parteien nach dem Desaster des 30. Januar 1933 und einer der typischen plötzlichen Wendungen der Moskauer Bürokratie, nach dem fünften Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935, in Form der so genannten Volksfrontpolitik angewendet hat. Genau diese Politik, die den Kampf gegen den Faschismus nicht mehr als einen Klassenkampf verstand und – wie Padura selber treffend beschreibt – zum Ausverkauf der sozialen Revolution in Spanien durch die Kommunistische Partei führte, bekämpfte Trotzki aber vehement.

Andere Fragen stellt Padura korrekt und interessant dar, zum Beispiel Trotzkis Haltung für die Freiheit der Kunst (und des Künstlers), die in den Debatten mit dem französischen Surrealisten André Breton dargestellt wird oder Trotzkis Haltung für die Verteidigung der Sowjetunion gegen imperialistische Aggressionen und sein Festhalten an der Idee, das stalinistische Russland sei, trotz aller bürokratischer Entartungen, aufgrund seiner wirtschaftliche (aus der Oktoberrevolution erwachsenen) Basis weiterhin ein, wenn auch entarteter, Arbeiterstaat.

Die in dem Buch beschriebene Geschichte des Ramón Mercader ist eine Geschichte der völligen Selbstaufgabe für eine vermeintliche Idee. Hier versucht sich Padura in Psychologie und es gelingt ihm nur zum Teil eine Erklärung dafür zu finden, dass es Männer wie Ramón Mercader und Frauen wie seine Mutter Caridad gab, die sich der stalinistischen Bewegung völlig hingaben und jede Wendung des „großen Steuermanns“ entweder ohne mit der Wimper zu zucken oder doch zumindest nur mit sehr kurzzeitigen Zweifeln mitmachten. Jede psychologische Erklärung muss jedoch zu kurz fassen, wenn man die historische Situation nicht als Grundlage nimmt: die tiefe Weltkrise des Kapitalismus seit 1929, der Siegeszug des Faschismus in Italien und Deutschland, Verelendung und Klassenkämpfe auf breiter Front – und die Existenz eines Staates, der erst wenige Jahre zuvor das Joch von Zarismus, Großgrundbesitz und Kapitalismus abgeschüttet hatte und sich als Verfechter der sozialistischen Weltrevolution präsentierte. Die aus der siegreichen Oktoberrevolution und dem Erfolg im Bürgerkrieg erwachsene Autorität der Sowjetunion (und damit der Kommunistischen Parteien und der Moskauer Bürokratie) kann kaum überschätzt werden. Die Verteidigung der Sowjetunion, für die ja auch Trotzki – nur mit einer anderen Politik – eintrat, erschien als das oberste Gebot für jeden Kommunisten. Deshalb sind weitaus größere Kämpfer und Denker als Ramón Mercader vor Stalin eingeknickt und haben den Kampf für eine Arbeiterdemokratie in Russland aufgegeben.

Aber in der Person Mercader wird auch die Tragik der kommunistischen Bewegung deutlich, die ihren kritischen Geist durch die Befolgung der Order aus Moskau ersetzt hat und intellektuell, politisch und moralisch verkam. Denn Mercader ist einerseits ja Kommunist, der eine andere, gerechtere Ordnung herbeisehnt und bereit ist dafür in den Spanischen Bürgerkrieg zu ziehen und sogar sein Leben völlig in den Dienst dieser Sache zu stellen. Und er ist doch auch kein Kommunist, nicht nur, weil er an Stalin mehr glaubt als an alles andere auf der Welt, sondern weil er sich die Fähigkeit der Kritik hat nehmen lassen, das unabhängige Denken, das Hinterfragen aufgegeben hat – und selbst, wenn ihm Zweifel kamen, hat er diese weggewischt.

Der fiktive Mercader sagt nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in einem Gespräch, dort habe er Trotzkis Schriften (Verratene Revolution und Stalins Verbrechen) gelesen und wenn er diese vor seiner Tat gelesen hätte, so hätte er diese nicht begangen. Das ist zu bezweifeln, hatte er doch direkten Zugang zu Trotzki, konnte mit ihm Gespräche führen und selbst erfahren, dass an den Vorwürfen gegen ihn (faschistischer Agent etc.) nichts dran war bzw. zumindest seine ihm gegenüber geäußerten Positionen nicht darauf schließen ließen, dass er auf den Spuren der Wehrmacht eine Marionettenregierung in der UdSSR bilden wollte – was Mercader durch seine Auftraggeber eingehämmert wurde.

Die Begegnung von Ramón Mercader Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis mit seinem ehemaligen Mentor im sowjetischen Geheimdienst (der mittlerweile zwei Säuberungen zum Opfer gefallen war und keine Rolle mehr für die sowjetischen Machthaber spielen durfte) ist wiederum ein Glanzstück des Buchs. Zwei ausgemusterte, aus zufälligen Gründen am Leben gelassene, Schergen Stalins können auf ihr verpfuschtes Leben zurück blicken. Mercader wird von Trotzkis Schrei, als er ihm den Eispickel in den Kopf rammte, sein ganzes Leben lang verfolgt und auch die Narbe, die Trotzkis Biss in seine Hand hinterließ, schmerzt immer wieder. Sein Mentor, der viele Namen trug, ist zum Meister des Zynismus geworden. Sie erkennen, dass sie von Stalin missbraucht wurden, dass sie über Trotzkis Absichten angelogen wurden. Sie bleiben aber Teil des Systems, dessen Täter und Opfer sie beide waren und sind.