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Fußball-WM: Fanbegeisterung, Vermarktung und Sexismus

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Frauenfußball damals und heute


 

Am 26. Juni ist Anstoß Nigeria vs. Frankreich und Deutschland vs. Kanada. Dass über 700.000 Karten verkauft wurden und Millionen sich zum Public-Viewing treffen und das Spiel verfolgen, dass Frauenfußball breiter akzeptiert wird, ist von Sportlerinnen und Fans erkämpft worden. Dennoch wird die WM von einer Welle sexistischer Äußerungen und Artikel begleitet. Die Vermarktungsmaschine versucht zudem, aus dem Sport den höchsten Profit zu schlagen.

von Michael Koschitzki, Berlin

Frauenfußball begann international bereits Anfang des 20. Jahrhunderts populärer zu werden. In Großbritannien wurden manche Spiele im Jahre 1920 von über 50.000 ZuschauerInnen besucht. In Deutschland blieb es zunächst ein Sport, der vor allem von Studentinnen betrieben wurde. Jedoch beschwerte sich die Deutsche Studentenvereinigung schon früh, dass dieses Spiel in kurzen Hosen „künftigen deutschen Akademikerinnen unangemessen“ sei. In Großbritannien wurde Frauenfußball bereits 1921 von den Plätzen verbannt. In Deutschland wurde Frauenfußball im Faschismus nicht zugelassen.

Frauenfußball nach 1954

In den 50er Jahren bildeten sich erneut Frauenmannschaften innerhalb der bestehenden Vereine oder gründeten eigene Vereine. Der Sport nahm mit der allgemeinen WM-Euphorie 1954 einen enormen Aufschwung. Doch weil Frauenfußball angeblich nicht ins gängige Rollenbild passte, verbot der DFB 1955 Frauenmannschaften mit der Begründung, „dass diese Kampfsportart der Natur des Weibes im wesentlichen fremd ist.“ Angeblich würde die Gebährfähigkeit beeinträchtigt werden.

Doch zahlreiche Mannschaften nahmen dieses Verbot nicht hin, was zu Auseinandersetzungen führte. Bereits am 30. Juli 1955 kam es zu einem Zwischenfall, bei dem der niederrheinische Fußballverband das Spiel zwischen DFC Duisburg-Hamborn und Gruga-Essen räumen lies. Vor allem im Ruhrgebiet waren die Vereine stark, wo fast alle spielenden Frauen erwerbstätig waren. Die stärkste Mannschaft war Fortuna Dortmund.

Gleichzeitig wurden inoffiziell Länderspiele organisiert und eine deutsche Nationalmannschaft aufgestellt. Am 28. Juli findet 1957 vor 11.000 ZuschauerInnen ein Länderspiel gegen England im Stuttgarter Neckarstadtion statt. Bis 1963 gibt es über 70 Länderspiele. Teilweise mussten die Spielerinnen mit Polizeipräsenz und Repressionen rechnen. In Deutschland bildete sich 1957 der Deutsche Damen-Fußball-Bund – auf internationaler Ebene die International Ladies Football Association.

Langer Weg zur Akzeptanz

Im Zuge der 68er Bewegungen, Kämpfe für Gleichberechtigung und Revolutionen weltweit, erlebte Frauenfussball einen Aufschwung und die Vereine und Zusammenschlüsse gewannen an Bedeutung. In Zuge dess konnten die Spielerinnen ein Ende des Verbots erkämpfen. In Großbritannien wurde das Verbot 1971 parallel zur Empfehlung der UEFA aufgehoben – in Deutschland bereits ein Jahr zuvor. Die offiziellen Verbände mussten fürchten, dass sich der Frauenfussball an ihnen vorbei weiter entwickelt. Außerdem entdeckten kommerzielle Firmen die Vermarktungsmöglichkeiten des Sports. Die erste inoffizielle Weltmeisterschaft wurde vom Spirituosenhersteller Martini & Rossi organisiert.

Trotzdem galten die alten Vorurteile weiterhin. Laut DFB hätten die Frauen eine „schwächere Natur“. Deshalb dauerte das Spiel 70 Minuten, die Bälle waren leichter und es musste eine strenge sechs-monatige Winterpause eingehalten werden.

Siebzehn Jahre später schaffte die deutsche Nationalmannschaft die Qualifikation zur Europameisterschaft und errang ein Jahr später den Titel. Als Siegprämie bekam jede Spielerin ein Kaffeeservice. Erst seit 1993 gilt die gleiche Spielzeit von 45 Minuten pro Hälfte auch für Frauenfußball. Nur mit den hart erarbeiteten Erfolgen, den errungenen Weltmeistertiteln und dem Kampf gegen Vorurteile gegenüber Frauenfußball konnte Frauenfußball in Deutschland zunehmend Akzeptanz erkämpfen.

Sexismus in der WM

Jedoch sind DFB und FIFA weit davon entfernt heute für Gleichberechtigung einzutreten, sondern reproduzieren zur WM Rollenklischees und Vorurteile. Im Pressetext zur WM „20Elf von seiner schönsten Seite“ heißt es: „Jeder soll dabei sein, wenn im Jahr 2011 die besten Frauen der Welt die schönste (Neben)sache der Welt zelebrieren. In der für Frauen typischen Art und Weise: elegant, dynamisch, technisch versiert, leicht und locker…kurzum: schön.“ und „Dem Gleichklang zwischen Emotion und Aktion, zwischen den Empfindungen, Stimmungen und Gefühlen, die der Fussball weckt, einerseits und den dynamischen, technisch ungemein ambitiösen und sehenswerten Elementen des Frauenfussballs als der femininen Ausprägung des schönsten Sports der Welt anderseits. Weil er auf die Leichtigkeit und Leidenschaft verweist, mit dem hübsche Frauen und Mädchen in aller Welt in immer größer werdender Zahl dem runden Leder hinterher jagen.“ (Markierungen d.A.)

Den Spielerinnen wird Kraft, Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen abgesprochen. Ihnen werden aufgrund ihres Geschlechts Eigenschaften zu- oder abgesprochen, um Frauen insgesamt als „schwächeres Geschlecht“ dazustellen und zu diskriminieren. Die Aussagen ließen sich endlos aneinander reihen, wie zum Beispiel von Fifa-Präsident Blatter, der schwärmt: "Ich sehe gerne Frauenfußball, wenn er gespielt wird mit den Qualitäten einer Frau. Wenn das Tänzerische und nicht das kämpferische Element überwiegt."

Werbung und Medien

Die bürgerlichen Medien haben in der WM ein gefundenes Fressen für sexistische Darstellungen gefunden. Ein Hamburger Radiosender sucht die „schärfste Fußballerin Hamburgs“: „Dafür müssen Sie nur eins tun: scharf aussehen. Bewerben Sie sich mit einem sexy Foto im Fußballoutfit.“ Statt über Sport und Leistungsfähigkeit wird verstärkt über das Aussehen der Spielerinnen geschrieben: „Die US-Girls überzeugen nämlich nicht nur mit ihren fußballerischen Qualitäten, sondern sind auch Abseits des Platzes echte Hingucker.“ (Abendblatt).

Neben der Berichterstattung hat auch die Werbebranche ihr Interesse an der WM gefunden. Während die WM enorm kommerzialisiert wird, werden mit der Vermarktung von Kosmetik, Klamotten, Schuhen etc. gängige Schönheitsideale reproduziert. Auf die Spielerinnen wird Druck ausgeübt, dass sie wegen ihres Sports noch zeigen müssen, dass sie Frauen sind.

Diese Strategie ist eigentlich genauso sexistisch und diskriminierend wie die Haltung, dass Frauen, die Fußball spielen unweiblich und keine „echten“ Frauen sind, denn in beiden Fällen wird mit reaktionären Vorstellungen von Geschlechterrollen gearbeitet. Die Frage ist nicht, ob eine Fußballerin die aus einer sexistischen Grundhaltung heraus gestellten Forderung, ihre „Weiblichkeit“ zu beweisen, erfüllen kann oder nicht. Vielmehr gilt es, diese Vorstellungen an sich zu kritisieren und zu überwinden.

Für Fußball und Gleichberechtigung

Während Milliarden Summen bei Männer-Profi-Fußball ausgegeben werden, leidet der gesamte Breitensport. Kürzungen der Kommunen verschlechtern die Situation im Jugend- und Amateursport. Es wird weniger in Bau und Pflege von Sportanlagen investiert, Vereine haben Probleme ihre Sportanlagen, Ausrüstung und TrainerInnen zu organisieren bzw. zu finanzieren. Angesichts von zunehmenden Arbeitszeiten und Stress haben ehrenamtliche TrainerInnen es schwer Zeit und Energie zu finden, um sich für Sport zu engagieren.

Spielerinnen sind bei Kürzungen oft zu erst betroffen. Eine Trainerin gab an, sie kenne massenweise Mädchen, die Fußball spielen wollen, aber es fehlen die Trainer. So muss sie als alleinerziehende Mutter zweier Kinder, die auch noch berufstätig ist, alleine rund 20 Mädchen im Alter zwischen 10 und 14 trainieren, während im gleichen Verein die Jungs teilweise drei Erwachsene Trainer/Betreuer pro Mannschaft haben und nirgendwo mehr als 2 Jahre Unterschied zwischen dem ältesten und dem jüngsten Spieler sind. Solche Zustände müssen wir überwinden.

Sport für Alle

Wir brauchen Spitzensport der sich nach den Interessen und Bedürfnissen von SpielerInnen und Fans richtet und nicht nach Pay-TV Quoten und Werbeblocks. Breitensport muss ausreichend finanziert und gleichberechtigt ausgebaut sein. Frauenmannschaften brauchen Ansprüche auf genügend Felder und Trainingszeiten. Kampf für Gleichberechtigung bedeutet sowohl gegen Vorurteile und Sexismus im Fußball zu kämpfen, als auch diejenigen zu entmachten, die ein Interesse daran haben, Männer und Frauen zu spalten, damit sie sich nicht gemeinsam gegen die Auswirkungen des Kapitalismus wehren.