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Zwischen Revolution und Konterrevolution

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Zur Geschichte der internationalen Frauenbewegung


 

von Laura Rafetseder, Wien

Die Idee für einen kämpferischen „Frauentag“ der Arbeiterinnen stammt aus den USA. Verschiedene Ereignisse, die am 8. März stattfanden, verliehen diesem Tag für die dortigen ArbeiterInnen eine besondere Bedeutung. So traten 1909 in New York 20.000 Textilarbeiterinnen in den Streik. Nach zwei Monaten harter Auseinandersetzung und Tausenden Verhaftungen konnten sie ihre Forderungen durchsetzen. Am letzten Februar-Sonntag des selben Jahres veranstalteten US-amerikanische SozialistInnen zum ersten Mal einen landesweiten Frauen-Aktionstag für Wahlrecht und Sozialismus.Diese Idee wurde von den bekannten deutschen Sozialistinnen Clara Zetkin und Käte Duncker aufgegriffen. Auf ihre Initiative hin wurde auf der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages beschlossen. Am 19. März 1911 fanden in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA erste Aktionen statt. Millionen Frauen beteiligten sich und forderten vor allem die Einführung des Frauenwahlrechts.

Die Frauenbewegung war immer dann stark wenn sie mit anderen sozialen Bewegungen in der Gesellschaft verbunden war. Die proletarische Frauenbewegung erkannte für sich in dieser Hinsicht eine „doppelte Aufgabe“: Sie sah sich als (1) Vorkämpferin der „Frauenfrage“ in den Gewerkschaften und linken Parteien und gleichzeitig (2) als Bestandteil der ArbeiterInnenbewegung, welche als wichtigste und fortschrittlichste soziale Bewegung, Frauenrechte tatsächlich durchkämpfen könne und konnte. Die proletarische Frauenbewegung stand in der Folge in vielen Kämpfen am radikalsten oder linken Flügel solcher Bewegungen. Tatsächlich kam es auch im Zusammenhang mit der Durchsetzung allgemeiner gesellschaftlicher Errungenschaften durch die ArbeiterInnenbewegung oft zur spezifischen Verbesserungen für Frauen – oder umgekehrt. Das war zum Beispiel in Folge der Russischen Revolution 1917 bzw. der revolutionären Bewegungen in ganz Europa nach dem ersten Weltkrieg der Fall. Die russische Revolution wurde durch Kämpfe von Frauen in den Industriezentren ausgelöst. In der Folge wurde in vielen Teilen Europas zumindest der Acht-Stundentag und das Frauenwahlrecht erkämpft. Das sozialistische Programm der Bolschewiki in Russland das unmittelbar nach der Revolution umgesetzt wurde beinhaltete freilich wesentlich mehr. Z.B. ziviles Eherecht, Scheidungsrecht, Kinderbetreuung, und das Recht auf Abtreibung. In einem damals wirtschaftlich rückständigsten Land Europas wurden Maßnahmen eingeführt, die darauf abzielten Frauen von Abhängigkeit und Unterdrückung im familiären Bereich sowie von Diskriminierung in Lohn- und Arbeitsfragen zu befreien. Recht auf Bildung für Männer und Frauen sowie die Bekämpfung von Analphabetismus war für die junge Sowjetrepublik von erster Priorität. Es gab ambitionierte Projekte mit Gemeinschaftsküchen und Restaurants um die Aufgaben der Hausarbeit, die davor von Frauen im privaten erledigt wurden, zu übernehmen. Dass diese Maßnahmen nicht von Dauer waren, lag an daran, dass sich aufgrund der Isolation der Sowjetrepublik eine stalinistische Bürokratie durchsetzen konnte.

Im Gegensatz dazu betrieb das NS-Regime extrem rückschrittliche Frauenpolitik, die darauf abzielte die Frau auf ihre Rolle als „Gebärerin“ zu reduzieren. Das war nicht nur, aber auch, eine Reaktion auf die Wirtschaftskrise, die es notwendig machte mit „Zurück an den Herd“-Politik Frauen vom Arbeitsmarkt zu verdrängen.

Nach 1945 wurden mit dem Nachkriegsaufschwung Frauen dagegen wieder massiv in die Erwerbsarbeit gezogen. Mehr finanzielle Unabhängigkeit bedeutete auch ein höheres Selbstbewusstsein, die Einbeziehung in die Erwerbsarbeit gab die Möglichkeit aus der Isolation auszubrechen und an Kämpfen teilzunehmen. Mit Erstarken der ArbeiterInnenbewegung in den 1970ern bzw. nach 1968 wurden weitere Verbesserungen für Frauen erkämpft – das Recht auf freien Bildungszugang bzw. in Österreich die Fristenlösung (siehe nebenstehender Artikel).

Mit Ende des Nachkriegsaufschwung, dem Zusammenbruch des Stalinismus und dem Rechtsruck der Sozialdemokratie setzten sich nicht nur neoliberale Politik wie z.B. Privatisierungen durch, sondern auch der extreme Individualismus der 90er. Damit stand die Idee im Zentrum, Frauen seien ja "eh schon gleichberechtigt", bzw. könnten alles erreichen was sie wollten, wenn sie es nur probieren würden. Tatsächlich ist dieser Powerfrauenmythos ein höchst zynischer Zugang. Das überlässt Frauen sich selbst und gibt ihnen die Schuld dafür, wenn sie angesichts der doppelten Belastung von Beruf und Familie an Burn-Out-Grenzen gelangen oder aufgrund fehlender Kinderbetreuungsplätze ihren Job verlieren. Dem entgegen stellen wir den gemeinsamen Kampf gegen das System – anstatt als Einzelkämpferin gegen Windmühlen anzugehen. Die blühende Sexindustrie in Osteuropa zeigt die desaströsen Folgen der Wiedereinführung des Kapitalismus für Frauen in den ehemals stalinistischen Ländern. Mit der aktuellen Krise und der steigenden Arbeitslosigkeit ist zu befürchten dass es ab einem bestimmten Punkt verstärkte Versuche einer „Frau zurück an den Herd“-Politik und Angriffe auf erkämpfte Rechte geben wird – wenn das nicht durch eine starke Bewegung verhindert wird.

Woher kommt Frauenunterdrückung?

von Laura Rafetseder, Wien

Warum kann es keine vollständige Frauenbefreiung innerhalb des Rahmens des Kapitalismus geben? Frauenunterdrückung ist gleichzeitig mit der Klassengesellschaft entstanden. Mit den ersten Klassengesellschaften wie z.B. den Sklavenhaltergesellschaften im alten Rom oder in Griechenland wurde erstmals mehr produziert als unmittelbar verbraucht wurde – das heißt, es gab etwas zu vererben. Das bedeutet, dass mit der Entstehung des Privateigentums das ursprüngliche Erbrecht nach mütterlicher Linie auf ein patrilineares Erbrecht geändert wurde – laut Engels die historische Niederlage der Frau. Um das abzusichern entstanden staatliche Strukturen inkl. Armee, Polizei, Gerichte, aber auch in der Folge sexistische Ideologie. Diese sexistische Ideologie dient einerseits wie Rassismus dazu zu spalten – nach dem Prinzip Teile und Herrsche – aber andererseits auch dazu, Frauen dazu zu bringen die notwendige unbezahlte Arbeit in der Familie zu leisten. Das heisst, es wird von Frauen erwartet abhängig und unterwürfig zu sein, um die nächste Generation aufzuziehen. Gesetze, Religion, Medien etc. dienen dazu diesen Zustand aufrecht zu erhalten. Dazu gehört auch, Frauen das Gefühl zu geben, minderwertig zu sein oder nur Wert erlangen zu können, wenn sie die Bedürfnisse des Mannes befriedigen. Sexismus hat System – er gehört untrennbar zur Klassengesellschaft und damit zum Kapitalismus.

Mit der Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt – für die KapitalistInnen natürlich besonders in Zeiten des Wachstums auch notwendig, vor allem als billige Arbeitskräfte (denn „natürlich“ verdient die Frau weniger) – konnten Frauen aus der familiären Isolation treten. Durch den Kontakt

zu anderen ArbeiterInnen wurden sie in kollektive Lohn- und Arbeitskämpfe einbezogen bzw. initiierten sie selbst. Auch heute stehen Frauen an der Front vieler Kämpfe (aktuell z.B. in der Uni-Bewegung bzw. im Kampf der KindergärtnerInnen). Doch die eigentlichen Strukturen der Familie wurden nicht aufgebrochen, da ihre Funktionen für den Kapitalismus lebenswichtig sind.  Die Frau, der die gesamte Verantwortung für die Familie aufgebürdet wird, leistet nach wie vor unbezahlte Arbeit, die die Aufrechterhaltung der Gesellschaftsordnung ermöglicht. So werden in Österreich täglich 30 Millionen Stunden in Familien- und Hausarbeit investiert – 70% dieser Arbeit wird von Frauen geleistet. Je nach wirtschaftlichem Bedarf wird die Rolle der Frau in der Familie stärker oder schwächer betont. Denn so können Frauen in Krisenzeiten vom Arbeitsmarkt verdrängt (und in Abhängigkeit vom Mann hineingedrängt) und die Arbeitslosenstatistik geschönt werden.