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Welche Rolle spielt der islamische Fundamentalismus?

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Ein halbes Jahr nach Beginn der arabischen Revolution


 

Jahrelang wurde die westliche Unterstützung für reaktionäre und korrupte Diktaturen mit der „Gefahr durch die islamischen Fundamentalisten“ begründet. Als in Tunesien und Ägypten die Autokraten Zine el-Abidine Ben Ali und Hosni Mubarak gestürzt wurden, spielte der Islamismus fast keine Rolle. Wie viel Einfluss werden Islamisten künftig auf die Entwicklungen in der Region nehmen? Und: In welchem Verhältnis stehen Islamismus und Imperialismus?

von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

Was steckt hinter dem sogenannten islamischen Fundamentalismus? Die Unklarheiten fangen schon mit dem Begriff an. Für MarxistInnen bedeutet der inflationär gebrauchte „islamischer Fundamentalismus“ oder Islamismus (genauer, aber im Deutschen nicht sehr geläufig, wäre „rechter politischer Islam“) Bewegungen, die einen islamischen „Gottesstaat“ anstreben, auf eine möglichst buchstabengetreue Anwendung der Vorschriften des Koran und der Überlieferungen über Mohammeds Handlungen, Anweisungen, Empfehlungen, Warnungen („Hadith“) bestehen und als Konsequenz auf die Scharia, das „islamische Recht“, pochen. Eine solche Ideologie, nach der nicht der menschliche Wille (auch nicht der einer Mehrheit) zählt, sondern nur der angebliche „Wille Allahs“, ist zwangsläufig undemokratisch und autoritär.

Ursachen des Islamismus

Gesellschaftlich ist der Aufstieg des Islamismus eine Folge von Entwicklungen in vielen islamischen Ländern in den Nachkriegsjahrzehnten. Es gab eine Verstädterung, aber die meisten Zugezogenen vom Land lebten in Slums unter prekären Verhältnissen. Das Bildungswesen wurde ausgebaut, aber seine Absolventen fanden oft keine qualifizierte Arbeit. Die Islamisten finden oft großen Rückhalt unter diesen Schichten, die vom Land zugezogen sind und in den Armenvierteln am Rand der Großstädte leben und allenfalls Gelegenheitsjobs finden („Stadtarmut“), sowie unter Studierenden und HochschulabsolventInnen.

Politisch ist er eine Reaktion auf das Scheitern des bürgerlichen Nationalismus, der in den Kämpfen gegen den Kolonialismus dominierte. Nicht zuletzt wegen der fatalen Rolle der Kommunistischen Parteien – ob in Nordafrika, im Nahen Osten oder in Asien. Da die Kreml-Diktatur jede Bestrebung in Richtung einer echten Arbeiterdemokratie als unmittelbare Bedrohung für ihre eigene Herrschaft ansah (und außerdem im Zweiten Weltkrieg mit den Kolonialstaaten verbündet war), trieb sie den Unabhängigkeitskampf nicht voran. Im Gegenteil. Ihre Kollaboration mit den Imperialisten führte dazu, dass sich in mehreren Ländern andere Kräfte an die Spitze setzten. Oft spielten – aufgrund der Schwäche und Feigheit der Großgrundbesitzer und Kapitalisten – Teile des Militärs eine Schlüsselrolle. Diese erwiesen sich als unfähig, die gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Sie setzten, neben „Zuckerbroten“, auf die Peitsche: auf Unterdrückung und Korruption. Die Teile des Bürgertums, die das Gefühl haben, durch die Vetternwirtschaft benachteiligt zu sein, gehören ebenfalls häufig zu den Unterstützern des Islamismus.

Ideologisch ist der Islamismus eine Gegenbewegung gegen die Ideen von Aufklärung und Modernisierung, die die Kolonialherren predigten und der westliche Imperialismus formal bis heute vertritt. Die Mehrheit der Intellektuellen und Kämpfer gegen den Kolonialismus übernahm westliche Ideen. Eine Minderheit betrachtete die europäische Herrschaft über schließlich (nach dem Ersten Weltkrieg) fast alle islamischen Länder als Strafe für die Verwässerung des Islam und hoffte, bei einer Rückkehr zur „reinen Lehre“ den Beistand Allahs zu erhalten. An diese Tradition knüpft der Islamismus an. Durch diese Ablehnung der Ideologie der Herrschenden im Westen wirkt der Islamismus auf viele anziehend, die die Verlogenheit dieser Ideologie täglich erleben.

Islamistische Strategien

Islamistische Organisationen praktizieren verschiedene Strategien zur Schaffung eines islamischen Staats. Viele propagieren einen „islamischen“ Lebenswandel, zum Beispiel die Einhaltung von Kleidungsvorschriften durch Frauen, keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr, Alkohol oder Glücksspiel und bekämpften linke Organisationen. Manchmal wandten sie Gewalt an bis hin zu Säureanschlägen auf unverschleierte Frauen.

Diese „kulturelle“ Arbeit wurde von vielen Regierungen unterstützt, weil sie vom politischen Kampf ablenkte und linke Organisationen schwächte. Aber solche Bewegungen stießen selbst immer wieder auf die Frage des Staats: Wenn der Staat die Scharia einführte und eine „Religionspolizei“ deren Vorschriften überwacht, würde das viel wirksamer „islamischen Lebenswandel“ befördern (und die Absolventen islamischer Bildungseinrichtungen würden mit ihrer Qualifikation leichter Jobs bekommen).

Da seit den siebziger Jahren für eine ganze Geschichtsphase die Islamisten in vielen Ländern großen Einfluss unter der städtischen Jugend und den Studierenden hatten, versuchten islamistische Hochschulabgänger teils, Einfluss in Staatsapparaten, in Militär und Polizei zu erlangen. Viele Regimes begünstigten das, weil sie die Islamisten als zuverlässige Gegner der Linken sahen oder sie so zu integrieren hofften. Die Folge war, dass es in Ländern wie Pakistan (1977) oder dem Sudan (1990) islamistische Militärputsche gab.

Einige versuchen, sich durch karitative Tätigkeit eine Massenbasis zu verschaffen. Die Massenunterstützung, die islamistische Organisationen teils gewannen, zum Beispiel der Wahlsieg der Hamas 2006 in der Palästinensischen Autonomiebehörde, hatte viel mit solchen Hilfsleistungen und der Ablehnung der staatlichen Korruption unter der Fatah zu tun und hieß keineswegs, dass die Mehrheit der Bevölkerung die reaktionären Ziele der Islamisten teilte.

Nicht nur die Hamas in den Palästinensergebieten, auch die Hisbollah unter den libanesischen Schiiten oder, über ein Jahrzehnt zuvor, die Islamische Heilsfront (FIS) in Algerien 1991, gewannen deutliche Mehrheiten bei Wahlen.

Am meisten Schlagzeilen in den westlichen Medien machen natürlich die islamistischen Organisationen, die individuellen Terror praktizieren, wie zum Beispiel in Marrakesch am 28. April dieses Jahres. In den neunziger Jahren gab es in Algerien und Ägypten Attentatswellen. Solche Methoden führten zur Schwächung der betreffenden Organisationen, weil die meisten Opfer zur normalen einheimischen Bevölkerung gehörten und die negativen Wirkungen auf den Tourismus die bürgerlichen Islamisten schädigten.

Selbstmordattentate als Mittel verbreiteten sich erst seit der zweiten Intifada („Al-Aksa-Intifada“) 2000. Da der Koran den Selbstmord verbietet, sprechen die Islamisten selber von „Märtyreroperationen“. Ihr trauriger Höhepunkt war sicher der 11. September 2001. Westliche Regierungen nutzen die Angst vor Anschlägen zum Abbau demokratischer Rechte. Zugleich verteufelten sie auch islamistische Organisationen mit Massenanhang pauschal als Terrororganisationen.

Moslembrüder

Die ägyptischen Moslembrüder wurden 1928 gegründet und versuchten eine Massenorganisation aufzubauen. Sie bekämpften die britische Herrschaft über Ägypten. Es entstanden Ableger in anderen arabischen Ländern. Nach dem Sturz des Königs Faruk von Londons Gnaden 1952 überwarfen sie sich bald mit dem nationalistischen Regime von Gamal Abdel Nasser. Nach Nassers Tod versuchten seine Nachfolger Anwar as-Sadat und Mubarak eine Einbindung des gemäßigten Teils der Moslembrüder und eine Verfolgung radikalerer Islamisten.

Die Moslembrüder durften als Partei nicht offen auftreten, konnten aber bei Wahlen erfolgreich Einzelkandidaten aufstellen. Unter ihnen dominieren mittlerweile rechte bürgerliche Kräfte. Bei den zahlreichen Streiks der letzten Jahre waren in vielen Fällen Moslembrüder Eigentümer der bestreikten Betriebe, was Ansätze zu einer Klassenpolarisierung innerhalb der Moslembruderschaft schuf und ihre Anziehungskraft im Vorfeld der Massenbewegung gegen Mubarak untergrub.

Hamas

Die Hamas entstand aus dem Ableger der Moslembrüder im Gaza-Streifen, der sich auf karitative Tätigkeit und den Kampf gegen linke Kräfte unter den PalästinenserInnen konzentrierte. Beim Beginn der ersten Intifada (des Massenkampfs der palästinensischen Jugend gegen die israelische Besatzung) 1987 wurde die Hamas gegründet. Ihre Ablehnung von Zugeständnissen an Israel und die massive Korruption der Palästinenserbehörde brachten ihr Zulauf.

Als sie 2006 zum ersten Mal bei Wahlen antrat, bekam sie die absolute Mehrheit. Das bedeutete aber keineswegs, dass eine Mehrheit der PalästinenserInnen für einen islamischen Staat oder die Zerstörung Israels wäre. Die Abriegelung Gazas und die militärischen Angriffe Israels waren Wasser auf die Mühlen der Hamas in der Ablehnung des israelischen Staates. Trotzdem entwickelte sich Opposition, im Dezember wurde in einem Manifest von Jugendlichen die Gängelung durch die Hamas in scharfen Worten angeprangert.

Hisbollah

Die Hisbollah („Partei Gottes“) entstand 1982, nach dem israelischen Einmarsch im Libanon, unter der schiitischen Bevölkerung, die unter dem Einmarsch unmittelbar litt. Sie wurde von Anfang an vom iranischen islamistischen Regime und von Syrien unterstützt, ist aber nicht einfach eine Marionette dieser Länder. Sie wurde im Kampf gegen die israelische Besatzung zu einer Massenkraft und gewann durch den israelischen Abzug im Jahr 2000 und das Fiasko des israelischen Krieges gegen den Libanon 2006 massiv an Prestige. Auch viele Nicht-Schiiten sahen in der Hisbollah die einzige Kraft, die den Libanon real gegen israelische Angriffe verteidigen kann.

Die Hisbollah hat manchmal in Worten soziale Fragen aufgegriffen, sich aber zugleich an neoliberalen Regierungen beteiligt. Am 25. Januar wurde ihr Kandidat Nadschib Miqati Ministerpräsident. Dass er Sunnit ist, schreibt die Verfassung des Libanon vor, aber dass ihr Ministerpräsident Milliardär ist, war die Entscheidung der Hisbollah-Führung.

Konflikte im Islamismus

Die verschiedenen Strategien führten mehrfach zu Konflikten zwischen den islamistischen Organisationen. Hinter ihnen steckten auch widersprüchliche Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte. Während über die Korruption frustrierte Kapitalisten häufig konservative Ideen vertreten und hoffen, bei einer neoliberalen Politik (zum Beispiel durch weitere Privatisierungsmaßnahmen) bessere Geschäfte machen zu können, versuchen Studierende und Stadtarmut unter Umständen, revolutionäre und islamische Ideen zu verbinden.

Das war besonders deutlich in der Iranischen Revolution 1978/79, wo die Massen unter einer „islamischen Republik“ eine „Republik der Armen“ verstanden. Die Vertreter des Islamismus, des rechten politischen Islam, um Ayatollah Khomeini mussten viel Kreide fressen sowie Verstaatlichungen von Banken und anderen Betrieben durchführen, um die Massen unter ihrer Kontrolle zu halten, den staatlichen Unterdrückungsapparat wieder aufzubauen und schließlich an linken Kräften Massenmord zu begehen.

Antiimperialistisch?

Der Islamismus erscheint vielen als antiimperialistisch. Die Iranische Revolution stürzte einen engen Verbündeten des Westens. Das danach errichtete islamistische Regime nannte die USA oft den „großen Satan“, Islamisten bekämpfen im Westen herrschende Ideologien, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat der Islamismus sie im Westen als Feindbild abgelöst, Islamisten stehen im Konflikt mit dem US-Verbündeten Israel.

Das erklärt, warum manche Gegner des Imperialismus Sympathien für den Islamismus entwickelt haben. Aber es ist ein einseitiges Bild, das zum Teil die Schwäche linker Kräfte in den letzten Jahrzehnten widerspiegelt. Das älteste islamistische Regime, Saudi-Arabien, ist seit 1945 ein enger Verbündeter der USA. In den sechziger Jahren wurde es zum Asyl für Islamisten aus Ägypten, mit seinen Petrodollars verbreitet es seine Spielart des Islamismus („Wahhabismus“) international. In den achtziger Jahren unterstützten die USA und Saudi-Arabien die Dschihad-Kämpfer (Mudschaheddin) in Afghanistan gemeinsam. Osama bin Laden und al-Qaida waren ein Produkt dieser Kampagne.

Das Bündnis mit dem saudischen Islamismus ist auch den westlichen Medien unangenehm, darum unterschlagen sie meist den islamistischen Charakter des Regimes. Aber wie soll man ein Land nennen, in dem Frauen vor Gericht kommen, wenn sie Auto fahren oder die sogenannte Religionspolizei aus einem brennenden Schlafsaal fliehende Schülerinnen zurück in Flammen treibt, weil sie nicht „islamisch“ gekleidet sind (so geschehen in Mekka am 11. März 2002)?

Manche Linke unterstützen unkritisch Kräfte wie Hamas oder Hisbollah, weil sie sich im Konflikt mit dem vom US-Imperialismus gestützten Israel befinden. Es ist aber eine Sache, zu verstehen, warum relevante Teile der unterdrückten Massen auf solche Organisationen orientieren und als SozialistInnen zu versuchen, Zugang bei einfachen AnhängerInnen dieser Bewegungen zu finden. Eine andere Sache – und falsch – ist es, die politischen Defizite zu ignorieren. Schließlich stellen Hamas und Hisbollah den Kapitalismus nicht grundlegend in Frage und setzen nicht auf den multiethnischen Kampf der Arbeiterbewegung (über alle religiösen Vorstellungen hinweg); um wirksam gegen die Herrschenden Israels vorgehen zu können, ist es zum Beispiel nötig, auch die israelische Arbeiterklasse anzusprechen.

Die „Überraschung“ von 2011

In den revolutionären Massenbewegungen, die sich seit Dezember von Tunesien auf viele arabische und auch andere islamische Länder ausgebreitet haben, hat die städtische Jugend eine zentrale Rolle gespielt – also genau die Bevölkerungsgruppe, die in vielen Ländern ab den siebziger Jahren zu einer Bastion der Islamisten wurde. (Der Generalstreik der ArbeiterInnen in Tunesien und die riesige Streikwelle in Ägypten versetzten den Regimes in beiden Ländern den Todesstoß, aber die Arbeiterklasse betrat erst nach der Jugend die Bühne.) Deshalb ist es bemerkenswert, dass der Einfluss der Islamisten fast überall gering bis vernachlässigbar war. Das gleiche Phänomen gab es schon 2009 bei den revolutionären Massenprotesten im Iran. Dort war es erklärlich, dass eine neue Generation, die in der Stickluft der Islamistenherrschaft aufwachsen musste, damit nichts mehr zu tun haben wollte. Die Bewegungen der letzten Monate legen den Schluss nahe, dass nicht nur die Erfahrungen mit islamistischer Herrschaft, sondern auch die Erfahrungen mit islamistischen Bewegungen und Organisationen in den letzten Jahrzehnten manche Illusionen zerstört haben.

Annäherung von Islamismus und Imperialismus?

Islamisten waren in der Bewegung nicht nur schwach, sie nähern sich vielfach auch wieder mehr dem Imperialismus an. In Ägypten versucht die Muslimbrüderschaft gemeinsam mit den Resten des Mubarak-Regimes und den bürgerlichen Liberalen, den revolutionären Prozess zum Stehen zu bringen. Der Libanon, wo die Hisbollah seit Januar eine führende Regierungspartei ist, ist eines der drei Länder, die im UN-Sicherheitsrat die den imperialistischen Angriff auf Libyen rechtfertigende Resolution einbrachte. In Libyen selbst unterstützt der Westen Oppositionskräfte gegen Muammar al-Gaddafi, ohne sich an der Beteiligung von Islamisten an ihnen erkennbar zu stören.

Bei einer Stärkung der Arbeiterbewegung (die – wie gerade die betrieblichen Kämpfe in Ägypten seit 2004 zeigen – dabei ist, sich auf der Bühne der Geschichte zurück zu melden) und der Linken ist in der Tendenz ein Zusammenrücken von Islamisten und Imperialisten zu erwarten. Aber da linke Kräfte noch schwach sind und Ereignisse wie die Liquidierung Osama bin Ladens und islamistische Racheakte einer Zusammenarbeit entgegenwirken, wird das keine geradlinige Entwicklung sein, sondern widersprüchlich, voller Zickzacks.

Aussichten für den Islamismus

In Ägypten und Tunesien spielten islamische Kräfte zwar in der Revolution kaum eine Rolle. Aber das bedeutet nicht, dass die Gefahr durch den Islamismus gebannt wäre. Es kann sein, dass sie bei künftigen Wahlen deutlich besser abschneiden, weil sie besser ausgebaute Strukturen haben als die neuen Kräfte, die in den Revolutionen entstanden (und weil die Massen oft erst bereits bestehende Organisationen testen, bevor sie neue aufbauen).

Vor allem aber sind die Probleme, vor denen die Massen in Nordafrika und anderen überwiegend islamischen Ländern stehen, auf kapitalistischer Grundlage nicht lösbar. Das galt schon in den fünfziger oder sechziger Jahren, als der Kapitalismus weltweit den größten Aufschwung seiner Geschichte hatte. Damals führte die Enttäuschung über den bürgerlichen Nationalismus dazu, dass sich Stadtarmut, Intellektuelle und bürgerliche Schichten von ihm ab und dem Islamismus zuwandten. Heute befindet sich der Kapitalismus weltweit in einer tiefen Krise. Probleme wie menschenwürdige Wohnungen, ordentlich bezahlte Arbeit, ein Ende der imperialistischen Einmischung, die Lösung der nationalen Frage in Israel/Palästina oder in Kurdistan lassen sich heute im Rahmen des Kapitalismus erst recht nicht lösen. Das Scheitern des Nationalismus in den sechziger Jahren (das mit dem Fiasko von Nassers ägyptischem Regime im Krieg gegen Israel 1967 am deutlichsten wurde) bereitete den Boden für den Aufstieg des Islamismus. Das war aber kein Automatismus. Ein entscheidender Grund war, dass die sich sozialistisch nennenden, tatsächlich stalinistischen, Organisationen, den Nationalismus hofiert hatten. Nach ihrer „Etappentheorie“ mussten erst stabile bürgerliche Staaten kommen, dann irgendwann später der Sozialismus.

Trotzdem hatten vor dem internationalen Hintergrund der 1968er-Revolte sozialistische Ideen Zulauf. Deshalb gab es in den siebziger Jahren in vielen Ländern einen brutalen Kampf von pro-westlichen Regimen und Islamisten gemeinsam gegen sozialistische Strömungen.

Auch in der kommenden Phase wird es vom Kampf zwischen lebendigen Kräften abhängen, ob in den nächsten Jahren linke oder rechte Strömungen Zulauf haben werden.

Das Kleinbürgertum (samt kleinbürgerlichen Intellektuellen), das zwischen den Hauptklassen der kapitalistischen Gesellschaft – Bourgeoisie und Proletariat – hängt, meint leicht, es würde über ihnen schweben und die Einheit vertreten, im bürgerlichen Nationalismus die Einheit der Nation, im Islamismus die Einheit der „umma“, der Gemeinschaft der Gläubigen. Das nützt dem Bürgertum, dessen Klassenherrschaft dadurch vertuscht wird. Eine gerade aus bäuerlichen Verhältnissen herausgerissene, desorientierte Stadtarmut kann dazu keine Alternative entwickeln.

Die Arbeiterklasse könnte das. Sie erlebt den Klassengegensatz zu (auch muslimischen) Kapitalisten täglich. Sie ist daher für den Islamismus, in dessen Weltbild Klassengegensätze nicht passen, weniger empfänglich. Aufgrund ihrer Stellung in der Produktion ist sie in der Lage, ein kollektives Bewusstsein zu entwickeln und die zentrale Kraft in Wirtschaft und Gesellschaft darzustellen, die andere unterdrückte Teile der Bevölkerung hinter sich versammeln kann und fähig ist, eine neue, nichtkapitalistische, sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Dabei kann sie auch dem Islamismus den Boden entziehen.