Home / Themen / Theorie & Geschichte / Geschichte / Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939

Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939

Print Friendly, PDF & Email

Vorwort des Buchs von SAV und SLP


 

Vorbemerkung: In loser Reihenfolge werden wir aus Anlass des 75. Jahrestags des Beginns des Spanischen Bürgerkriegs in den nächsten Wochen das Buch "Der Spanische Bürgerkrieg 1936-1939" veröffentlichen. Auf 120 Seiten werden die Geschichte und Lehren der damaligen Ereignisse behandelt. Ergänzt wird dies durch verschiedene Texte von Leo Trotzki und anderen.

Das Buch kann im Online-Shop der SAV bestellt werden.

Vorwort

Kaum ein Kapitel in der Geschichte der internationalen ArbeiterInnenbewegung wurde in so vielen Sprachen geschrieben, wie der Spanische BürgerInnenkrieg – oder besser: die Revolution und Konterrevolution in Spanien. Wenige Ereignisse fanden nicht nur unter so großer internationaler Anteilnahme, sondern auch mit so großer direkter internationaler Beteiligung statt. Und das vor den Zeiten des Fernsehens und des Internet.

Wie kaum ein anderes Ereignis hat sich der Spanische BürgerInnenkrieg auch mit bleibender Wirkung in der Kultur niedergeschlagen: in der Weltliteratur mit Orwells „Mein Katalonien“ und „Wem die Stunde schlägt“ von Ernest Hemingway; in der Malerei mit Picassos „Guernica“; im Film mit Ken Loachs „Land and Freedom“; in der Fotografie durch die imposanten Fotodokumentationen Robert Cappas.

Und bis heute geht von der spanischen Revolution und dem Kampf gegen den Putsch des faschistischen Generals Franco eine besondere Aura aus. „No Pasaran“ – sie kommen nicht durch – lautete der Schlachtruf der AntifaschistInnen in Spanien. Er wird heute von jugendlichen AntifaschistInnen in der ganzen Welt verwendet, wenn sie sich den Aufmärschen und der rassistischen Propaganda der Enkel von Franco und Hitler entgegen stellen.

Warum diese Ausstrahlungskraft der Ereignisse in einem Land Europas zu einer Zeit, als die Welt nicht arm war an Kämpfen, Revolutionen und Katastrophen? Und warum legen wir zum 70. Jahrestag des Beginns des BürgerInnenkriegs diese Textsammlung auf?

Vielleicht weil die spanische Revolution das letzte Bollwerk war, das die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs hätte verhindern und den Lauf der Geschichte hätte verändern können. Ein Sieg der spanischen ArbeiterInnenklasse und der armen Bäuerinnen und Bauern – nicht nur über den faschistischen Putsch, sondern auch über die Herrschaft der Kapitalisten – hätte ein Signal für die ArbeiterInnenklassen anderer Länder sein können, die die Fackel der sozialistischen Revolution hätten aufgreifen können. Dies hätte Hoffnung gegeben auf eine Erhebung der Massen in Deutschland und Italien gegen die faschistischen Diktaturen und in der Sowjetunion gegen die stalinistische Bürokratie. Das internationale Kräfteverhältnis hätte sich zumindest gegen Faschismus und Kapital verschoben und ausgehend von einer spanischen ArbeiterInnenrepublik hätte eine internationale Bewegung gegen den Krieg entstehen können.

Spanien war die letzte Hoffnung der internationalen ArbeiterInnenklasse vor dem Massenschlachten, das mit der deutschen Invasion in Polen 1939 begann und auch den Holocaust beinhaltete. Deshalb die massenhafte Beteiligung von SozialistInnen, KommunistInnen und anderen AntifaschistInnen am Kampf gegen Franco, die in der Bildung der Internationalen Brigaden ihren organisatorischen Ausdruck fand und dadurch gleichsam zur Legende wurde.

Aber auch im inneren Verlauf der Revolution und Konterrevolution findet sich eine Antwort auf die außergewöhnliche Bedeutung dieser historischen Periode. Denn in den Jahren von 1934 bis 1939 findet sich in Spanien alles, was der Klassenkampf zu bieten hat. Die spanischen Ereignisse sind ein Lehrstück sowohl für die Kraft der Spontaneität der Massen, als auch für die Grenzen dieser Spontaneität. Die ArbeiterInnenklasse und die Unterdrückten Spaniens haben alles gegeben. Und doch mussten sie feststellen, dass sie zwar Revolution machen konnten, aber nicht in der Lage waren diese zu verteidigen. Dazu fehlte ihnen eine starke, zentralisierte Kampfpartei mit einem klaren Programm für eine sozialistische Revolution und die Errichtung einer ArbeiterInnendemokratie. Es fehlte ihnen das Instrument, das ihre russischen Brüder und Schwestern 19 Jahre zuvor in Form der bolschewistischen Partei Lenins und Trotzkis hatten.

Dabei gab es genug Parteien und Organisationen der ArbeiterInnenbewegung im Spanien der 30er Jahre, sogar mehr als in anderen Ländern. Neben den international dominierenden Strömungen des sozialdemokratischen Reformismus und des Stalinismus in Form der Sozialistischen Partei und der Kommunistischen Partei, hatte Spanien eine anarchistische Bewegung mit Massenverankerung in Form der CNT-FAI und mit der POUM eine zentristische, zwischen Reformismus und revolutionärer Politik schwankende, Partei, die auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung 40.000 Mitglieder zählte. So wurden alle Strömungen der ArbeiterInnenbewegung in der Spanischen Revolution einem Praxistest unterzogen, bis auf die TrotzkistInnen, die – aus Gründen, die in dieser Broschüre erklärt werden – keinen Einfluss auf die Ereignisse nehmen konnten.

Darin liegt auch die Aktualität der spanischen Ereignisse. MarxistInnen betrachten die Geschichte nicht aus akademischem Interesse. Unser Ziel ist es Lehren aus der Geschichte zu ziehen, um die Zukunft besser vorbereiten zu können. Das Studium des Spanischen BürgerInnenkriegs ist für uns Anleitung zum Handeln. Wir wollen die einmal gemachten Fehler nicht wiederholen.

Viele der Fragen, die sich in den 30er Jahren den AktivistInnen in Spanien stellten, gehören nicht der Vergangenheit an. Sie stellen sich heute in verschiedenen Ländern in unterschiedlicher Form. Die Rückständigkeit Spaniens von 1936 spiegelt sich heute in der sozialen und wirtschaftlichen Struktur von Ländern wie Brasilien, in denen die Aufgaben der bürgerlich-demokratischen Revolution, wie die Verteilung des Landes, noch nicht erfüllt wurden. In Nepal treten heute maoistische „KommunistInnen“ in eine kapitalistische Regierung ein, weil sie dieselbe Revolutions-Konzeption verfolgen, die auch die Kommunistische Internationale unter Stalins Anleitung in der Spanischen Revolution vertrat: die Etappentheorie. Zuerst gemeinsam mit angeblich „progressiven“ Teilen des Bürgertums „die Demokratie“ erkämpfen und später, in einer mehr oder weniger fernen Zukunft, die zweite, sozialistische Etappe angehen. In Spanien führte diese Etappentheorie zur Katastrophe, d.h. zur Niederlage der Revolution und der Machtergreifung der Faschisten.

In den Revolten und Massenbewegungen Lateinamerikas in den letzten Jahren ging die spontane Bildung von ArbeiterInnenräten zwar noch nicht so weit, wie in Spanien. Aber auch hier, zum Beispiel in Argentinien im Dezember 2003, stellte sich die Frage, wie die Massen die Macht ergreifen können, wenn sie faktisch auf der Straße liegt und die herrschende Klasse paralysiert ist. Die Bildung unterschiedlicher Volkskomitees, ArbeiterInnenräte und Strukturen sozialer Bewegungen und indigener Völker erinnern an die Räte und Milizen der spanischen Revolution, wenn sie auch deren Qualität noch nicht erreicht haben. Und auch hier wird sich, wie im Spanien des Jahres 1936, die Frage stellen, wie diese Organe der Volksmacht so organisiert werden können und welches Programm sie brauchen, dass sie den Beginn eines neuen Zeitalters, einer neuen Gesellschaftsordnung, einläuten können.

Das Studium von Revolution und Konterrevolution in Spanien lässt nur eine Schlussfolgerung zu: der Kampf für eine sozialistische Welt ist dringende Notwendigkeit – und: dazu bedarf es einer starken marxistischen Organisation. Wir hoffen mit dieser Broschüre einen Beitrag dazu zu leisten, dass ArbeiterInnen und Jugendliche, insbesondere aus der neuen Generation antikapitalistischer AktivstInnen, diese Schlussfolgerung ziehen.

Diese Textsammlung ist, ganz im Geiste der spanischen Revolution, eine internationalistische Koproduktion der deutschen und österreichischen Sektionen des Komitees für eine ArbeiterInneninternationale, Sozialistische Alternative (SAV) und Sozialistische LinksPartei (SLP). Unser besonderer Dank gilt Albert Kropf und Leonie Blume für die Auswahl und redaktionelle Bearbeitung der Texte und Harald Mahrer für die Gestaltung.

Sascha Stanicic

Berlin, 18.7.2006

Das Buch bestellen im Online-Shop der SAV.