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Rebellion in Südeuropa

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Die Jugend macht den Anfang


 

Am 15. Mai erhoben die "Indignados" ihre Stimme. Massenproteste und Platzbesetzungen nahmen in Spanien ihren Lauf. Die Bewegung weitete sich schnell auf Portugal, Griechenland und (weniger heftig) Frankreich sowie Italien aus.

von Frank Redelberger, Kassel

Die ersten Nachrichten darüber bekam man auf Twitter. Bald war die "#spanishrevolution" in aller Munde.

"#spanishrevolution"

Zwar markieren die Proteste in Spanien noch keine Revolution, sondern eine Jugendbewegung, die gegen die Perspektivlosigkeit und Korruption in ihrem Land ankämpft. Allerdings zeigt die Wortwahl, was für ein immenses Selbstvertrauen sie haben: Dass sie für nichts weniger als eine komplette Veränderung der Gesellschaft auf die Straße gehen.

Zu Zehntausenden besetzten sie wochenlang die zentralen Plätze in über 150 Städten, um klarzumachen, dass sie gemeinsam mit den normalen Leuten das Sagen haben sollten. Die Stimmung war überwältigend.

Rolle von Twitter und sozialen Netzwerken

In den großen deutschen Medien wurden die Proteste in den ersten Tagen komplett ignoriert, später wurde vor allem über Straßenschlachten berichtet.

Aber auch in Spanien selbst schwiegen sich die Medien anfangs darüber aus. Durch Twitter und Facebook wurden die Proteste in Spanien und international zuerst bekannt. In Spanien konnte jeder, der teilnehmen wollte, im Internet sehen, wo in seiner Region Proteste stattfanden, und, wo es noch keine gab, selber dazu aufrufen. Und international haben die neuen Medien dazu beigetragen, dass sich die Proteste so schnell verbreiten konnten. Durch Webcams und Videos konnte man sich ein eigenes Bild vom Widerstand machen.

Allerdings ist es falsch, die neuen Medien als die Macher von Revolutionen und als entscheidend für den Erfolg der Bewegungen zu bezeichnen, wie es während der arabischen Aufstände von vielen bürgerlichen Journalisten gerne getan wurde. Entscheidend für den Sturz von Ben Ali und Husni Mubarak waren die Massenproteste auf der Straße und insbesondere die Streiks der Arbeiterklasse, die dazu führten, dass sich auch Soldaten und Polizisten dem Aufstand anschlossen. Und entscheidend für die Stärke der Jugendrevolte in Südeuropa war die Aktivität und Begeisterung der Masse von TeilnehmerInnen.

Die Jugend als heißeste Flamme der Revolution…

Die Jugend hat noch keine "Aktien im System" und deshalb weniger zu verlieren. Sie ist auch noch nicht so sehr an die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gewöhnt und kann deshalb schneller überzeugt werden, dass sich was verändern lässt. Zusätzlich zu der stärkeren Nutzung des Internets ist auch die relative Unabhängigkeit der Jugendlichen ein Grund dafür gewesen, warum sie als erstes auf die Straße gingen.

Die Begeisterung der Jugend war ein leuchtendes Beispiel für andere. Ein älterer Teilnehmer bei der Platzbesetzung in Madrid am 20. Mai drückte es so aus: "Eigentlich sollten alle hier sein. Und dass die Jungen endlich aufstehen, freut mich sehr." Die Jugend wirkte als Inspiration und zeigte auf, welcher Weg eingeschlagen werden muss: der Weg des entschlossenen Massenprotests.

In Griechenland führte das zu einem Aufblühen des Widerstands. Der Druck, der durch die Jugendproteste erzeugt wurde, trug dazu bei, dass der griechische Gewerkschaftsverband für den 28. und 29. Juni zum ersten Mal seit 1992 zu einem 48-stündigen Generalstreik aufrief.

Arbeiterklasse

Die jugendlichen PlatzbesetzerInnen konnten den Protest beginnen und ausweiten. Zum nachhaltigen Erfolg fehlt ihnen jedoch die ökonomische Stärke. Die Regierung kann es aushalten, wenn ein Student nicht studiert. Wenn über Wochen die Fabriken nicht laufen und der Verkehr stillsteht, stellt sich die Machtfrage. Deshalb müssen SchülerInnen, Studierende, junge Beschäftigte, ArbeiterInnen und RentnerInnen gemeinsam kämpfen und gemeinsam streiken.

Auch wenn die Bewegungen in Spanien oder in Griechenland vielleicht in eine "Sommerpause" gehen: Die Euro-Krise ist nicht vorbei und die Proteste werden wieder aufflammen. Damit sie erfolgreich sind, ist es nötig, sich darauf vorzubereiten und intensiv zu diskutieren, worauf es ankommt.

Griechenland: Auf dem Syntagma-Platz in Athen nahmen an den Sonntagen im Juni bis zu 5.000 an den Versammlungen über die nächsten Kampfschritte teil. Die Reihenfolge der RednerInnen wird per Los bestimmt. Am Ende finden Abstimmungen statt

Spanien: Viele Jugendliche stehen politischen Gruppen oder Gewerkschaften skeptisch bis ablehnend gegenüber. Nicht überraschend, bei einer Regierungspartei wie der PSOE, die sich als "sozialistisch" bezeichnet, auch wenn sie sich kaum von der konservativen PP unterscheidet. Oder einer Gewerkschaftsspitze, die die Rentenkürzungen mitträgt – sich jetzt allerdings gezwungen sah, die Massendemos am 19. Juni zu unterstützen