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Untergangsprophet mit Illusionen

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Die „Krisenökonomie“ von Nouriel Roubini und Stephen Mihm


 

Der Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini hat für seine präzisen Vorhersagen der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre den Spitznamen „Dr. Doom“ („Dr. Untergang“) erhalten. Zusammen mit dem Journalisten Stephen Mihm hat er ein Buch geschrieben, das auf Englisch „Crisis Economics“ (Krisenökonomie), auf Deutsch „Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft“ (erschienen im Campus Verlag, Frankfurt/New York) heißt.

von Wolfram Klein, Plochingen bei Stuttgart

Am interessantesten dürfte der Schluss des Buches sein, der Ausblick: Was sagt der Professor, der die Krise der letzten Jahre vorhersagte, für die Zukunft voraus? Roubini und Mihm diskutieren die Frage, ob die Krise V-, U- oder W-förmig ist: Gibt es eine schnelle Erholung, eine längere Stagnation oder ein neues Eintauchen in die Krise (Double Dip)?

Gegen eine schnelle Erholung verweisen sie auf sinkende Einkommen und Schuldenabbau, die die Nachfrage verringern. Das Finanzsystem ist angeschlagen, Konjunkturprogramme laufen aus. Sie sagten die Verschuldungskrise Griechenlands voraus, die seitdem eingetreten ist, und die Gefahr ihrer Ausweitung auf Spanien, Italien und Portugal, und warnen: „Eine Währungsunion hatte ohne eine politische Union und vor allem ohne eine Vereinigung der Haushalte noch nie Bestand“ (Seite 374).

Schuldenkrisen drohen aber auch in Ländern wie den USA und Japan. Sie verweisen auf die Strukturprobleme Japans, auf die durch das chinesische Konjunkturprogramm geschaffenen Überkapazitäten, Spekulationsblasen und Umweltprobleme. Auch international entstanden Spekulationsblasen, die platzen können.

Sie diskutieren aber nicht die Frage, ob eine Stagnation oder eine neue Krise (also U oder W) wahrscheinlicher ist. Inzwischen erwartet Roubini für die USA eine Wachstumsabschwächung auf 1,5 Prozent, die sich „wie eine Rezession anfühlen wird“ (Gastbeitrag in der Financial Times vom 13. Juli mit Ian Bremmer).

Krisendynamik

Im Hauptteil wird erklärt, dass Krisen im Kapitalismus kein Betriebsunfall sind, und Autoren vorgestellt, die das ebenso sahen. Dann werden die Entwicklung der Krise der letzten Jahre und ihre Dynamik anschaulich geschildert. Es lohnt sich, diese Kapitel drei bis fünf im Original zu lesen. Schwächer werden die Autoren, wenn sie die Politik der Notenbanken und Regierungen darstellen. Ihr Fazit ist ein: kurzfristig notwendig, mittelfristig riskant. Trotzdem sind auch diese Kapitel gut geschrieben, teils mit sehr plastischen Bildern, etwa, wenn sie die Versuche der Zentralbank, mit Zinssenkungen die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln, mit dem Versuch vergleichen, Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken (Seite 197).

Illusionen

„Entscheidend für Marx’ Analyse ist die Vorstellung, dass der tatsächliche Wert einer Ware von der menschlichen Arbeitskraft abhing, die zu ihrer Herstellung erforderlich war: Wenn Kapitalisten die menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzen, sänken ihre Profite“ (Seite 69). Auch wenn sie zu Recht schreiben, dass Marx’ Theorie komplexer ist, haben sie hier einen zentralen Punkt wiedergegeben – dem sie nicht zustimmen. Sie glauben offenbar, wie Marx spottete, es sei eine Natureigenschaft des Kapitals, Werte zu erzeugen und „Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu tragen“ („Das Kapital“, Band 3, Marx/ Engels-Werke, Band 25, Seite 405). So nehmen sie doch nur die oberflächlichen Probleme wahr und machen Reformvorschläge von einer schmerzhaften Unzulänglichkeit. Sie fassen zusammen: „Nach früheren Krisen haben einsichtige Politiker umfassende Reformen des Finanzsystems durchgesetzt. Diese Chance haben auch wir“ (Seite 363). Ihr Ziel ist ein besser regulierter Kapitalismus, in dem Krisen angeblich abgemildert wären.

Da sie keine Alternative zum Kapitalismus haben, stehen sie trotz all ihrer treffenden Analysen auf der Gegenseite. So nennen sie Kürzungsprogramme in Island, Irland, Großbritannien, Spanien, Portugal, Griechenland „kurzfristig schmerzhaft, aber die einzige Möglichkeit“ (Seite 389). Ihre Analysen sollen Investoren helfen, nicht der Arbeiterklasse.