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Gandhi und der „zivile Ungehorsam“

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– ein Vorbild für heute?


 

Mehr und mehr Menschen erkennen, dass Wahlen und Latschdemos nicht ausreichen, wenn wir uns gegen Nazis, Bildungs- und Sozialkahlschlag, Atomkraftwerke oder Stuttgart 21 effektiv wehren wollen. Ob bei den Blockaden der Castor-Transporte, ob beim Widerstand gegen S 21 oder bei den Bildungsstreiks – immer wieder nehmen einzelne AktivistInnen auf Gandhi Bezug. Aber wer war dieser Mahatma Gandhi? Welche Rolle spielte er in der indischen Unabhängigkeitsbewegung wirklich? Ist Gandhis Politik tatsächlich ein Beleg für die Wirksamkeit des „zivilen Ungehorsams“?

von René Kiesel, Berlin

In der Regel wird unter „zivilem Ungehorsam“ die Bereitschaft verstanden, sich dem politischen „Normalbetrieb“ zu widersetzen. Mit Blockaden wurden wichtige Erfolge erzielt oder zumindest dafür gesorgt, Sand im Getriebe zu sein und den politischen Preis für die Herrschenden hochzutreiben.

Viele betrachten den „zivilen Ungehorsam“ darüber hinaus als eine Aktionsform des ausdrücklich friedlichen Protestes. Doch trotz der expliziten Bekundung, keine Gewalt anzuwenden, reagiert der Staat – als Beschützer des kapitalistischen Systems – mit Gewalt, wenn er seine Interessen durchsetzen will (wie beim Polizeieinsatz am 30. September in Stuttgart) oder gar das System bedroht sieht.

Die Geschichte hat in ihrem Verlauf erbitterte Kämpfe zwischen Unterdrückern und Unterdrückten gesehen und nie wurde ein neues Gesellschaftssystem dadurch errichtet, dass die Herrschenden freiwillig den Rückzug antraten. So ging auch der Unabhängigkeit Indiens ein heftiger Kampf zwischen Kolonialherren und den armen und ärmsten Schichten der Bevölkerung voraus.

Wer war Gandhi?

Am 2. Oktober 1869 kam in Porbandar, der Hauptstadt des Fürstentums und Protektorats Porbandar, Mohandas Karamchand Gandhi, heute bekannt als Mahatma Gandhi, zur Welt. Durch seine Zugehörigkeit zur Vaishya-Kaste, die sich aus Kaufleuten, Geldverleihern und Großgrundbesitzern zusammensetzte, stand ihm der Weg zu einer englischsprachigen Ausbildung offen. Nach einigen erfolglosen Jahren als Anwalt in seiner Heimat reiste er nach Natal (heute Teil des südafrikanischen Staates), um dort indische Kaufleute zu vertreten.

Entgegen der landläufigen Auffassung, dass Gandhi Gewalt strikt ablehnte, organisierte er mehrmals Korps von freiwilligen Indern, die Kriege des britischen Empires unterstützten. Im Zweiten Burenkrieg, der 1899 mit der Kriegserklärung des Empires an Transvaal und den Oranje-Freistaat begann, trommelte er 1.100 Inder für ein Sanitätskorps zusammen, die dort eingesetzt wurden. Obwohl die Inder als Menschen zweiter Klasse behandelt wurden, erhoffte Gandhi sich damit eine Verbesserung der Situation der Inder erarbeiten zu können.

Gandhi war der Auffassung, „das Empire bestehe zum Besten der Welt“. In seiner Autobiographie schrieb er weiter: „Ein angeborener Sinn für Loyalität hinderte mich sogar, dem Empire Schlechtes zu wünschen.“ 1918 erklärte er: „Wir werden als feiges Volk betrachtet. Wenn wir frei von diesem Makel werden wollen, müssen wir den Gebrauch von Waffen lernen. Partnerschaft im Empire ist unser endgültiges Ziel. Wir sollten nach all unseren Kräften leiden und selbst unsere Leben zur Verteidigung des Empire lassen“ („Gesammelte Werke“). Der Gedanke eines unabhängigen Indiens kam ihm damals noch nicht in den Sinn.

Gandhi und die Arbeiterbewegung

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ergriff die internationale revolutionäre Welle, die von der Oktoberrevolution 1917 in Russland ausging, auch die indischen Massen. 1919 brach eine Serie von Massenstreiks aus. Gandhi brachte sich nun mit voller Aktivität in das politische Geschehen ein. Als sich 1921 eine halbe Million ArbeiterInnen im Streik befanden und über 20.000 Widerständler in den Gefängnissen saßen, nahmen in dieser vorrevolutionären Situation die Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Aufständischen an Härte und Intensität zu, die Gewerkschaften gewannen massiv an Einfluss. Gandhi beendete daraufhin sein Engagement in diesen Auseinandersetzungen. In dieser Zeit versuchte er, die politische Führung in der 1885 gegründeten bürgerlichen Partei Indischer Nationalkongress zu übernehmen.

1923 beruhigte sich die Situation und eskalierte erst 1928 erneut, als Großbritannien ankündigte, die Steuern um 22,7 Prozent zu erhöhen. In ganz Indien kam es zu Auseinandersetzungen, die ein halbes Jahr dauerten. Gandhi wurde vom neuen Kongress-Präsidenten Jawaharlal Nehru 1929 beauftragt, eine Kampagne des gewaltlosen Widerstandes zu organisieren. 1930 fand Gandhis „Salzmarsch“ – aus Protest gegen das britische Staatsmonopol auf Salz – statt. Parallel dazu wurde ein Boykott englischer Waren umgesetzt.

Die Kolonialregierung reagierte mit brutaler Unterdrückung, was zu einer Überfüllung der Gefängnisse und einem Überkochen der Wut führte. Da das Land nicht mehr zu regieren war, wurden die politischen Gefangenen freigelassen. Gandhi war Großbritanniens Verbindung zur einfachen Bevölkerung und so verhandelte er mit dem Vizekönig Lord Irwin, der zu einigen Zugeständnissen bei der Salzgewinnung und dem Handel bereit war. Im Anschluss an diese Vereinbarung fehlte es den Massen an einer revolutionären Strategie und die Bewegung atomisierte. Innerhalb von vier Monaten konnten 80.000 Menschen verhaftet werden, was der Bewegung für Jahre das Rückgrat brach.

Zweiter Weltkrieg

Die Herrscher der Fürstenstaaten Indiens, genauso wie die der wichtigen Provinzen Punjab und Bengalen, unterstützten den imperialistischen Zweiten Weltkrieg an der Seite des Empires. Die Niederlagen gegen Japan erschütterten das Prestige der britischen Kolonialherren. Die Kongress-Partei beschloss am 8. August 1942, in den Widerstand zu treten. Am folgenden Tag wurden Gandhi und die Kongress-Führer verhaftet. Es bildete sich eine Massenbewegung zur Freilassung der Gefangenen heraus, auf die die Briten mit unverhohlener Gewalt reagierten. Es kam zum offenen Aufstand: Polizeistationen, Postämter, Bahnhöfe und andere öffentliche Gebäude wurden gestürmt und niedergebrannt, Brücken, Eisenbahnlinien und Telegrafenleitungen zerstört.

Indische Soldaten in japanischer Kriegsgefangenschaft bildeten 1943 eine Indische Nationalarmee (getreu der fatalen Logik, dass der Feind meines Feindes mein Freund sein müsse). Als 1945 die Überlebenden dieser Armee vor Gericht gestellt wurden und so erst die indische Bevölkerung erfuhr, dass Landsleute mit der Waffe in der Hand gegen die verhassten Kolonialherren gekämpft hatten, rief das eine Welle der Begeisterung hervor, besonders unter den britisch-indischen Truppen.

Unabhängigkeit Indiens

Am 19. Februar 1946 meuterten Matrosen in Bombay, eine Welle von Matrosen-, Soldaten- und Polizistenmeutereien entstand. Massenstreiks legten das gesamte Land lahm. Hindus, Muslime und Sikhs kämpften gemeinsam und es zeichnete sich ab, dass die britischen Kolonialherren bald keine Macht mehr besitzen würden, die sie einer indischen Übergangsregierung hätten übertragen können. Der finanzielle und materielle Einsatz zum Erhalt ihrer Herrschaft überstieg bei weitem den Nutzen. So verkündete der britische Labour-Premierminister Clement Attlee am 3. Juni 1947 die Unabhängigkeit Indiens und die Teilung der Kolonie in ein muslimisches Pakistan und ein hindu-dominiertes Indien. Indien wurde unabhängig. Aber nicht dank der Methoden Gandhis, sondern aufgrund einer revolutionären Massenbewegung, die sich vom gewaltlosen Ungehorsam abgewandt hatte.

Am 30. Januar 1948 wurde Mahatma Gandhi im Alter von 78 Jahren von einem radikalnationalistischen Hindu erschossen.

Die Ideen Gandhis

Gandhi selbst war von zutiefst religiösen Ansichten geprägt. Seine Vorstellung von swaraj, Selbstbestimmung, war stark an einem mystischen Indien aus der Vorzeit angelehnt, in dem das Kastenwesen seinen festen Platz hatte und für die Ordnung in der Gesellschaft sorgen sollte. In den Sagen gab es ein Indien, das noch nicht von der Zivilisation „verroht“ war und jeder seiner geordneten Arbeit das gesamte Leben, je nach Kastenzugehörigkeit, nachging. Zwar lehnte Gandhi die Kaste der Parias, der Unberührbaren, die die unterste soziale Schicht als Tagelöhner und Ausgestoßene bildeten, ab und betrachtete alle Kasten als gleichwertig. Bis zu seinem Lebensende blieb jedoch die Zugehörigkeit zu einer Kaste seiner Ansicht nach maßgeblich für das Verhalten und die Lebensweise eines Menschen.

Die Zivilisation empfand er als etwas Schlechtes, die mit den Maschinen und der neuen, untraditionellen Lebensweise Unheil über die Menschen gebracht hätte. Da Maschinen die „gesunde“ physische Arbeit in kürzerer Zeit bewältigten, würden die Menschen ihre eigene Zeit mit Müßiggang verschwenden. So betrachtete er den technologischen Fortschritt, der die Menschen potenziell von harter körperlicher Arbeit befreien konnte, als Übel.

Gandhis wirtschaftliche Kernidee war neben dem Genossenschaftswesen die sogenannte Treuhandschaft. Die Reichen sollten sich nur als die Verwalter ihrer Vermögen und ihrer Produktionsmittel ansehen, die den Interessen aller Menschen zu dienen hätten. Fähigkeiten und Kapital sollten mit allen geteilt und die Höchsten sollten sich mit den Niedrigsten gleich fühlen. Die Menschen sollten sich zumindest gleich fühlen – die Wahrung der Rechte des Privateigentums blieb für Gandhi als Mitglied der bürgerlichen Kongress-Partei oberste Priorität.

Den Klassenkampf sah Gandhi als eine Krankheit an. Wenn alle Menschen die Gesetze ihrer jeweiligen Varnas (Kasten) befolgten, würden alle Konflikte und Kriege ein Ende finden. Sein Rezept gegen Unterdrückung war Dienerschaft und Demut. Er predigte genau deshalb Gewaltlosigkeit und Pazifismus, weil er die Selbstinitiative der Massen und einen Aufstand der Arbeiterklasse und der verarmten Bauern fürchtete. Sein „Sanftmut“ sollte die Rebellierenden im Interesse der indischen Kapitalisten, Feudalherren und der Kongress-Partei „besänftigen“.

Resultate des gewaltfreien Widerstandes

Dass Gandhis gewaltfreie Aktionen gegen die Kolonialherren immer „abgeblasen“ werden konnten, wenn es Anzeichen von Gewalt, egal von welcher Seite, gab, wirkte für viele sehr attraktiv. Allerdings mussten sie erkennen, dass sie auch bei gewaltfreien Aktionen ihr Leben riskierten. So fanden beim Massaker von Amritsar am 13. April 1919 Hunderte den Tod, über Tausend wurden verletzt. Zu der Zeit kam es landauf landab zu Großdemonstrationen, zu denen auch die Kongress-Partei aufrief. Das Massaker ereignete sich in einem von Mauern umgebenen Park. Der einzige Fluchtweg war von den Soldaten, die das Feuer gegen die gewaltfrei Demonstrierenden eröffneten, versperrt worden.

Da Gandhi im Befreiungskampf immer wieder auf die Bremse trat (wie Anfang der zwanziger Jahre, als ihm die Streikbewegung der Arbeiterklasse zu weit ging), trug er mit zu einer Verlängerung der Kolonialzeit – und damit einer Fortsetzung der Gewaltherrschaft – bei.

Letztendlich stand er zwar auf der Seite der 500 Millionen Inder gegen die 100.000 britischen Besatzungskräfte. Sein Ziel war aber nur die Befreiung von der britischen Fremdherrschaft – damit die indischen Kapitalisten und Feudalherren, nicht die arbeitenden und unterdrückten Massen, die Macht übernehmen konnten.

Zugleich musste Gandhis Verherrlichung der Vergangenheit (vor der Ankunft der Briten und Muslime) und sein Appell an den Hinduismus die Spaltung zwischen Hindus und Muslimen verschärfen, auch wenn Gandhi das nicht beabsichtigte. Einen Appell an die gemeinsamen Klasseninteressen der ArbeiterInnen oder Bauern, unabhängig von der Religion, lehnte er ab. So wurde nicht ein indischer Staat unabhängig, sondern Indien und Pakistan, begleitet von einem blutigen Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und über zehn Millionen Flüchtlingen, gefolgt von mehreren Kriegen zwischen den beiden Staaten, die einander heute mit Atomwaffen bedrohen.

Rolle der Arbeiterklasse

Obwohl zu Gandhis Zeiten die große Bevölkerungsmehrheit auf dem Land lebte, war die Arbeiterklasse ungleich bedeutender als die Bauernschaft im Kampf gegen die Kolonialmacht. Auf Grund der ökonomischen Stellung der Bäuerinnen und Bauern, der räumlichen Distanz zwischen den Höfen und der Bindung an ihr Land (an Saat-, Erntezeit und so weiter), war es ihnen nicht möglich, ein nachhaltiges kollektives Bewusstsein zu entwickeln, das herrschende System aus den Angeln zu heben und die Grundlage für eine andere, sozialistische Gesellschaft zu schaffen.

Unter der britischen Kolonialherrschaft existierte in den großen Städten eine stark wachsende Zahl von ArbeiterInnen, während die Bauernschaft unter dem Joch der Steuern des Empires und der Ausbeutung durch Landeigentümer ächzte. In der indischen Kolonie ging eine rasche Industrialisierung vonstatten, die mit dem Entstehen großer Fabriken dem Proletariat eine Schlüsselrolle zuwies.

Auch wenn die Arbeiterklasse in der Gesamtbevölkerung zahlenmäßig eine Minderheit darstellt, kann sie – durch den Aufbau von unabhängigen Gewerkschaften, Massenparteien, Streiks in den Ballungszentren des Landes, Generalstreiks und bewaffneten Aufstand – Kapitalherrschaft und Großgrundbesitz stürzen. Das bewies die Oktoberrevolution in Russland 1917. Allerdings war dort zentral, dass die Bolschewiki, die russischen Revolutionäre, die Notwendigkeit erkannten, hierfür Unterstützung in der armen Landbevölkerung zu gewinnen. Nicht umsonst war die Losung der Bolschewiki: „Land, Frieden und Brot.“

Der russische Revolutionär Leo Trotzki hatte diese Entwicklungsmöglichkeit schon 1906 mit seiner „Theorie der Permanenten Revolution“ vorhergesehen. Zudem hatte er erklärt, warum die Kapitalisten in den unterentwickelten Ländern seit Beginn des 20. Jahrhunderts, anders als zuvor, keine fortschrittliche Rolle mehr spielen konnten. Sie hatten, historisch gesehen, die Bühne der Geschichte zu spät betreten und sollten selbst im Fall formaler Unabhängigkeit abhängig von den führenden kapitalistischen Staaten und den Banken und Konzernen dieser Länder bleiben.

Trotzki hatte allerdings auch erkannt, dass ein isoliertes, rückständiges Land allein keine sozialistische Gesellschaft aufbauen kann. Die Russische Revolution hätte in diesem Sinne nur erfolgreich sein können, wenn sie sich international ausdehnt hätte. Die revolutionäre Welle in Indien 1919–21 war ein Beispiel dafür, dass diese Hoffnung nicht aus der Luft gegriffen war. Aber da die Revolutionen in Europa und China 1925–27 scheiterten und Sowjetrussland isoliert blieb, kam es zur Entstehung des Stalinismus statt zu einer sozialistischen Entwicklung.

Trotzdem wäre eine Revolution nach dem Vorbild der Russischen Revolution 1917 der einzige Weg gewesen, nicht nur Indiens Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft zu erreichen, sondern durch den gemeinsamen Kampf aller Ausgebeuteten auch die Spaltung zwischen Hindus und Moslems, die Benachteiligung bestimmter Nationalitäten, das Kastenwesen, Armut und Ausbeutung zu überwinden.

Tragischerweise trieb die Kommunistische Partei in Indien während des Zweiten Weltkrieges und in der anschließenden Revolution die Bewegung nicht voran. Im Gegenteil. Als Marionette der Kreml-Diktatur lehnte sie den Widerstand gegen die britischen Herrscher sogar ab. Da Stalin sich im Zweiten Weltkrieg mit dem britischen Premierminister Winston Chruchill verbündet hatte, verhielt sich die KP gegenüber der Fremdherrschaft in Indien völlig unkritisch. Dafür wurde sie im Krieg legalisiert und sogar subventioniert, während Politiker der bürgerlichen Kongress-Partei wie Gandhi ins Gefängnis gesteckt wurden. Aus diesem Grund wandten sich auch viele ArbeiterInnen von der KP ab und Leuten wie Gandhi zu.

Lehren

Es ist positiv, dass die Bereitschaft zunimmt, sich Castor-Transporten oder Bauarbeiten für das Wahnsinnsprojekt S 21 real in den Weg zu stellen. Auch Verständnis und Sympathie für solche Aktionen nehmen zu. Allerdings sollte das nicht als Ersatz für betrieblichen Widerstand gesehen werden. Selbst im rückständigen Indien vor 1945 waren die Streiks für den Erfolg des Unabhängigkeitskampfes zentral gewesen. Zudem ist es dringend nötig, zu diskutieren, warum die Orientierung auf ausdrücklich gewaltfreie Aktionen (angeblich nach dem Vorbild Gandhis) zu kurz greift. Allein schon, wenn man von Nazis überfallen wird, wäre es unsinnig, auch noch die andere Backe hinzuhalten. Und die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass die Herrschenden Proteste, die ihre Profite und ihr Macht gefährden, nicht einfach hinnehmen.

Eine intensive Auseinandersetzung mit dem indischen Unabhängigkeitskampf führt nicht nur Gandhis Fehler beziehungsweise seine von den ArbeiterInnen und verarmten Bauern abweichenden Interessen vor Augen. Dass die benachteiligte Bevölkerungsmehrheit ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime, eine jahrzehntelange Weltmacht, aus den Angeln heben konnte, beweist, welche Stärke eine gegen Unterdrückung und Kapitalismus gerichtete Massenbewegung entfalten kann (ähnliches gilt in diesen Tagen übrigens auch für Tunesien, wo ein hochgerüsteter, riesiger Polizeiapparat, der lange Angst und Schrecken verbreitete, plötzlich in der Luft hängt). Es zeigt aber auch – gerade im Vergleich zur Russischen Revolution 1917 –, wie entscheidend ein klares marxistisches Programm für den langfristigen Erfolg der Bewegung ist.

Gandhi wollte Frieden und Kapitalismus. Das Ergebnis: Auch heute sind Armut und Hunger in Indien Massenphänomene, die Hälfte der Bevölkerung lebt am Rande oder unterhalb des Existenzminimums, die vielgepriesene neue Mittelschicht ist prozentual zur Gesamtbevölkerung kleiner als in Pakistan oder Sri Lanka, die Region ist weiterhin von militärischen Konflikten und Kriegsgefahren geprägt. Um dauerhaft Frieden zu erkämpfen, ist die Abschaffung des Kapitalismus und der Aufbau sozialistischer Demokratien in Indien und weltweit erforderlich.

Indiens Revolution am Ende des Zweiten Weltkriegs

Unmittelbar auf den Zweiten Weltkrieg folgte international eine revolutionäre Welle, nicht zuletzt in den Kolonien der Siegermächte Frankreich und Großbritannien.

1946 war für Indien ein Revolutionsjahr. Am Anfang stand die Massenbewegung, die die Freilassung der Führer der Indischen Nationalarmee (die sich Waffen besorgt und mit Japan kollaboriert hatten) erreichte. Am 19. Februar meuterte die Marine, auf der Königlich-Indischen Flotte vor Bombay warfen Hindus, Moslems und Sikhs gemeinsam die britischen Vorgesetzten über Bord. Die Matrosen hissten die rote Fahne, zusammen mit den Fahnen der Kongress-Partei und der Muslim-Liga. In mehreren Städten folgten Generalstreiks. Nach den Rebellionen in den Armeeeinheiten begann am 19. März auch die Meuterei in der Polizei. Bald trat die Arbeiterklasse allerorten in Aktion. Am 2. Mai wurde der Eisenbahner-Streik im Nordwesten gestartet, am 11. Juli traten 100.000 Post-Beschäftigte in den Ausstand. Am 23. Juli wurden diese von 400.000 streikenden Industriearbeitern unterstützt.

Es war diese revolutionäre Erhebung der Massen und der innenpolitische Druck in Großbritannien (die britische Arbeiterklasse war kriegsmüde, wählte Churchill ab und war auf grundlegende Veränderungen unter der Labour-Regierung aus), die zur Unabhängigkeit Indiens führten. Gandhi und Nehru hatten die Streiks abgelehnt. Auch die Kommunistische Partei Indiens hatte die revolutionäre Bewegung nicht voran getrieben. Um einer sozialistischen Umwälzung vorzubeugen, übertrugen die Herrschenden Großbritanniens die Macht an die Kongress-Partei in Indien und die Muslim-Liga in dem – im Sinne der Teile-und-Herrsche-Politik – neu geschaffenen Staat Pakistan.